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Ein Volksbüchlein

Ludwig Aurbacher: Ein Volksbüchlein - Kapitel 133
Quellenangabe
typelegend
booktitleEin Volksbüchlein
authorLudwig Aurbacher
year1878
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleEin Volksbüchlein
created20040403
sendergerd.bouillon
modified20171017
firstpub1827/1829
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II.
Allerlei erbauliche und ergötzliche Historien.

1. Offerus.

Eine christliche Mythe.

Es lebte im Lande Kanaan ein Heide, Namens Offerus; der war eines überaus großen und starken Leibes, und eines kühnen und lustigen Gemüthes; daher er seine Freude daran hatte, gewaltige Abenteuer aufzusuchen an allen Orten und Enden. Und er zog anfangs umher in Wüsten und Wäldern, und säuberte das Land von Drachen und andern schädlichen Ungeheuern. Dann, wo er einen Räuber traf, den erschlug er, und wer ihm keck entgegentrat, den warf er zu Boden. Zuletzt, nachdem er keinen Widerstand mehr gefunden im ganzen Lande, ließ er sich als König ausrufen, und Alle kamen herbei und beugten sich vor ihm und empfingen seine Befehle. Es dauerte aber nicht lange Zeit, so wurde er des Regiments überdrüssig, und derer, die er regieren sollte; denn die Ehre, die sie ihm gaben, war erheuchelt, und die Furcht, die sie vor ihm hatten, war knechtisch, und für die Gnade, die er erwies, erhielt er Undank, und für die Gerechtigkeit, die er übte, Fluch. Das erfuhr er; und er lernte das Gezücht verachten, das ihn seinen Herrn nannte; und der Weihrauch, den sie ihm spendeten, und die Opfergaben, die sie ihm brachten, ekelten ihn an; und er erkannte die Nichtigkeit aller Herrschaft. Da dachte er bei sich, es sei ehrsamer, einem großen Herrn getreulich zu dienen, als über ein verächtliches Geschlecht zu herrschen. Und er verließ das Land zur Stunde, und er beschloß, den größten Herrn der Welt aufzusuchen und ihm fortan zu Diensten zu sein.

Im fernen Mohrenland herrschte zu denselben Zeiten ein Kaiser, von dessen Macht und Reichthum der Ruf in alle Ende der Welt ausgegangen. Zu diesem begab sich der Riese, und bot ihm seine Dienste an. Der Kaiser sah den Gesellen gern bei sich, und er sagte: Willst du mir dienen, so theile ich mein Reich zwischen mir und dir, und du sollst mir gleich sein, gleich einem Bruder. Er gedachte aber sogleich, seinen Muth und seine Treue auf die Probe zu stellen. Es regierten an den Grenzen seines Reichs drei Königlein, die sich seiner Herrschaft nicht unterwerfen wollten, sondern sie saßen auf ihren hohen Burgen, wohlverwahrt, und trotzten den Kriegsschaaren, welche der Kaiser gegen sie entsendet. Deren Burgen sollte er brechen, und sie selbst gefangen nehmen. Das that der Riese in wenigen Wochen, und er führte die Königlein gefangen seinem Herrn zu. Hierauf befahl ihm der Kaiser, er sollte deren Burgen abtragen, und einen großen Thurm erbauen aus dem Gesteine. Und er vollendete das Werk in wenig Wochen. Endlich befahl er ihm, den einen König mit den Eingeweiden des andern zu erdrosseln, und den dritten in den Thurm zu sperren, daß er da sich selbst verzehre, und verhungere. Der Riese entsetzte sich ob dem Befehl; aber, da er dem Kaiser Treue zugeschworen in Allem, so vollbrachte er's, wie ihm befohlen. Und als das letzte Röcheln des Sterbenden im Hungerthurm vernommen wurde, da ließ der Kaiser ein großes Gastmahl bereiten in seinem Palaste, und der Riese bediente ihn, wie immer. Und sieh! unter den Gästen erschien einer von fremder, grauerlicher Gestalt, der setzte sich unten an den Tisch, und heftete den Basiliskenblick auf den Kaiser, und ließ nicht mehr von ihm ab. Der Kaiser erblaßte bei seinem Anblick, und zitterte, und er wollte fort, und konnte doch nicht; er sah sich um nach seinem treuen Diener, und rief in voller Herzensangst: Schütze mich vor dem da unten! – Im nämlichen Augenblicke aber erhob sich die Gestalt, und wie eine Riesenschlange sich entfaltend, beugte sie sich über die Tafel hin, und packte den Tyrannen, daß ihm die Knochen im Leibe zerbrachen, und das schwarze Blut aus seinem Munde strömte. Der Palast aber borst die Mitte durch, und stürzte zusammen in Trümmer.

