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Ein Veteran

Adolf Pichler: Ein Veteran - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAllerlei Geschichten aus Tirol, 1. Band
authorAdolf Pichler
year1897
publisherGeorg Heinrich Meyer
addressLeipzig
titleEin Veteran
pages21
created20141206
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ein Veteran.

Eine Geschichte aus Tirol

von

Adolf Pichler

 


 

Aus: Allerlei Geschichten aus Tirol
Verlag von Georg Heinrich Meyer, Leipzig
1897

 


 

Nach meiner Rückkehr aus dem welschen Kriege 1848 hatte ich mich im Hochsommer beim Bogner zu Absam niedergelassen, um erst im Oktober nach Wien abzureisen, wo mich die Schrecken der Revolution erwarteten. Von Absam führten mich Ausflüge oft zwei, drei Tage fort. So auch nach St. Johann zu einem Freunde, der dort Arzt war. Abends saß ich mit ihm vor der Thür, da sprang eine Herde zottiger Ziegen daher, hintennach folgte ein alter Mann, gebückt unter einem Bündel Reisig und dürren Baumästen. »Das ist ein Schütz von 1809!« flüsterte mir der Arzt zu. Unterdes war er näher gekommen, er reichte meinem Freunde die Hand, während er mich neugierig betrachtete, denn Fremde besuchen die Gegend nicht oft. 196 Der Arzt bemerkte es und sagte zu ihm: »Siehst du Blasi, das ist einer der Hauptleute, die gegen die Welschen zogen.«

Er warf das Bündel auf den Boden. »Da sollten wir einander erzählen, ich bin 1809 dabei gewesen.«

Der Mann erregte meine Teilnahme, leider mußte ich schon am andern Morgen fort, weil ich mich in Absam mit einigen Bekannten zusammen bestellt hatte.

Ich sagte ihm das. Er unterbrach mich: »In Absam? Mariä Geburt ist in drei Tagen, da geh' ich immer zur Mutter Gottes wallfahren, seid Ihr beim Bogner?«

Ich bejahte und forderte ihn auf, mir ja gewiß nachzufragen.

Er versprach mir das und legte das Bündel auf die Schulter.

Ich kehrte nach Absam zurück, indem ich nach Baumkirchen ging, ein kleines Bad, das die Frauen in gewissen Umständen gern benützen, und dann, um der sengenden Sonnenglut zu entgehen, in ein kleines Thälchen 197 ablenkte. Mittags ruhte ich wieder unter meiner lieben Geisblattlaube zu Absam.

Er hielt Wort. Am Feierabend nach dem Betläuten kam er. Wir setzten uns im Garten zu einem Tisch, fern ab von den übrigen Gästen, weil ich den alten Schützen für mich allein haben wollte. Mit Behagen schlürfte er den weißen Wein, und fragte bald um dieses, bald um jenes; wie sich die Tiroler in Welschland gehalten hätten, und ob es nie zum Dreinschlagen mit umgekehrten Stutzen gekommen sei. Wenn er die grünweißen Fähnlein mit dem roten Tiroler Adler im Wind flattern sehe: darüber gehe ihm nichts in der Welt. Ich erzählte ihm verschiedenes und er freute sich, daß die Jungen auch was taugten. Auch mich bewegte der Gedanke, wie erhebend es sei, einem so wehrhaften Volksstamme, dessen Waffenehre beinahe zwei Jahrtausende hindurch kein Feind antasten durfte, anzugehören. Nach und nach erlosch im Garten ein Licht nach dem andern, und die Gäste gingen nach Hause. Weil es nun nichts mehr zu thun gab, kam die 198 Wirtstochter herbei. Ich faßte sie scherzend bei der Hand und zog sie an meine Seite auf die Bank. »So, so!« rief der Alte lachend, »ich hab' es früher ebenso gemacht; ein Tirolermädel galt mir mehr, als alle welschen Gesellinnen.« – »Oho, Blasi!« antwortete ich ihm, »Burgel ist ja meine Base. Was übrigens die Italienerinnen anlangt, so hingen in der Zeit, wo ich zu Felde lag, diese süßen Trauben so hoch, daß wir wohl sagen mußten, sie seien sauer, weil wir sie nicht erreichen konnten.«

