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Ein Volksbüchlein

Ludwig Aurbacher: Ein Volksbüchlein - Kapitel 124
Quellenangabe
typelegend
booktitleEin Volksbüchlein
authorLudwig Aurbacher
year1878
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleEin Volksbüchlein
created20040403
sendergerd.bouillon
modified20171017
firstpub1827/1829
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Viertes Kapitel.

Seit Doctor Faustus den Bund mit dem Teufel gemacht, gewann er alles erdenkliche Vergnügen, Ehre und Ansehen vor der Welt und den Menschen. Sein dienstbarer Geist Mephistopheles erfüllte jeden seiner Wünsche; ja, er wußte es so zu machen und zu ordnen, daß ein Gelüste das andere hervorrief, und daß das Labsal, welches den Hunger und Durst des Leibes und der Seele stillte, einen Hunger und Durst nach größern und fernern Genüssen in ihm erregte. Am liebsten hielt sich Doctor Faustus zu Hause, und in Gesellschaft von gleichgesinnten Genossen. Seine Wohnung war reich an Schmuck von Silber und Gold, wie der Palast eines Fürsten. Sein Garten trug Jahr aus, Jahr ein, die seltensten Früchte jeder Art; es herrschte darin, zur Verwunderung Aller, ein ewiger Frühling. Wenn er zu Tische saß mit seinen Freunden, so standen die auserlesensten Speisen und Getränke in Bereitschaft; und, so viel sie zechen mochten, der Vorrath konnte doch nicht erschöpft werden an cyprischen und albanischen Weinen und an kostbaren ausländischen Früchten jeder Art. Dies Alles hat der dienstbare Geist herbeizuschaffen gewußt. Mit Hilfe dieses Geistes unterhielt auch Doctor Faustus seine Gesellen, die er um sich versammelt hatte zu eitler Lust, mit allerhand Gaukel- und Mummenspiel. Einmal war der Saal voll von Vögeln, welche das lieblichste Concert sangen, daß man glaubte, ins Paradies selbst versetzt zu sein. Ein anderes Mal gestaltete sich vor ihren Augen gleichsam ein lebendiger Garten von buntfarbigen und wohlduftenden Blumen, die sich in gar mannichfaltigen Weisen verwickelten und wieder auflösten, und wie in einem künstlichen Reihen hin und her bewegten zu sonderheitlicher Ergötzung des Auges. Die Zeit aber, welche sie nicht mit Bankettiren zubrachten, verkürzten sie mit Disputiren über allerlei Materien göttlicher und weltlicher Wissenschaften: Himmel, Hölle, Welt, Gott, Teufel, Ewigkeit, Seele und Seligkeit. Wie es jedoch zu geschehen pflegt, wenn ein Blinder den Blinden führt, so fallen beide in die Grube. Und da sie das göttliche Wort, darin allein Wahrheit zu finden ist, bei Seite gethan und verachtet, ja verspottet haben, so waren es lauter Trugbilder ihrer verkehrten Einbildungskraft, und eitle Götzen ihres verderbten Herzens, welche sie in dem selbstgemachten, unheiligen Tempel aufstellten, und allda verehrten und anbeteten. – So verlebten sie denn so manches Jahr in einem fortwährenden Rausche von Vergnügungen. Doctor Faustus war der Einzige, der noch einige Augenblicke gewann zu nüchterner Ueberlegung. In solchen Zeiten erkannte er das Eitle, das Nichtswürdige seines Thuns und Treibens; aber er vermochte nicht, sich loszureißen von Gesellen, die er verachten mußte, und von Genüssen, die ihn nimmermehr ersättigen konnten. So fühlte er sich denn unglücklich mitten im Glücke. Vor den Menschen aber und in der Welt galt er allgemein als ein gelehrter, wohlerfahrner, hochbeglückter Mann. Arme drängten sich herbei; Kranke suchten Hilfe bei ihm; Reiche buhlten um seine Gunst. Er half überall, und tröstete, und rieth aufs Beste, während er selbst ohne Rath und Trost und Hilfe war. – Soll ich noch Meldung thun, daß es bei dem wüsten Leben dieser Leute nicht an leichtfertigen Dirnen gemangelt habe? Wo Raben sich versammeln, da liegt auch Aas. Aber Gemeines wird auch bald gemein. Es geht die Sage: Doctor Faustus habe um diese Zeit einem schönen und sittsamen Töchterlein ehrbarer Leute nachgestellt, und er habe dieselbe, durch Hilfe einer Kupplerin und durch reiche Geschenke und betrügerische Versprechungen, bethört und zu Fall gebracht; darauf, als sie Mutter geworden, sei sie von dem Treulosen verlassen worden, und in der Verzweiflung habe nun das arme Mädchen ihr eigenes Kind getödtet, wofür sie die Strafe einer Kindesmörderin habe erleiden müssen. Es ist diese Geschichte ganz glaubwürdig. Denn der Teufel wird schon gesorgt haben, daß jenes Wort, das Faustus gegeben, durch eine That besiegelt werde. Wer aber auch nur eine Seele auf seiner Seele hat, der trägt schon den Keim in sich zur endlichen Verdammniß.

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