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Ein Volksbüchlein

Ludwig Aurbacher: Ein Volksbüchlein - Kapitel 149
Quellenangabe
typelegend
booktitleEin Volksbüchlein
authorLudwig Aurbacher
year1878
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleEin Volksbüchlein
created20040403
sendergerd.bouillon
modified20171017
firstpub1827/1829
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17. Von Zank und Streit.

Zank und Streit kommen erstlich daher, daß der eine nur die Fehler des andern sieht, und nicht die eigenen; und zweitens daher, daß der eine nur die eigenen Gebrechen fühlt, und nicht auch die des andern. Denn das Bedürfniß gibt mir kein Recht, wenn mir das Vermögen fehlt. Davon lesen wir ein Exempel, wie folgt: Es begegneten sich zwei in einem engen Hausgang. Der eine rief: Platz! und der andere rief gleichfalls: Platz! Weil aber auf den Ruf keiner wich, so trafen sie an einander und thaten sich weh. Da entstand denn unter beiden ein lautes Geschimpf und Gehader, und ein Dritter, der zufälligerweise herbei kam, stand still und sah zu. »Du hättest mir ausweichen sollen«, sagte der eine; »und du hättest mir ausweichen sollen,« sagte der andere. »Ich werde dich verklagen,« drohte jener, und »ich werde dich verklagen,« drohte dieser. »Und der soll mein Zeuge sein,« sprach der letztere, indem er auf den zeigte, welcher dabei stand und zusah. – Auf den Lärm kam der Spittelmeister herbei – denn die Geschichte, müßt ihr wissen, hat sich in einem Spital zugetragen, wo lauter Gebrechliche lebten von Gottes und guter Menschen Gnade (wie in der Welt überhaupt) – und die Parteien brachten ihre Klage vor und riefen auch den Zeugen auf, daß er Zeugniß gebe der Wahrheit. Der aber schwieg und sagte kein Wörtlein; was die beiden andern ihm sehr verhielten. Nachdem der Spittelmeister Alles vernommen, sprach er zu den beiden: »Wie mögt ihr euch erzürnen ob der Unbild, die ihr euch angethan, ohne euer Wissen und Willen? Der eine von euch ist blind und der andere ist lahm, und der dritte, den ihr zum Zeugen aufgerufen, ist taubstumm.« – Also war der Handel abgethan. Aber nicht ganz; denn es kam noch etwas Besseres. Der Lahme ergriff die Hand des Blinden und sagte: »Bruder, ist's dir lieb und recht, so leih' ich dir fortan mein Auge und du leihst mir deinen Arm: so ist uns beiden geholfen.« Der willigte gern ein; und der Taubstumme sah vergnügt zu, wie die beiden so freundlich sich begegneten, und er half auch bei. – Gebe Gott, daß es in der Welt überall auch so geschähe!

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