Burgel lachte mich mit den schwarzen Augen, in denen nur zu viel südliche Glut lag, schalkhaft an, und eilte dann mit der leeren Flasche fort, um sie neu zu füllen. Der Alte saß schweigend da; seine Augen schienen unstet den hin und her schwebenden Johanniskäfern zu folgen, bis sie endlich mit dem Ausdrucke schmerzlicher Erinnerung am Himmelsgewölbe haften blieben, dessen Sterne durch die breiten Blätter des Kastanienbaumes niederleuchteten. Ich mochte ihn nicht stören und trank einen Schluck des balsamischen Lagrina-Weines. Sein Duft mischte 199 sich mit dem der Nachtviolen im nahen Gärtchen, so daß ein Dämmerfalter erst zweifelhaft herflatterte und dann in den Becher taumelte. Ich zog ihn heraus, er schnurrte fort und verschwand im Dunkel bei den Blumen. Der Alte schwieg noch immer. Da klirrte die Kellnerin mit den Schlüsseln; er bewegte sich rasch und rief, indem er mit der Hand sachte über die Stirn fuhr: »Ja, ja, Ihr habt recht: mit den Welschen ist's nichts; ich bin selbst bis Rovereto gekommen, aber es hat mir keine gefallen.«

Burgel füllte die Gläser; ich faßte das eine und hob es gegen den Alten empor: »So sollen die Tirolerinnen leben!« – »Bis in Ewigkeit!« entgegnete er bewegt und zog das Käppchen vom Kopf, »ja bis in die Ewigkeit, Herr, sollen sie leben. So hab' ich stets gedacht; nicht bloß jetzt, wo ich alt bin, sondern auch schon dort, wo ich zum erstenmale mit dem Stutzen auszog. Da hab' ich meine Marianne kennen gelernt, Gott hab' sie selig! Das war freilich schon 1796 beim Franzosenrummel; es kommt 200 mir aber vor, als ob es heut' wäre.« – »Nun so erzählt auch etwas von Euren Auszügen!« unterbrach ich ihn. Burgel setzte sich neugierig nebenan.

