Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > George Webb Appleton >

Ein unheimlicher Passagier

George Webb Appleton: Ein unheimlicher Passagier - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorGeorge Webb Appleton
titleEin unheimlicher Passagier
publisherPaul Franke Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160626
projectid4b56cf1b
Schließen

Navigation:

6.

Der Tote, der vor mir lag, konnte wohl Reginald sein – er sah ihm wenigstens sehr ähnlich. Aber das Gesicht war stark entstellt und das Haar an der schrecklichen Schädelwunde weggeschnitten, wodurch die Kopfform verändert erschien.

Wieder fühlte ich den forschenden Blick des Direktors auf mir ruhen. »Nun?« fragte er.

»Nun?« wiederholte Inspektor Walter.

Ich wandte mich zuerst zu diesem. »Was meinen Sie?« fragte ich ihn.

Er zuckte die Achseln. »Weiß nicht – gebe es auch auf. Abgesehen von dem Loch an der Schläfe, sieht er genau aus wie der andere.«

»Ich bin einigermaßen in Verlegenheit«, wandte ich mich jetzt zu dem Direktor. »Der Tote da hat ja große Ähnlichkeit mit meinem Vetter, aber – ich weiß nicht recht – vielleicht ist die Entstellung schuld.«

»Ganz gewiß. Urteilen Sie also ruhig nach dem allgemeinen Eindruck.«

Ich reichte Inspektor Walter den Brief, den Reginald mir geschrieben und während er ihn las, betrachtete ich den Toten noch einmal mit prüfenden Blicken. Je länger ich dies tat, je mehr schien die Ähnlichkeit hervorzutreten. Trotz der Entstellung mußte er es sein. Alles deutete ja darauf hin. Es war klar, daß ich in London einen schrecklichen Irrtum begangen hatte. Warum aber ich nicht allein, sondern auch der Geldverleiher Harris und mein Bürovorsteher?

Wohl nie zuvor hat sich jemand in einem solchen Dilemma befunden wie ich zu jener Zeit. Die Situation war nicht nur eine ungewöhnliche, sie hatte sich auch aufs äußerste zugespitzt, denn ich mußte jetzt ohne Säumen nach der einen oder anderen Seite hin eine Entscheidung treffen.

»Sie scheinen zu zögern«, bemerkte der Direktor, der mich ungeduldig beobachtete. »Hegen Sie etwa Zweifel betreffs der Persönlichkeit des Toten?«

Dieser direkten Frage konnte ich nicht ausweichen. Bevor ich jedoch antwortete, gab mir Walter den Brief mit den halblaut gesprochenen Worten zurück: »Wunderliche Geschichte! Jedenfalls aber dürfen Sie auf den Toten und seine Hinterlassenschaft Anspruch erheben. Tun Sie es ja. Ich werde Sie dabei unterstützen.«

Dadurch ermutigt, beeilte ich mich dem Direktor zu entgegen: »Ich bin durchaus nicht im Zweifel, jedoch – –« Doch schon unterbrach er mich mit sichtlichem Aufatmen: »Gut, gut. Es sind dann nur noch einige gesetzliche Formalitäten zu erledigen, eine Erklärung aus der englischen Botschaft und bei dem Polizeipräfekten zu unterzeichnen. Alsdann werde ich Ihnen die Leiche sowie das Eigentum des Verstorbenen ausliefern.«

Ob ich mich durch meine Entscheidung in neue Schwierigkeiten gestürzt hatte, wußte nur der Himmel, immerhin war ich froh, in dem scharfsinnigen Inspektor Walter einen so gewichtigen Bundesgenossen zu besitzen.

»Um Ihnen jede Mühe zu sparen«, bemerkte der Direktor dienstbeflissen, »werde ich dafür sorgen, daß die Leiche für die Überführung nach England eingesargt wird. Die Kosten werden nicht bedeutend sein.«

Ich dankte ihm für seine Freundlichkeit und fügte hinzu: »Ich beabsichtige, dem Herrn, der dem Verstorbenen die Banknoten schickte, zu telegraphieren, damit er noch heute hierherkommt. Es wäre mir lieb, wenn auch er den Toten besichtigen würde.«

»Ganz recht!« nickte der Direktor, »obgleich es eigentlich unnötig ist. Aber handeln Sie völlig nach Wunsch.«

Fünf Minuten später standen wir wieder auf dem erstickend heißen Boulevard.

