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Ein Volksbüchlein

Ludwig Aurbacher: Ein Volksbüchlein - Kapitel 147
Quellenangabe
typelegend
booktitleEin Volksbüchlein
authorLudwig Aurbacher
year1878
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleEin Volksbüchlein
created20040403
sendergerd.bouillon
modified20171017
firstpub1827/1829
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15. Von der Menschen Urtheilen.

Ein Jüngling, der einige Zeit in böser Gesellschaft dem sinnlichen Wohlleben nachgehangen, faßte endlich, von Gottes Gnade getrieben, den Entschluß, seine Lebensweise zu ändern; und er suchte nun die Gesellschaft derer auf, die in der Gemeinde als fromme und weise Männer bekannt waren. Bald ward er auch ein ganz anderer Mensch; er bezeigte nicht nur in seinem äußern Leben Ordnung und Sittsamkeit, sondern gewann auch in seinem Innern von Tag zu Tag mehr Frömmigkeit und Zufriedenheit. – Die plötzliche Bekehrung des jungen Mannes machte indessen Aufsehen, und man flüsterte leise oder redete auch laut von seinen Handlungen und Absichten. Es konnte nicht fehlen, daß ihm die verschiedenen Aeußerungen zu Ohr kamen. Ueber den Spott und das Gelächter derer, mit denen er gebrochen, konnte er sich leicht hinwegsetzen; denn er betrachtete und bedauerte sie als Blinde, die nicht wüßten, was Frömmigkeit sei und welchen Werth sie in sich trage für Zeit und Ewigkeit. Aber auffallend und tief kränkend war ihm die Kunde, daß selbst unter jenen Männern, die er verehrte und liebte, einige gegen seine Bekehrung und ihre Aufrichtigkeit Bedenken trugen und Zweifel aussprachen. Diese Urtheile achtbarer Männer verletzten ihn im Tiefsten des Herzens, und er ward schier versucht, an sich selbst und an Andern zu verzweifeln. – Eines Tages klagte er sein Leid einem Manne, dessen Weisheit und Frömmigkeit ihm von Allen gerühmt ward. Dieser vernahm seine Klagen und Beschwerden mit Aufmerksamkeit und Theilnahme. Dann sprach er zu ihm: »Lieber Sohn! laß dich durch anderer Leute Urtheile nicht trübe und irre machen. Die Menschen können ja höchstens nur über die That und den Schein urtheilen, nicht aber über die Gesinnung und das Wesen, darin die Tugend besteht. Mögen sie daher von dir denken und reden, was sie wollen; du hast zwei unverwerfliche Zeugen, welche genügen: Gott und dein Gewissen.« Der Jüngling beruhigte sich einigermaßen bei diesen Worten, er konnte aber nicht umhin zu bemerken, wie sehr ihn doch der Tadel derer schmerzen müsse, die er zu achten und zu lieben Ursache habe, sowie ihr Lob ihn aufrichte und erfreue. Der weise Mann erwiderte: »Du hast recht geredet, mein Sohn, und es ist auch nicht meine Meinung, daß du gegen fremde Urtheile gleichgiltig sein sollst. Sie sind wichtige Fingerzeige, um zur Erkenntniß unserer selbst zu kommen, und eindringliche Mahnungen, daß wir vom Bösen ablassen und nach dem Guten streben sollen. Und darum sollen wir sie jedenfalls recht ins Auge fassen und wohl zu Herzen nehmen. Das Lob des Mannes, den wir achten, ist wie ein wohlthätiger Regen, der auf trockenen, dürren Boden fällt; es erquickt die Seele, und weckt den Keim guter Gesinnung, und kräftigt den Wachsthum des Guten. Und der Tadel des Mannes, den wir achten, ist wie eine glühende Kohle; er brennt und schmerzt zwar, aber er reinigt und erprobt zugleich unsere Tugend; die Schlacken fallen ab, und das Gold kommt um so reiner und lauterer zu Tage. Und so verbleibt es denn bei meinem Spruche: daß der Menschen Urtheile uns nicht trübe und irre machen sollen, wol aber, daß sie uns als Mittel und Triebfedern dienen mögen zu unserer Läuterung und Vervollkommnung.« – Der Zuspruch des weisen Mannes tröstete und beruhigte den Jüngling, und er wirkte von nun an das Werk seines Heiles in Stille und Demuth und in der Zuversicht auf den Herrn.

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