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Ein Volksbüchlein

Ludwig Aurbacher: Ein Volksbüchlein - Kapitel 128
Quellenangabe
typelegend
booktitleEin Volksbüchlein
authorLudwig Aurbacher
year1878
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleEin Volksbüchlein
created20040403
sendergerd.bouillon
modified20171017
firstpub1827/1829
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Achtes Kapitel.

Bei solchem unstäten Lebenswandel hatte Doctor Faustus nun bereits die Hälfte der Jahre verbracht, die er sich durch den Pact ausbedungen. Er konnte sich wol vieler lustigen Stunden und Tage erinnern, aber keines einzigen zufriedenen Augenblicks. Er machte deshalb dem Mephistopheles bittere Vorwürfe, und schalt ihn einen Betrüger und einen Verführer von Anbeginn. Der aber lachte höhnisch und sagte: »Was können denn wir dafür, wenn dein Herz unersättlich ist, wie ein durchlöcherter Schlauch? Hat dir je unser Dienst gefehlt, noch irgend etwas, das uns zu Gebote steht auf dieser Welt? Verlange was du willst, wir geben dir's. Aber freilich, wenn du über dein Verlangen verlangest, und das Unendliche im Endlichen erstrebest, da hört unsere Macht auf, und unser bester Wille reicht nicht mehr hin. Doch getrost! es steht dir noch eine Fülle von Freuden, es steht dir die Welt offen. Dieses Deutschland macht die Menschen melancholisch; das ewige Schlemmen und Demmen kocht dickes Blut, und das eitle Speculiren und Disputiren verrückt den besten Kopf. Komm, wir führen dich in andere Gegenden, wo die Lüfte milder, die Früchte süßer, die Mägdlein reizender sind! Auf, nach Wälschland!« Kaum daß er das Wort ausgesprochen, stand schon draußen ein mit zwei geflügelten Drachen bespannter Wagen, welchen nun Doctor Faustus mit dem Mephistopheles bestieg. – Die alten Geschichten erzählen ausführlich, wie sofort Faustus durch alle Länder gefahren, alle Städte besehen, alle Weltwunder beschaut habe; ja, jenen Geschichten zufolge, sollte er sogar, unter Leitung seines dienstbaren Geistes, zur Hölle niedergestiegen, und zu den Gestirnen hinauf geflogen sein. Wir melden hier nur Folgendes in Kürze. Zuerst kam er gen Rom, die heilige Stadt, und besuchte und besah Sanct Peters wunderbaren Dom und den hohen Vatican. Auch näherte er sich dem Papst, aber freilich nicht als frommer Pilgrim, der den Ablaß begehrt, sondern als Schalk, unsichtbar, der dem heiligen Vater bei Tische die besten Bißlein vor dem Munde wegschnappte. Sodann fuhr er über See nach Konstantinopolis, wo der türkische Sultan Hof hält, und er schlich sich, ebenfalls unsichtbar, in seiner Frauen Gemach, und verübte da viel Ungebühr. Dann begab er sich nach Asia, und besuchte Bagdad, oder das alte Babylon, und verweilte unter den Ruinen, den mächtigen Zeugen einer großen Vergangenheit, aber auch zugleich der irdischen Vergänglichkeit, und des strengen Gerichtes, das über Gottlose hereinbricht. Jerusalem, die heilige Stadt, und das gelobte Land berührte er nicht. Mephistopheles sagte: Die Blutstropfen, die Jener vergossen, schlügen auf unter den Tritten dessen, der nicht an Ihn glaubt, als Schwefelflammen, die in sein Innerstes hineinleckten und das Herz verzehrten. – Was sollen wir weiter erzählen von seinen Fahrten durch die Welt? Je mehr er sah und erfuhr und genoß, desto schaler und fader und nichtiger erschien ihm Alles, desto weniger überraschte und befriedigte ihn, was sonst des Menschen Augenlust und Lebensmuth zusagen mag. Er zog weiter nach Süden, zum Ganges, und erging sich im Schatten der Platanen- und Palmen-Wälder, und zwischen den Blumenbeeten dieses unermeßlichen Gartens, um sein ausgetrocknetes Inneres zu erfrischen, und seine Sinne zu stärken an dem ewig frischen Grün und an dem balsamischen Geruche der Kräuter und Pflanzen. Er fühlte keine Erquickung. Er zog dann hinauf gen Norden, und streifte über die Schneefelder hin, und schlief zwischen den starren Eisbergen, um die innere Hitze zu dämpfen und des Blutes feurigen Strom zu löschen. Er fand keine Linderung. Er saß an den Katarakten des Nils, und leckte mit der Zunge den Wasserstaub weg von seinen Lippen, um den Durst zu stillen, der seine innerste Seele quälte. Er fand keine Linderung, keine Erquickung. Bei all den Herrlichkeiten, die er sah und genoß, war es so weit mit ihm gekommen, daß er die gemeinsten Genüsse der gemeinsten Menschen entbehren mußte; so sehr waren seine Sinne überfeinert und abgestumpft. In einer Anwandlung von Verzweiflung verdingte er sich zu der schweren Arbeit des Pflugs, um nur zu erfahren, wessen er sich noch von seiner Jugendzeit her erinnerte, wie lieblich das tägliche Brod schmecke dem Hungernden. Und ein ander Mal verkaufte er sich als Sklaven an eine Karawane, und durchzog die Wüste Wochen und Monate lang, auf daß er erfahre, wie köstlich ein Trunk Wassers schmecke dem Durstigen. So mußte der Unglückselige zuletzt sich durch selbstauferlegte Qualen Genüsse bereiten, welche der Dürftigste in seiner armseligen Hütte, und der heimatlose Bettler auf der Gemeinstraße findet. – Mephistopheles that alles Mögliche, um ihn bei gutem Muthe zu erhalten, befürchtend, es möchte bei der Dürre und Leere seiner Seele eine Ahnung und eine Sehnsucht in ihm aufkommen nach dem Urquell, der allein erquicken, lindern und ersättigen kann. Doctor Faustus folgte zuletzt dem zudringlichen Geiste bewußtlos und willenlos, wohin er ihn führte. Er sah nicht mit offenen Augen, er hörte nicht mit offenen Ohren, es war ihm, wie einem, dessen Gehirn von fieberhaften Träumen beunruhigt und gequält wird. Seltsame Gestalten umgaukeln seine Sinne in wilder Unordnung; glänzende Erscheinungen verlocken ihn; doch wie er sie zu erhaschen wähnt, grinsen ihn gespenstige Larven an; er keuchet Berge hinan, und versinket in Abgründe; er durchflieget die Lüfte, und die Wogen des Meeres begraben ihn; der Schacht erschließt sich mit seinem glänzenden Metall und Gestein, aber plötzlich zuckt eine Flamme auf, und verwandelt all den Glanz in Moder und Staub; und wenn er erwachet, ist ihm von allem dem nichts geblieben, als eine verworrene Erinnerung und eine Ermattung bis zur Ohnmacht des Todes.

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