Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ludwig Aurbacher >

Ein Volksbüchlein

Ludwig Aurbacher: Ein Volksbüchlein - Kapitel 150
Quellenangabe
typelegend
booktitleEin Volksbüchlein
authorLudwig Aurbacher
year1878
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleEin Volksbüchlein
created20040403
sendergerd.bouillon
modified20171017
firstpub1827/1829
Schließen

Navigation:

18. Ulysses und seine Gefährten.

(Ein Ostermährlein.)

Man lieset in alten Büchern eine schöne Fabel von einem Helden, Ulysses geheißen, welcher, nach mancherlei Ungemach und Gefahr zu Land und zur See, auch auf eine Insel gekommen, wo eine Zauberin gehauset, Namens Circe. Diese hatte die böse Gewohnheit und ihre Freude daran, alle diejenigen, welche von ungefähr auf ihr Gebiet gekommen, in unvernünftige Thiere zu verwandeln. Also ist es denn auch den Gefährten des Ulysses ergangen; nur er selbst, als ein schlauer Mann, entging der Verwandlung; ja er wußte sogar des Weibes Gunst und Freundschaft dermaßen zu gewinnen, daß sie ihm ganz nach Wunsch und Willen that, so lange er bei ihr weilte.

Eines Tages, als die beiden mit einander lustwandelten auf den grünen Wiesen, in den frischen Wäldern, an den luftigen Seekanten und andern lustigen Orten, da, unter mancherlei Gesprächen, bat der schlaue Ulysses die Zauberin, sie möchte ihm, ehe er von ihr schiede, eine besondere Gnade erzeigen; diese sei: daß sie ihm gestatten möchte, die unvernünftigen Thiere, die seine Gesellen und Gefährten gewesen, zur Red' und Antwort stellen zu dürfen, ob sie wieder Menschen werden und mit ihm in ihre Heimat ziehen wollten. Das versprach die Zauberin, und vergönnte, daß ein jegliches Thier, welches zuvor Mensch gewesen, auf so lange wiederum seine Sprache und Vernunft erlangen sollte, bis sie auf des Ulysses Frage Antwort und Zustimmung gegeben.

Dieser Zusage eingedenk und auf Circe's Wort vertrauend, macht Ulysses, am Vorabend seiner Abreise, die Runde auf der Zauberinsel und kommt zuerst ans Meergestade. Da sieht er eine Auster an der Klippe hangen; die fragt er: Bist du wol meiner ehemaligen Gefährten einer, und willst du wiederum Mensch werden? – Ja, nein! spricht die Auster. Einst bin ich ein Fischer gewesen, ein armseliges Wesen! – Da hab' ich oft das Netz ausgehangen und doch nichts als den kahlen Hunger eingefangen: jetzt fällt mir meine Speise vom Himmel herab, meine Schale ist mein Kleid und mein festes Haus mein Grab, darin mich weder Kälte noch Nässe plagen, wie in den vorigen leidigen Tagen. Geh, und laß mich Auster bleiben für und für, ich ziehe nicht mit dir.

Ulysses geht und kommt in den Wald; da kriecht eine Schlange daher, die er fragt: Bist du nicht meiner ehemaligen Gefährten einer, und willst du wieder Mensch werden? – Ja, nein! spricht die Schlange. Einst bin ich ein Arzt gewesen – ein sorgliches Wesen! – Da hab' ich Kräuter gesucht, doch keines gefunden, daran man möchte von Krankheit und Tod gesunden; jetzt treff ich immer das heilende Kraut, und krieg' alljährlich ein neues Leben mit einer neuen Haut. Geh' und laß mich Schlange bleiben für und für; ich tausche nicht mit dir.

