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Ein Volksbüchlein

Ludwig Aurbacher: Ein Volksbüchlein - Kapitel 162
Quellenangabe
typelegend
booktitleEin Volksbüchlein
authorLudwig Aurbacher
year1878
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleEin Volksbüchlein
created20040403
sendergerd.bouillon
modified20171017
firstpub1827/1829
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30. Der letzte Schuß.

Am 19. Junius 1836 blitzte und krachte es aus hundert Feuerschlünden auf den Bergen unweit Kufstein von Seite der Bayern und der Tyroler. Dießmal aber galt's nicht im Ernst und zu Schutz und Trutz, wie im Jahre 1809, sondern zu einer stillen, heiligen Feier. Es wurde nämlich zu Kiefersfelden eine Kapelle eingesegnet, welche von den Scherflein frommer Bayern aus allen Gauen erbaut worden war: Gott dem Allmächtigen, zu Ehren des heiligen Otto, und zum Andenken an Ort und Stelle, wo Otto, der erlauchte Sohn ihres allverehrten Königs, vor drei Jahren das Vaterland verlassen, um den Thron von Griechenland zu besteigen. – Die Religion und ein religiöses Fest nähert und verbindet die Herzen aller Menschen, sie mögen nun diese oder jene Farbe als Abzeichen ihres Vaterlandes tragen. Und so ließen sich's denn die Tyroler nicht nehmen – und man wehrte es ihnen auch nicht – nach Kräften beizutragen zur Verherrlichung des Festes, zumal da bei der nahen Verwandtschaft und innigen Freundschaft zwischen ihrem Kaiserhause und den bayerischen Fürsten ein solcher Tribut der Verehrung, unbeschadet tyrolerischer Treue, wol gebracht werden konnte. Indem nun aber die Tyroler jenseits ihre Zubereitung machten, regte sich in ihnen der alte, vererbte Stolz, daß sie den Bayern, ihren Nachbarn, in nichts nachstehen wollten, wo es ihre und ihres Vaterlandes Ehre gelten mochte. Sie sandten daher einen Boten hinüber, der insgeheim ausforschen sollte, wie viele Böller die andern aufpflanzen und wie viel Schüsse sie zu thun gedächten. Die Bayern aber, welche eben auch Ehre im Leibe haben und Hirn im Kopfe, merkten die Absicht der Nachbarn, und sagten darum kurzweg: sie schössen so viel und so lange, als das Pulver reiche. Als die Tyroler dies erfuhren, ließen sie den Bayern freundnachbarlich zurücksagen: und sie ihrerseits müßten halt doch den letzten Schuß haben. Also fing an dem bestimmten Tage, zur rechten Zeit auf den Bergen weit umher das Blitzen und Krachen an; und es störte wahrlich nicht das stille Gebet der andächtigen Menge, die unten im Thale um die Kapelle gelagert war, sondern es gab vielmehr, wie ein Wetter Gottes, das friedlich über die Fluren hinwegzieht, der Weihe eine große erhabene Feierlichkeit. Die Bayern hielten übrigens ihr Wort; sie schossen so lange, als ihnen das Pulver reichen mochte, und das dauerte bis tief in die Nacht hinein. Aber auch die Tyroler hatten sich vorgesehen, um es auf das Aeußerste kommen zu lassen, und ihr Wort zu lösen. Und vielleicht würde das Schießen von beiden Seiten noch bis auf den heutigen Tag fortgedauert haben (denn an Pulver und Courage fehlt's weder dies- noch jenseits), wenn nicht die Bayern wohlweise bedacht hätten, daß es billig und gerecht wäre, in diesem Falle den Nachbarn die Ehre des letzten Schusses zu lassen, was denn auch geschehen ist. – Des andern Tages, als jener Bote wieder auf bayerische Seite gekommen, wollte er sich dessen schier rühmen, daß die Tyroler halt doch den letzten Schuß gehabt hätten. Da wurde ihm jedoch bedeutet, was an der Sache gewesen, daß man nur Ehren halber nachgegeben habe von bayerischer Seite. »Wenn's aber einmal im Ernste wieder geschieht, und zu Schutz und Trutz – setzte ein Bayer hinzu – dann erst wollen wir sehen, wer den letzten Schuß behalt.« »Ja,« sagte der Tyroler, »das wollen wir sehen, beim Sacre! – Jetzt aber, liebe Nachbarn, laßt uns eins mit einander trinken, auf unsers Kaisers und eures Königs Gesundheit – hoch!«

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