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Ein unheimlicher Passagier

George Webb Appleton: Ein unheimlicher Passagier - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorGeorge Webb Appleton
titleEin unheimlicher Passagier
publisherPaul Franke Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160626
projectid4b56cf1b
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7.

Obgleich ich mich im Verlauf der letzten Tage nachgerade an Überraschungen gewöhnt hatte, brachte mich der rätselhafte Brief aus Paris doch völlig aus dem Gleichgewicht.

Wer in aller Welt war Susanne? Und wer anders konnte Bibi sein als Reginald, dem das Schreiben galt? War diese neue Verwicklung nicht zum Verrücktwerden?

Der Portier, der vor Neugier platzte, sah mich beobachtend an. Ich mußte mich also beherrschen.

»'s ist nichts von Bedeutung«, sagte ich daher mit gleichgültiger Miene, indem ich das kostbare Schriftstück in die Tasche steckte.

»Ah, da ist ja das Auto. Vergessen Sie bitte nicht, mir die Depesche nachzuschicken, im Fall sie noch kommen sollte.«

»Nein, gewiß nicht. Wünsche Ihnen eine gute Reise.«

»Danke bestens. Adieu!«

Fort rollte der Wagen, und bald nachher befand ich mich auf dem Wege nach Paris.

Ich war in ein Raucherabteil gestiegen, und da ich die Sprache meiner Reisegefährten – es waren zwei Deutsche – nur notdürftig verstand, so knüpfte ich keine Bekanntschaft mit ihnen an, sondern nestelte mich in eine Ecke und überließ mich meinen Gedanken. Eifrig bemüht, den Schlüssel zu all den seltsamen Vorgängen zu finden, verfiel ich auf die tollsten Vermutungen, zumal der Brief dieser Susanne die Sache ganz neu gestaltete und mich mit begreiflicher Unruhe erfüllte.

Vergebens fragte ich mich, in welchem Zusammenhang dies Schreiben mit dem Geheimnis stand. Nur dies wurde mir klar: daß die rätselhafte Susanne hineinverwickelt war und daß auch Reginald Mitwisser gewesen sein mußte. Hingegen konnte und wollte ich nicht an eine Beteiligung der Baronin glauben, obgleich ich mir bei ruhiger Überlegung sagen mußte, daß es für sie ein leichtes gewesen wäre, mit einer Verbündeten – etwa dieser Susanne – die Absendung des Telegramms nach Calais zu vereinbaren, um dann den Unglückskoffer mit seinem schauerlichen Inhalt einem ahnungslosen Mitreisenden unterzuschieben. Ihre anscheinende Erregung beim Empfang der Depesche konnte recht wohl erheuchelt gewesen sein; auch mußte ihr geheimnisvolles Verschwinden zum mindesten verdächtig erscheinen und die Mutmaßung nahelegen, sie habe um den Inhalt des Koffers gewußt.

Dies führte mich auf einen neuen Gedankengang.

Susannes Brief, der nur für Reginalds Augen bestimmt schien, deutete unverkennbar an, daß mein Vetter um die Reise der Baronin gewußt hatte. Zwischen ihm und dieser Susanne mußte zudem ein mehr als freundschaftliches Verhältnis bestanden haben, das merkte man an jedem Wort des Briefes sowie an der vertraulichen Anrede.

War es möglich, daß Reginald mich zu täuschen versucht hatte, indem er mir einen scheinbar so zerknirschten Brief schrieb? Diese Annahme widerstrebte mir im höchsten Grade, allein – wie sollte ich es mir anders auslegen?

Vielleicht hatte es ihn nachher gereut, und er schickte den Brief nicht ab, so daß ich den Inhalt desselben, wäre Reginald nicht plötzlich gestorben, möglicherweise nie erfahren hätte.

Susannes Brief wurde mir nun auch verständlich. Zweifellos war sie eine Bundesgenossin und Zwischenträgerin, mit der Reginald aus selbstsüchtigen Zwecken getändelt hatte.

