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Ein Volksbüchlein

Ludwig Aurbacher: Ein Volksbüchlein - Kapitel 130
Quellenangabe
typelegend
booktitleEin Volksbüchlein
authorLudwig Aurbacher
year1878
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleEin Volksbüchlein
created20040403
sendergerd.bouillon
modified20171017
firstpub1827/1829
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Zehntes Kapitel.

Durch das letzte Ereigniß wurde Doctor Faustus in seiner innersten Seele erschüttert. Ein Glück, das er guten Menschen bereitet, hatte er selbst zerstört, und die ihm gedankt, die für ihn gebetet, sind durch seinen frevelhaften Wunsch in die äußerste Armuth, in namenloses Elend gebracht worden. Er fühlte, daß sein Athem Pest sei und sein Wort Fluch jedem Menschen, der sich ihm näherte in Zutrauen und in Liebe. Er sah ein, daß er mit der Welt abschließen müsse. Der Becher der Wollust war ausgeleert, und es blieb ihm nur noch die Neige über, die bittere Hefe. Er wollte sie allein ausschlürfen in Abgeschiedenheit, damit nicht ein Tropfen verschüttet werde, der vielleicht, als Naphtha, verzehrende Glut verbreitete über die Hütte des Gerechten und das Hochzeitskleid der Brautleute. Er begab sich zurück nach Wittenberg in seine Behausung, die inzwischen von seinem Famulus Wagner unter Beschluß gehalten worden, und er nahm sich vor, sie nie wieder zu verlassen, und der Menschen Umgang auf immer zu meiden. Er fand seine Werkstätte und seine Bücherei, wie er sie vor Jahren verlassen hatte. Welche Erinnerungen stiegen in ihm auf! Jener jugendliche Hochmuth und Frevelmuth, wie erschienen sie ihm nun so thöricht, so verdammlich! Wie bitter fühlte und beklagte er's, daß er sich um sein ganzes Leben, um seines Lebens Glück betrogen habe! Ach! wäre es blos um ein Leben, um eines Lebens Glück gewesen! Aber vor seinem Auge, das bisher von der Hoffart des Geistes und von der Weltlust verblendet war, fielen nun die Schuppen ab, und es that sich vor seinen enttäuschten Sinnen die Ewigkeit auf mit ihren lichten Bergeszinnen und ihrem finstern, schauerlichen Abgrund. »Es ist ein Gott!« rief er aus, und bebte. »Es ist eine ewige Vergeltung!« seufzte er und zitterte. Alle jene Zweifel an das Ewige und den Ewigen, die ihm früher der hochmüthige Verstand vorgegaukelt und die sinnliche Neigung gutgeheißen, sie verschwanden, wie ein nächtliches Blendwerk verschwindet vor dem ausgehenden Lichtstrahle. Er erkannte nun die Wahrheit, und doch glaubte er nicht, denn es fehlte seinem Herzen an Reinheit, an Demuth und Vertrauen. Er glaubte, aber wie die Teufel, welche bekennen und erzittern. In einer schlaf- und trostlosen Nacht holte er die Bibel, die bestaubte, aus dem fernen Winkel hervor. Er erinnerte sich noch dunkel, daß er in seiner Tugend so manche weise Sprüche, erbauliche Gleichnisse und Geschichten voll tröstlichen Inhalts gehört und gelesen habe; er hoffte, daß sie seiner Seele voll Wunden und Beulen wenigstens Linderung verschaffen möchten, wo nicht Heilung. Aber, sieh da! wo er ein Blatt aufschlug oder eine Seite überlas, da begegneten seinem Auge überall nur Worte des Fluches gegen die Sünder und gräuelhafte Geschichten gottloser Menschen: von Cains Brudermord bis zu Iscarioths Verrath; und allerorten fand er nur Spuren der Gerichte eines zürnenden und strafenden Gottes. Er stellte mit Entsetzen das Buch zurück. Dann sprach er: »Ich fühl's: Gott hat mich verlassen, und der Himmel ist mir verschlossen. Ich will, ich darf nicht rechten mit dem ewigen Richter, denn ich selbst hab's gewollt, ich hab's verdient.« Er versank eine Weile in dumpfe Verzweiflung; dann aber, von Stolz und Ingrimm getrieben, raffte er sich auf, und rief: »Wohlan! kann ich den Himmel nicht erstürmen, so will ich mindestens die Hölle bewältigen. Der Fürst der Welt, dieser Lügner von Anbeginn, wie ein Wurm soll er sich unter mir krümmen, bis er, durch Schmach geknechtet, mich los und ledig spricht des eingegangenen Pacts.« Und er nahm alsobald seine Zauberbücher vor, und ersann sich den furchtbarsten Höllenzwang. – Eine alte Sage meldet: Mephistopheles sei dem Faust bei der ersten Beschwörung in der Gestalt eines Hundes erschienen. Das ist gar wohl glaublich, denn der Teufel, wenn er eine Seele ganz und gar bethören und verderben will, tritt anfangs in kriechender Unterthänigkeit auf; später setzt er sich auf gleichen Fuß mit dem Menschen, dem Scheine nach als guter Geselle; zuletzt aber, nachdem er immer mehr an Macht gewonnen, spielt er ganz und gar den Meister und Herrn. Das hat Doctor Faustus erfahren, wie wir aus der Geschichte ersehen. – Als er nun die Beschwörung gethan, da erschien nicht, wie er gehofft, sein dienstbarer Geist, sondern unter betäubendem Feuerqualm und Donnergeroll der Fürst der Unterwelt selbst. Und als geschähe es zum Spotte seinen zauberischen Kreisen, es umzog ihn selbst mit Gespinnst, wie mit Fäden einer giftigen Spinne, daß ihm der Athem stockte und schier die Besinnung verging. Und das Ungethüm sprach: »Erdwurm, was erfrechest du dich, deinen Meister meistern zu wollen? Fühle meine Macht, und verzweifle in namenloser Qual.« Doctor Faustus rief aus: »Den Leib kannst du mir tödten, Verfluchter! aber nicht meine Seele, die unsterbliche.« Und es legten sich die Kreise, wie Schlangen, immer enger und dichter um seinen Leib, und sie brannten, wie glühende Schwefelfäden, in seinem Fleische, und er erstickte vor Jammer, und sein Herz brach. In dieser Todesbetäubung fand ihn des andern Morgens sein Famulus Wagner.

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