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Ein Volksbüchlein

Ludwig Aurbacher: Ein Volksbüchlein - Kapitel 118
Quellenangabe
typelegend
booktitleEin Volksbüchlein
authorLudwig Aurbacher
year1878
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleEin Volksbüchlein
created20040403
sendergerd.bouillon
modified20171017
firstpub1827/1829
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Bemerkungen.

1. Bemerkungen zur Geschichte des ewigen Juden.

Wenn die Geschichte des ewigen Juden, eine der ältesten Volkssagen, Laut der Notiz vor einer altenglischen Romanze in den Reliques of ancient english Poetry. Frankfort 1803. Vol. II.. p. 245 war diese Sage z. B. in England schon im Jahre 1228 bekannt. die vielleicht an volkstümlicher Celebrität keine ihres Gleichen hat, außer etwa die Volkssage von Faust, dessen ungeachtet ungleich seltener poetisch aufgegriffen und behandelt worden ist, als die letztere: so müssen wir wol den Grund zunächst in dem Umstande suchen, daß die Idee eines Faust von Anfang schon einen historischen Leib erhalten, und durch reichliche Nahrung an romantischen Abenteuern sich groß gebildet hat, während die Legende von dem ewigen Juden eben nur einfältige Legende geblieben ist, und als eine beinahe heilige Ueberlieferung zu jenen frommgläubigen Zeiten jede poetische Erweiterung und Ausschmückung als profanirend zurückgewiesen hat.

Doch hat diese Sage (so viel uns bekannt) bereits schon im 16. Jahrhundert einen Bearbeiter gefunden (s. Kochs Compendium), und ist als Volksbuch, nebst so vielen andern, bekannt und beliebt geworden. Originale hiervon werden heutiges Tags wol nur sehr wenig mehr aufzutreiben sein, da das Buch bei weitem nicht das Glück gemacht zu haben scheint, wie andere, besonders komischen Inhalts. Man darf mit diesem Volksroman nicht ein anderes Büchlein verwechseln, das den Titel führt: »Bericht von einem Juden aus Jerusalem, mit Namen Ahasverus, welcher vorgibt, er sei bei der Kreuzigung Christi gewesen, und bis hieher durch die Allmacht Gottes beim Leben erhalten worden« – was noch vor nicht gar vielen Jahren in unsern Landen als Volksbuch Umlauf hatte, mit Recht aber, weil es auf historische Wahrheit Anspruch machen wollte, und anderer unziemender Beilagen wegen, als dumm abergläubisch verboten wurde. Reinhardt, in seiner Romanbibliothek (Bd. 8–12) hat hievon einen verhochdeutschten Auszug geliefert; und wenn nun freilich diese Copie dem Original auch nur in den wesentlichsten Zügen getreu geblieben ist, so war jene Arbeit nichts weniger als eine volkstümliche, sondern vielmehr das Gegentheil – einerseits ohne reges Leben und tiefen Geist, anderseits prunkend mit historischen Daten, um die, als solche, das Volk sich am wenigsten bekümmert, sondern sie vielmehr als lästig von sich weist. Kurz, man findet darin ein historisches Compendium, das noch überdies mehr als ein zufällig zusammengeflicktes Aggregat, denn als ein, auf die Personalität des beobachtenden Helden Bezug habendes, und seine außerordentliche Individualität heraushebendes System genommen werden kann.

Und doch möchten wir dieses alte Volksbuch, auch in dem dürftigen, verhochdeutschten Auszug, noch ungleich höher stellen, als das jüngste Product, das freilich auf wälschem Boden gewachsen ist. Es ist die Geschichte des ewigen Juden, von ihm selbst beschrieben. (Aus dem Französischen, Gotha 1821.) Das Werk enthält nur einen kurzen, magern Abriß seiner Reisen von Anno 33 nach Christi Geburt bis auf das Normaljahr 1789, und man glaubt eben nur einen Pariser roué zu hören, der die Welt auf langer Weile durchwandert hat, um sich mit flüchtigem Beobachten zu amüsiren, und um andere, bei guter Gelegenheit, mit leichtfertigem Erzählen zu amüsiren. Dessen ungeachtet wurde das schlechte Product für würdig befunden, ins Deutsche übersetzt zu werden. Denn was wird nicht ins Deutsche übersetzt?

