Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ludwig Aurbacher >

Ein Volksbüchlein

Ludwig Aurbacher: Ein Volksbüchlein - Kapitel 119
Quellenangabe
typelegend
booktitleEin Volksbüchlein
authorLudwig Aurbacher
year1878
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleEin Volksbüchlein
created20040403
sendergerd.bouillon
modified20171017
firstpub1827/1829
Schließen

Navigation:

2. Bemerkungen zu den erbaulichen und ergötzlichen Historien.

»Der gemeine Mann fordert auch seine Schriftsteller, und zwar solche, die sich seinen Vorurtheilen bequemen,« sagt J. G. Hamann (sämmtliche Werke Th. III. S. 103). Die Worte des nordischen Magus sind bekanntlich geflügelte Pfeile, die tief eindringen in Herz und Haupt, so daß man ihrer nicht mehr so leicht los wird. Seine Sprüche haben die geheimnißvolle Kraft und Tiefe der Orakelsprüche; sie erregen eben so sehr das Gelüste des Gemüthes, als sie die Thätigkeit des Verstandes in Anspruch nehmen. – Ich beschloß sogleich, ein Volksschriftsteller zu werden. Denn – sprach ich zu mir selbst und glaubte mir sehr – es gibt Bücher, die ich zu schreiben im Stande bin; und ein Volksbuch kann Niemand schreiben, als – meinesgleichen.

Indem ich nun aber des Hamannschen Satzes zweiten Satz näher ins Auge faßte, fand ich ihn je dunkler und zweifelhafter, als ich ihn genauer erwog und tiefer in ihn einzudringen versuchte. »Er, der Volksschriftsteller, soll sich den Vorurtheilen des gemeinen Mannes bequemen?« Das ist ja, dachte ich, eine esoterische und wahrhaft ketzerische Lehre, – in theoria und in in praxi gleich verdammlich und verderblich. Ich schlug sämmtliche Pädagogiken des aufklärenden und aufgeklärten Jahrhunderts nach, und ich traf in allen das Kapitel de exstirpandis praejudiciis als einen stehenden Artikel. Ich durchblätterte nochmal, im Geiste, die beliebtesten Volksschriften; ich fand darin wol seiten- und bogenlange Steppen, aber kein einziges, noch so winziges oder auch unschuldiges Unkräutlein der Art. Bei solchen Widersprüchen, was soll da der Mensch denken? Ohne Zweifel nichts, sondern lediglich dem Zuge seines Herzens folgen. Ich liebte den Mann sehr, darum glaubte ich ihm. Vielleicht, dachte ich hinterher, vielleicht hat der Magus auch hierin, wie in so vielen andern Dingen, Recht gehabt gegen sein Jahrhundert. Kurz, der Autoritätsglaube hob mich auch über diesen Stein des Anstoßes hinweg Allein, wie es bei tiefsinnigen Forschungen zu geschehen pflegt – es ergab sich sogleich ein anderer, noch größerer Anstand. Ich, der Volksschriftsteller, soll mich also den Vorurtheilen des »gemeinen Mannes« bequemen! Recht! Wie aber, wenn nun der »gemeine Mann«, der Mann unserer Zeit, keine Vorurtheile mehr hätte, denen man sich bequemen könnte? Die Zeiten sind vorbei, wo Hexen und Gespenster, Träume, Zeichen und Anmeldungen, hundert andere Dinge unter dem gemeinen Volke als patentisirte Glaubensobjecte galten, und welche folglich dem Volksschriftsteller zu seinen Dichtungen und Täuschungen willkommenen Stoff boten. In unsern Tagen aber, wer glaubt noch an solche Alfanzereien? Nicht einmal ein Kind, geschweige ein Mann, höchstens nur hie und da alte Weiber, die aber, als »weise Frauen«, eben ein Volksbuch nicht lesen mögen. Woher also, bei solchen aufgeklärten Aspecten, das Element des Aberglaubens holen? wie sich den Vorurteilen bequemen, wo überall keine sind? So fragte ich den Autor, und – beschwor ihn. Der Magus erschien, im bekannten Negligé, mit der Schlafmütze auf dem Haupte, und in buntgestreiftem Schlafrocke. Nach dem gewöhnlichen Geistergruße fragte er mich, was ich wolle? »Vorurtheile«, antwortete ich, indem ich zugleich auf die Stelle im Buche hinwies. Da lächelte er und sprach: Was brauchst du da lange zu suchen? Es steckt ja deine eigene Haut voll von Vorurtheilen; greif nur darnach.« Diese Rede verdroß mich schier; doch faßte ich mich als ein Mann von feiner Lebensart. Er aber fing nun an mit mir förmlich den Katechismus durchzunehmen, den kirchlichen und den politischen (ältern Styls), und fragte bei jedem Punkte: Glaubst du u. s. w. Ja, ich glaube u. s. w., antwortete ich zu Allem. Sieh nun (schloß er endlich seine Katechese), dies Alles und noch mehr gilt bei einem verehrlichen gebildeten Publikum aus allen Ständen als Vorurtheile des »gemeinen Mannes«. Engel und Teufel, Himmel und Hölle, mitunter Gott selbst, werden in jenem aufgeklärten Kreise nur noch als seltsame Antiquitäten geschätzt, als historische Reminiscenzen geduldet, als poetische Fiktionen gebraucht und benutzt. Ei! – rief ich aus und rieb mir vor Freuden die Hände – so hat denn heutzutage ein Volksschriftsteller noch leichteres Spiel, als je zu einer andern Zeit? So ist's, antwortete er; alles positive Element, was ehedem als wahr, hehr und heilig gegolten, es hat sich in den Augen derer, die nicht gemeine Leute sind oder sein wollen, zu einem rein Erdichteten, Abergläubischen, Poetischen umgewandelt und der religiöse und politische Codex der ältern Zeit ist zu einer reichen, unerschöpflichen Fundgrube geworden, von Mährchen, Fabeln und Parabeln, von Gedichten aller Art. – Ich wollte den Mann voll Dank und Freudengefühl umarmen; er aber, ein Feind aller Complimente, ließ es nicht zu, sondern verschwand.