Es war dann ein Verbrechen begangen worden, von dem sie beide Kenntnis besaßen. Hatte Reginald sich daran beteiligt und vor allen Dingen – wer war das Opfer gewesen? Konnte Inspektor Walter mit seiner Ansicht recht gehabt haben?

Nur ungern hätte ich sein überlegenes Urteil anerkannt; noch weniger mochte ich glauben, daß die schöne Frau, deren Bild mir immer vor Augen stand, mich getäuscht haben sollte, indem sie den bärtigen Mann in Baden-Baden für ihren Gatten ausgab.

In seinem Briefe betonte Reginald die große Ähnlichkeit zwischen ihm und dem Baron. Gütiger Himmel: Lag hier die Lösung des Rätsels? Hatte der Zufall die beiden Männer zusammengeführt, und war mein Vetter zum Mörder geworden?

Über diesen Punkt dachte ich angestrengt nach, und je länger ich grübelte, desto stärker wurde meine Überzeugung, daß diese Vermutung die richtige sei. In Gedanken malte ich mir bereits den ganzen Vorgang aus.

Ein überstürzter Versuch Reginalds, die Baronin zu sehen, vielleicht oder wahrscheinlich mit ihrer Einwilligung; eine Überraschung der beiden durch den Gatten; ein heftiger Wortstreit, dann ein Handgemenge und schließlich – ein Mord. Susanne war Zeugin des Verbrechens und die Baronin – die, wie sie behauptete, ihren Mann haßte – eine Mitschuldige.

Ja – jetzt war mir alles klar. Nachdem die schöne Frau ihre entsetzliche Rolle mit vollendeter Geschicklichkeit durchgeführt hatte, war sie nach Berlin geflohen, und so erklärte es sich, weshalb Reginald mit so fieberhafter Ungeduld ein Telegramm von dort erwartet hatte.

Ja, jedes Glied in der Kette paßte jetzt genau an das andere. Die Baronin hatte mit der List einer Delila gehandelt, um die Folgen ihres Verbrechens auf mich abzuwälzen. Zu dieser traurigen Überzeugung kam ich lange, bevor ich Paris erreicht hatte. Aber auch ein unwiderstehliches Verlangen, der Sache auf den Grund zu gehen, mit oder ohne Walters Hilfe – lieber ohne dieselbe – erwachte in mir; eine Art Detektiveifer, der nicht ruht, bis alle Schleier des Geheimnisses gelüftet sind.

Nun Reginald nicht mehr lebte, war ich plötzlich Millionär geworden. Dies setzte mich in den Stand, meine Rechtsanwaltpraxis an den Nagel zu hängen und das schöne Weib, das einen so bestrickenden Zauber auf mich ausgeübt, zu suchen. Mochte sie auch schuldig sein – ich wollte und mußte sie finden. Kurz vor Ankunft des Zuges in Paris hatte ich Gelegenheit, meine geringe Kenntnis der deutschen Sprache zu bedauern. Bisher hatte ich meine Mitreisenden völlig unbeachtet gelassen, stutzte jedoch, als ich aus ihren Gesprächen wiederholt den Namen Slavinsky heraushörte. Aufmerksam lauschend, vermochte ich einzelne Worte zu verstehen, aus denen ich entnehmen konnte, daß der Genannte soeben aus Amerika zurückgekehrt sei, daß er viel riskiere, wenn er sich nach Paris begäbe, und daß seiner Frau große Gefahr drohe, sollte der Zufall sie mit ihrem Gatten zusammenführen. Ich fragte mich, ob die beiden auf die Baronin anspielten; für mein Leben gern hätte ich das erfahren, allein schon hielt der Zug im Pariser Bahnhof.

Während ich mein Handgepäck zurechtlegte, stiegen meine Gefährten aus. Ich folgte ihnen mit den Augen und sah, wie sie mit einem Manne zusammentrafen, der kein anderer war als der Bärtige, den ich damals in Baden-Baden zu Boden geschlagen hatte. Ich empfand eine aufrichtige Freude in dem Gedanken, daß die Baronin trotz alledem die Wahrheit gesagt, obgleich in diesem Falle meine fein ersonnenen Theorien wie ein Kartenhaus zusammenbrachen und das Geheimnis undurchdringlicher wurde als zuvor.

