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Ein Volksbüchlein

Ludwig Aurbacher: Ein Volksbüchlein - Kapitel 145
Quellenangabe
typelegend
booktitleEin Volksbüchlein
authorLudwig Aurbacher
year1878
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleEin Volksbüchlein
created20040403
sendergerd.bouillon
modified20171017
firstpub1827/1829
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13. Abbas der Weise.

Ein König hielt bei sich an seinem Hofe einen weisen Mann, Namens Abbas, auf daß er täglich sich seines Rathschlags bedienen, auch sonst Nützliches von ihm erlernen möchte. Eines Tages fragte er ihn: womit diese Welt und des Menschen Leben zu vergleichen wäre? Der Weise bat sich Zeit aus, um darüber nachzudenken; anfangs einen Tag, dann drei, endlich sieben. Und als er wieder vor den König trat, sagte er: nächst der Frage, was Gott sei, gebe es keine schwerere zu beantworten; je mehr er darüber nachdenke, desto weniger erfahre er's. Er bat daher den König um Urlaub, daß er andere Weise aufsuchen, und sie darüber befragen könne.

Abbas kam zuerst in eine ferne, große Stadt, wo, wie er gehört, sich ein anderer weiser Mann aufhielt. Als er ihn gefunden – er wohnte aber in einem prächtigen Palaste, und war eines Königs Haus- und Tisch-Freund, und lebte selbst, wie ein Fürst – da legte er ihm seine Frage vor. Der sagte: die Welt ist zu vergleichen einem großen, prächtigen Saale, wo allzeit offene Tafel gehalten wird. Da mag sich denn jeder, wer will, hinsetzen, und es leuchten ihm die Himmelsgestirne, und es musiciren ihm die Vögel, und es duften ihm wohlriechende Blumen; und der Tisch ist gedeckt mit den mannichfaltigsten Speisen jeder Art, und der Wein erfreuet sein Herz, und Alles lädt ihn ein zum Sinnengenuß; und Gäste sitzen allweg daran, zu angenehmer Unterhaltung, und Mägdlein führen lustige Reihen auf; und – wenn man nun dies eine gute Weile getrieben, und endlich des Spieles und des Genusses satt geworden, nun, so steht man auf und legt sich nieder zur Ruhe.

Als Abbas das gehört, schied er traurig von dannen; denn er dachte bei sich, es sei dies kein rechtes, vollkommenes Bild von der Welt, in der es doch so viel des Jammers und des Elends gebe, ohn' End'. Und er ging fort, und begab sich in eine ferne Wüste, wo, wie er gehört, ein Einsiedler, ein frommer, weiser Mann wohnte. Als er ihn gefunden – er wohnte aber in einer Höhle, und war mit einem härenen Kleid angethan, und Wurzeln waren seine Speise, und Wasser sein Getränk – da brachte er seine Bitte vor. Der Einsiedler sagte: Das menschliche Leben ist zu vergleichen einem Engpasse, durch welchen ein Mensch geht. Auf der einen Seite ragen schroffe, unfruchtbare Felsen empor, von denen sich von Zeit zu Zeit Blöcke losreißen; auf der andern öffnet sich ein tiefer Abgrund, in welchem ein Gießbach von Klippe zu Klippe stürzt; und zwischen inne zieht sich ein schmaler, schlüpfriger Pfad hin, und die Sonne brennt heftig auf die Scheitel des Wanderers, und von den spitzen Steinen werden seine Füße wund und er kann seinen Hunger nicht stillen mit den Früchten, die hoch oben an den steilen Felsen hangen, und seinen Durst nicht löschen mit dem Wasser, das tief unten im Abgrunde rauscht. Und wie er hinter sich blickt, da gewahrt er eine Schlange, die ihn verfolgt und seinen Fersen den Tod droht, und wie er vorwärts schaut, da sieht er einen Löwen mit offenem Rachen, der ihn verschlingen will. Und nirgends erscheint eine Rettung und Hilfe, sondern überall nur Verzweiflung und Tod.