Pragmatischer, als die beiden angezeigten, aber nicht blos unpoetisch, sondern sogar antipoetisch sind die »Briefe des ewigen Juden, 3 Thle. 1791. (Utopia, gedruckt mit scharfen Lettern.) Man findet darin eine Sammlung aller der gemeinen Vorurtheile und abergläubischen Meinungen, aus der Krambude der wohlfeilen Aufklärung jener Zeit. Das Werk würde hier deshalb keine Erwähnung verdienen, wenn es nicht vielleicht einst einem künftigen geistreichen Bearbeiter der Sage dienen könnte, zur Fundgrube von Meinungen, die, Gott Lob, schon heutiges Tags wieder zu den obsoleten gehören – einem Bearbeiter meinen wir, der den ewigen Juden (nach Goethes bekannter Andeutung) im Gegensatz der Begeisterung und himmlischen Verläugnung des Heilandes, als eine kalt prüfende, nur den augenblicklichen Vortheil berechnende, prosaische Person nehmen, und nach dieser Musteridee dessen Charakter durchführen würde. Ja, wenn man diese Idee, – freilich gegen den Willen und ohne Verdienst des Verfassers – nämlich den Geist der gemeinhin verneinenden Prosa, in das, übrigens ganz geistlose Buch hineinlegt, so mag der Charakter – hier der Autor – als ein gemeiner Stock- und Schacher-Jude, der mit dem Trödel aus der gesammten heiligen und Profangeschichte Handel treibt, immer noch zu nicht geringer Ergötzlichkeit dienen.

Außer diesen romanhaften ( nicht romantischen) Bearbeitungen wären wol noch viele andere aufzuzählen, worin jene Sage unter verschiedenen Ansichten aufgegriffen und in besondern Formen dargestellt wurde. So kennen wir alle Schubarts Gedicht; und als ein Dithyrambus aus dem Munde dieses antichristlichen Prometheus verdient es sicherlich große Beachtung, wenn auch die Anschauung eines solchen wildverzerrten Gegenstandes, einer so zermarterten, ohnmächtig leidenden sittlichen Natur eher Abscheu (vor dem Richter) als Mitleid (gegen den Verurtheilten) erwecken, und darum alles rein poetische Gefühl vernichten möchte. – Wahrhaft poetisch und zugleich sittlich und religiös-bedeutend erscheint diese Gestalt in A. W. Schlegels Romanze, welche die Aufschrift »die Warnung« führt (Gedichte Th. 1. S. 196). Obgleich nur als eine vorübergehende Erscheinung macht sie, mit ihrem tiefen und feierlichen Ernst, als Gegenstück zur frivolen Ansicht und Handlung des gemeinen Lebens, eine große Wirkung, so wie denn auch die einfache und doch großartige Schilderung des ewigen Juden in den zwei Versen:

Ich bin nicht alt, ich bin nicht jung,
Mein Leben ist kein Leben,

von einer erschütternden Wahrheit ist. –

Befriedigend, besonders für das sittlich religiöse Gefühl ist auch die Novelle von Franz Horn. Obwol hier der ewige Jude als eine beinahe gespenstische Erscheinung in die Mitte einer stillen, glücklichen Familie tritt, und (dem Anscheine nach) durch seine Anwesenheit den Tod, wie eine verpestende Person, hineinbringt, so weiß doch der Dichter über die ganze düstere Erzählung eine milde Wehmuth zu verbreiten, die sich zuletzt wol gar in ein sanftes, schönes Himmelblau auflöset, wiefern der Schrecken aller Schrecken als eine wahrhaftige Wohlthat erscheinet. – Von Klingemanns dramatischer Behandlung des ewigen Juden wollen wir nicht reden, da unsere Leser, wenn sie zugleich Theater-Liebhaber sind, den Geist dieses Antors schon aus dessen »Faust« kennen werden.

Was nun endlich die von uns mitgetheilte Geschichte anbelangt, so wird wol ein streng kritisches Urtheil nur dann erst zu fällen sein, wenn wir uns vorläufig über den Standpunkt verständiget haben werden, unter welchem man die Legende vom ewigen Juden zu betrachten habe.

