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Ein Volksbüchlein

Ludwig Aurbacher: Ein Volksbüchlein - Kapitel 120
Quellenangabe
typelegend
booktitleEin Volksbüchlein
authorLudwig Aurbacher
year1878
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleEin Volksbüchlein
created20040403
sendergerd.bouillon
modified20171017
firstpub1827/1829
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3. Bemerkungen zu den Abenteuern der sieben Schwaben.

Die Geschichte von den sieben Schwaben, welche zusammt mit einem Spieß auf einen Hasen losgehen, hat seit undenklichen Zeiten in ganz Deutschland eine Berühmtheit bekommen, wie kaum eine andere Sage. Das drollige Abenteuer ging nicht nur im Gedächtniß des Volkes, von Mund zu Mund bis auf unsere Zeiten herauf, Das, unsers Wissens älteste, hieher bezügliche, schriftliche Document steht in Wilhelm Kirchhof's Wendunmuth, d. i. 550 züchtige Historien. Frankf. 1589. – Den Schwank hat auch die Volkspoesie unter ihre Possenspiele aufgenommen. Siehe »Des Knaben Wunderhorn« Th. II. S. 445. sondern es wurde auch durch die Schrift, den Pinsel und den Grabstichel Das Gemälde auf dem Anger zu München, dessen in unserer Geschichte Meldung geschieht, datirt sich v. J. 1674. – Eines Holzschnittes v. J. 1688 erwähnt von der Hagen in seinem »Narrenbuch« S. 494. vielfältig dargestellt, und gleichsam verewigt. Ja, ich wüßte kein ähnliches Abenteuer, das eine so poetische und philosophische Bedeutung unter uns erhalten hätte, als der Kampf des ehrlichen Ritters aus der Mancha gegen die Windmühlen; wie denn (um nur Ein Beispiel der Art anzuführen) selbst der tiefsinnige Hamann Gelegenheit fand, in einem Briefe an Fr. H. Jacobi diese Sage unter seine divertissements philosophiques einzumengen.

Die Veranlassung zu dieser Erdichtung – denn dafür müssen wir sie doch gelten lassen – mag, wie bei ähnlichen Fällen, in dem Charakter des Volkes selbst zu suchen sein. Die Männlichkeit der Schwaben einerseits, anderseits ihre Treuherzigkeit mochten wol irgend einem »Fatzvogel« den Einfall gegeben haben, das Uebermaß der erstern, den Hang zu eiteln Abenteuern, und den Schein der letztern, einen guten Grad von Verstandesbeschränktheit, dem Spotte preis zu geben, und den Ruhm der tapfern und ehrlichen Schwaben dadurch zu läutern und zu reinigen, daß er nicht in Eitelkeit ausarte Ueber den Muth und die Tapferkeit der Schwaben war von jeher, im Ernste, nur Eine Meinung unter ihren deutschen Genossen. Es ist bekannt, daß sie von Alters her das Recht besaßen und ehrenfest behaupteten, in den Schlachten des deutschen Reiches den Kampfreihen zu eröffnen; und noch bei der Krönung Friedrichs des Dritten zu Rom übten sie dies ihr altes Recht aus, die St. Georgs-Fahne voraus tragend ( Epitome laudum Suevorum bei Goldast). – Aber auch sonst galten die Schwaben als faustgerechte und kampffertige Männer. Johann Agricola nennt sie irgendwo »Raufbolde und große Hansen, als die nahe bei der Schweiz wohnen.« Auch von ihrer Weisheit und Wissenschaft muß man schon zu jenen Zeiten große Meinung gehabt haben. Sebastian Franck sagt von ihnen: »Die hungrigen und dürre Schwaben, und die nüchternen Itali und Saraceni sind subtil und hohe Künstler in allen Künsten, und nit die vollen matten Wein- und Bierzapfen.« Und anderswo: »Das hungrig Schwabenland, item das arbeitselig Niderland gibt mehr Künstler dann alle volle Lande und Leute.« (Sprüchwörter, Frankf. 1601 pag. 210 u. 216). – Wie Schwaben damals als »Hungerland« gelten mochte, ist schwer zusammen zu reimen mit jener Stelle aus »Reineke Fuchs« VI. Gesang (nach Goethe'scher Uebersetzung):