»Ich darf es wohl thun,« entgegnete er, »Ihr erfuhrt ohnehin schon, wie einem Schützen um's Herz ist, und das Mädel da – kann etwas lernen, wenn sie hört, wie es zu andern Zeiten war. Im Jahre 96 kamen die Franzosen und wollten uns statt katholisch republikanisch machen: eine schlechte Nachricht auf die andere. Da sagten unsere Leute: jetzt müsse man ausrücken, wenn's noch was werden solle. Es lief alles zusammen; mein Vater meinte, ich sei schon ein großer Bube und könne wohl auch die Büchse nehmen. Wie's nun zum Abschied kam, erging es mir sehr spaßig. Mädeln und Weiber weinten, und darunter oft gerade am lautesten, die ihre Männer am stärksten unter dem Pantoffel hatten; manchem frischen Buben, der nachher ganz brav dreinschlug, liefen, wenn er das Diendl bei der Hand nahm, die lichten Zähren von den Wangen. Da weinte 201 ich aus Leibeskräften mit. Sagt mein Vater: Du hast ja kein Weib, was flennst denn du, läppischer Bub'? – Ja, das weiß ich eben nicht! antwortete ich; die Schützen lachten mich oft deswegen auf dem Wege aus; ich meine, sie wußten auch nicht warum. – Wir wurden ins Oberinnthal geschickt. Am dritten Tage kamen wir nach Reutte, von wo aus wir gegen den Feind in die Gacht, einen nahen Paß rücken sollten. Ich wurde in den oberen Markt gewiesen und fand bald die mir bezeichnete Quartiernummer. Als ich in die Stube trat, konnte ich bemerken, wie drei Mädchen schleunig in die Kammer nebenan hineinschlüpften; die Mutter stand vom Spinnrade auf und fragte nach meinem Begehren. Ich reichte ihr die Bollette. Da wurde sie gleich freundlicher. Ihr Unterländer, sagte sie, seid brave Leut', lustig, und habt doch Gott vor Augen. Du wirst müde sein, leg' die Büchse weg und sitz' nieder! – Ich ließ es mir wohl gefallen und stellte meine Sachen zurecht. Nachdem sie in die Küche gegangen war, blickte ich mitunter nach der Kammerthüre; mir war, 202 als hörte ich flüstern und sähe durch die Klunse bisweilen etwas glänzen wie ein Auge. Frisch hineinzugehen und nachzuschauen, hätt' ich damals um alles in der Welt nicht gewagt; denn ich erinnerte mich gar wohl noch, wie ich als Bube von meiner Mutter ausgescholten wurde, weil ich immer die Nase in den Milchgaden steckte, und zudem dacht' ich: Was dich nicht brennt, blas' nicht! Da kam die Alte mit der dampfenden Breipfanne. Hatt's mir doch nie so geschmeckt! Fast vergaß ich darüber die Kammerthüre. Endlich meinte die Alte, die Mädeln sollten doch herauskommen; sie hätten ja von mir nichts zu fürchten. Da schlich eine nach der andern hervor, zwar ein bißchen verlegen, aber ich war es auch; denn zu meiner Zeit waren die Bursche bei den Weibsbildern nicht so frech wie jetzt. Als jedoch die dritte kam, – seht, ich kann es mir vorstellen, als ob es heut' wäre! – da fiel mir der Löffel in die Pfanne, und ich muß ein sehr dummes Gesicht gemacht haben, denn die andern zwei lachten plötzlich überlaut. Diese ist dann 203 meine Marianne geworden. Sie war gerade nicht die schönste unter den drei Schwestern, aber lieb, lieb, daß ich es Euch gar nicht beschreiben kann! Ihr Haar war so wie etwa jetzt im Herbst die Haselnüsse; drein schaute sie, daß es mir gleich zu Herzen ging; wenn sie lachte, zeigte sie die Zähne nett wie ein Eichkätzchen. Ja! es ist mir, als stünd' sie wieder vor mir und lache mich an. Ein so kreuzbraves Mädel hab' ich seither nimmer gefunden; ich denk' auch alle Tage d'ran. Wir wurden gleich bekannt; Ihr wißt wohl, wie's zu gehen pflegt, – nach einiger Zeit wagte ich auch das erste Bussel, kann wohl sagen: wagte; – denn als uns die Franzosen das erste Mal zu Leib' gingen, hat mein Herz lange nicht so geklopft: so ein thörichter Bub' war ich damals noch. Mir kommt vor, es sei mir mein Lebtag nie besser, nie wohler gewesen als bei diesem Auszug. Aber der böse Feind läßt nicht lange auf sich warten; er kann es nicht leiden, wenn zwei so recht glücklich sind, und es giebt für ihn nichts zu verdienen dabei. – An einem 204 Nachmittag saß ich bei meinem Mädel in der Stube und wollte ihr eben ein Bussel geben: da schaut auf einmal der Feldpater mit seiner großen Brille durchs Fenster und schreit: Kerl, laß 's Diendl geh'n! – Mein Mädel schrie vor Schrecken: Er thut mir ja nichts! – Ich aber schloff ganz entsetzt unter die Bettstatt. Der Kaplan ging weiter, das Diendl erholte sich und rief lachend: Du bist mir der Rechte! – Mir war aber gar nicht zum Spaßen; denn ich kannte unsere Hochwürden von andern Gelegenheiten und erinnere mich gar wohl an eine Predigt von ihm: die Liebe habe der Teufel erfunden als gefährlichsten Angel der Seelen, und wir sollten es machen wie die Mutter Gottes und der heilige Joseph, die haben sich nicht einmal anzuschauen, geschweige auch nur mit dem Finger anzurühren getraut! – Ich schlich ganz traurig von dannen. Am andern Tag hieß es: Blasi, zum Feldpater! – Mir war wie einem Schaf am Strick; es zieht wohl und zieht und möcht' gern davon, aber es muß halt doch dem Metzger folgen! Der 205 Hochwürdige muß extra für mich eine Predigt ausstudiert haben: so fürchterlich beschrieb er die Hölle und sogar das Plätzchen, wo ich mit Pech und Schwefel gebraten werden solle, wenn ich noch einmal wage dem Mädel ein Bussel zu geben.

