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Ein Volksbüchlein

Ludwig Aurbacher: Ein Volksbüchlein - Kapitel 123
Quellenangabe
typelegend
booktitleEin Volksbüchlein
authorLudwig Aurbacher
year1878
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleEin Volksbüchlein
created20040403
sendergerd.bouillon
modified20171017
firstpub1827/1829
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Drittes Kapitel.

Es war aber dieser Doctor Faustus der Sohn armer, jedoch frommer Bauersleute in Sachsen. Noch als kleiner Knabe kam er nach Wittenberg, wo ihn ein Vetter, der keine Leibeserben hatte, an Sohnes Statt annahm, und ihn fleißig zur Schule und zur Kirche hielt. Der junge Faust war auch eines so gelernigen Kopfes, daß er allen seinen Mitschülern den Vorrang ablief. Auf Anrathen seiner Lehrer widmete er sich daher der Gottesgelahrtheit, und er brachte es in dieser Wissenschaft so weit, daß er in öffentlichem Verhöre zehn Magistris obsiegte, weshalb er die Ehre und Würde eines Doctors der Theologie erhielt. Allein, wie gar Vielen geschieht: die Wissenschaft blähte ihn auf; er hatte Gefallen an eitlem Geschwätz und an Fabeln, vor welchen der Apostel warnt; und er vergaß oder erwägte nicht, daß der Anfang der Weisheit die Furcht Gottes sei. Kein Wunder daher, daß die heilige Schrift, die den Einfältigen im Geiste eine Quelle des Trostes ist, ihm bald zur wasserlosen Cisterne geworden, aus welcher er seinen Wissensdurst vergebens zu stillen trachtete. Er legte sie darum mißmuthig bei Seite, und wandte sich zu den weltlichen Wissenschaften, und forschte in den Sternen, in den Kräutern, Metallen und Steinen, in Allem, was die Natur in großen Erscheinungen aufweiset, und an geheimen Kräften verbirgt. Es sagte ihm dies Alles von Tag zu Tag immer mehr zu; denn während sein unsinniger und hoffärtiger Kopf seine Lust hierin fand, entdeckte sein begehrliches Herz zugleich die Mittel, um seine Gelüste zu befriedigen in diesen weltlichen Dingen. – Man lieset in alten Chroniken, daß in denselben Tagen viele Männer, die der Wissenschaften pflegten, auf verderbliche Irrwege gerathen seien, und zuletzt ein jämmerliches Ende gefunden haben. Es war nämlich schon seit langer Zeit das Heidenthum eingedrungen in die Christenheit, und hatte die Wißbegierde feiner Köpfe auf sich gezogen, und ihre Neigung gewonnen. Wahrhaft fromme und verständige Männer ließen sich zwar freilich nicht bethören durch die verführerischen Zeichen der Zeit, sondern sie benützten sie vielmehr gar wohl zu guten und löblichen Zwecken. So jener Albertus, der Große genannt, welcher, die heidnische Wissenschaft mit der christlichen Weisheit versöhnend, die Kräfte der Natur zu erforschen und anzuwenden suchte zur Verherrlichung Gottes und Erbauung der Menschheit. Oder wie Theophrastus Paracelsus, der Meister in den natürlichen Wissenschaften; denn, indem ihm einleuchtete, daß der Mensch, als eine kleine Welt, an das große Weltall gebunden sei, so suchte er auszukundschaften, wie unser sterblicher Theil sich frei erhalten könnte von der Elemente bösen Einflüssen, und sich wieder herstellen möge von Unglück, Krankheit und Siechthum aller Art. Die meisten aber kannten in ihren Forschungen weder Maß noch Ziel; denn in geistlichen Dingen verleitete die einen Hochmuth und Stolz, daß sie mit frevelm Witze Gottes Wort und Kraft eine Deutung und Anwendung gaben, welche den heiligen Ueberlieferungen und den Satzungen der Väter zuwiderliefen; und in den weltlichen Dingen trieb die andern gemeine Begierde und sinnliche Lust an, in die geheimste Werkstätte der Natur einzudringen, und zu erforschen, wie das eitle, gleißende Gold erzeugt werden könne, und der ewig verjüngende Lebenstrank. Ja, einige, wie jener Agrippa von Nettesheim, gingen in ihrer Verblendung und Verruchtheit so weit, daß sie das Wort Gottes und die Kraft des Himmels selbst dazu mißbrauchten, um den Satan, in dessen Macht die Natur seit dem Sündenfalle gegeben ist, zu zwingen, daß er ihnen die Schätze der Unterwelt und der Hölle aufthue. Sie trieben – wovor Gott alle Christenmenschen gnädiglich bewahren wolle! – die schwarze Kunst, die finstern Werke der Zauberei, und ergaben sich, auf daß ihnen der Böse dienstbar sei in der Zeit, der Dienstbarkeit des Bösen in alle Ewigkeit. – Dies war und ist auch die Geschichte von Doctor Faustus, und sie schwebt uns als ein trauriges Exempel vor unsern Augen. Aber weder er, noch die ihm folgen, verdienen Entschuldigung. Denn es steht geschrieben: »Niemand kann zwei Herren dienen.« Und: »Du sollst Gott deinen Herrn nicht versuchen.« Wiederum: »Was nutzt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewänne, aber an seiner Seele Schaden litte?« – »Wer aber des Herrn Willen kennt und nicht thut, der wird zwiefach gezüchtiget werden.«

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