Diese Sage steht, gegen die übrigen zusammen gehalten, in dem doppelten Nachtheil: erstlich in der Armuth des durch die Ueberlieferung gegebenen Stoffes, sodann aber auch, wenn der Stoff selbst zu erfinden steht, in dem großen Umfang des historischen Rahmens, der diesen Charakter einschließen soll. Wir haben bereits an den Beispielen gesehen, wie weit sich einige Bearbeiter dieser Sage in letzterer Hinsicht von ihrer ungeregelten Phantasie haben irre führen lassen, indem sie eben nur den Rahmen ausschmückten mit historischen Fragmenten, aber das Bild selbst, den Charakter bedeutungslos hinstellten, und mehr eine Geschichte lieferten, als ein Gedicht, ohne eine die Data befruchtende Idee, und eine durch Handlungen sich charakterisirende Person . . . Auf der andern Seite aber liefert die Legende, als gegebene Sage, keinen Stoff, den der Dichter bearbeiten und in ein großes Gemälde ausbreiten könnte. Sie hat sich nie recht lebendig gestalten wollen, hat nie (poetisch) Leib und Leben angenommen, und steht blos da, als der, zwar unverwesliche, Leichnam einer uralten Tradition. Und gerade die historischen Data, welche man zu verschiedenen Zeiten von der Erscheinung dieses sonderbaren Wesens haben und geltend machen wollte, trugen zur Bereicherung des poetischen Materials nicht nur nichts bei, sondern schadeten vielmehr wesentlich und hinderten jede Gestaltung innerhalb eines beliebigen Umrisses, der nun nothwendig, um das Volk für die Wahrheit zu gewinnen, sich bis auf die Gegenwart heraus ausdehnen mußte.

Dessen ungeachtet muß man doch gestehen, daß die einfältige Legende, wie sie uns überliefert worden, ein fruchtbares Samenkorn ist, auf dem ein großes, kräftiges poetisches Gewächs sich entwickeln kann, sogar in mannichfaltiger Form. Nur müßte es für die Dichter allererst Grundregel sein: die christliche Idee obwalten zu lassen, und den Charakter des Juden in steter Beziehung zu jener Handlung, wovon die Legende Meldung thut, zu erhalten. Ob nun der Charakter in dieser Beziehung abstoßend, und im Gegensatze zur christlichen Gesinnung (wie Goethe vorschlägt), oder sich allmählich annähernd zu derselben, und zuletzt sich ausgleichend gedacht werde, wie in der von uns mitgetheilten Geschichte, das möchte gleich viel gelten, weil das Motiv zu dieser wie zu jener Verfahrungsweise schon in der Grundidee liegt. In dem (oben in der Note angezeigten) »Bericht von einem Juden aus Jerusalem,« wird Ahasverus wirklich als recht christlich gesinnt bezeichnet; er besucht die Kirche, hört der Predigt zu, erbittert sich heftig, wenn er fluchen hört, und ist überhaupt fromm und gottesfürchtig. So auch in der von Westenrieder (Beiträge X. S. 261) mitgetheilten Notiz, welche besaget: der ewige Jude sei im Jahre 1721 nach München gekommen, und habe gar andächtig vor dem Crucifix am Gasteig gebetet. – Desgleichen in andern ältern Sagen: S. Reliques of ancient english Poetry. Laut der vorausgeschickten Notiz legt ihm die Sage in der Taufe den Namen Joseph bei. Das Volk, scheint es, hat sich daher für die anti-Goethe'sche Vorstellungsart entschieden. Dagegen aber möchte für die gelehrte und gebildete Classe die Goethe'sche Vorstellungsart angemessener und eindringlicher sein, wie denn wirklich auch bereits ein geistreicher Mann in der Form einer Parodie jenes »Berichtes« eine eindringliche Satyre auf die ewigen Juden unter uns gemacht hat, die »immer nur fortschreiten, fortschreiten wollen – wohin? darauf kommt's nicht an, wenn nur nie stille gestanden wird;« und »die nun nahe daran sind, den Grundsatz aller Wissenschaft ein- und durchzuführen: Man kann nicht wissen, ob man nicht wissen könne, man wisse nichts« – Wie gesagt, für das gemeine Volk paßt mehr der poetische, christlich gesinnte, für die gebildete Classe aber der prosaische ewige Jude.

Nach dieser vorläufigen Erörterung wird es den Lesern leicht sein, ohne daß es ihnen erst noch gesagt zu werden braucht, über die mitgetheilte Erzählung das richtige Urtheil zu fällen. Ich habe ihnen einzig nur noch von der Quelle zu referiren, woraus ich sie, wie sie vorliegt, geschöpft habe. Es war meine Amme, welche sie mir erzählt hat. Hat die Geschichte daher einiges Verdienst, so muß man sie lediglich jener Märchenerzählerin ( nutrix poetica) auf die Rechnung schreiben: aber dann, bitte ich, auch die Unrichtigkeiten, Anachronismen, und andere dergleichen Fehler, die in der Erzählung vorkommen. Ich hielt es für meine Pflicht, sie so zu geben, wie ich sie empfangen habe; und das Einzige muß ich nur bedauern, daß ich sie, zu allgemeiner Verständlichkeit, in die hochdeutsche Mundart übersetzen mußte, als in welcher sie nicht erzählt worden ist, sondern in der gemeinen oberdeutschen Mundart, voller volkstümlichen Idiotismen.

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