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Ein unheimlicher Passagier

George Webb Appleton: Ein unheimlicher Passagier - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorGeorge Webb Appleton
titleEin unheimlicher Passagier
publisherPaul Franke Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160626
projectid4b56cf1b
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4.

Die mehr als überraschende Depesche aus Brüssel versetzte mir geradezu den Atem. Ich mußte sie zwei-, dreimal lesen und begriff doch nicht, was sie bedeutete. An der Echtheit des Telegramms war nicht zu zweifeln; dennoch erschien der Gedanke, daß zwei tote Reginald Bracebridges ihres Begräbnisses harrten, einfach grotesk.

Die seltsamsten Vorstellungen wirbelten mir durch den Kopf und betäubten mich derart, daß erst die Stimme meines Bürovorstehers mir zum Bewußtsein brachte, wie nötig es war, angesichts der eingetretenen Wendung der Dinge einen raschen Entschluß zu fassen.

»Soll ich ein Telegramm nach Brüssel schicken?« fragte mich mein Untergebener.

»Nein, Barker«, entgegnete ich, mich gewaltsam fassend, »das werde ich selbst besorgen. Setzen Sie sich – ich werde Ihrer wahrscheinlich noch bedürfen.«

Als dann der letzte Zeuge abgetreten war, erhob ich mich.

»Herr Präsident«, sagte ich zu dem Vorsitzenden, »ich habe eine höchst merkwürdige und überraschende Nachricht in Gestalt einer Depesche aus Brüssel erhalten. Ihrem Ermessen überlasse ich es, ob dieselbe, wie die Verhandlung jetzt steht, zur öffentlichen Kenntnis gebracht werden soll oder nicht. Da die heutige Sitzung in Rücksicht auf den ärztlichen Ausspruch bis zur nächsten Woche vertagt wird, so möchte ich Ihnen bemerken, daß ich in dieser Zeit reichlich Gelegenheit haben werde, den erstaunlichen Inhalt dieses Telegramms auf seine Richtigkeit zu prüfen.«

Mit diesen Worten reichte ich ihm das mysteriöse Blatt. Auch er schien aufs höchste überrascht zu sein, und es dauerte eine volle Minute, bevor er sich zu mir wandte.

»Die Sache wird immer verwickelter«, sagte er. »In betreff der Identität des Verstorbenen hatten wir in Herrn Harris einen völlig unbefangenen Zeugen, so daß ich in dieser Hinsicht keinen Zweifel hegte.«

»Ich auch nicht«, stimmte ich bei. »Selbst jetzt bin ich noch von der Identität meines Vetters überzeugt; angesichts dieses Telegramms möchte ich, als der Hauptbeteiligte, jedoch höflichst bitten, daß noch ein weiterer Zeuge – mein Buchhalter, Herr Barker, der mir diese Depesche gebracht hat – vernommen wird. Er ist häufig mit dem Verstorbenen zusammengetroffen, würde sich also schwerlich in der Persönlichkeit desselben irren.«

Der Präsident ging bereitwillig auf meinen Vorschlag ein. Barker wurde in die nahegelegene Leichenkammer geführt, um den Toten zu besichtigen, währenddessen herrschte im Gerichtssaal die äußerste Spannung, da jedermann eine sensationelle Entwicklung der Dinge erwartete.

Nach seiner Rückkehr beschwor Barker in entschiedenster Weise, daß der Tote kein anderer sei als Reginald Bracebridge, worauf der Präsident, der beschloß, den Inhalt der Depesche im Interesse des Prozesses vorläufig noch geheimzuhalten, die Sitzung aufhob und bis zur folgenden Woche vertagte.

Da der Vorsitzende zufällig ein Bekannter von mir war, so wartete ich ab, bis sich der Saal geleert hatte, gesellte mich dann zu ihm und begleitete ihn ein Stück Wegs.

»Verteufelt geheimnisvolle Geschichte das!« sagte er, als wir gemächlich den Strand hinuntergingen. »Was halten Sie davon?«

»Was ich davon halte?« lautete meine Antwort. »Ich weiß es selbst nicht. Außer mir haben zwei Zeugen die Identität des Toten beschworen, und noch vor einer halben Stunde hätte ich mein Leben dagegen verwettet, daß unsere Annahme stimmt, aber jetzt ist mir doch unheimlich zumute. Ist es denn menschenmöglich, daß wir drei uns geirrt haben könnten? Der Gedanke erscheint geradezu lächerlich und doch – – – hol der Kuckuck den Burschen! Das klingt brutal – ich weiß – allein, wenn Sie eine Ahnung hätten, wieviel Ärger er mir zu seinen Lebzeiten bereitet hat, so würden Sie mich verstehen. Und nun er tot ist, sind die Verdrießlichkeiten seinetwegen – um keinen stärkeren Ausdruck zu gebrauchen – noch zehnfach ärger. Bedenken Sie nur, daß ich zwei Tage unter dem Verdacht, ein Mörder zu sein, im Gefängnis zubringen mußte!«