Laßt uns nach Schwaben entfliehn! – –
–       –       –       Hilf Himmel! es findet
Süße Speise sich da und alles Guten die Fülle!
. Ja, wenn man den Ursprung und die Fortleitung ähnlicher Geschichten von sogenannten Schwabenstreichen bedenkt, so kann man sogar mit der größten Wahrscheinlichkeit muthmaßen, daß diese Sage auf schwäbischem Boden selbst gewachsen, und ursprünglich vielleicht nur irgend einer Gemeinde oder einem Gau zum Trutz erdacht worden sei. So viel ist gewiß, daß noch im Verlauf des vorigen Jahrhunderts, der beliebte schwäbische Volksdichter Sebastian Sailer S. dessen »Schriften im schwäbischen Dialekte;« gesammelt und mit einer Vorrede versehen von Sixt Bachmann. Buchau 1819. , nicht nur diese, sondern auch andere, den Muth und Verstand seines Volkes eben nicht besonders rühmende Sagen zur Ergötzlichkeit seiner eignen Landsleute dichterisch (in seiner Art) bearbeitete und zum Theil in Druck ausgehen ließ Eine andere Bearbeitung dieser Sage, in gereimten Versen, erschien im Jahre 1763 zu Nördlingen, unter dem Titel: »Heldenmäßige und weltberühmte Haasenjagd der sieben ehrlichen Schwaben, beschrieben von einem unwürdigen Landsmann schwäbischer Nation.« (1 Bog. in 8"). Am Schlusse heißt es:
Willst wissen, wer ich sei,
Ein Schwab bin aus dem Ries,
Mein Nam steht auch hierbei,
Ich schreib mich Riamgis.
. Diese Erscheinung kann wenigstens demjenigen nicht auffallend sein, welcher weiß, daß gerade ein Volk, wie ein Individuum, welches der eigenen Tüchtigkeit und Würdigkeit sich ganz bewußt ist, am wenigsten Anstand nimmt, sich selbst gutmüthigem Spotte preis zu geben, während der, dessen Tugend und Einsicht von zweideutiger Art ist, mit Eifersucht für die Ehre bis auf den kleinsten Punkt wacht, und leicht in seiner Eitelkeit verletzt werden kann.

Für jeden Fall ist diese Sage von einer sinnvollen Bedeutung und einer sehr ergötzlichen Art, so daß es wol der Mühe lohnte, wenn der Herausgeber die Spur derselben nach allen Seiten hin verfolgte, und, was er in schriftlichen Denkmalen davon fand, oder in mündlichen Ueberlieferungen vernahm, aufzeichnete. Da ward es ihm aber bald wahrscheinlich, daß jene Thatsache nicht so isolirt dastehen könne, sondern wol nur die Haupthandlung in einer Reihe von Abenteuern bilde. Diese Muthmaßung rechtfertigte sich schon dadurch, daß die sieben Helden, wie sie gewöhnlich nach ihren Spitznamen bezeichnet werden, aus verschiedenen Gegenden Schwabenlands zusammen kommen, das wol erst nach langen Umschweifen, vorgängigen Einleitungen und gelegentlichen Zwischenakten geschehen mochte. Sodann dichtet die mündliche Volkssage wirklich den sieben Schwaben noch so manches andere Abenteuer an, z. B. wie sie durch das blaue Meer schwimmen, u. A. Auch ist jene Handlung selbst possirlich großartig genug, daß sich gar noch viele andere an sie anknüpfen lassen, ohne ihrer Originalität und ihrer äußern und innern Bedeutsamkeit Schaden zu thun.

Die Hoffnung, einen solchen Fund zu machen, war freilich gering; wenigstens mußte auf die Meinung Verzicht gethan werden, daß irgend einmal ein solches Volksbuch vorhanden gewesen sei, da selbst Görres in seiner Literaturgeschichte »deutscher Volksbücher« davon nicht eine Silbe Meldung thut. Der Zufall war jedoch günstig. Es fand sich unter vielen andern Manuscripten unbedeutenden Inhalts, welche wahrscheinlich aus irgend einer aufgelösten schwäbischen Reichsabtei in die dritte und vierte Hand gekommen waren, ein Manuscript vor, des Titels und Inhalts, wie es nun dem geehrten Leser gedruckt vorliegt.

