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Ein Volksbüchlein

Ludwig Aurbacher: Ein Volksbüchlein - Kapitel 135
Quellenangabe
typelegend
booktitleEin Volksbüchlein
authorLudwig Aurbacher
year1878
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleEin Volksbüchlein
created20040403
sendergerd.bouillon
modified20171017
firstpub1827/1829
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3. Von der Versuchung im Glauben.

Wenn diejenigen selig genannt werden, welche nicht sehen und doch glauben, so sind gar wohl diejenigen heilig zu nennen, welche zweifeln und doch nicht im Zweifel verzagen. Hievon höre ein Exempel. Es kam eines Tags ein großer Schriftgelehrter zu einem frommen Bischof, dem er beichten wollte; er konnte aber vor Weinen kein Wort vorbringen. Der Bischof sprach ihm Muth ein, und sagte: kein Mensch könne so viel sündigen, daß Gott nicht, der Barmherzige, ihm verzeihen wollte. Der Schriftgelehrte sprach: »So sag' ich denn, daß ich nicht anders kann, als weinen; denn ich halte mich für einen Irrgläubigen, weil ich's nicht über mich erhalten kann, zu glauben, daß Gott Mensch geworden; auch weiß ich wohl, daß dieses von den Versuchungen des bösen Feindes herrührt.« Da erwiderte der fromme Bischof: »Meister, sagt mir doch, wenn Euch der Böse eine solche Versuchung zusendet, ob sie Euch gefällt?« »Herr, antwortete der Schriftgelehrte, sie ist mir so lästig, als sie nur sein kann.« »So frag' ich Euch denn weiter, fügte der Bischof hinzu, ob Ihr weder Gold noch Silber nehmen möchtet, um etwa über Euren Mund gehen zu lassen, das da wäre gegen die Gottheit Christi oder gegen die anderen göttlichen Eigenschaften?« »Ja, Herr, versicherte der Schriftgelehrte, Ihr müßt wissen, daß nichts auf der Welt ist, das ich dafür nehmen möchte; lieber wollt' ich, man risse mir alle Glieder vom Leibe, als daß ich so etwas über den Mund kommen ließe.« »Nun, setzte der Bischof hinzu, will ich Euch etwas Anderes sagen. Höret! Wenn Euch der König in dem Kriege, den er führt, eine Veste anvertrauen würde, welche am nächsten an der feindlichen Grenze läge, mir aber würde er eine andere anvertrauen, die mitten im Lande und in weiter Ferne von dem Schauplatze des Krieges läge: wem von uns beiden würde der König nach dem Ende des Krieges am meisten zu danken haben, Euch, wenn Ihr ihm die bedrohte Grenzveste vertheidigt hättet, oder mir, der ich ihm ein ungefährdetes Schloß erhalten hätte?« »Bei Gott! antwortete der Schriftgelehrte, mir, der ich ihm die Grenzveste vertheidigt haben würde.« »Meister, versetzte hierauf der Bischof, ich sag' Euch, mein Herz gleicht dem ungefährdeten, sichern Schlosse, das mitten im Lande liegt; mich beunruhigt keine Versuchung und kein Zweifel wegen der Gottheit Christi. Ich versichere Euch also: gefällt es Gott einmal in Ansehung meiner, wenn ich an Christum fest und in Ruhe glaube, so wird es ihm von Euch dreimal wohlgefallen, weil Ihr ihm Euer Herz in der Fehde der Anfechtung unversehrt erhaltet, und ihm so zugethan seid, daß Ihr um keines irdischen Gutes, noch um irgend eines körperlichen Leidens willen, Ihn verläugnen möget. Ich sag' Euch daher; seid ganz ruhig; denn in diesem Stücke gefällt Euer Zustand dem Herrn besser, als der meinige.« So ging der Schriftgelehrte getröstet von hinnen, und er erfuhr nachher, daß die Versuchung zum Unglauben ihm gedient habe zur Bewährung im Glauben.

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