Während mir diese Gedanken durch den Kopf schwirrten, stieg ich rasch aus, entschlossen, den dreien zu folgen. Zu meinem Verdruß waren sie aber in dem auf dem Bahnsteig herrschenden Gewühl bereits verschwunden.

Vielleicht sind sie an den Autostand gegangen, dachte ich, meine Schritte dorthin lenkend. Allein vergebens – ich konnte sie nirgends entdecken.

Ärgerlich über meine Unachtsamkeit bestieg ich einen Wagen und ließ mich nach dem Hotel Scribe fahren. Als ich das Büro betrat, um mir ein Zimmer zu bestellen, erkannte mich der Buchhalter sofort.

»Ah, Herr Bracebridge«, redete er mich an, »wir erwarteten Sie bestimmt – früher oder später – wegen Ihres Herrn Vetters Gepäck. Eine recht traurige Geschichte! Wir lasen in den Blättern von dem Unglück und dachten gleich, daß er es sein müsse. Wir hatten ja auch ein Telegramm von ihm aus Brüssel erhalten.«

»Ganz recht!« nickte ich. »Bin selbst jetzt in Brüssel gewesen, um die Leiche nach England überführen zu lassen. Ja, es war ein beklagenswerter Unfall.«

»Da fällt mir ein«, bemerkte der Buchhalter, »daß sich vor einigen Tagen ein Herr nach Ihnen und nach dem Verstorbenen erkundigte.«

»Ein Herr Walter?« fragte ich.

»Ja, den Namen gab er an.«

»So – war er hier? Er begleitete mich nämlich bis Brüssel, wo wir uns dann trennten. Er ist direkt nach London zurückgekehrt, während ich erst hierher fuhr, um das Gepäck meines Vetters mitzunehmen. Wollen Sie es gefälligst in mein Zimmer bringen lassen – ich werde bei Ihnen übernachten.«

Dienstbeflissen erfüllte der Beamte meine Wünsche.

So, dachte ich, jetzt ein Bad und ein tüchtiges Mittagessen und dann ins Grand Hotel. Was werde ich dort für Entdeckungen machen? Na, mich kann nach all dem Erlebten nichts mehr überraschen.

Wenn ich mich in Paris aufhielt, speiste ich stets in einem der Boulevard-Restaurants. Das tat ich auch diesmal, und nachdem ich mich noch mit einer Flasche alten Chambertin gestärkt hatte, fuhr ich geradeswegs nach dem Grand Hotel. Dort setzte ich mich ins Lesezimmer, klingelte einem Kellner und beauftragte ihn, meine Karte dem Direktor zu bringen, den ich persönlich zu sprechen wünschte.

Nach einigen Minuten kehrte der Kellner zurück und führte mich in das Büro des Chefs, der an seinem Pulte sitzend eine Zeitung las.

Als ich eintrat, schaute er auf, lud mich zum Sitzen ein und fragte nach meinem Begehr.

Ich erwiderte, ich käme wegen einer Baronin Slavinsky, die bis vor kurzem in seinem Hotel gewohnt habe.

»Das dachte ich mir«, entgegnete er, »denn gerade, als man mir Ihre Karte brachte, las ich einen merkwürdigen Artikel in der Zeitung, in dem Ihr Name erwähnt wurde.«

Ich ließ mir den Artikel zeigen. Es war ein kurzgefaßter Bericht über die Leichenschau in London.

»Das stimmt«, sagte ich, die Zeitung zurückgebend. »Ich bin der Genannte. Die Geschichte ist mir höchst peinlich.«

»Uns aber auch«, fiel er rasch ein. »Die Vermutung, es sei in diesem Hotel ein Verbrechen begangen worden – und das wird in dem Artikel angedeutet – kann uns großen Schaden bringen. Noch nie ist etwas Derartiges hier geschehen, und ich vermag es auch nicht zu glauben. Wollen Sie mir freundlichst Näheres über den Fall mitteilen?«

»Sehr gern!« Und nun erzählte ich ihm alles, was sich in Calais und London zugetragen hatte. Ich schloß mit der Bemerkung, daß ein von Scotland Yard nach Paris entsandter Beamter, der im Grand Hotel Nachforschungen angestellt habe, meine Aussagen in jeder Hinsicht bestätigt fand, so daß nunmehr nicht der geringste Verdacht auf mir ruhe.

