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Ein Volksbüchlein

Ludwig Aurbacher: Ein Volksbüchlein - Kapitel 13
Quellenangabe
typelegend
booktitleEin Volksbüchlein
authorLudwig Aurbacher
year1878
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleEin Volksbüchlein
created20040403
sendergerd.bouillon
modified20171017
firstpub1827/1829
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Zwölftes Kapitel

Von dieser Zeit an, als er des Heils gewürdigt worden, fühlte Ahasverus sein Innerstes ganz verwandelt. Durch seinen Glauben war ihm Gnade widerfahren, und die Vergebung seiner Sünde geworden; und obwol die Folge jener Sünde, die Strafe, nicht aufgehoben werden konnte, weil das Wort erfüllt werden mußte, so hat er doch von Stund an selige Ruhe und heiligen Frieden empfunden, wie ein Kind, das an der Folge einer schweren Krankheit leidet und langsam zum Tode reif wird, das aber im Schooße der mütterlichen Barmherzigkeit ruht, und daher willig und geduldig das unheilbare Weh erträgt unter der Pflege eines liebenden Herzens. So lebte Ahasverus in seliger Abgeschiedenheit von der Welt unter den frommen Mönchen in den Höhlen und auf den Felsen von Libanon, bis es ihnen durch die wunderbare Fügung Gottes vergönnt ward, wieder zurück zu kehren ins heilige Land, und am Grabe des Erlösers sich wieder anzusiedeln. Denn, um die Schmach des Kreuzes zu rächen, und die geweihte Erde, allwo Christus selbst gewandelt, zu reinigen von dem Unrath der Heiden, beschlossen die Völker des Abendlandes einen Kreuzzug gegen die Ungläubigen, und sie verjagten die Anhänger der Lehre Muhammeds, und pflanzten wieder statt des gotteslästerischen Halbmondes das heilige Kreuz auf. Ahasverus war unter den heldenmüthigen Kriegern, welche die heilige Stadt Jerusalem eroberten, und es war ihm unter der Fahne Christi ganz anders zu Muthe, als damals, als er dieselbe Stadt vertheidigte gegen die alten Heiden mit dem Volke, das Gott verworfen. Er diente auch in allen folgenden Kriegen, die ein paar Jahrhunderte lang gegen den Erbfeind in diesen Landen geführt wurden; und als zuletzt doch, aus unbegreiflichen Rathschlüssen Gottes, die Heiden die Oberhand behielten, doch aber so, daß das heilige Grab den Christen erhalten wurde, so ergab er sich ganz dem frommen Dienste des Herrn und seiner Gläubigen. Von der Zeit an ist er der beständige Geleitsmann derer, welche von fernen Gegenden herkommen, um das heilige Land zu besuchen, und ihre Andacht zu verrichten bei dem heiligen Grabe; und er dient ihnen als treuer Dolmetsch alles dessen, was Jesus Christus auf Erden gethan, gelehrt und gelitten hat, und führt sie umher an alle die heiligen Oerter, wo der Heiland eine Spur hinterlassen hat seiner wunderthätigen Gnade und Barmherzigkeit. Auch seine eigene Geschichte verschweigt er nicht, obwol er sich nur sehr wenigen und sehr frommen Seelen entdeckt; und welche von heiliger Wißbegierde getrieben, ihn um die Schicksale befragen, die seit so vielen Jahrhunderten über ihn ergangen und vor ihm vorübergegangen am Menschengeschlechte, denen erzählt er sie mit anmuthiger Ausführlichkeit und überfließender Salbung, so daß keiner von ihm hinweggeht ohne wahre Stärkung im Glauben, in der Liebe und Hoffnung . . . Ahasverus aber sieht, wie ein Jahrhundert nach dem andern vorüberzieht wie ein Jahr, und die Menschengeschlechter wie Geschöpfe eines Tages; und er harret in frommer Geduld und treuer Hingebung, voll des Glaubens und unter den Werken der Liebe, auf die Zukunft des Herrn – auf den heiligen, großen, ewigen Sabbath, der anbricht nach den sechs Tagen, die wir Jahrtausende nennen.

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