Offerus allein war dem Verderben entronnen; und wie er da stand auf dem gräulichen Schutte, und bei sich reuig bedachte, daß er dem Unrecht gedient habe und der Gewaltthat, da beschloß er den furchtbaren Rächer aufzusuchen, und ihm zu dienen als dem größten Herrn der Welt. Indem er den Gedanken hatte, stand der Teufel vor ihm da, und er sagte: Willst du mir dienen, so theile ich mit dir alle Schätze der Welt; und du sollst mir sein, wie ein Freund. Der Geselle aber war ihm ganz willkommen bei seiner Einfalt und Ehrlichkeit. Denn seine Herrschaft war, seit der Herr erschienen, zerstört, und er vermochte Menschen nur durch Menschen zu verderben, die sich ihm ergäben. Es geschah aber um dieselbe Zeit, daß die erste Kapelle errichtet werden sollte zum Dienste des wahren Gottes. Das fromme Werk suchte nun der Teufel auf alle mögliche Weise zu hindern: allein er selbst konnte nicht Hand anlegen zur Zerstörung der Mauer; denn es wehrte ihm ein guter Geist, der ihm dräuend gegenüber stand. Da befahl er dem Heiden, das Werk zu hindern. Dieser war flugs zur Hand; und er trug in der Nacht ab, was die Arbeiter bei Tage erbaut. Endlich muthmaßte der fromme Bischof, auf dessen Geheiß die Kapelle erbaut werden sollte, daß die Arglist des bösen Feindes dahinter stecke. Und er sprach die Weihe aus über das Gebäude; und von der Zeit an, so viel sich auch der Heide abmühte, dem Werke Einhalt zu thun, hatte es immer mehr Fortgang, und kam, dem Teufel zum Trotz, zur Vollendung. Nun dachte der böse Feind daran, wenigstens die Leute zu verführen, die zur Kapelle wallfahrteten; und er befahl dem Heiden, neben der Kirche ein Häuslein zu bauen zu weltlichen Vergnügungen. Das geschah; und die Leute sprachen häufig zu, und ergötzten sich bei Stoff und Fraß, bei Tanz und Spiel; und der Teufel hatte eben soviel Einkehr, als unser Herrgott. Der war ihm aber doch immer zuwider als Nachbar; und er sagte eines Tages zum Heiden: »Geh in die Kapelle insgeheim, und raube das Bild, das drinnen ausgestellt ist zur Verehrung, und verbrenne es.« Der Heide ging in die Kapelle, worin das Bild unsers Herrn, wie er am Kreuze hing, aufgestellt war. Wie er aber Hand anlegen wollte, siehe! da zuckte ein Blitz herab, daß der Heide betäubt zu Boden fiel. Es ergriff aber die Flamme die Herberge und verzehrte sie, sammt denen, die darinnen waren.

Als Offerus aus seiner Betäubung erwachte, stand vor ihm der fromme Bischof, und sagte: »Unglückseliger! wie hast du es wagen können, dich zu vergreifen an dem Herrn des Himmels und der Erde?« Offerus bat den Greis: »Sage mir, wo ich ihn treffe, daß ich ihm dienen möge mein Lebelang.« Der fromme Bischof sagte: »Er ist nahe allen denen, die ihn suchen. Und wer ihm dienet in Einfalt und Treue, dem thut er das Reich seiner Gnaden auf, und der ist ihm fortan wie ein Sohn.« Und der Heide schlug an seine Brust und beichtete, sagend: »Ach, ich habe schwer gesündigt an dem Herrn; ich bin nicht würdig, daß er mich aufnehme zu seinem Sohn.« Der fromme Bischof aber sagte: »Thue Buße, um des Heiles würdig zu werden.« Und er fuhr fort, ihn weiter zu belehren, und sagte: »Siehe, du hast dich dreifach versündigt an dem Herrn: so mußt du denn auch dreifach dafür büßen voll Ergebung. Und zwar erstlich, weil du dich freventlich aufgeworfen hast zum alleinigen Herrn, so ist vonnöthen, daß du von Stund an demüthig seiest von Herzen, und dich als den geringsten unter den Menschen achtest. Sodann, weil du dem Gewaltigen geholfen, Gewaltthat zu üben, so geziemt es sich, daß du von Stund an mildthätig seiest gegen Jedermann, und deßhalb weder Ehre noch Lohn verlangest. Endlich da du der Arglist beigestanden, um die Kirche zu zerstören und das Reich Gottes; wohlan! so sei denn fortan gottesfürchtig, und fördere auch andere Menschen zu seinem Dienste. Darum, so geh denn hin, und baue dir am Strom eine Hütte; und, wenn Pilger von dannen kommen, um zur Kapelle zu wallen, so mach dich auf, in Gottes Namen, und trage sie durch die Fluten. Allda harre des Herrn, bis er kommet, in Gebet und in Arbeit.«