Zu sagen traute ich mir kein Wort, ja in der Zerknirschung gelobte ich sogar, das Busselgeben ganz zu lassen, wogegen er mir versprach, meinem Vater von der Geschichte nichts zu melden. Er hielt Wort, aber ich nicht; sobald ich beim Diendl war, vergaß ich Feldkaplan, Hölle, Versprechen, Vater und Franzosen. – Ihr könnt wohl denken, wie mir zu Mute war, als die Kompagnie Befehl zum Rückmarsch erhielt. Nichts that mir im Leben so weh, als der Abschied vom Mädel; es kam mir vor, als sei ihr letzter Kuß der süßeste, den sie mir je gegeben, als sollt' ich d'rauf recht merken, welch' ein bitteres Kraut das Meiden sei. Seht! weil ich mich vor dem Feind brav gehalten, bekam ich die silberne Medaille, und von einem kaiserlichen Offizier einen Dukaten. Gern würde ich aber alles der Absamer Mutter Gottes geopfert 206 haben, hätt' ich nur eine Stunde länger zu Reutte bleiben dürfen. Der Hauptmann kommandierte aber vorwärts, der Schwegler pfiff und der Tambour trommelte d'rauf los, als sollten wir über den Fern hineinlaufen und nicht marschieren. Mir war als hätt' ich Blei in den Füßen, und die Zähren flossen mir heimlich über die Wangen. Ein alter Schütz, der um die Sache wußte, fragte lachend, ob ich nun wisse, warum ich flenne? – Ja wohl! aber was half es mir? Traurig zog ich aus und noch trauriger heim.