Der Direktor, der aufmerksam zugehört hatte, nickte mit dem Kopf. »Richtig!« sagte er. »Ich erinnere mich. Es war vor einigen Tagen, habe aber seinen Fragen keine besondere Bedeutung beigemessen. Er sprach auch nicht von einem Verbrechen, und so vergaß ich die Sache rasch wieder. Übrigens – vor anderthalb Stunden war ein anderer Mann hier, der sich nach der Baronin Slavinsky erkundigte.«

Ich horchte hoch auf. »Was war das für ein Mann?« fragte ich begierig. »Sie werden begreifen, daß ich an dieser Sache in gewissem Sinne lebhaft interessiert bin.«

»Gewiß!« stimmte er bei. »Nun, er war weder Franzose noch Engländer, das hörte ich sofort; aber auch kein Deutscher. Schien mir ein Russe oder Pole zu sein.«

»Ah!« rief ich überrascht. »Trug er einen Bart?«

»Einen pechschwarzen. Er hatte kleine schwarze Augen, zottiges Haar und sehr buschige Augenbrauen – er sah keineswegs einnehmend aus.«

»Hm – darf ich fragen, wonach er sich erkundigte?«

»Es ist kein Geheimnis. Er wünschte nur zu wissen, ob die Baronin eine Adresse hinterlassen habe; auch fügte er noch hinzu, er sei ein Verwandter von ihr, habe sie ein Jahr nicht gesehen und möchte sie gern sprechen, um ihr eine wichtige Nachricht mitzuteilen. Da ich bedauerte, ihm keine Auskunft geben zu können, dankte er kurz und ging wieder. Haben Sie eine Ahnung, wer es gewesen sein kann?«

»O ja«, nickte ich. »Mir scheint, es war der Baron – ihr Gatte.«

»Mein Himmel, warum denken Sie das?« fragte der Direktor, dessen Gesicht deutlich zeigte, wie lebhaft ihn die Sache interessierte.

Aus gewissen Gründen gab ich ihm keine direkte Antwort, sondern berichtete ihm nur mein Abenteuer in Baden-Baden.

»Nach Ihrer Beschreibung«, bemerkte ich zum Schluß, »ist es wohl der Mann gewesen, den ich damals niederschlug. Ich habe den Vorfall niemals erwähnt, weil ich glaubte, er sei nicht weiter von Belang – was jedenfalls richtig ist. Und nun, denke ich, wäre es in unserem beiderseitigen Interesse, wenn Sie mir alles sagen würden, was Sie über die Baronin wissen.«

Er unterbrach mich, indem er die Hand erhob. »Ich weiß absolut nichts. Sie gehörte einfach zu den Tausenden von Gästen, die im Laufe des Jahres hier verkehren. Sie kommen und gehen nach Belieben. Ein König, der inkognito reist, könnte bei uns absteigen, ohne daß wir eine Ahnung von seinem Range hätten. Das ist sogar schon oft geschehen. Könnte aber ebensogut ein Mörder sein – einer, den die Polizei sucht. Wie sollten wir das wissen?«

»Wohl wahr!« gab ich zu, »allein, da die Baronin längere Zeit bei Ihnen wohnte, müßten Sie sie doch bemerkt haben.«

Der Direktor zuckte mit bedeutsamem Lächeln die Achseln. »Nun ja – sie ist eine sehr schöne Frau; das fällt einem natürlich in die Augen. Außerdem war sie schon wiederholt bei uns.«

»Allein?«

»Stets nur mit einer Jungfer.«

Ein jäher Gedanke durchzuckte mich.

»Wissen Sie vielleicht den Namen der Jungfer?« fragte ich.