Offerus that, wie ihm der fromme Bischof befohlen. Er trug die Pilger, welche zu und von der Kapelle wallten, durch den Strom, und, um sich gegen die Flut zu stemmen, und den Grund zu erforschen, bediente er sich eines verdorrten Fichtenstammes; und er harrte des Herrn, bis daß er käme, in Arbeit und Gebet. So verging ein Jahr. Da besuchte ihn der fromme Bischof, um zu sehen, ob er seinem Herrn treu anhänge, und beharrlich sei in dessen Dienst. Offerus aber klagte: wie daß er vergebens sich sehne, das Antlitz seines Herrn zu schauen, dem er diene. Der fromme Bischof ermahnte ihn zur Langmuth, und sagte ihm das Wort: »Selig, die da glauben, und nicht sehen.« – Nach einem Jahre besuchte er ihn wieder, um zu sehen, wie er seines Berufes pflege zum Besten der Menschen. Offerus aber klagte: wie daß er sich vergebens so viel bemühe, und keines Lohnes gewärtig sein könne von seinem Herrn, dem er diene. Der fromme Bischof sprach ihm Muth ein, und er sagte ihm das Wort: »Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen!« Und nach einem Jahre besuchte er ihn wieder, um zu sehen, ob er nicht in Unmuth erliege, sondern in Geduld ausharre. Offerus aber klagte: »Ach, schon drei lange Jahre habe ich gebetet und gearbeitet, und noch ist mir kein Wort des Trostes zugekommen von meinem Herrn, dem ich diene.« Da sprach ihm der fromme Bischof Trost zu, und er sagte ihm das Wort: »Selig sind, die da trauern, denn sie werden getröstet werden.« Diese drei Worte bewahrte Offerus in seinem Herzen, und von Stund an klagte er nicht mehr, sondern harrte geduldig und getreulich in Arbeit und Gebet der Zukunft des Herrn.

Mitten in einer Nacht däuchte es ihm, als höre er von jenseits dem Ufer rufen: »Offere! wach auf! hol über!« Es klang aber, wie die Stimme eines Kindes. Und er wollte schier daran zweifeln, ob Jemand seines Dienstes bedürfe; aber da gedachte er des Wortes, welches der Bischof gesprochen, und voll des Glaubens stand er auf, und schritt durch den Strom, um den Pilger zu holen. Es war aber ein Knäblein, das ihn bat, er möchte es hinüber tragen. Er wollte schier dem kleinen Pilger, der so zur Unzeit gekommen, den Dienst versagen; da gedachte er jedoch des Wortes, welches der Bischof gesprochen; und voll der Liebe setzte er das Kindlein auf seine Schulter und trat den Rückweg an. Aber das Kindlein wurde immer schwerer; es lastete zuletzt auf ihm, wie eine Welt; und der Strom wurde immer tobender, daß er keinen sichern Tritt mehr machen konnte; und die Nacht wurde immer dunkler; und ach, die Leuchte von jenseits war erloschen, und er sah kein Ziel mehr vor sich, und nirgends eine Hilfe. Da wollte er schier verzagen; aber er gedachte des Wortes, das der fromme Bischof zu ihm gesprochen; und voll der Hoffnung schritt er vorwärts, gebeugt unter der Last, trotz der Gewalt der Fluten und den Schrecken der Nacht. Und er erreichte endlich müde das Ufer, und setzte das Kindlein ab. Sieh! da erhob sich vor ihm eine wundergroße und wunderliebliche Lichtgestalt, ihr Antlitz leuchtete wie die Sonne, und ein Sternenkranz umfloß ihr Haupt, und in der Rechten trug sie eine Kugel mit einem Kreuze. Und der Herr sagte: »Selig, daß du geglaubt, geliebt und gehofft hast, reines Herzens, denn du wirst Gott schauen. Siehe, Offere, du hast Christum, den Herrn der Welt, getragen. Darum sollst du fortan Christophorus heißen.« Und der Herr taufte ihn zur Stunde. Darauf sagte er: »Weil du denn als so ein treuer Diener befunden worden bist, so soll dir auch der Lohn nicht entgehen, der da versprochen ist denen, die ausharren. Und zum Zeichen, daß ich mein Wort halte, der Getreue: siehe! da stecke ich diesen verdorrten Stamm in die Erde, und wenn er grünet und blüht, so ist die Stunde da, wo ich dich aufnehme in mein Reich.« Und so geschah es denn auch. Denn so wie der erste Strahl in Osten erschien, so beleuchtete er den Wunderstamm, der grünte und blühte. Und Christophorus, voll freudigen Dankes, betete: »Nun entlässest du deinen Diener im Frieden.« Und alsobald trugen die Engel seine Seele in den Himmel.

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