»Allerdings sehr unangenehm«, gestand mein Begleiter zu. »Die Behörde konnte jedoch nicht anders handeln. Bei Ihrer Ankunft in Charing Croß war die Leiche in Ihrem Besitz, und die Erklärung, die Sie dafür gaben, klang doch zum mindesten recht sonderbar.«

»Zum Kuckuck!« fuhr ich ungeduldig auf, »wenn's auch sonderbar klang, ich erklärte die Sache, so gut ich konnte. Ist es etwa Mode, daß man mit toten Verwandten im Koffer herumreist? Und was würde der Zollbeamte gesagt haben, wenn ich auf seine Frage, ob ich etwas zu deklarieren hätte, mit der Gegenfrage gekommen wäre, ob und wie hoch man tote Vettern zu verzollen habe?«

Der Gerichtsherr lachte. »Er hätte Sie vielleicht an das Amtsgericht in Sommerset House verwiesen, wahrscheinlicher jedoch Sie als Irrsinnigen betrachtet und in Gewahrsam nehmen lassen.«

»Ganz sicher«, nickte ich, »und mit vollem Recht. Wäre ich wirklich Mitwisser in dieser Sache, so hätte ich doch nur den Gepäckschein zu zerreißen und den Bahnhof zu verlassen brauchen, mochten dann die Beamten mit der Leiche machen, was sie wollten.«

»Ganz recht«, gab der Präsident zu. »Schade, daß Sie es nicht taten.«

»Aber eben, weil ich es nicht getan habe«, fuhr ich fort, »konnte doch jedes Kind darin einen Beweis meiner Unschuld sehen. Hätte ich mich still davongemacht, würden die polizeilichen Erhebungen bald genug festgestellt haben, daß eine Frau den Koffer in Paris aufgegeben hatte. Mein Name wäre nie auch nur für einen Augenblick mit der Geschichte in Verbindung gebracht worden, wenn ich den unseligen Kasten nicht deklariert hätte. Weiß der Himmel, ob mein Bild nicht gar noch ins Polizeiblatt kommt. Ärgerlich genug bleibt's jedenfalls, daß ich zwei Tage in Haft war und auch jetzt nur gegen hohe Kaution freigelassen worden bin mit der Verpflichtung, nächste Woche wieder vor Gericht zu erscheinen. Doch ein hartes Geschick!«

»Ein sehr hartes Mißgeschick!« bestätigte mein Begleiter. »Allein damit endet auch Ihre Prüfung, und zur Entschädigung für den ausgestandenen Verdruß fällt Ihnen ein gewaltiges Vermögen in den Schoß. Hörte, es soll eine Million betragen.«

»Was kauf' ich mir dafür?« rief ich hitzig aus. »Die Leute werden doch ihre weisen Häupter schütteln und sagen: ›Nu – ja, er ist mit blauem Auge davongekommen, aber – dunkel und geheimnisvoll bleibt die Geschichte doch.‹ Das werde ich in allen möglichen Variationen bis an mein Lebensende hören müssen, und die Leute auf der Straße werden auf mich deuten als auf einen Mann, der durch reinen Zufall dem Galgen entronnen ist. Glauben Sie mir – so wird's geschehen.«

»Nein, nein«, widersprach der Präsident, »Sie fassen die Sache viel zu ernst auf.«

»O nein«, beharrte ich. »Das wird so bleiben, wenn nicht eines Tages mein Vetter in meinem Büro auftaucht und mich leichthin um einen Vorschuß von ein- oder zweitausend Pfund ersucht. Ich habe noch nie gehört«, fügte ich ironisch hinzu, »daß ein Mensch zwei Körper hat, und wer weiß, ob der wirkliche Reginald Bracebridge nicht noch am Leben ist und sich irgendwo auf Gottes Erdboden herumtreibt. Mich würde das durchaus nicht wundern. Aber – wie ist's mit meiner Fahrt nach Brüssel? Ich muß dem Direktor des Hospitals doch antworten. Ist es mir denn gestattet, auf eigene Rechnung hinzugehen?«

»Ich habe eben darüber nachgedacht«, erhielt ich zur Antwort. »Wäre vielleicht besser, wir sprächen in Scotland Yard vor und zeigen auf jeden Fall die Depesche. Man wird Ihnen sicher einen Beamten – wahrscheinlich den Inspektor Walter – mitgeben. Sie haben doch nichts dagegen einzuwenden?«

»Nicht das geringste«, versicherte ich. »Im Gegenteil, es wird mir sehr recht sein.«

»Nun, dann kommen Sie mit mir.«

Er rief ein Auto an, und zehn Minuten später befanden wir uns in Scotland Yard.