»Nun, Herr Inspektor«, machte ich mir Luft, »was halten Sie von dieser Geschichte?«

»Eine verzwickt harte Nuß!« gab er zurück. »Mein' aber, Sie haben das Richtige getan. Scheint mir diesmal kein Irrtum möglich. Gute Idee von Ihnen, den Geldverleiher noch zuzuziehen! Wenn der unsere Ansicht bestätigt, dann sind wir aus dem Dilemma heraus und brauchen keine unangenehmen Verwicklungen zu befürchten. Wie steht es aber mit dieser Baronin? Doch merkwürdig, wie sie mit in die Geschichte hineingeraten ist! Wer mag nun der andere sein und auf welche Weise gelangte er in ihren Rohrplattenkoffer?«

»Das weiß der Himmel!« brummte ich. »Mir ist nur so viel klar, daß mein armer Verstand dabei flöten geht. Sehen Sie noch keine grauen Haare aus meinem Kopf?«

Walter lachte. »Bis jetzt noch nicht. Wollen das Rätsel schon lösen, wenn wir erst die schöne Baronin erwischt und bewogen haben, die Sache aufzuklären.«

»Hoffentlich wird es gelingen«, nickte ich. »Inzwischen können wir zur Post fahren und an Harris telegraphieren.«

Nachdem wir dies besorgt und auch gleich die Rückantwort bezahlt hatten, lenkten wir unsere Schritte dem Grand Hotel zu.

»Nun?« fragte der Portier, als wir das Vestibül betraten.

»Sie waren wohl im Hospital?«

»Ja«, entgegnete ich, »um die Leiche zu besichtigen. Wir werden hier übernachten. Reservieren Sie uns gefälligst zwei Zimmer. Vielleicht brauchen wir noch ein drittes. Könnten wir jetzt das Gepäck des Herrn Bracebridge in Augenschein nehmen?«

»Er brachte nur sehr wenig mit«, lautete die Antwort.

»Desto schneller werden wir mit der Durchsicht fertig sein«, bemerkte ich, und dann folgten wir dem Kellner, der uns in das obere Stockwerk führte, wo er eine Tür aufschloß und uns eintreten ließ.

»Wir haben nichts angerührt, seit der junge Herr das Zimmer verließ«, sagte er dabei.

Wie der Portier erklärt hatte, war nicht sehr viel zu besichtigen. Einige Toilettengegenstände und eine kleine Reisetasche, in der sich etwas Wäsche befand – weiter nichts. Mir war dies ganz begreiflich, da Reginald laut des Telegramms sein Gepäck im Hotel Scribe in Paris gelassen. Wahrscheinlich hatte er aus dem Wege zur Bahn einige hastige Einkäufe des Notwendigsten gemacht. Inspektor Walter stimmte meiner Ansicht bei; wir waren beide überzeugt, daß in London ein bedauerlicher Irrtum geschehen war und wir uns endlich auf der richtigen Spur befanden.

Nun wanderten wir zum Polizeipräfekten und dann nach der englischen Botschaft. Da alle Schwierigkeiten leicht behoben und alle Formalitäten rasch erledigt waren, so sah ich mich bereits nach wenigen Stunden gesetzlich ermächtigt, von den sterblichen Überresten und der Hinterlassenschaft meines Vetters Besitz zu ergreifen.

Auf dem Rückweg fanden wir in der Post das erwartete Telegramm von Harris. Es lautete kurz:

»Verstehe nicht, komme aber doch. Bitte mich heute abend an der Bahn abzuholen.«

»Na, da wären wir ja ein gutes Stück weiter«, nickte ich zufrieden. »Ist mir doch eine Beruhigung, daß er kommt. Wollen gleich ein Zimmer für ihn bestellen, und dann können wir wohl den Rest des Tages etwas angenehmer verbringen.«

Im Hotel machte uns der Buchhalter noch eine Mitteilung. »Ah, meine Herren«, sagte er, »ich hatte es ganz vergessen – Herr Bracebridge erwartete mit großer Ungeduld ein Telegramm aus Berlin. Mehr als ein dutzendmal erkundigte er sich bei mir, ob es noch nicht eingetroffen sei. Wenn dasselbe nach Ihrer Abreise kommen sollte, wünschen Sie, daß ich es Ihnen nachsende?«

»Das wäre mir sehr angenehm«, erwiderte ich, ihm meine Adresse gebend.