Leider ist aber die Handschrift, wie sie auf uns gekommen, unvollständig, und die Geschichte bleibt daher so lange mangelhaft, bis der Zufall etwa ein anderes Exemplar dem Herausgeber in die Hände spielt Den weitern Nachforschungen des Herausgebers seit dem Jahre 1827, wo die erste Auflage des »Volksbüchleins« erschien, ist es wirklich gelungen, ein anderes, dem Anschein nach vollständiges Exemplar dieser abenteuerlichen Geschichte zu entdecken; und es wurde nach diesem Texte bereits i. J. 1832 eine »Ausgabe zunächst für Kunstfreunde« mit zehn lithographirten Abbildungen, nach Zeichnungen von J. Fellner, veranstaltet. Seit der Zeit – wie es den emsigen Forschern zu geschehen pflegt – haben sich noch Fragmente eines dritten Exemplars vorgefunden; und wir entsagen nicht aller Hoffnung zu fernern Entdeckungen, die wir denn zu seiner Zeit mitzutheilen nicht ermangeln werden.

. Auch, scheint es, ist das Manuscript aus einer neuern Zeit, die Copie einer andern fehlerhaften Copie, und man bemerkt beinahe auf jeder Seite Spuren einer modernen Ueberarbeitung in der Wahl der Wörter und in der Folge der Sätze Ueberhaupt scheint es, daß diese Geschichte zu verschiedenen Zeiten mit Zusätzen vermehrt worden sei. Gewiß ist, daß der Eingang zum Kap. S. 149 unsers Volksbuches eine Anspielung ist auf ein historisches Factum, das sich zur Zeit des dreißigjährigen Krieges begeben hat. Die Geschichte, worauf der Scherz hindeutet, ist diese: Das Städtchen Mindelheim, das Dominium der Freundsberge, wurde im Schwedenkriege einstmals von einem schwedischen Detachement heimgesucht. Es rückte an einem nebeligen Morgen, unbeachtet, bis an das Thor, und die zwei Bürger, welche Wache hielten, wurden sogleich niedergestoßen. Da die Feinde jedoch keine Bewegung im Städtchen sahen, so befürchteten sie einen Hinterhalt, und begaben sich wieder unverrichteter Dinge von dannen. Nur ein einziger Schwede wagte es und eilte in die Stadt, um sich bei dem nächsten Bäckerladen mit Proviant zu versehen. – Um dieses unbedeutenden Umstandes willen werden die wackern Städter noch heut zu Tage, mit einer Variante, von ihren lieben Landsleuten geneckt. . Dessen ungeachtet, und obgleich diese volkstümliche Sage in diesem unvollkommenen Gestalt für die Wissenschaft der Sprache und für die Geschichte der Sitten nur einen sehr untergeordneten Werth haben mag: so hielt man die Bekanntmachung derselben doch ihres hohen Alters und ihrer unstreitbaren Aechtheit wegen auch aus sonstigen Gründen für nützlich und verdienstlich.

An und für sich schon müssen gute Volksbücher – die es in der That, nicht blos dem Namen nach sind – als willkommene Gaben geachtet werden, und gerade solche am meisten, welche die Ergötzung der ehrbaren Menge, und nichts als Ergötzung zum Zwecke haben. Alle Welt sammelt und schreibt für den Müßiggang der sogenannten höhern, gebildeten Stände, und sucht ihnen die lange Weile, welche ihnen übrig bleibt zwischen ihren vielen andern Vergnügungen, durch allerlei kurzweilige Schriften zu vertreiben. Nur die größte, ehrwürdigste Classe von Menschen geht bei dem jährlichen Leipziger Markte leer aus an vergnüglichen Dingen; denn was dem gemeinen Manne sonst geboten wird an Moralien und landwirthschaftlichen Katechismen, das ist wol nicht geeignet, sein Gemüth zu erheitern, und ihn, durch Ausruhen seines Geistes von Sorgen und Gedanken aller Art, tüchtig zu machen zu freudiger Handanlegung an sein Werk. Mancher Volksfreund glaubt viel, ja alles gethan zu haben, wenn er Lehren gibt und nichts als Lehren; er bedenkt aber nicht, daß die Bildung des Menschen ebenfalls eine Art von Dreifelderwirthschaft sein solle, und daß der Geist manche Zeit mitunter brach liegen müsse, auf daß er Kraft gewinne, wiederum Samen aufzunehmen und Früchte zu tragen.

