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Ein Volksbüchlein

Ludwig Aurbacher: Ein Volksbüchlein - Kapitel 160
Quellenangabe
typelegend
booktitleEin Volksbüchlein
authorLudwig Aurbacher
year1878
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleEin Volksbüchlein
created20040403
sendergerd.bouillon
modified20171017
firstpub1827/1829
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28. Volkssagen aus Ober-Bayern.

1.

Der Müller von Paffendorf ging einstmals in einer Winternacht aus dem Wirthshause zu Brunnen über den Freythof, den nächsten Weg nach seinem Dorfe. Es war aber eine grimmige Kälte, und er hatte einen Pelzrock an. Da wie er vor der unschuldigen Kindlein Grabstätte vorbei kam, rief er neckend ins Häuslein hinein: Kinderl, friert's enk nit? und ging dann seines Weges fort. Er war aber noch nicht hundert Schritte weiter, als er hinter sich etwas rascheln und rauschen hörte; und wie er umschaute, sah er unzählige Lichtlein, die ihm nachschwirrten. In der Angst seines Herzens warf er den Pelzrock von sich, um geschwinder laufen zu können. So kam er ganz ermattet und erfroren in Pfaffendorf an. – Des andern Tages wollte er seinen Pelzrock holen; er traf ihn aber nicht mehr an der Stelle; wol aber sah er, als er über den Freythof ging, auf jedem Grab ein Flöcklein vom Pelz liegen, so daß er sich das Seinige wol denken mochte.

2.

Ein Bauernbube aus Pfaffendorf, der im Wirthshause zu Brunnen bis in die späte Nacht gezecht und getanzt hatte, ging um die Mitternachtsstunde über den Freythof nach Hause. Da sah er, wie auf jedem Grabe ein Laken von einem Hemd an dem Kreuze hing, und er vermuthete gleich, was er oft von den Leuten gehört, daß die Geister aus ihren Gräbern gestiegen, um ein Tänzlein aufzuführen im Mondschein. Nun hatte er aber auch oft vernommen: daß, wenn sich dann ein Lebendiger mit gespreizten Beinen über das Grab stellt, der Geist nicht mehr in sein Grab zurück könne. Das wollte er in seinem trunkenen Uebermuthe versuchen, und er that's. Auf den letzten Schlag zwölf Uhr verschwanden nun alle Laken auf den andern Gräbern, nur auf dem, wo er stand, blieb es hängen. Das war ihm ein Zeichen, daß er den Geist gebannt habe. Aber seine Schadenfreude dauerte nicht lange. Denn es befiel ihn eine große Angst, die immer mehr wuchs, so daß ihm schier die Sinne schwanden. Und er konnte auch nicht vom Grabe weg, so sehr er sich auch anstrengte und oftmals versuchte. Morgens früh, als der Meßner zum Gebetläuten kam, vernahm der ein Aechzen und Stöhnen vom Grabe her; er ging hinzu, und trug den halbtoten Menschen hinweg, der jedoch bald darauf, nachdem er kaum noch gebeichtet, des Todes verblichen ist. Der Geist aber wird wol noch vor dem Gebetläuten in's Grab gekommen sein; denn es ward weiter kein Laken an dem Kreuz gesehen.

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