Als wir wieder auf den Boulevards standen, deren heißer Asphalt unter den glühenden Sonnenstrahlen langsam zu schmelzen begann, fragte der Inspektor in scherzendem Ton: »Wie denken Sie darüber, wenn wir uns im Schatten des Café Continental unter einem Zeltdache niederließen und uns mit einem kühlen Trunk erfrischten?«

»Bin ganz einverstanden«, stimmte ich bei. »Und ein gutes zweites Frühstück. Das erste war zu unbehaglich. Dieses wollen wir mit einer Flasche Monopol Trocken einleiten. Offengestanden, ich bin durstig, wie – –«

»Ich auch«, fiel Walter lachend ein. »Glücklicherweise sind wir schon am Ziel!« Und er deutete auf ein palastähnliches Gebäude auf der anderen Seite der Straße.

Nach Verlauf einer Viertelstunde saßen wir gemütlich an einem der kleinen Marmortische, ließen uns den eisgekühlten Champagner schmecken und rauchten mit Behagen eine Zigarette.

»Nun«, fragte ich, das Gespräch wieder auf meine Angelegenheit lenkend, »was halten Sie von dem Brief?«

»Ihres Vetters?«

»Ja.«

»Ich weiß es nicht. Es ist jetzt auch viel zu heiß, um darüber nachzudenken.«

»Sie haben sich aber sicher schon ein Urteil gebildet.«

Walter sah mich von der Seite an. »Hm – vielleicht – –« dann hielt er inne.

»Heraus mit der Sprache!« drängte ich. »Vielleicht was?«

»Hm – vielleicht«, sagte er in bedächtigem Ton, »daß der Baron Slavinsky das Geheimnis aufklären könnte – vorausgesetzt, daß er lebt.«

»Warum sollte er nicht am Leben sein?« fragte ich verwundert.

»Hm – wer war denn der Tote, den Sie durchs Zollamt schmuggeln wollten?« lautete seine Gegenfrage.

»Slavinsky etwa? Lächerlich!«

»Warum? Lesen Sie doch den Brief noch einmal durch. Ihr Vetter spricht darin von einer auffallenden Ähnlichkeit zwischen ihm und dem Baron.«

»Das stimmt.«

»Nun, nehmen wir an, Ihr Vetter machte noch einen letzten Versuch, die Baronin zu sehen. Wahrscheinlich hatte er sich mit einem halben Dutzend Gläser Absinth Mut gemacht, und dann – – –«

»Und dann?« unterbrach ich ihn gespannt. »Und dann?«

»Na – dann ist wahrscheinlich etwas geschehen. Jemand kam in dem Rohrplattenkoffer nach London herüber – aber es war nicht Ihr Vetter.«

»Gütiger Himmel!« rief ich erregt. »Das vermag ich nicht zu glauben. Nein, nein. Überdies hat mein Vetter den Baron ganz falsch beschrieben. Ich muß das wissen, denn ich hatte ja einmal das Vergnügen, diesem Herrn beinahe das Lebenslicht auszublasen.«

»Woher wissen Sie denn, daß jener Mann ihr Gatte war?«

»Sie sagte es mir selbst.«

»Ah – und Sie glaubten es ihr?«

»Ja, und ich glaube es auch jetzt noch.«

»Trotz alledem?«

»Trotz alledem!«

Walter schüttelte ungläubig den Kopf. »Eine Frau, die Ihnen eine Leiche aufhängt und unbekümmert um die für Sie daraus entstehenden Folgen davonläuft – könnten Sie wirklich den Worten eines solchen Weibes trauen?«

»Nun ja«, erwiderte ich ein wenig verlegen, »es ist wahr, daß die Umstände gegen sie sprechen, allein – – –«

»Unsinn, mein Lieber!« kanzelte mich mein Gefährte ab. »Ich möchte Ihnen aus dieser Klemme heraushelfen und denke auch, es wird mir gelingen, aber um's Himmels willen, schwatzen Sie nicht solches Zeug! Entschuldigen Sie meine Offenheit – mir scheint jedoch, sie ist eine bezaubernde Frau und Sie, mein Herr, haben sich in sie verliebt.«

Einen Augenblick starrte ich den kühnen Sprecher halb verblüfft, halb ärgerlich an; dann aber lachte ich gezwungen aus. »Die Bemerkung brauchten Sie gerade nicht zu machen.«

Er lachte ebenfalls. »Entschuldigen Sie«, sagte er. »Sie war mir ganz unversehens entschlüpft. Was meinen Sie aber – wäre es nicht sehr vernünftig, wenn wir uns die fatale Geschichte für ein paar Stunden aus dem Kopf schlügen? Haben Sie sie noch nicht satt?«

»Bis über die Ohren!«

Den Rest des Tages verbrachten wir in behaglichem Nichtstun; gegen halb zehn jedoch machten wir uns auf den Weg nach dem Bahnhof, um Harris abzuholen.