Von einer ächten Volksgeschichte, die diesen Nutzen, nämlich Vergnügen, hervorbringen soll, darf man darum auch nichts anders fordern, als daß es eine »lustige oder doch anmuthige Historie« sei, ohne alle Moralien und Nutzanwendungen. Die tiefere Bedeutung zu erforschen, welche gemeiniglich solchen Erzählungen mit oder ohne Bewußtsein des Verfassers zu Grunde liegt, ist zwar lediglich nur Aufgabe für den müßigen Gelehrtenwitz; eine Ahnung desselben entgeht aber wol auch dem gesunden Menschenverstand des gemeinen Mannes nicht, obwol er es nicht in deutliche Begriffe zu fassen oder in Worten auszudrücken vermag. Ueberhaupt abstrahirt ein ächtes Volksbuch, wie die ächte Poesie, zunächst von allem Stoffe, und will nur durch seine Form gefallen. Darum kann man ihm auch nicht gewisse Unanständigkeiten zum Vorwurfe machen, die es eben nur in Beziehung auf die sogenannten gebildeten Classen sind, und den Geschmack des gemeinen Mannes nicht im fernsten beleidigen. Unanständig sind nur, hier wie überall, die Unsittlichkeiten, wohin eben nicht blos die Zoten zu rechnen sind, sondern überhaupt alles und noch mehr, was das jedem Menschen eingeborne Gefühl für Unschuld, Recht und Wahrheit beleidiget. Die Sitten- und Splitterrichter, welche ein so hartes Urtheil über so manches Volksbuch ergehen lassen, mögen daher lieber den nächsten besten moralischen Roman vornehmen, und daran ihren kritischen Scharfsinn versuchen, um unter der sehr decenten Form das wahrhaft Verderbliche, Unmoralische in Gesinnung und Handlung auszuspüren, was in solchen Büchern »für Gebildete« verborgen liegt. Ich wenigstens kenne z. B. keine so gemeine Gaunergeschichte (von Eulenspiegel und den Schildbürgern zu schweigen), welche so unsittlich wäre, wie so manche hochgepriesene Schicksals-Tragödie der neuesten Zeit.

Daß die vorliegende Geschichte der sieben Schwaben von aller Unsittlichkeit der Art frei ist, kann ihr, als Poesie, natürlich zu keinem Vorzug gereichen. Indessen wird man ihr, so weit bei ihrer Unvollständigkeit ein Urtheil möglich ist, doch auch nicht allen dichterischen Werth absprechen können. Der Anfang und der Schluß wenigstens ist nach einer wahrhaft epischen Form angelegt; und wenn die folgenden Reiseabenteuer mit der Haupthandlung selbst in keinem oder doch nur entfernten Zusammenhang stehen, so dienen sie wenigstens zur Entwickelung der verschiedenen Charaktere, und gewinnen wol auch dadurch einigermaßen Zusammenhalt, daß sie theilweise mit der Prophezeiung der Zigeunerin in Einklang treten. Abgesehen aber auch von allem poetischen Charakter, dürfte diese Geschichte, in ihrer anspruchlosen Einfalt, immerhin noch Reiz genug haben, für das Volk und jene, die des Volkes Sitte kennen und lieben. Sie empfiehlt sich schon, unsers Bedünkens, durch die gutmüthige Laune, die im Ganzen herrscht, und die nicht nur uns mit den sieben Schwaben, sondern auch die Landsleute der Sieben selbst mit dem Dichter aussöhnen möchte. In der That, wenn man die grundehrlichen Menschen auf ihrer Wanderung so allgemach verfolgt, und ihre Gesinnungen und Handlungen vor sich so nackt ausbreiten sieht, so bekommt man beinahe Lust, von der Partie zu sein, und das drollige Abenteuer mit ihnen zu bestehen. Sodann versöhnet mit der Schalkheit, die in der Sage liegt, so mancher gutmüthige, ja edle Zug in dem Charakter der Gesellen; und wenn einerseits der Spiegelschwab das, dem Schwaben inwohnende Princip der Klugheit sehr wohl repräsentirt, so kann der Thersites unter den Helden, der Nestelschwab, dessen Herkunft, nach der Sage, unbekannt ist, füglich als der Repräsentant der Dummheit unter den andern Deutschen gelten, und ihnen, falls sie sich ihrer Gescheitheit zu sehr rühmen, diese Personnage vorgerückt werden. Denn Gott verhüte, daß das Necken unter den deutschen Landsleuten abkomme; es wäre dies ein übles Anzeichen, daß auch das Lieben unter ihnen abgekommen sei.

