Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ludwig Aurbacher >

Ein Volksbüchlein

Ludwig Aurbacher: Ein Volksbüchlein - Kapitel 142
Quellenangabe
typelegend
booktitleEin Volksbüchlein
authorLudwig Aurbacher
year1878
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleEin Volksbüchlein
created20040403
sendergerd.bouillon
modified20171017
firstpub1827/1829
Schließen

Navigation:

10. Triumph der Religion.

Im Jahre 1812, als die Franzosen und ihre Verbündeten sich aus Rußland zurückgezogen bei der grimmigsten Kälte und in höchstem Elende, unter immerwährenden Kämpfen, da lag ein deutscher Officier, der den Feldzug mitgemacht hatte, in einem Gasthofe zu Warschau am Fenster, und betrachtete von da aus die Menschen, die unter ihm sich hin und her bewegten, treibend und drängend, wie Ameisen; und, obgleich wohlbehalten und gerettet, fühlte er doch Mißmuth über sein ganzes Inneres ausgebreitet, und es lastete auf seiner Seele schwer und schwarz, wie eine ausgebrannte Welt. Denn er hatte ja den unendlichen Jammer selbst mit angesehen, und das Verderben, das eine halbe Million Menschen zu Grunde gerichtet. Doch nicht die Schlachten, die geschlagen worden, nicht die Seuchen, nicht Hunger, Elend und Tod waren es, die sein Herz so tief verwundet, sondern die gräßlichen Gestalten entarteter Menschen, die ohne Theilnahme für das fremde Leiden den Mitbruder hindarben, verschmachten sahen, und nur auf eigene Rettung bedacht, gleich geschreckten Thieren, fort und fort flohen vor dem sie verfolgenden Feinde. So war denn selbst aller Glaube an die Menschlichkeit der Menschen aus seinem Herzen gewichen, und er sah in ihrem Thun und Treiben nichts als ein Haschen nach schnödem Vortheil, ein Wagen um eitlen Ruhm, nichts als Selbstsucht, Gemeinheit und Grausamkeit – und er fand in seinem Innern den Gott seiner Jugend selbst nicht mehr in dem Schöpfer dieses Menschengezüchtes; und so stand er trostlos, in kalter Verzweiflung, ohne Achtung für Andere, ohne Hoffnung für sich selbst, in das bunte, eitle Gewühl hinabschauend.

Da sah er von ungefähr einen kleinen, gemeinen Wagen vorbeifahren, von einer Menge aus dem Pöbel begleitet. Es lag auf Stroh, und mit einer Blache bedeckt, ein Mensch droben; zu seinen Füßen saß eine Person, die er, wegen ihrer seltsamen Kleidung und in dieser Umgebung nicht zu deuten wußte. Eben trat der Bediente ein. »Was gibt's da unten?« fragte der Officier, mehr aus Neugierde als aus Theilnahme. Der Bediente antwortete: »Da haben sie draußen, eine Stunde von hier, in einem Straßengraben einen halb erfrornen Juden gefunden; und nun führt ihn eine graue Schwester in ihr Kloster, um ihn dort zu heilen, wenn's möglich. Das ist Alles!«

Eine innere Unruhe trieb den Officier fort auf die Straße hinab; er folgte unwillkürlich der Menge; er trat näher zum Wagen, er schaute hinauf zur grauen Schwester, die unverrückten Blickes auf den erstarrten Juden, wie auf ihren Pflegesohn sah; er trat mit in das Kloster, in die Säle der Kranken und Sterbenden.

Und nun betrachtete er die emsige Pflege der frommen Schwestern, wie sie die Kranken, ohne Unterschied des Standes und der Religion, mit gleicher Liebe besorgten; und er bedachte bei sich das große Opfer, das diese Mädchen gebracht, Familie, Vermögen, Freiheit, alle Freuden des Lebens, um den verlassensten, ärmsten unter den Menschen, ihren Brüdern in Christo, zu Hilfe zu sein, Tag und Nacht, ihr ganzes Leben lang; und daß sie für alles das gar keines irdischen Ersatzes gewärtig sein könnten, ja für die treueste Sorgfalt die Bitterkeit mißlungener That erfuhren und oft die noch größere des mißkennenden Undankes.

Er war geheilt. Das Bild dieser uneigennützigen Aufopferung, dieser gänzlichen Selbstverläugnung, dieses heiligen Berufs in stiller Einsamkeit zum Besten der leidenden Menschheit, und allein um Gottes willen: dieses zarte, fromme Bild verwischte mit einem Male das furchtbare Gemälde jener Tausende von erstarrenden Herzen, ohne warme Theilnahme und thätige Hilfe, auf den öden, weiten Eisfeldern des Todes. Er glaubte wieder an den Menschen – an seine Würde, sein Mitgefühl, an sein Vermögen, Großes, Edles, Heiliges zu wollen – und an einen Gott, der ihm diesen höheren Trieb eingepflanzt und jede seiner guten Thaten belohnen wird.

In diesen frommen und frohen Betrachtungen versenkt kam er zurück in seinen Gasthof. Er sah nochmal im Geiste den erstarrten Juden vorbeifahren, und die christliche Schwester zu seinen Füßen sitzen, unverwandten Blickes auf ihn sehend, wie auf ihren Pflegesohn, den ihr Gott gesandt; und eine Thräne wehmuthsvoller Freude trat in sein Auge, und er rief aus: Das ist der Triumph der Religion!

 << Kapitel 141  Kapitel 143 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.