Doch sollte mir bald ein Trost werden. Kaum zu Hause angekommen, erhielt ich einen Brief von meinem Diendl; Ihr könnt Euch denken, mit welcher Freude. Auf das erste Blatt obenan hatte sie mit roter Seide ein Herzlein eingenäht; die Worte waren so nett und zierlich gesetzt, wie Verse aus einem Bilderbüchel; die Buchstaben so fein und sauber. Darum wagte ich anfangs auch gar nicht, ihr zu antworten; denn die Buchstaben, die ich mit Mühe kritzelte, sahen aus wie Hennenfüße; auch 207 verstand ich es nicht, den Satz ordentlich zu fügen. Da hätt' ich mich ja schämen müssen; und vor ihr mich zu schämen, wäre mir das Unliebste von der Welt gewesen; solche Liebe und Verehrung hatt' ich für sie. Ich vertraute daher dem Schullehrer meine Herzensangelegenheit, denn ich wußte außer dem Geistlichen weitum niemand, der so gelehrt gewesen wäre, daß ich ihm das mir so wichtige Geschäft, eine recht stattliche Antwort aufzusetzen, hätt' übertragen mögen. Der Alte las bedachtsam den Brief, schüttelte den Kopf, sann eine Weile nach, und sagte endlich: Komm am Sonntag abends! Ich wunderte mich gewaltig über die hölzerne Gleichgültigkeit, mit der er die Sache behandelte, entschuldigte ihn aber später damit, daß er recht gründlich und tief nachdenken wolle, um eine kräftige Antwort aufzusetzen; ja ich hoffte sogar im stillen, er werde, weil er die Totenkreuze so schön anzustreichen verstand, vielleicht zu meinem Brief ein schönes Bildchen malen. Ich hatte nicht die mindeste Ahnung von dem, was erfolgen sollte, und ging daher ganz 208 wohlgemut auf die Alpe. Bei meiner Rückkehr fand ich zu meinem Entsetzen den Schulmeister bei meinem Vater stehen, der den mir so werten Brief Mariannes mit den Händen zerknitterte. Eh' ich noch Zeit gefunden mich umzuschauen, hatte er schon den Bergstock hinter dem Kasten gefaßt, und mir ihn ein paarmal so tüchtig über den Rücken gehauen, daß ich unwillkürlich in die Höhe sprang. Da hast du das Trinkgeld für's Lumpen, du Hauptspitzbub! schrie er voll Zorn, ich hab' dich ausgeschickt das Vaterland und den heiligen Glauben zu verteidigen, nicht aber zum menschern. Nie werde ich's leiden, daß du eine fremde Dirne in's Dorf bringst; – und überhaupt, ein so junger Bursch' wie du soll eher auf die Christenlehre denken, als auf's Heiraten! Um deine Marianne brauchst du dich übrigens nicht mehr zu kümmern; es hat ihr schon der Herr Lehrer das Gehörige geschrieben. Erfrag' ich noch einmal etwas von dir, so mach' dich gefaßt! – Er hob wieder den Stock; ich sprang rasch zur Thür hinaus: was hätt' ich besseres thun können? Ja, wär' mir der Schulmeister 209 nahe gekommen, den wollt' ich schon mit dem Schlagring genußt haben, so aber war's mein Vater, und ich fügte mich schweigend ins vierte Gebot. Lang konnte ich's aber nicht aushalten; rastlos trieb es mich herum. In dieser großen Not überwand ich endlich meine Scheu und setzte mich nieder zum Schreiben. Ich erzählte meinem Diendl alles haarklein, was ich gelitten, und ermahnte sie, eben so fleißig zu beten wie ich, dann werde Gott Vater, der schon im Paradies Adam und Eva zusammengeführt, auch uns vereinigen. Als ich endlich fertig war, lief ich mit leichtem Herzen auf die Post; da sollte ich aber übel ankommen. Der Postmeister war ein guter Freund meines Vaters, und überbrachte diesem alsogleich den Brief, auf den ich so viele Stunden verwendet. Damals, Herr, war die Kinderzucht noch streng; mein Vater nahm die Sache gewaltig übel und peitschte mich mit einem knotigen Stricke dergestalt, daß ich vierzehn Tage gar nicht auf dem Rücken liegen konnte. Drauf sperrte er mich drei Tage in eine Kammer, wo ich nur 210 Brot und Wasser erhielt. Das Fasten war mir nun freilich das unliebste Geschäft, denn ich mochte gern essen, und zwar viel und gut. Allein diesmal ergab ich mich in mein Schicksal; konnte ich doch ungestört an meine Marianne denken. Als Landesverteidiger hatte ich meine Schuldigkeit gethan, – warum hätte man mir sonst die Medaille gegeben? – und meine Liebe schien mir gerecht vor Gott und der Welt, denn ich hatte ja die redlichsten Absichten und wollte nichts anderes, als mein Mädel heiraten. Deswegen konnte ich auch das Benehmen des Schulmeisters und meines Vaters nicht begreifen; ich meinte, Gott selbst habe mir diese Liebe geschickt, – nie war mein Gewissen ruhiger als damals, wo ich mich als den glücklichsten Menschen auf Erden betrachtete. Mein einziger Trost war: Gott hat das Mädel für mich erschaffen und mich für sie, er will uns nur prüfen, ob wir einander würdig seien und dann ganz gewiß zusammenführen. So kam der dritte Tag. An diesem ließ mich der Vater aus mit dem Bedeuten, ich solle alsogleich zum Pfarrer 211 gehen. Dieser hielt mir eine lange Predigt und drohte mir zum Schluß, er werde mich, wenn er noch etwas von mir höre, ohne weiteres über Nacht in die Totenkammer sperren; es sei kein Schade, wenn die Geister einen so ungehorsamen Buben in Stücke rissen!«

»Wie alt war't Ihr denn damals?« unterbrach ich ihn. – »Zweiundzwanzig Jahre,« erwiderte er nach kurzem Besinnen. – Ich erinnerte mich an das Nibelungenlied, wo auch die jungen Helden, die bereits bei Turnieren und im Feld mit Spießen und Stangen herumschlagen, »kindelin« genannt werden.