Es sei erlaubt, noch auf einen Umstand aufmerksam zu machen, welcher dem Sprachliebhaber von einiger Wichtigkeit sein dürfte. Das Buch ist, möchte man sagen, in einem schwäbischen Hochdeutsch geschrieben, das heißt, in der Art und Weise, wie ein Schwabe, der sich gewöhnlich des Hochdeutschen bedient, inmitten seiner Landsleute mitunter eine provinzielle Form unter die hochdeutsche einmengt, was nicht nur für das, einigermaßen daran gewohnte Ohr sehr gut läßt, sondern auch dem Gemüthe wohl thut, welchem das Einheimische, wo es sich nur findet, lieb und werth ist. Darum hielt es der Herausgeber für seine Pflicht, in dieser, wie in jeder andern Hinsicht, gewissenhaft zu verfahren, und das Buch seiner Materie und Form nach so zu lassen, wie er es gefunden. Der Sprachliebhaber, denken wir, wird so manches schöne, bedeutsame Wort finden, von dem er wünschen möchte, daß es ins Schriftdeutsche übertragen würde, welches oft gar arm ist, besonders an solchen Ausdrücken, die zur Bezeichnung gemeiner Gegenstände und niedrig komischer Zustände erforderlich sind. Wenigstens nehmen sich gar viele dieser Wörter in dem Zusammenhang der Rede, und auf dem Rasen, wo sie gewachsen, ungleich schöner und lebendiger aus, als wenn man sie nur, mit Stumpf und Stiel ausgerissen, in den Herbarien gelehrter Sammler kennen lernt.

Zum Schlusse wollen wir hier noch ein, von uns erst jüngsthin entdecktes, wichtiges Document mittheilen. Es fand sich unter dem hinterlassenen Trödel eines geistlichen Herrn als Handschrift vor, die zwar selbst, den Charakteren nach, dem ersten Viertel des vorigen Jahrhunderts anzugehören scheint, aber zugleich durch den Beisatz am Schlusse »ex antiquo Mscr.« das höhere Alter des Gedichts bekundet. Denn Gedicht müssen wir doch wol dieses opus nennen, nicht nur weil es in zierlichen lateinischen Hexametern abgefaßt ist, sondern noch mehr wegen dessen wahrhaft epischer Anlage und Ausführung. Den Namen des Verfassers auszumitteln, wird wol unmöglich sein; daß er aber ein Schwabe gewesen, steht außer Zweifel; es ergibt sich dies aus der Tendenz des Gedichtes, das als eine förmliche Ehrenrettung der sieben Schwaben und ihres heldenmüthig bestandenen Straußes gelten mag, und darum der Mittheilung werth ist.

Septem Suevorum bellum cum lepore gestum.

        Insignes Suevorum animos et proelia campis
Teutonicis commissa cano, celebremque triumphum,
Quem dederat Suevis leporum devicta propago,
Carminibus celebrare meis mens conscia gestit.
Alma Diana! fave coeptis, quia proxima sylvis
Arva rei seriem proponent: dexter adesto
Tuque, Gradive Pater, dum fortia proelia canto.

Forte per apricos timidus spatiatus agellos
Gramina carpebat nunquam ante lepusculus oris
Teutonicis visus. Pecus est, si corpora spectes,
Exiguum: huic celeresque pedes et dentis acuti
Ordo stat, ore minax, bifidum os, oculique micantes
Ingentes pandunt orbes, tum barba colorque
Glaucus et Arcadio nil concessurus Asello,
Auribus erectis hostes formidine complet.
Talis erat: sic ille oculos, sic ora pedesque,
Sic aures dentesque illi, sic caetera membra.