Ulysses geht und kommt auf's Feld; da sieht er einen Maulwurf, den er fragt: Bist du meiner ehemaligen Gefährten einer, und willst du wieder Mensch werden? – Ja, nein! spricht der Maulwurf. Einst bin ich ein Ackersmann gewesen – ein mühseliges Wesen! – Da, was ich gesäet in meinem Schweiß, das haben Andere geerntet zu ihrer Speis'; jetzt, wenn ich grabe, find' ich allezeit den gedeckten Tisch bereit. Geh' und laß mich Maulwurf bleiben für und für; ich ziehe nicht mit dir.

Ulysses geht und kommt in das Schloß zurück. Da kräht ihm vom Zaun ein Hahn entgegen; den fragt er: Bist du meiner ehemaligen Gefährten einer, und willst du wieder Mensch werden? – Ja, nein! spricht der Hahn. Einst bin ich Wächter auf dem Schiffsmast gewesen – ein einsames, trauriges Wesen! – da mußt' ich oben sitzen ohne Bewegen, bei Hunger und Frost, bei Wind und Regen; jetzt sitz' ich bequem und gemach mit meinem Frauenvolk unter Dach und Fach. Geh' und laß mich Hahn bleiben für und für; ich tausche nicht mit dir.

Ulysses geht und kommt über den Vorhof; da sieht er ein Schwein im Koth sich wälzen; das fragt er: Bist du meiner ehemaligen Gefährten einer, und willst du wieder Mensch werden? – Ja, nein! antwortet das Schwein. Einst bin ich dein Mundkoch gewesen – ein unlustiges Wesen! – Zwar hat's mir nie gemangelt an Speis' und Trank, doch hatt' ich auch genug zu leiden von Rauch und Stank; jetzt riecht und schmeckt mir Alles und Jegliches wohl, und ist's auch nicht gut, so werd ich doch voll. Geh' und laß mich Schwein bleiben für und für; ich ziehe nicht mit dir.

Ulysses geht ins Haus und kommt, fast betrübt, in seine Kammer. Da sieht er ein Mäuslein springen und nach dem Loche laufen. He! ruft er, bist du meiner ehemaligen Gefährten einer, und willst du wieder Mensch werden? – Ja, nein! spricht die Maus. Einst bin ich ein Kundschafter gewesen – ein gefährliches Wesen! – Da, wenn ich im Land umhergezogen, drohten sie mir mit Pfeil und Bogen, so daß es mich oft Wunder genommen, wenn ich mit dem Leben davon gekommen. Jetzt bin ich, ohne Sorgen, in meinem Loch geborgen, und komm' ich einmal des Gelüstes wegen hervor, so finde ich bei Gefahren überall Thür' und Thor. Drum geh' und laß mich Maus bleiben für und für; ich tausche nicht mit dir.

Also mußte der weise Ulysses, wie die Fabel erzählt, unverrichteter Dinge von der Insel abziehen, und allein, ohne seine Gefährten, in die Heimat zurückkehren.

Geliebteste! ihr wundert euch vielleicht über die Blindheit und Verstocktheit dieser thiergewordenen Menschen? Ich aber sage euch: Wenn heutiges Tages die Weisheit selbst auf Erden erschiene und Umfrage hielte, und zu diesem und jenem spräche: Bist du nicht meiner Geschaffenen einer und willst du nicht wieder Mensch werden? Ja, nein! wäre die Antwort. Da ich noch Mensch gewesen, hatte ich ein jämmerliches Wesen! es war kein Tag ohne Plag'; es gab keinen Genuß ohne Verdruß; ich mußte viel leiden und meiden, und gegen Welt und Teufel streiten. Jetzt führ' ich ein freies, friedliches Leben und habe Freud' in Hüll' und Füll' daneben; ich mag schlemmen und demmen, lieben und hassen, geizen und prassen, nach Herzensgelüst', ohne Gewissensbiß, und kümmere mich in dieser Zeit nicht um alle Ewigkeit. Drum geh' und laß mich bleiben, was ich bin; die Weisheit ist nicht nach meinem Sinn.

 << Kapitel 149  Kapitel 151 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.