Das Ergebnis dieses Besuches war, daß man mir erlaubte, nach Brüssel zu telegraphieren und daß Inspektor Walter beauftragt wurde, mich dorthin zu begleiten.

Nachdem ich mich mit letzterem verabredet hatte, ihn abends am Charing Croß Bahnhof zu treffen, sandte ich ein Telegramm an den Direktor des Hospitals St. Jean, worin ich ihm meldete, daß ich London mit dem Neunuhr-Schnellzug verlassen würde. Zehn Minuten später betrat ich die eleganten Räume des Herrn Harris, bekannt als der erste Geldverleiher des Westens. Nach Vorweisung meiner Karte führte man mich in sein Privatbüro, wo er mich mit einschmeichelnder Höflichkeit empfing und zu einem Sitz geleitete.

»Freut mich, Sie zu sehen, Herr Bracebridge«, sagte er, sich vor seinem Schreibtisch niederlassend. »Traurige Geschichte das!«

»Sehr traurig!« nickte ich.

»Für uns alle!« ergänzte er. »Vor allem für den armen Jungen, dann für Sie, wegen der vielen Scherereien, und schließlich auch für mich, weil ich einen so ausgezeichneten Klienten verloren habe.«

»Das glaube ich gern. Er steht wohl mit einem hohen Schuldkonto in Ihren Büchern. Ich vermute – –«

»Wünschte, sein Konto wäre noch höher gewesen«, unterbrach mich Harris. »Er hatte noch drei Jahre vor sich.«

»Ganz recht«, wehrte ich ab. »Später werde ich auf das Geschäftliche zurückkommen; für den Augenblick bin ich zu ermüdet, um mich damit zu befassen. Da ich heute abend nach Paris fahre, so würde ich Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie mir freundlichst die Nummern der Banknoten geben wollten, die Sie meinem Vetter kürzlich dorthin ins Hotel Scribe geschickt haben.«

»Mit dem größten Vergnügen«, entgegnete Harris, indem er ein Blatt Papier aus einem Fach seines Schreibtisches nahm. »Hier ist die Liste. Die Nummern sind alle aufeinanderfolgend und die Bankscheine waren auf besonderen Wunsch lauter Fünfzigpfundnoten. Einige derselben dürfte man jetzt wohl aufgespürt haben, vielleicht sind sie auch schon alle weggeschafft worden. Die Bank hätte längst benachrichtigt werden sollen. Wie ist's, hat man die Totenschau aufgeschoben?«

»Ja, bis zur nächsten Woche«, erwiderte ich, mich erinnernd, daß er den Gerichtshof verlassen hatte, bevor ich die Depesche aus Brüssel erhielt. »Die Ärzte sind noch nicht ganz einig über die Todesursache und wollen die Leiche nochmals untersuchen.«

»Wirklich?« rief er überrascht aus. »Das habe ich nicht mehr gehört, denn ich mußte zu einer geschäftlichen Rücksprache. Glauben Sie, daß die Frau in Paris es getan hat?«

»Ich besitze gar kein Urteil darüber«, wich ich seiner Frage aus.

»Ein schlaues Pflänzchen muß das gewesen sein«, bemerkte er, mit den Augen zwinkernd. »Ich hätte selbst hereinfallen können. Wahrscheinlich eine hübsche Frau. Sind doch wahre Teufelchen, die Weiber! wenigstens einige von ihnen – bringen uns immer in Ungelegenheiten.«

»Sehr wahr!« stimmte ich bei, indem ich mich erhob. »Sie senden mir wohl demnächst Ihren Rechnungsbericht.«

»Hat keine Eile, mein Herr«, entgegnete er, sich ebenfalls erhebend. »Gar keine Eile. Weiß ja – das Geld ist so sicher wie in der Bank. Wenn die Sache geordnet sein wird und Sie wieder Ruhe haben, werden Sie sich gewiß meiner erinnern.«

»Ganz recht; das will ich tun. Adieu, Herr Harris!«

»Adieu, Herr Bracebridge! Ich hoffe, Sie finden eine Spur in Paris.«

»Werde mein Möglichstes versuchen«, erwiderte ich, mich rasch verabschiedend.

Ich eilte nun in meine Wohnung, die ich drei Tage nicht betreten hatte, packte einige Sachen, denen ich eine ausgezeichnete Photographie Reginalds beifügte, in einen Handkoffer, fuhr dann nach meinem Büro am Brunswick Square und verblieb dort den Nachmittag, um verschiedene Geschäfte zu erledigen.

Kurz vor neun Uhr betrat ich den Charing Croß Bahnhof. »Ah, da sind Sie ja!« rief mir Inspektor Walter entgegen, als ich mir eben ein Billett löste. »Gerade noch rechtzeitig, einen Whisky zu trinken, ehe wir abfahren. Nicht?«

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