Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ludwig Aurbacher >

Ein Volksbüchlein

Ludwig Aurbacher: Ein Volksbüchlein - Kapitel 168
Quellenangabe
typelegend
booktitleEin Volksbüchlein
authorLudwig Aurbacher
year1878
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleEin Volksbüchlein
created20040403
sendergerd.bouillon
modified20171017
firstpub1827/1829
Schließen

Navigation:

36. Die Raben.

Es war einmal ein König, der wegen seiner weisen und gerechten Urtheile weit und breit gerühmt ward. Da geschah es eines Tages, daß, als er von der Jagd nach Hause kehrte, über seinem Haupte drei Raben erschienen, welche ihn krächzend umflatterten, und nicht eher von ihm abließen, bis er in sein Schloß eingeritten. Hier setzten sie sich sodann auf den Wartthurm; und des andern Tages, als der König wieder ausritt, flogen sie ihm wiederum nach, und beschwerten ihn mit ihrem Geflatter und Gekreische. So geschah es drei Tage lang. Da sandte der König nach einem weisen Manne, von dem die Sage ging, daß er den Flug der Vögel und ihre Sprache deuten könne. Dieser erschien und nachdem er der Raben Gebärde und Gerede erforscht, trat er zum König heran, und sprach: »Herr König, diese drei Raben begehren, daß Ihr Urtheil sprechet in einem Streite, den sie unter einander haben; denn sie wissen, daß Ihr ein gerechter und weiser Richter seid. Der Fall aber, weshalb sie in Streit gekommen, ist dieser: Rabe und Rabin gewannen einen Sohn. Nun geschah es, daß, als das Nest erbaut war, der Rabe sogleich hinweg flog, und nicht mehr wieder kehrte; deßgleichen, als kaum das Küchlein aus dem Ei geschloffen, verließ die Rabin das Nest, um sich an dem Aase zu erletzen, welches im Lande reichlich umher lag; denn es war Hungersnoth unter Menschen und Vieh gekommen, daß sie zu Tausenden dahin starben. So verkümmerte schier der junge Rabe in seiner Verlassenheit, doch kam er noch mit dem Leben davon. – Seit jener Zeit sind viele Jahre verflossen; Rabe und Rabin sind alt geworden; und es fällt nun beiden schwer, ihre Nahrung zu gewinnen, zumal da Hülle und Fülle im Lande ist, dagegen Mangel an Rabenfutter. Nun will die Mutter nicht ablassen vom Sohne, und fordert, daß er sie ernähre, als die ihn geboren. Der Vater aber schilt sie drob, daß sie das Küchlein verlassen, und meint, ihm gebühre, daß ihn der Sohn ernähre, als der ihn erzeugt habe. Der junge Rabe endlich will weder von Vater noch Mutter wissen, denn, sagt' er, er sei als ein armes Waislein aus dem Neste gekommen, und wisse nichts von Vater und Mutter. Darüber besteht nun unter ihnen Zank und Streit, und sie sind nun gewillt, dein Urtheil zu vernehmen, das sie als ein weises und gerechtes hinnehmen werden.« Nachdem der König die Rede gehört, so sprach er: »Mich will bedünken, daß beide Eltern gegen die Natur gesündigt. Denn ein Leben geben ist noch nichts, sondern das Leben erhalten und das Kind hegen und pflegen, das ist etwas. Und darum kann weder er noch sie mit Recht verlangen und fordern, daß der Sohn sie ernähre in ihren alten Tagen. Jedoch – –« Indem er noch weiter sprechen wollte, war der junge Rabe schon mit freudigem Gekrächze davon geflogen; der alte Rabe aber und sein Weib flatterten in Traurigkeit von dannen, und sind bald nachher vor Schwäche und Hunger gestorben. – »Jedoch – fuhr der König zu reden fort, indem er sich an das Volk wendete – wenn auch Eltern, wie diese da, sich als Rabeneltern erwiesen, so ist es darum den Kindern nicht erlaubt, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Denn wir Menschen haben außer dem Gesetze der Natur noch ein Gesetz Gottes, welches uns befiehlt, die Eltern zu ehren; und es steht der Fluch allen Rabenkindern, daß es ihnen werde übel ergehen auf Erden.«

 << Kapitel 167  Kapitel 169 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.