Wieder zuckte er die Achseln. »Aber, mein Herr, was für eine Frage Sie mir stellen.«

»Verzeihung«, beeilte ich mich zu erwidern, »es ist mir nämlich sehr viel daran gelegen, den Namen der Zofe zu erfahren. Ließe sich das nicht ermitteln?«

»Morgen vielleicht«, entgegnete er, auf seine Uhr sehend.

Ich verstand den Wink. »Ich will Sie nicht länger aufhalten. Nur noch eine oder zwei Fragen. Erhielt die Baronin viel Besuch?«

»So viel ich weiß – nein«, lautete die Antwort. »Sie führte hier ein sehr ruhiges, zurückgezogenes Leben und speiste gewöhnlich auf ihrem Zimmer. Das fiel mir oft auf.«

»Danke! Und nun noch eine letzte Frage – die wichtigste von allen. Wurde sie nicht während ihres hiesigen Aufenthalts von einem jungen Manne belästigt? Gelangte dies je zu Ihrer Kenntnis?«

Der Direktor sann einen Augenblick nach, dann erwiderte er: »Ja, ich erinnere mich dessen. Er trieb sich oft hier herum und lauerte ihr beständig auf. Sie beklagte sich bei mir, doch ich konnte nichts tun. Zwar wies ich ihn selbst einmal fort, aber es nützte nichts, denn er bestach die ganze Dienerschaft.«

Während er sprach, hatte ich Reginalds Photographie aus meiner Brieftasche genommen und hielt sie ihm nun vor.

»Eh –« rief er aus – »das ist ja der junge Mann!«

»Ganz recht«, erklärte ich, »derselbe, dessen Leiche am Charing Croß-Bahnhof in London im Koffer der Baronin gefunden wurde. Jetzt, mein Herr, wird Ihnen die Bedeutung und die Wichtigkeit meiner Fragen gewiß klar sein. Es läßt sich nicht länger bezweifeln, daß in diesem Hotel ein Mord verübt worden ist, und ich hoffe, Sie werden mir morgen gestatten, bei denjenigen Ihrer Untergegebenen Umfrage zu halten, die imstande sind, über das Verhalten der Baronin vor ihrer Abreise Auskunft zu geben. Selbstredend in Ihrer Gegenwart.«

So sprechend erhob ich mich, um mich zu verabschieden.

»Ich werde dafür Sorge tragen, Herr Bracebridge«, versprach der Direktor, mir die Hand reichend. »Es geschieht ja in beiderseitigem Interesse. Würde es Ihnen morgen vormittag um elf Uhr passen?«

Ich bejahte und verließ dann das Hotel, ziemlich befriedigt von dem Resultat dieser ersten Unterredung.

Als ich über den Boulevard schritt, bemerkte ich ganz zufällig an einem der dort aufgestellten Marmortischchen einen Mann, der sich eine Zigarre anzündete. Die Flamme des Streichholzes beleuchtete sein Gesicht und blitzschnell kam mir die Szene am Bahnhof sowie der Vorfall in Baden-Baden ins Gedächtnis. Der Mann da vor mir – dessen fühlte ich mich sicher – war der Gatte der Baronin – derselbe, der vor einer Stunde ihre Adresse bei dem Direktor des Hotels erfragt hatte.

Kurz entschlossen ließ ich mich in seiner Nähe nieder und bestellte mir eine Tasse Kaffee. Dann studierte ich die fast abstoßenden Gesichtszüge meines Nachbars aufs genaueste. Er rauchte seine Zigarre mit einem eigentlichen Ungestüm, indem er mächtige Rauchwolken aus Mund und Nase stieß. Ab und zu murmelte er unverständliche Worte, die er mit heftigen Gebärden begleitete. Seine ganze Erscheinung war im höchsten Grade unsympathisch, und ich konnte es mir nicht vorstellen, daß dieser Mann die schöne Frau, die mich so bezaubert hatte, jemals in seinen Armen gehalten haben sollte.

Er war so völlig mit sich selbst beschäftigt, daß er nicht ein einziges Mal nach mir herüber sah. Plötzlich zog er ein Paket Papiere aus der Tasche, öffnete es, suchte ein Blatt heraus und las es zähneknirschend durch. Dann schob er das Bündel wieder in die Tasche, und zwar mit einer so heftigen Gebärde, daß er fast die Gläser auf dem Tische umwarf, sprang rasch auf und verließ das Café.