Das »Volksbüchlein« war fertig, noch ehe ich eine Feder angesetzt hatte. Ich durchlas nur einige Folianten und einige Dutzend alter bestaubter Octav- und Duodezbände, und excerpirte sie. Denn ich dachte so: Willst du volksthümlich, d. h. den Vorurtheilen des Volks gemäß schreiben, so magst du eben den Stoff sogleich aus einer Zeit nehmen, wo die Vorurtheile noch in voller Blüte waren. Und ich täuschte mich auch nicht; ja ich selbst vergaffte mich allmählich und unbewußt so sehr in diese altertümliche, obsolete und crude Vor- und Darstellungsweise unserer schlichten und steif- und festgläubigen Aelterväter, daß ich Gefahr lief, ein gut Theil meines gebildeten Geschmacks mit sammt dem Reste meiner Denkgläubigkeit einzubüßen. Und wahrlich – ich spreche in vollem Ernste, meine gebildeten Damen und Herren! – in den Schriften jener Männer aus dem 16. und 17. Jahrhundert, zumal auch in den ihrem Lehrvortrage eingestreuten Historien und Fabeln herrscht eine Frische und eine Jugend, die, wie die Lineamente und Farben auf altdeutschen Gemälden, keine Zeit verwischen kann, während so viele neuere Erzählungen der Art beim Volke keine Aufnahme finden, oder doch bald wieder in Vergessenheit kommen. Der Grund dieser Erscheinung ist derselbe, wie in Ansehung der Sprüchwörter, welche von den Moralien und Sentenzen der neuern Volkslehrer, ungeachtet der Feinheit des Sinnes und der Glätte des Ausdrucks, nicht verdrängt werden können. Sie sind nämlich aus dem Volke hervorgegangen, und darum bleiben sie auch beim Volke in Gunsten; als ächten Kindern des Volksgeistes ist ihnen die Heimat für immer zugesichert. Ueberhaupt standen die Männer, denen die Volksbildung anvertraut war, und von denen auch wol jene tiefsinnigen und doch einfach lautenden Sprüche und Historien erfunden und verbreitet worden sind, dem Volke ungleich näher, als die heutigen Schul- und Kanzelleute; ja sie gehörten selbst zum Volke, und verkündeten in der einfältigen Weise des gemeinen Mannes die hohen Gedanken ihres Witzes. Und eben darum fanden ihre Lehren und Gleichnisse auch sogleich Anklang in den Herzen jener Leute, und blieben ihnen lieb und unvergeßlich; so wie es wol auch uns selbst ergeht, daß z. B. eine sinnig erdachte und einfach gesetzte Tonweise sich unserm Gemüthe sogleich für immer einprägt, während andere künstlich durchgeführte und verzierte Melodien unserm Gedächtnisse bald wieder entschwinden. – Dasselbe Lob verdient auch der Vortrag in den bessern Schriften jener Zeit. Es spricht uns ein so gesunder Menschenverstand in einem so einfachen Ausdrucke daraus an, daß man sie, je näher man sie betrachtet, desto mehr lieb gewinnen muß. Wir gewahren an ihnen (um unsere Meinung bildlich zu bezeichnen) eine Dürer'sche Manier, zwar das Eckige und Schroffe, aber zugleich auch das Einfach-Kräftige und Mild-Starke, das in den Werken jenes Meisters liegt. Und wie dieser Künstler sich mit Recht rühmte, daß er mit wenigen Farben ein schönes Bild zu malen verstünde, so auch die Geister im Styl, die seine Zeit hatte. Auch ihre Schriften waren und sind noch klassisch, in ihrer Art. Wer diese Behauptung übertrieben findet, der versuche es einmal, eine jener alten Historien, in der einfachen alten Sprachweise erzählt, in das heutige vornehme Hochdeutsch zu übersetzen, und sehe dann, wie unbeholfen und geschmacklos sich das Ding ausnimmt. Oder er wage – ich setze aber voraus, er sei ein sehr gelesener Schriftsteller – jene altertümliche Manier in irgend einer Erzählung oder Abhandlung nachzuahmen, und er wird erfahren, daß es eines ganz eigenen Geistes, nicht blos alter Wörter und Satzformen bedürfe, um gemein deutsch und wahrhaft populär zu schreiben.

