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Ein unheimlicher Passagier

George Webb Appleton: Ein unheimlicher Passagier - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorGeorge Webb Appleton
titleEin unheimlicher Passagier
publisherPaul Franke Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160626
projectid4b56cf1b
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2.

Am folgenden Morgen um halb acht Uhr sprach ich im Hotel Scribe vor und erhielt die Auskunft, ein Herr Bracebridge wohne allerdings da, schlafe aber noch. Er frühstücke gewöhnlich um neun Uhr in seinem Zimmer; vorher liebe er nicht gestört zu werden. Ob ich nicht etwas später noch einmal wiederkommen wolle?

Ich war damit einverstanden. Meiner Beute sicher, brauchte ich jetzt nur ein paar Stunden verbummeln, was zur Sommerszeit in Paris nicht schwerfällt. Zuerst frühstückte ich in einem Café an den Boulevards und wanderte dann gemächlich den Markthallen – dem »Bauch von Paris« – zu, wo ich mir eine Stunde lang das lebhafte und interessante Treiben ansah.

Die Pariser sind wirklich Frühaufsteher – bereits um halb acht ist die ganze Stadt an der Tagesarbeit.

Es schlug gerade neun, als ich wieder vor dem Hotel Scribe stand. Da man mir sagte, Herr Bracebridge habe noch nicht nach dem Frühstück geklingelt, so wartete ich noch eine halbe Stunde, erhielt dann aber die Auskunft, der Herr schlafe noch.

Auch um zehn Uhr bekam ich den gleichen Bescheid. Ich fürchtete nun, er sei mir heimlich entschlüpft. Meine Karte vorweisend, legitimierte ich mich daher als seinen nahen Verwandten, der von London herübergekommen sei, um ihn in dringender Angelegenheit zu sprechen, und verlangte energisch, man solle ihn wecken. Nach einigem Zaudern wurde meiner Forderung Folge geleistet. Der Kellner kam jedoch mit der Nachricht zurück, Herr Bracebridge müsse die Nacht auswärts verbracht haben, denn er befinde sich nicht in seinem Zimmer und das Bett sei unbenutzt.

Dies setzte mich in Erstaunen. Ich ließ mir Tinte, Feder und Papier geben und schrieb einen kurzen Brief an Reginald, worin ich ihm mitteilte, ich sei nach Paris gekommen, um ihn in einer wichtigen Sache zu sprechen und erwarte bestimmt, ihn um zwölf Uhr im Hotel zu treffen. Diesen Brief ließ ich im Büro zurück mit der strikten Anweisung, ihn Herrn Bracebridge sofort nach seiner Rückkehr einzuhändigen.

Punkt zwölf Uhr stellte ich mich wieder ein. Der höfliche Beamte im Büro schüttelte lächelnd den Kopf, indem er auf mein Schreiben deutete, das noch auf dem Tisch lag. So schrieb ich denn außen auf das Kuvert: »Komme um zwei wieder!« und suchte dann ein Restaurant auf, da ich mächtigen Hunger verspürte.

Als ich um zwei Uhr ins Hotel kam, war meine Nachfrage abermals umsonst. Jetzt beschlich mich doch eine leise Besorgnis, die allerdings nicht frei von Mißtrauen war. Was konnte ich aber tun? Ich mußte mich in Geduld fassen und weitere zwei Stunden warten.

Bei meiner Rückkehr um vier Uhr kam mir der Buchhalter des Hotels mit einem Telegramm entgegen.

»Endlich, mein Herr!« sagte er, mir die Depesche reichend. Sie war an den Hoteldirektor gerichtet und kam von Brüssel.

»Muß sofort nach Berlin«, lautete sie, »behalten Sie mein Gepäck, bis ich zurückkehre und schicken Sie meine Rechnung an Frank Bracebridge, Brunswick Square zweihundertzehn London, der sie begleichen wird.