Der Alte fuhr fort: »Die Drohung des Pfarrers wirkte. Vor den Geistern hatte ich damals gewaltigen Respekt und wagte daher nicht mehr, weder an mein Mädel zu schreiben, noch darnach zu fragen. Allein die Liebe läßt sich eben so wenig hinausprügeln als wegpredigen. Ich dachte im stillen an mein herbes Geschick und an Marianne, und that bei allen Heiligen das Gelübde, eher ledig zu sterben, als eine andere zu nehmen, und wäre sie so 212 schön wie Susanna im Bade. – Im nächsten Frühjahr mußten wir wieder ausziehen; meine Kompagnie erhielt Befehl nach Unken vorzugehen. Das ist nun freilich schon lange her und deswegen nicht zu wundern, wenn mir viele Ereignisse gar nicht mehr einfallen. Besonders lebhaft gedenke ich noch jenes Husaren, dem ich das Leben rettete. Der Feind und wir patrouillierten nämlich damals immer bis Schneizelreiter Bierhaus. Der Wirt ließ mir nun melden, daß er noch Käse und Bier im Keller habe; wir sollten bei Gelegenheit kommen und diesen Vorrat aufzehren; denn er vergönne ihn eher uns als den gottlosen Franzosen. Dies ließen wir uns nicht zweimal sagen. Wir zogen hin; ein Schütze wurde als Wache ausgestellt und ein Husar ritt patrouillieren. Wie wir es uns gerade recht wohl sein ließen, schrie der draußen: die Franzosen! die Franzosen! – Mein Lebtag hab' ich mich nicht so schnell durch eine Thür gefunden, wie damals. Wir liefen auf den Berg. Da sah ich, wie drei französische Reiter unserem Husaren stark zusetzten. Ich schlug an, und einer von ihnen 213 purzelte vom Roß; die andern sprengten schleunigst zurück. Ich selbst war aber bei dieser Retirade so erschrocken, daß ich den Brocken Käse, den ich zu Schneizelreit unmittelbar vor dem Alarm in den Mund gesteckt, erst zwischen den Zähnen bemerkte, als ich auf dem Berg zu verschnaufen anfing. So ging es zu da und dort; aber seht, alle diese Sachen weiß ich nur mehr halb, während mir das Bild meiner Marianne noch ganz frisch vor Augen steht.

Nach Vertreibung des Feindes kehrten die Schützen wieder in die Heimat. Mir war es so ziemlich gleichgültig, wo ich mich befand, und ich kümmerte mich daher sehr wenig, welchen Weg ich ging. Als ich nach Haus gekommen war, führte mich der Vater in seine Schlafkammer. Er war freundlicher als gewöhnlich und sagte, indem er mir einen Brief gab: Ich hoffe, du wirst nun gescheit werden sein; da lies einmal. – Die Schwester meiner Geliebten hatte ihm geschrieben, er solle nun völlig unbekümmert sein, Marianne sei am 15. Mai an der Abzehrung gestorben. Mir war als 214 ginge es zum jüngsten Gericht, und ich weiß noch heutigen Tages nicht, wie ich ins Freie kam. Die ganze Welt erschien mir aschgrau;. ich hatte keine Freude, keine Lust mehr; der Kopf fing mich an zu schmerzen, und dieser Schmerz nahm nach und nach so zu, daß ich wie betrunken taumelte und mich zu Bett legen mußte. Einige Tage lag ich ohne Besinnung. Als ich aufwachte, war mir wohler, allein ich konnte vor Schwäche kein Glied mehr rühren. In der Stille dankte ich Gott dafür, denn ich meinte, es nahe mir der Tod, nach dem ich mich so sehr sehnte. Ich war fest überzeugt,. Marianne als Heilige wieder zu finden, die mich, wenn ich ins Fegefeuer käme, von Gott losbitten und mir ein Plätzchen an ihrer Seite im Himmel aufbehalten würde. Ja ich sage es Euch, auch jetzt freue ich mich noch immer, sie im bessern Leben wiederzusehen!«

Da schlug es auf dem nahen Turme zehn Uhr. Der Alte stand auf; ich lud ihn ein, noch eine Halbe mit mir auszustechen. »Ich habe ohnedies,« antwortete er, »schon zu viel 215 getrunken und merke es erst jetzt. Außerdem, um es aufrichtig zu sagen, muß ich heute noch einen Rosenkranz beten; das habe ich für meine liebe Marianne alltäglich zu thun angelobt. Nichts für ungut, schlaft wohl!«

 


 








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