Ich erhob mich natürlich ebenfalls, wobei ich bemerkte, daß er einen Brief hatte fallen lassen. Blitzschnell bückte ich mich danach, steckte das Papier ein und eilte hinter dem Fremden her. Als ich mich nach ihm umschaute, gewahrte ich ihn an einem Kiosk; er kaufte sich dort eine Zeitung und bestieg dann ein Auto. Der Wagen fuhr an mir vorüber und so war es mir möglich, die Nummer desselben zu erkennen. Sie lautete 8410.

Gemächlichen Schrittes wanderte ich nun dem Hotel Scribe zu. Im Vestibül desselben meldete mir der Pikkolo, der Direktor wünsche mich in seinem Privatbüro zu sprechen.

Ich ließ mich hinführen, und als ich eintrat, kam mir der Wirt ebenso höflich entgegen wie früher; dennoch merkte ich einen Unterschied in seinem Wesen, ohne mir diesen Unterschied jedoch recht erklären zu können.

»Ah, Herr Bracebridge«, redete er mich an, »ich hörte, Sie seien wieder hier, und freue mich, Sie zu sehen. Mit aufrichtigem Bedauern erfuhr ich den Tod Ihres Herrn Vetters, las aber heute etwas sehr Sonderbares in der Zeitung. Danach scheint es, daß Sie die Leiche des jungen Mannes in einem Koffer nach London gebracht haben, und heute sagt man mir, Sie hätten dieselbe Leiche von Brüssel nach London gesandt. Das verstehe ich nicht recht. Sie werden entschuldigen, aber ich gerate dadurch in große Verlegenheit, was die Auslieferung des Gepäcks anbetrifft.«

Seine Worte ärgerten mich.

»So – wirklich?« sagte ich schroff. »Bin ich Ihnen noch etwas schuldig?«

»Nein, nein!« stammelte er betreten.

»Sie haben den Scheck als Zahlung für das Schuldkonto meines Vetters angenommen«, fuhr ich in gleich scharfem Ton fort; »folglich besitzen Sie kein Recht mehr, sein Gepäck zurückzubehalten.«

»Ganz recht!« stotterte der Wirt.

»Damit ist für Sie alles erledigt und das übrige geht Sie nichts an. Ich hielt Sie für einen besseren Geschäftsmann, mein Herr!« Und ohne mich weiter mit ihm zu befassen, verließ ich das Büro.

Einen Augenblick hatte ich befürchtet, man habe Reginalds Sachen während meiner Abwesenheit aus meinem Zimmer fortgeschafft; als ich es jedoch betrat, sah ich mit Befriedigung, daß dies nicht geschehen war.

Da ich noch keinen Schlaf verspürte, nahm ich eine genaue Besichtigung seines Gepäckes vor, das aus einem halben Dutzend Koffern, Reisetaschen und dergleichen bestand. Die nötigen Schlüssel hatte ich während meines Aufenthalts in Brüssel in Reginalds Rocktasche gefunden. Das Resultat meiner Untersuchung waren zwei Entdeckungen, eine von geringerer Bedeutung – nämlich eine Anzahl leere Juwelenkästen mit dem Stempel der Firma Flamborough und Co., Old Bond-Street – und eine von ungeheurer Wichtigkeit.

In einer kleinen Schreibmappe fand ich das halbe Blatt eines Briefbogens des Grand Hotel, auf dem in einer Handschrift, die ich sofort erkannte, geschrieben stand:

»Die Baronin will Ihnen heute abend um zehn Uhr ein Rendezvous bewilligen. Seien Sie pünktlich und bringen Sie, wie verabredet, das Diamanthalsband mit. Ich werde Sie im Korridor erwarten.

Susanne.«

Beim Lesen dieses inhaltsschweren Briefchens fühlte ich, wie mir der kalte Schweiß aus allen Poren drang.

Ich hatte mich also doch nicht geirrt! Die Baronin war eine Schuldige und mein Vetter Reginald – ein Mörder!

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