Philologen kommender Jahrhunderte mögen übrigens entscheiden, und daran eben so sehr ihre Belesenheit, als ihren Geschmack erproben: welche von den mitgetheilten Historien wörtlich aus jenen alten Büchern entnommen worden seien. Gestehen darf und muß ich jedoch, daß ich die meisten, in denen sich eben ein poetischer Keim vorgefunden, in meinen Garten verpflanzt, und (wenn mir der Ausdruck erlaubt ist) zu veredeln versucht habe. Einige wenige sind auch darunter, die, meines Wissens, von mir selbst erfunden, erdacht und gedichtet worden. Nr. 60. »Ei so lüg!« ist ein Plagiat aus der »Dorfzeitung«.

Anm. des Setzers.

In diesen, wie in jenen Erzählungen, die offenbar das Gepräge eines neuern Styls an sich tragen, wird denn freilich dem Leser sogleich ein uns allen bekanntes und beliebtes Vorbild einfallen, das sich der Herausgeber bei seinen Nachbildungen vorgesetzt zu haben scheint. Die Nachahmung eines solchen Musters könnte ihm auch nicht zum Tadel, und die glückliche Nachahmung müßte ihm sogar zum größten Lobe gereichen. Denn er hätte dann die Natur selbst nachgeahmt. So muß ein Volksschriftsteller schreiben, wo der Inhalt und die Absicht nicht geradezu simple Prosa verlangt, sondern auch poetische Ausschmückung erfordert oder doch zuläßt. Und wahrlich, diese Classicität in Anlegung und Ausführung der Vorträge, daß sie den Verstand und das Gemüth des Naturmenschen lebendig ansprechen, diese Popularität des Ausdruckes besitzt Hebel in einem außerordentlichen Grade. Er trifft immer und sicher den rechten Ton, der in dieser und jener Erzählung vorherrschend sein sollte, und weiß hier liebliche Heiterkeit zu verbreiten, dort zarte Empfindung fürs Schöne und Gute. Er scherzet überaus gern, und die neckischen Einfälle mengen sich überall in die Unterhaltung, wie liebe Kindlein gern drein plaudern in das Gespräch des Großvaters, und durch ihre Naivität gefallen. Nur wo es Noth thut, lehrt er, und dann allzeit kurz und gut. Sein Witz ist natürlich, seine Laune fröhlich, seine Satyre gutmüthig, und seine Empfindung wahr. Bei aller Mannichfaltigkeit der Materien tritt ein stehender Charakter hervor – der zum gemeinen Manne sich freundlich herablassende, mit dessen ganzer Denkweise vertraute, bei Scherz und Ernst sich gleichbleibende, achtungswerthe Hausfreund. Und so denn auch die Sprache. Man hört einen Gebildeten reden, aber mit Beziehung auf den Leser, der ihn verstehen und liebgewinnen soll. Seine Worte sind ungesucht, und seine Sätze einfach und kurz, auf daß sie dem Geistesauge des gemeinen Mannes überschaulich seien, der in periodis sich nicht geübt hat, und nicht einmal an periodos gewöhnt ist. Er ist reich an Bildern und Figuren; aber er wählt Bilder, die aus dem gemeinen Leben entnommen sind, und Figuren, wie sie wol der gemeine Mann selbst – denn auch der ist ein Redekünstler in seiner Façon – natürlich gebraucht. Wie der gemeine Mann, ist er ausführlich, wo das Interesse der Handlung steigt, und redselig bei guten Thaten und lustigen Schwänken. Die Fehler des Ausdruckes selbst benutzt er weise zu Tugenden. Bei aller äußern, scheinbaren Lockerheit in den Sätzen und Satzreihen, die keine künstliche Fügung zulassen, herrscht doch der bündigste innere Zusammenhang; der aufmerksame Geist wird sanft über die vorbereitenden Stellen hinweggehoben, leicht und sicher in die Mitte der Erzählung eingeführt, und mit dem Schlusse ganz befriedigt gelassen. So kommt es denn, daß seine Erzählungen – ich rede immer nur von den mehr ausführlichen, die einer poetischen Darstellung fähig waren – von dem Gebildeten, wie von dem Ungebildeten mit gleicher Zufriedenheit gelesen werden. Wenn dieser die Rede eines Mannes gern vernimmt, der ihm etwas Trauliches in seiner Art sagt, und nicht satt werden kann in der Anschauung des lieben, vornehmen Herrn, der sich herabläßt zu seinem blöden Verstande und harten Gemüthe, ja sogar zu seinen kindlichen Neigungen und gemeinen Späßen, so leiht ihm dagegen auch der andere gern sein Ohr, weil er sich auf eine wunderbare Art, gleich einem sanft Träumenden, in eine Region des Denkens und Sinnens versetzt fühlt, die ihn anheimelt und sehnsüchtig macht, wie die verlorne Jugend in Stunden glücklicher Erinnerung.
 << Kapitel 118  Kapitel 120 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.