Vix ita Germanis timidus lepus appulit oris,
Extimuere omnes, gentem nova cura fatigat
Sollicitam; pars una trucem putat esse leonem,
Acturum praedas pecorique hominique nocivas;
Pars timet una ferum Lybico superesse Draconem;
Ex antro Herculeam credit pars sanior Hydram.
Ergo omnes commune malum communibus armis
Propulsare student, totamque in proelia gentem
Accersunt et adesse jubent juvenesque senesque,
Quos illic vel Rhenus alit, vel parte sinistra
Moenus et Albis habet, rapidi quos Savus et Ister,
Quos Lycus aut Ilarus nutrit. Mox Francones omnes
Westphaliaeque viri, Saxo, Helvetus, Alsata, Bojus,
Austriadumque chorus properat, strumosa Tyrolis
Arma virosque suos legat, mox Suevia mittit
Algoios Lyciosque feros, et Norica pubem
Terra suam, Nicarusque suam Tubarusque ministrat;
Convolat ex nigris fere tota Hercynia sylvis.
Ingens turba virum concordi in proelia mente
Se parat, et variis leporem oppugnare sagittis
Quisque studet, patriaeque petit reparare decorem.

Jam prope funestis turba innumerabilis agris
Constitit, arma micant, jaculis, sudibusque praeustis
Bella parant, altisque animos hortatibus augent.
At lepus, interea generoso percitus oestro,
Nunc quatit arva pede, et nunc ambas arrigit aures.
Mox oculis, mox ore minas intentat et ungues.
Jactatis mox Franco armis velocior Euro
Aufugit et timidis implens clamoribus auram:
Huc, ait, huc socii, me saeva pericula terrent;
Qua, data porta, sequi jubes — mors certa manenti est!
Praevius ibo prior, ne vos discrimina mortis
Tanta premant. Fugite! Oh, est alea plena periclis!
Westphalus arma jacit trepidus, certamque salutem
Franconis exemplo pedibus vestigat anhelis:
Anxius, ah pernas! pernas, inclamat, edaces
Huc date nam miserum cruciaverat ardor edendi
Et furibunda fames. Sequitur dein Alsata, panem
Esuriens, vitaeque timens, vineta petebat.
Helvetus ad vaccas, stimulatus amore mamillae,
Pergit et esse domi, nolensque volensque coactus,
(Patrius arsit amor) vaccarum jam ubera mulget.
Cocta Ceres lupulo placuit Saxo tibi! Suillam
Esuriens Bavarus, formidine captus uterque
Terga dat. Austriacum gelidus tremor opprimit, atque
Accelerare fugam reliquos jubet: horridus illi
Marcescit cruor in venis! flascone rigentem
Conatur revocare animum, quem terror ademit.
Struma Tyrolenses, morsu ne forte periret,
Quem daret auritus mordace lepusculus ore,
Sollicitos fecit, timidique recessibus altis
Montanisque jugis cupidi se condere, jactant
Sarcinulas collo carnosas. Sola timorem
Exemit fuga, sola manet generosa juventus
Suevorumque senes: et septem ex omnibus aptos
Elegere viros, queis texerat ocrea flavas
Firma suras: caligis sunt visa ex ordine pulchro
Dependere suis formosa ligamina nodis.
Corpore proceros major sed corpore virtus
Dicitur exornasse viros, laudisque cupido
Arma dedit, jaculoque manus instruxit acuto.
Tum reliquos inter barba senioque decorus
Dextra hastam quatiens Jaculus (sic nomen habebat)
Alloquitur socios: Animoso Marte premamus
Invisum terris monstrum! tu praevius ito
Veitle, sequar propiore gradu: tu proximus esto
Michel (sic proprio compellat nomine quemque),
Vosque alii unanimes generosum claudite coetum;
Alter ego Alcides Hydra mucrone necata
Nobile depulso referam super hoste tropaeum.
Dixit et audaci nisu conversus in hostem
Praetendit manibus jaculum, vulnusque minatur.
Conclamant omnes avidi certare: Petamus
Has partes, Has, has:! Subitis terroribus actus
Parvulus exsiliit timidus lepusculus, atque
Saltu agili nemora alta petit quaeritque salutem.
Insequitur generosa cohors, impune volantem
Per sylvas leporem, tandemque labore peracto
Atque fatigati reduces risere vicinos,
Queis animos confregit iners vecordia. Franco
Erubuit, fremuêre alii, queis pectora livor
Exitiale furens rosit: victoria Suevos
Nobilitat! semper generosa propago triumphat.

Eja age, Suevigenas quisquis colis accola terras,
Admirare viros, animosaque facta per orbem
Decanta. Aeterno scribatur marmore dignum:
Suevia nobilium genitrix est sola virorum!


Ende des ersten Theils.

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