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Ein Volksbüchlein

Ludwig Aurbacher: Ein Volksbüchlein - Kapitel 173
Quellenangabe
typelegend
booktitleEin Volksbüchlein
authorLudwig Aurbacher
year1878
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleEin Volksbüchlein
created20040403
sendergerd.bouillon
modified20171017
firstpub1827/1829
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41. Die Hausfrauen.

1.

Ein braves Weib ist Goldes werth. Das erfuhr ein Weitmoser, ein schlechter und gerechter Landmann in dem Gasteiner Thale. Der hatte den Einfall, das Gold auf dem nächsten Wege zu suchen, nämlich in den Bergen selbst; und er wußte, was er that, und daß es mit der Zeit eine gute Ausbeute geben würde. Aber indem er immer weiter und weiter grub, um in die goldhaltende Teufe zu kommen, da ging ihm das Geld aus, das er an sein Werk gesetzt hatte, und Niemand wollte ihm auf ein Ungewisses hin eines leihen. Also saß er eines Tages – es war das Fest der fröhlichen Ostern – traurig in seinen Gedanken da und wußte sich weder zu rathen noch zu helfen. Und es war so wenig Geld im Haus, daß er sich und den Seinigen nicht einmal ein Stück Fleisch für den Tisch verschaffen konnte an dem heiligen Feste. Da wie seine Hausfrau den Kummer ihres Mannes sah und seine Klage hörte, ging sie fort und verkaufte insgeheim ihren Schleier; und aus dem gelösten Geld schaffte sie Fleisch ins Haus, und einen Pfennig zum Ueberschuß, daß der Mann noch ein Schöpplein trinken konnte, zur Vertreibung seines Grams und zur Erheiterung des Gemüthes. Die Geschichte von dem Schleier ward noch an demselben Tag im Dorfe ruchtbar, und noch in derselben Woche im ganzen Thal, und noch in demselben Monat kam sie dem Erzbischof von Salzburg, seinem gnädigsten Herrn zu Ohren; und jeder rühmte die Liebe und Treue der Hausfrau, und die Ehrlichkeit und den Fleiß des Mannes. Da ließ der fromme Erzbischof den Weitmoser zu sich kommen, und er streckte ihm eine namhafte Summe vor, daß er sein angefangenes Werk weiter fördern und vollenden könnte. Und die Grube ward wieder eröffnet und weiter geführt, und ehe noch das entlehnte Geld verwendet war, kam edles Metall zu Tag; und Gold fand sich um Gold, immer mehr; und der Weitmoser wurde endlich so reich, daß er jeder seiner Töchter ein Heirathgut von vielen, vielen Tausend Gulden geben konnte.

2.

Reichthum gebiert Uebermuth, Uebermuth gebiert Armuth. Das erfuhr eine Weitmoserin, von welcher die Sage Meldung thut. Diese, prangend in kostbarem Kleide und mit Kleinodien geziert, ging eines Tages durch die Klamm, eine Bergschlucht, welche in die Gastein führt. Da begegnete ihr ein armes Weib, welches sie um ein Almosen ansprach. Die reiche, stolze Frau verweigerte ihr die Gabe und schalt sie eine unverschämte Bettlerin. »Ach,« sagte die Arme, »es weiß kein Mensch von heute auf morgen, ob er nicht betteln muß von anderer Menschen Wohlthätigkeit.« Da zog die Weitmoserin einen kostbaren Ring vom Finger und warf ihn in die Ache, welche durch die Klamm hinabstürzt, und sagte: »Eher findet sich dieser Ring wieder, als eine Weitmoserin betteln muß.« – Aber, siehe da! des andern Tags brachte ein Fischer einen Fisch, in dessen Bauch sich der Ring befand. – So erzählt die Sage. In der That kam der Weitmoser Geschlecht bald in Verfall, und heutiges Tags zeigt man nur noch das Haus, in dem sie gewohnt, und erzählt von dem Reichthum, den sie gehabt. Das Geschlecht aber ist ausgestorben.

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