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Ein Volksbüchlein

Ludwig Aurbacher: Ein Volksbüchlein - Kapitel 121
Quellenangabe
typelegend
booktitleEin Volksbüchlein
authorLudwig Aurbacher
year1878
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleEin Volksbüchlein
created20040403
sendergerd.bouillon
modified20171017
firstpub1827/1829
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Ein Volksbüchlein.
Zweiter Theil

Titelblatt2


I.
Geschichte des Doctor Faustus.

Erstes Kapitel.

Es war Samstag in der stillen Woche. Die Gläubigen rüsteten sich, bei Arbeit und Gebet, in wehmüthigem Rückblick auf des Erlösers Tod, und in sehnsüchtigem Hinblick auf dessen Urstände, zum kommenden Feste, zu den fröhlichen Ostern. – Indessen saß zu Hause in seiner Arbeitsstube Doctor Faustus zu Wittenberg, in schwermütigen Gedanken versunken. Die heilige Woche, die Gnadenzeit, hatte er auf eine unheilige Weise zugebracht. Statt frommen Betrachtungen und andern Geistesübungen obzuliegen, vertiefte er sich in weltlichen Büchern und Dingen, und brütete über zauberischen Worten und Zeichen. Zerfallen mit seinem Gott, dem Schöpfer und Erlöser, wandte er sich an die Natur und an den Fürsten dieser Welt, der ihn mit dem alten Lockworte: »Ihr werdet sein, wie die Götter,« ganz und gar bezaubert hielt. In dieser Verblendung, ohne Beicht und Buße, hatte er sich von dem Liebesmahle der Christen, und sohin von der christlichen Gemeinde selbst ausgeschlossen. Und der Tag der Erinnerung an den Versöhnungstod des Gottmenschen, er war in seiner Seele vorübergegangen, wie eine gespenstige Erscheinung, die nur Grauen erregt und Entsetzen. So traf ihn der stille Sabbathstag über seinen Büchern, in deren Erforschung er Ruhe und Heil zu finden hoffte. Aber bald verwirrten die Zauberformeln seine Sinne; das Bewußtsein seiner schweren Schuld umnachtete wieder die Seele; es litt ihn nicht mehr in der engen dumpfen Stube. Er raffte sich auf, und eilte fort, auf das Feld, in den Wald. Die Luft wehte erquicklich; der Himmel prangte im schönsten Blau. Lerchen jubilirten in den freien, frischen Lüften; Rehe scherzten im blühenden Gesträuche; Fischlein schwammen gar wohlig im nassen Grunde; die ganze Natur feierte ihre Hochzeit, den Lenz. Inmitten dieser Freudigkeit, die alle Creaturen durchdrang, fühlte sich Faustus allein trost- und freudenleer. Wenn er aufschaute zum Himmel, so sah er nur seine Sündhaftigkeit und Verworfenheit; und wenn er um sich schaute, so gewahrte er nur seine Armuth und seine Verlassenheit. Er seufzte tief auf, und sprach: Armes Menschenkind! wie klein, wie schwächlich und ärmlich bist du, der sich den Herrn der Welt nennt, gegen diese Welt selbst und gegen Jegliches, was sie beschließt und hervorbringt! Sicher ruhet des Himmels Veste auf dem ewigen Grunde. Ungehemmten Laufes ziehen die Gestirne herauf und hinab, und kehren wieder zu ihrer Stunde. Wolken entstehen und vergehen in immer wechselnden und immer neuen Gestalten. Die Berge wurzeln unerschütterlich in den Tiefen der Erde, und die Flüsse finden ihre Bahn in die Länder hinaus. Die Sperlinge haben ihr Futter, und die jungen Raben ihre Aetzung. Die Lilien, sie nähen, sie weben nicht, und doch prangen sie schöner in ihrem Kleide, als der König auf seinem Throne. Nur du, o Mensch, bist verwahrloset, verkürzt in Allem, was du wünschest, was du bedarfst. Nackt und bloß kommst du in die Welt, und zermartert und gebrochen sinkst du in die Grube. Das Wild des Waldes hat mehr Freiheit und Freude, und der Wurm, der getretene, weniger Schmerz, als du. Dein Leben ist kein Leben; es ist nur ein kümmerliches Dasein. Das Brod, das du genießest. trieft vom Schweiße deines Angesichtes, und der Trank, der dich erquicken soll, er ist getrübt von den Thränen des Jammers. Was du besitzest, ist ein Darlehen der Natur; ein Darlehen, das du ihr gewaltsam entreißen oder listig entwenden mußt. So bist du, armes Menschenkind, auf deine eigene Unmacht angewiesen, und dein Elend ist um so größer, da du es so ganz fühlen und erkennen magst mit deinem Geiste. Denn dieser dein Geist, welchen Ersatz bietet er dir für das, was du vermissest, gegen die Geschöpfe, die du vernunftlos nennest? Eine Freiheit, welche dir deine Gebundenheit erst recht fühlbar macht; eine Vernunft, die dich mit ewigen Zweifeln peiniget und mit unauflösbaren Räthseln abmühet; eine Sehnsucht, die nie befriedigt wird; eine Hoffnung, wofür keine Bürgschaft gegeben ist; eine Liebe, die keinen Gegenstand findet, der würdig genug wäre, zu empfangen, und kräftig genug, um nach Verdienst zu erwiedern. Unglücklicher! wer du immer Mensch heißest! Armseliges Kind der Wüste, das der Vater verstoßen und die Mutter nicht aufgenommen hat!« – Also klagte und frevelte der verblendete Faustus. Und wie einer, der an Rettung verzweifelt, gegen seine eigenen Eingeweide wüthet, und sein Leben zerstört, nur um des Lebens unerträgliche Qual zu enden, so zermarterte er mit grausamer Lust seine Seele mit finstern, der Hölle entstiegenen Gedanken.

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