Pünktlich lief der Zug ein, und aus dem Gewirr der Ankommenden löste sich die schmächtige Gestalt des Geldverleihers, der uns bald erspäht hatte.

»Sie auch hier, Herr Inspektor?« rief er überrascht, als er den ihm wohlbekannten Polizeibeamten erblickte. »Was ist denn eigentlich los?«

»Das läßt sich hier nicht sagen«, erwiderte ich. »Unterwegs werde ich es Ihnen erklären. Wir haben für Sie ein Zimmer im Grand Hotel bestellt und könnten erst Ihre Reisetasche dort absetzen.«

»Mir recht!« nickte Harris. »Ihr Telegramm hat mich aber ordentlich stutzig gemacht, Hab' mir den Kopf darüber zerbrochen.«

Sobald wir im Wagen saßen, gab ich ihm einen kurzen Bericht unserer Erlebnisse, die ihm manchen Ausruf des Erstaunens entlockten.

»Eine nette Geschichte das!« bemerkte er, leise vor sich hinpfeifend. »Wie könnten wir beide uns so irren? Ist doch ganz unglaublich!«

»Mir wollte es auch nicht in den Kopf«, stimmte ich bei.

»Und Sie meinen wirklich, daß wir uns getäuscht hatten?«

»Unbedingt.«

»Na, ich danke! Was sagen Sie dazu, Herr Inspektor?«

»Genau dasselbe wie Herr Bracebridge – nicht der leiseste Zweifel möglich!« erklärte Walter im Ton vollster Überzeugung.

Harris schüttelte skeptisch den Kopf. »Das geht mir über die Hutschnur! Wundert mich, Herr Bracebridge, daß der Inspektor Sie in Ihrer Ansicht bestärkt. Müßten's mir erst gründlich beweisen können, daß ich mich geirrt haben soll. Ah, da sind wir ja angelangt!« Damit sprang er leichtfüßig aus dem Wagen.

Nachdem er sein Gepäck untergebracht hatte, begaben wir uns noch in ein nahegelegenes Kaffeehaus, wo wir die ganze Sache aufs eingehendste besprachen.

Harris war anfangs sehr halsstarrig. Er habe doch Augen im Kopf – meinte er, und Reginald sei so oft bei ihm gewesen, daß er sich unmöglich geirrt haben könne.

Sein Widerspruch verursachte mir großes Unbehagen, denn ohne sein bestätigendes Zeugnis mußte ich darauf gefaßt sein, daß sich mir neue Schwierigkeiten in den Weg stellen würden.

Allmählich jedoch wurde er etwas zugänglicher, und schließlich gab er zu, daß unsere Meinung nicht ganz unbegründet sei; jedenfalls müsse es sich zeigen, wer recht habe.

Am nächsten Morgen sprachen wir bei dem Direktor des Hospitals vor, und nachdem ich ihm meine Vollmachten bezüglich der Leiche meines Vetters unterbreitet hatte, riet er mir, mich mit der Beerdigungsgesellschaft in Verbindung zu setzen, die alles Nötige besorgen würde. Er händigte mir sodann Reginalds Gepäck aus, das ich, um ganz sicher zu gehen, auch noch von Harris besichtigen ließ. Er erkannte sofort jeden Gegenstand. »Der Anzug da«, sagte er, »ist vom Schneider Poole. Der junge Mann trug ihn, als er mich das letztemal besuchte. Und die Armbanduhr – – die kenne ich auch. Ebenso das goldene Zigarettenetui – hat mir manche Zigarette daraus angeboten, der arme Junge! Und dies sind richtig die Banknoten, die ich ihm nach Paris geschickt habe. Da – sehen Sie – mein Stempel auf jedem Schein. Läßt also gar keinen Zweifel zu.«

»Schön!« sagte ich zufrieden. »Nun wollen wir noch die Leiche in Augenschein nehmen.«

Wieder führte man uns durch die langen kahlen Gänge in die Gruft hinab. Der Tote lag jetzt in einem Sarg; der Deckel war aber noch nicht aufgeschraubt.

»Nun, Herr Harris«, sagte ich, »sehen Sie sich das Gesicht einmal genau an.«

Schweigend trat er näher, während wir voll Spannung seinen Ausspruch erwarteten.

»Sieht ein bißchen zerschlagen am Kopf aus«, erklärte Harris endlich, »doch – ich will mich hängen lassen, wenn's nicht der arme Junge ist.«

Schon wollte er sich abwenden, als ihm plötzlich etwas einzufallen schien, das ihn bewog, nochmals an den Sarg zu treten.