Als Abbas das gehört, ging er abermal traurig von dannen; denn er wußte wohl, daß auch dies kein rechtes, vollkommenes Bild von der Welt sei, in der es ja doch so viel Freudigkeit und Gutthaten die Fülle gebe. Und er ging weiter, und suchte Land auf Land ab nach einem andern Weisen, von dem er die rechte Antwort erhalten möchte. Eines Tages begegnete ihm ein Mann, der sich zu ihm gesellte. Da er aus seinen Reden viel Kluges vernahm, – er trug aber ein zerlumptes Kleid und ging barfuß, doch war er eines heitern, aufgeräumten Sinnes, und sein Bettelranzen war vollgestopft von Speisen und andern köstlichen Dingen, – da fragte er ihn auf gut Glück, ob er ihm wol nicht sagen könne, womit die Welt am besten zu vergleichen wäre. Der Bettler sagte: Höre folgende Geschichte an: Ein stummer Mann bat einen Blinden, wenn er einmal einen Harfenisten sähe, so möchte er ihm doch denselben weisen, damit jener seinen trübsinnigen Sohn mit Musik aufmuntern möchte. Der Blinde sagte: Ich habe unlängst einen solchen stattlichen Musikanten gesehen, ich werde gleich meinen krummen Buben, der nicht gehen kann, nach ihm schicken, daß er ihn herhole. Der Bub fand den Harfenisten auch, der aber ohne Hände war; jedoch ließ er sich überreden, daß er den Melancholischen lustig mache durch stille Musik. Da schaute nun der Blinde mit Verwunderung zu, der Stumme lobte den Spielmann über alle Maßen, der Krumme tanzte herum mit dem größten Vergnügen. Wie das nun im Hause bald lautmährig geworden, so kam auch ein Narr dazu, dem diese Posse so wohl gefiel, daß er in lauten Jubel ausbrach. Währenddem ging eben die Weisheit bei dem Hause vorbei, und guckte zum Fenster hinein, und wie sie das Spectakel sah, sagte sie mit ernsthaften Worten: Seht da den wahren Entwurf der kindischen, närrischen und abgeschmackten Welt!

Abbas hörte das mit noch traurigerm Sinne; er wußte ja selbst wohl, daß, wenn auch viel Thorheit und Lüge mitunterlaufe im Leben, doch tiefer Ernst drin sei und heilige Wahrheit. Und er verließ den Bettler, und richtete seinen Weg nun heimwärts, Gott bittend, daß er ihm doch noch offenbaren möchte des Lebens Geheimniß.

Als er nun vor den König trat, freudigen Muthes, da berichtete er ihm, was er von den andern Weisen erfahren; und der König fühlte mit ihm, daß das Alles nicht das Rechte sei. Und nun, fragte der König, was hältst du davon? Abbas antwortete: Herr, laß dir vor Allem erzählen, wie es mir selbst ergangen auf der Reise. Ich habe sie angetreten, wie du weißt, auf dein Geheiß, und deine Gnade ernährte und begleitete mich. Was ich während der Zeit Gutes oder Uebles erfahren, davon schweige ich; weder das Eine, noch das Andere ist in Vergleich zu stellen mit dem Wohlgefallen, womit du deinen Diener belohnest. Darum gedachte ich nur, deinem Willen nachzukommen, daß ich die Wahrheit suche unter den Menschen, und dann heimkehre zu dir, um dir Rechenschaft zu geben von meiner Bemühung. Urteile nun selbst, ob ich deiner Gnade würdig sei oder nicht.

Der König schwieg und reichte ihm die Rechte zum Zeichen seiner Gnade.

Abbas fuhr fort, gerührt, und sagte: Also dachte ich bei mir selbst, als ich deinen Palast von ferne erblickte, und mein Herz traurig ward, daß ich zu dir kommen sollte ohne einiges Verdienst. Und sieh! da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, und ich sah nun, daß des Menschen Leben selbst nur so eine Reise sei, eine Wanderung durch die Welt, zu thun den Willen des Herrn aller Herren.

Da umarmte ihn der König, und er steckte ihm einen kostbaren Ring an den Finger, und er sagten du sollst fortan mir sein, wie ein Vater.

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