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Ein Volksbüchlein

Ludwig Aurbacher: Ein Volksbüchlein - Kapitel 122
Quellenangabe
typelegend
booktitleEin Volksbüchlein
authorLudwig Aurbacher
year1878
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleEin Volksbüchlein
created20040403
sendergerd.bouillon
modified20171017
firstpub1827/1829
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Zweites Kapitel.

Nach einem wild durchschwärmten Tage kam Doctor Faustus spät, bei finsterer Nacht, in seine einsame Wohnung zurück. Die Bücher mit jenen zauberischen Worten und Zeichen lagen noch aufgeschlagen, wie er sie verlassen hatte. In ihrer Erforschung und Anwendung war ihm das Mittel aufgeschlossen die tiefste und innerste Macht der Natur zu beschwören, daß sie ihm zu Willen sei in Allem, was er zu wissen oder zu thun wünschte. Er stellte sich in stolzer Freiheit zwischen Gott und die Natur; und er entschied. Er sprach:»Ich habe mich eifrig bestrebt, dich zu suchen und zu finden, von Jugend an bis auf diese Tage. Aber je mehr ich dich gesucht, desto weiter hast du dich entfernt; und indem ich dich zu finden, zu halten geglaubt, da hielt und umarmte ich ein Gemächte meines Gehirns und ein Trugbild meines Herzens. Willst du, erhabener Geist, dem Geiste nicht erscheinen, so bleibe mir denn unbekannt und ungeliebt. In Demuth und Glauben naht sich kein Geist dem Geiste, und ich bin dir gleich.« Nach diesen Worten frechen Uebermuthes hinterlegte er die Bibel in die hinterste Ecke seiner Bücherei, und er nahm das Zauberbuch Zoroasters hervor. Ein geheimer Schauder durchzuckte ihn, als ob die Seele sich losreißen wollte von der Seele. Er aber verharrte in seinem Frevelmuthe, und sprach: »Nein! ich will nicht länger mich peinlichen Täuschungen hingeben. Was frommen mir jene Verheißungen, die mich auf eine Zeit getrösten, wo ich nicht mehr bin? Ich will leben, so lange ich lebe; und die Welt, die meine Behausung ist, sie sei mir auch eine Wohnung der Lust und der Freude. Alles Angenehme, was mein Fleisch begehrt, alles Schöne, was meine Sinne verlangen, Alles, was das kurze Leben sich wünschen mag an Schätzen, an Ehre und Macht, das sei mein Antheil fürderhin.« Er schloß das Zauberbuch jenes Magiers auf, und sagte: »Hier, in diesen geheimnißvollen Blättern wird mir ein anderes Reich aufgethan, als jenes erträumte; und der Fürst der Welt, auf den mich dieses Wort anweiset, er stellt seine Gewalt unter die Macht meines Willens; und, um mich mit seiner Nothwendigkeit zu beglücken, verlangt er kein anderes Opfer, als meine arme, unmächtige Freiheit.« – Alsbald verließ Doctor Faustus seine Wohnung und ging ins Freie; hier zog er auf einem Kreuzwege die Zauberkreise, und bereitete Alles zum furchtbaren Höllenzwange. – Indem er noch mit dem Werke der Finsterniß beschäftigt war, schlug die Mitternachtsstunde. Es ertönten die Glocken zur Ostermette, und aus dem Munde der versammelten Christengemeinde erscholl weithin der fröhliche Ostergesang: »Christ ist erstanden,« und in die Herzen von Tausenden fiel erquicklich der Himmelsthau der Freude ob der vollendeten Erlösung und der Hoffnung auf eine lohnende Unsterblichkeit. – Doctor Faustus vernahm von allem dem nichts, was außerhalb seiner Zauberkreise vorging. Einzelne Töne schlugen wol an sein betäubtes Ohr, aber sie klangen wie Töne einer gespalteten Krystallglocke, wie die verlorenen Seufzer einer verlassenen Braut, wie das letzte Gewimmer einer gemordeten Unschuld. – Nun that er seine fürchterliche Beschwörung, wobei er Gottes heiligen Namen selbst mißbrauchte: und alsbald erschien ihm, unter Sturmgebrause und der Elemente Aufruhr, der Fürst der Welt, gräulichen Ansehens, der ihm versprach, er wolle ihm einen seiner Knechte senden, daß derselbe einen Pact mit ihm abschließen, und ihm, Fausto, sodann zu Diensten stehen solle auf Leben lang. Das ist denn auch geschehen. Denn als Doctor Faustus in seiner Wohnung angekommen, meldete sich alsogleich der dienstbare Geist, der sich Mephistopheles nannte, und er schlug ihm einen Pact vor, des Inhalts: »Faustus solle versprechen und schwören, daß er sein, des Geistes, eigen sein wolle, und daß er solches zu mehrerer Bekräftigung mit seinem eigenen Blute gegen ihn verschreiben solle; dagegen wolle der Geist ihm, Fausto, vierundzwanzig Jahre zum Ziel setzen, und er sollte inzwischen alles das haben, was sein Herz gelüstete und begehrte; nach Verlauf jener Zeit aber solle er der Gewalt des Satans verfallen sein.« Doctor Faustus willigte sofort ein, und schickte sich sogleich an, eine Ader in der linken Hand zu öffnen. Da däuchte es ihm, als sehe er eine Schrift eingegraben, mit blutrothen Buchstaben: Homo fuge, das ist: Mensch, fliehe! Aber Faustus kehrte sich nicht daran, sondern schrieb den Pact nieder, und unterzeichnete zuletzt mit eigenem Blute: Johannes Faustus.

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