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Ein Volksbüchlein

Ludwig Aurbacher: Ein Volksbüchlein - Kapitel 158
Quellenangabe
typelegend
booktitleEin Volksbüchlein
authorLudwig Aurbacher
year1878
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleEin Volksbüchlein
created20040403
sendergerd.bouillon
modified20171017
firstpub1827/1829
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26. Der Hausgeist.

Es gibt Hausgeister; so geht die Sage. – In Untermaiers Haus, seitdem die Großmutter gestorben, ging's um bei Tag und bei Nacht, und die Leute hatten keinen Frieden vor dem Geist, außer bei Arbeit und Gebet. Morgens früh, noch ehe die Betglocke ertönte, ging der Rummel an im Hause. Bauer und Bäuerin vermeinten oft, als hörten sie einen Hahn krähen von ihrem Bethimmel herab. Lene, die Magd, die gern schlief, wurde oft geweckt durch eine eiskalte Hand, die ihr über das Gesicht fuhr. Und Kunz, der faule Knecht, verlor die Oberdecke, die ihm das Gespenst wegzog, so daß er nackt da lag und erwachte. Während der Arbeit, wenn eines ruhete und rastete ohne Noth, war der Geist gleich zur Hand, und spielte den Leuten allerlei Schabernack. Die Bäuerin saß und plauderte gern auf der Bank vor dem Hause mit der Nachbarin; dann fielen aber mit einem Mal Steinchen vom Dach und Gemäuer herab, die sie fort und in's Haus trieben. Der Bauer suchte gern die Stube, unter der Zeit, und rauchte dabei sein Pfeiflein aus langer Weile; aber plötzlich löste sich ein Bein am Stuhle, daß er umfiel, oder eine Hummel umschwirrte ihn so lange, und ließ ihm keine Ruhe, bis er aufstand, und wieder zur Arbeit ging. Der Knecht, wenn er auf dem Boden Häcksel schnitt, und aber aus Faulheit ein um das andere Mal zur Dachluke hinaus schaute, bekam etwas auf die Nase von einem garstigen Vogel, der vorüber flog; und die Magd, wenn sie am Brunnen stand, und ihre Wäsche und ihr Gerede hatte mit andern Mägden, ward plötzlich mit Wasser übergossen, sie wußte nicht, woher. Kurz, wollten die Leute Ruhe haben vor dem Geiste, so mußten sie sich eben Arbeit machen. Dann aber war auch der Segen ersichtlich und handgreiflich, der ihnen zu Theil ward, sonder Zweifel auch von dem Hausgeist. Knecht und Magd konnten sich's oft nicht erklären, wie ihnen die Arbeit so leicht von der Hand ging. Hatte der Knecht z. B. Holz auf- und abzuladen, so schien's ihm schier, als wenn die Scheiter sich regten und bewegten, und von selbst sich aufhäuften. Und saß die Magd an der Kunkel, so schwirrte die Spindel, und es drehte sich der Faden, daß es eine Lust war, und sie hatte das Lob, daß sie die beste Spinnerin im Dorfe war. Am meisten aber fühlten den Segen des Hausgeistes die Bauersleute selbst. Die Scheune war alljährlich voll; das Vieh gerieth über die Maßen; und in der Truhe lag immer mehr Geld, als sie brauchten. Dabei waren und blieben die Leute gesund, das Essen und Trinken schmeckte ihnen, daß es nicht zu sagen war, und, was das Beste, sie hielten auch Frieden und Einigkeit unter einander. – So vergingen mehrere Jahre im Untermaiers Hause. Nachher aber wurde es anders und zuletzt ganz schlimm. Daran waren die Weiber schuld, die Frau und die Magd. Die Frau, als sie so viel Geld in der Truhe sah, wollte auch schönere Kleider haben, einen reichern Hof, und mehr Ansehen im Dorfe. Die Magd aber hatte ein Auge auf den Knecht, und wünschte ihn zum Manne zu kriegen, und mit ihm eine Heimat obendrein. Beide trafen daher ihre Verabredung. Die Männer gingen in die Falle; denn der Speck roch ihnen in die Nase. Die Frau wurde nun Obermaierin, und die Magd Untermaierin. Aber das war eben ihr Unglück. Der Handel mochte dem Hausgeiste nicht gefallen; er war von der Zeit an nicht mehr zu spüren. Da nun Niemand mehr war, der sie mahnte und strafte, so ergaben sie sich dem Müßiggang und dem Wohlleben, und geriethen bald so sehr in Schulden, daß ihre Bauerngüter vergantet wurden. – Drum, wer einen Hausgeist hat, der danke Gott dafür; und er möge bedenken, daß man den Geist nicht vertreiben könne, ohne zugleich Gefahr zu laufen, auch das Haus zu verlieren.

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