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Ein Volksbüchlein

Ludwig Aurbacher: Ein Volksbüchlein - Kapitel 171
Quellenangabe
typelegend
booktitleEin Volksbüchlein
authorLudwig Aurbacher
year1878
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleEin Volksbüchlein
created20040403
sendergerd.bouillon
modified20171017
firstpub1827/1829
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39. Die Meisterproben.

Ein Mann hatte drei Söhne. Als sie zu Jahren gekommen waren, schickte er sie in die Lehre zu drei der geschicktesten Meister. Der eine sollte ein Schmied werden, der andere ein Schütz, der dritte ein Heilkünstler. Nach Verlauf der Lehrzeit berief er sie nach Hause, um zu erfahren, ob sie auch rechtschaffene Künstler geworden. Und als er dessen gewiß war nach abgelegten Proben, so führte er sie gen Hof zum König, und bot ihm ihre Dienste an. Es war demselben aber inzwischen noch ein vierter Knabe geboren worden, ein Nestquack, von schwächlichem Körper, aber, wie sich's später zeigte, von überaus feinem Verstande. Der war der Liebling der Mutter, dem sie Alles zusteckte, und wenn er eben nichts kriegte, so stahl er's meisterlich. Als nun die drei Brüder mit dem Vater nach Hofe zogen, so bat er die Mutter, sie möchte auch ihn dahin führen, damit er des Königs Staat sehen könne. Das that die Mutter, ohne Vorwissen des Vaters. – Die drei Brüder wurden vom König gnädig aufgenommen, und er gedachte ihnen sogleich Proben vorzulegen, in denen sie ihre Meisterschaft erweisen könnten. Zum ersten sollte der Schmied ein Schwalbennest machen, so künstlich und zugleich natürlich, daß Schwalben darin nisten möchten. Der Schmied verfertigte alsbald das Nest; und sieh! nach wenig Tagen saß eine Schwalbe im Neste, und brütete über den drei Eilein, die sie gelegt. Darob hatte der König große Freude, und er ernannte den Schmied sogleich zu seinem Obersthofmeister. Nun kam die Reihe an den Schützen, und an den Heilkünstler. Diesen gab der König auf, daß jener die drei Eier durchschießen sollte in einem Schuß, und daß dieser sodann die verwundeten Küchlein wieder heilen sollte. Sie sagten, sie wollten das thun; aber der Heilkünstler verlangte, daß die Eier aus dem Neste geholt, und dann wieder darein gelegt werden, ohne daß es die Schwalbe, die Mutter, merke; denn, sagte er, wenn die Mutter aus dem Neste flöge, so würden die Küchlein keine Wärme mehr haben und zu Grunde gehen. Der König ließ also verkünden: Wer die drei Eier aus dem Neste nehmen, und sie dann wieder darein legen könnte, ohne daß es die Schwalbe, die Mutter, merkte, der sollte vor Allen belohnt und geehrt werden. Da trat Hänslein, das Muttersöhnlein, vor den König, und sagte: Ich will das thun. Und er kletterte auf Dach hinauf, wo das Schwalbennest hing, und stahl die Eier so meisterlich aus dem Neste, daß die Schwalbe nichts merkte, sondern ruhig sitzen blieb. Der König legte dann die Eier vor den Schützen hin, doch so, daß das dritte und letzte nicht in gleicher Linie, sondern seitwärts zu liegen kam. Der Schütze schoß von weiter Ferne, und siehe! alle Eier waren mitten durch getroffen von dem spitzen Pfeile, der, vom nächsten Baum zurück prallend, auch das dritte durchbohrte. Darüber war alles Volk erstaunt, und der König machte ihn sogleich zu seinem Oberst-Jägermeister. Nun machte sich aber der Heilkünstler alsbald daran, die verwundeten Küchlein zu heilen; und er that es auf so geschickte Art, daß sich die Küchlein im Ei unruhig bewegten, als wären sie zur Unzeit aus dem Schlafe geweckt worden. Da sprach der König zum Heilkünstler: Du sollst mein Leibarzt und geheimer Rath sein auf immerdar. Jetzt that sich Hänslein wieder hervor, und nahm die Eier, und legte sie der Schwalbe, die noch am Orte saß, also meisterlich unter, daß sie nichts merkte, sondern sitzen blieb und fortbrütete, als wäre nichts vorgegangen. Ob diesem Stücklein wunderte sich der König noch mehr, als über die andern, und er ernannte Hänslein zu seinem Oberstkämmerer und Hausmaier. – Auch hatte er später alle Ursache, mit seiner Wahl zufrieden zu sein. Denn wenn der Schmied ihm das schönste und beste Kriegs- und Hausgeräthe verfertigte, und der Schütze reichliches und schmackhaftes Wildpret in seine Küche lieferte, und der Heilkünstler ihn immer bei gutem Appetit und bei heiler Haut erhielt, so that Hänslein, der Hausmaier, noch ungleich mehr: er stahl den Nachbarn eine Krone nach der andern, so daß sein Herr ein König vieler Reiche wurde. Zuletzt aber schob sich Hänslein selbst eine Krone in die Tasche, und er ward und hieß von nun an: Hans der König.

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