»Eh«, sagte er mit einem scharfen Blick auf das Gesicht des Toten, »was ist denn aus dem Mal geworden?«

»Welches Mal?« fragte ich beklommen.

»Wissen Sie denn nicht – das kleine grüne Mal an der Stirn über dem rechten Auge? Ich sehe es jetzt nicht.«

Merkwürdigerweise hatte ich nie ein solches bei Reginald bemerkt; Harris blieb jedoch bei seiner Behauptung.

Infolgedessen unterwarfen wir die von ihm bezeichnte Stelle einer genauen Untersuchung, konnten aber nichts finden.

»Vielleicht ist es durch die Verletzung an der Stirn zerstört worden«, äußerte Harris.

»Wohl möglich«, gab ich zu, »doch sehen Sie hier –« ich hielt ihm Reginalds Photographie hin – »entdecken Sie da ein Mal? Das müßte auf dem Bild gewiß sichtbar sein.«

Bedächtig zog Harris ein Vergrößerungsglas aus der Tasche hervor und betrachtete das Bild mit großer Aufmerksamkeit.

»Nichts zu sehen«, sagte er endlich. »Begreife nicht, wie ich mich darin irren konnte!«

»Oh, dergleichen passiert jedem mal im Leben«, fiel Inspektor Walter rasch ein. »Man muß sich aber nicht an solche Kleinigkeiten klammern. Sagen Sie also gerade heraus – ist das nach Ihrer Meinung Reginald Bracebridge oder nicht?«

Harris war ein Mensch, der für gewöhnlich hartnäckig an seinen Ansichten festhielt, hier jedoch gab er doch nach. »Sonderbare Geschichte!« entgegnete er. »Hätte schwören mögen, daß ich das Mal an ihm gesehen habe. Der Mann da ist aber sicher Reginald Bracebridge.«

»Würden Sie das bei der gerichtlichen Leichenschau beschwören?«

»Selbstverständlich, denn ich bin jetzt vollkommen überzeugt.«

»Gott sei Dank!« atmete ich auf, »das vereinfacht die Sache außerordentlich. Ich denke, wir können nun gehen – meine Nerven halten nicht mehr viel aus.«

Wir verabschiedeten uns von dem Direktor, dem ich seine Mühe reichlich lohnte, und nachdem ich die Beerdigungsgesellschaft beauftragt hatte, die Leiche nach England zu überführen, sandte ich ein Telegramm an den Hausverwalter in Twyford Hall, Reginalds Tod und meine baldige Ankunft meldend.

»So«, sagte ich dann zu meinen beiden Begleitern, »hier ist unsere Arbeit erledigt. Was haben Sie, meine Herren, nun vor?«

Harris sah auf seine Uhr.

»In einer halben Stunde fahre ich nach Ostende«, erklärte er. »Da ich gerade in der Nähe bin, kann ich wohl ein paar Tage dort zubringen und mein Glück im Spiel versuchen.«

»Dann bin ich mit dabei«, lachte Inspektor Walter. »Ein paar Stunden an der See werden mir ganz gut tun. Und Sie, Herr Bracebridge?«

»Ich beabsichtige über Paris heimzukehren, will dort das Gepäck meines Vetters aus dem Hotel Scribe abholen, einige Erkundigungen im Grand Hotel einziehen und dann direkt nach London weiter. Ich habe doch noch genügend Zeit, alles für Reginalds Begräbnis in Suffolk vorzubereiten. Nächsten Dienstag sehe ich Sie dann wohl bei der Gerichtssitzung, Herr Inspektor?«

»Gewiß!« nickte dieser. Dann schüttelten wir uns die Hand und trennten uns.

Ich hatte eben die Hotelrechnung, auch die Reginalds, bezahlt und nach einem Auto geschickt, um an den Bahnhof zu fahren, als ein Postbote ins Büro trat und einen Brief abgab.

»Das trifft sich sonderbar«, bemerkte der Buchhalter, indem er mir das Schreiben reichte. Es kam aus Paris und trug die Aufschrift: »Herrn Bracebridge. Grand Hotel. Brüssel.«

Verwundert sah ich den Buchhalter an.

»Öffnen Sie es nur«, riet er mir.

Ich tat es mit zitternder Hand und war nicht wenig verdutzt, als ich das Folgende las:

»Lieber Bibi.

Es ist Gefahr im Verzug. Die Baronin fuhr nicht nach London. Alles entdeckt. Ich schwebe in Todesangst. Sieh Dich vor. Schreib an die alte Adresse, und sage mir, was ich tun soll. Mit herzlichem Kuß

Deine treue
Susanne.«

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.