Bracebridge.«

Diese Nachricht überraschte und ärgerte mich, zumal ich sah, wie ausfällig der Buchhalter meine Karte hin und her drehte. Welch eine Verdrießlichkeit! Nicht nur hatte ich einen Narrengang nach Paris gemacht, sondern sollte auch noch eine Geldforderung begleichen, der ich nicht ausweichen konnte. Die Sache war im höchsten Grade ärgerlich, allein ich begriff, daß mir nichts übrigblieb als gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

»Es ist mir sehr unangenehm«, sagte ich, die Depesche zurückgebend, »denn meine Zeit ist kostbar und ich habe nun einen ganzen Tag nutzlos verschwendet. Aus meiner Karte ersehen Sie wohl, daß ich die im Telegramm erwähnte Persönlichkeit bin. Schreiben Sie also bitte gleich die Rechnung. Inzwischen möchte ich den Herrn Direktor sprechen.«

Nach wenigen Minuten saß ich mit diesem zusammen, und er war bereit, zur Liquidation seines Kontos, das sich auf mehrere Tausend Franken belief, einen Scheck anzunehmen. Da ich auf eine hohe Rechnung gefaßt gewesen war, so ging ich nicht näher aus die Einzelheiten derselben ein, sondern schrieb den Scheck und befragte dann den Direktor über Reginalds Lebensweise und Verkehr. Der gute Mann war jedoch von einer kindlichen Unwissenheit, was seine Gäste anbetraf – ich konnte nicht die geringste Auskunft von ihm erlangen. Ich gab auch bald den Versuch auf, dankte ihm und verließ das Hotel.

Am selben Abend gegen zehn Uhr erreichte ich den Nordbahnhof noch eben zur rechten Zeit, um in ein Abteil erster Klasse des nach Calais abfahrenden Schnellzuges zu springen.

Todmüde von der vierundzwanzigstündigen Hetzjagd, während welcher kein Schlaf in meine Augen gekommen war, sank ich in die Polster. Ich bemerkte nur noch, daß mein einziger Reisegefährte schrägüber in der Ecke ein weibliches Wesen war, dann schloß ich die Augen, und nach kaum zwei Minuten schlief ich fest wie ein Murmeltier.

Als der Zug in Amiens hielt, fuhr ich einen Augenblick aus meinem Traum auf, merkte, daß die Dame noch auf ihrem Platze saß und – schlief wieder weiter.

Etwa eine Stunde später erwachte ich mit klarem Bewußtsein, und nun sah ich, daß die Augen der Frau forschend auf mich gerichtet waren. Sie zeigten einen Ausdruck der Überraschung und des Erkennens. Als sich unsere Blicke begegneten, lächelte sie. Ich stutzte; dann aber lüftete ich den Hut und setzte mich neben sie.

Wie ein Blitzstrahl kam mir ein Ereignis in Erinnerung.

Es war vor einem Jahr während einer kurzen Ferienreise auf dem Kontinent gewesen, als ich eines Abends in Baden-Baden in der Nähe des Kursaals einen Hilferuf vernahm. Rasch eilte ich der Richtung zu, aus welcher er kam und fand in einer der Alleen eine Frau in heftigem Kampf mit einem großen schwarzbärtigen Mann.

Mit einem Satz stand ich an ihrer Seite.

Nicht ohne Stolz darf ich mich einen Herkules nennen, denn ich bin sechs Fuß drei Zoll hoch, sehr breitschultrig und kann bei Gelegenheit ordentlich zuhauen.

Durch einen heftigen Stoß warf ich den Mann flach auf den Rücken und ohne mich weiter um ihn zu kümmern – wußte ich doch, daß er sobald nicht imstande sein werde, sich zu erheben – bot ich der zitternden Dame meinen Arm und geleitete sie in ihr Hotel. Sie dankte mir mit warmen Worten, dann ging ich meiner Wege.

Ihretwegen verschob ich meine Abreise um zwei Tage, allein ich begegnete ihr nicht wieder.

Seit jener Zeit kam mir das schöne Gesicht dieser Frau oftmals ins Gedächtnis zurück, und nun, o Wunder! saßen wir plötzlich allein nebeneinander im Pariser Schnellzug nach Calais. Die Situation war romantisch, mir aber durchaus nicht unangenehm.

»Ich irre mich wohl nicht«, redete ich sie zögernd an, »war es nicht in Baden-Baden, daß wir uns trafen?«

»Ja«, nickte sie, mir die Hand reichend. »Sie haben mir damals einen Dienst erwiesen, der sich nie vergißt. Ich danke Ihnen aus tiefster Seele dafür.«

Während ich ihre kleine behandschuhte Rechte einen Augenblick in der meinen hielt, erfaßte ich mit einem Blick den ganzen Reiz ihrer Erscheinung. Ein liebliches Gesicht, üppiges, wie Goldbronze schimmerndes Haar, große, dunkle, wunderbar leuchtende Augen, ein blendend weißer, rosig angehauchter Teint, der Mund einer griechischen Göttin mit kirschroten Lippen und milchweißen Perlenzähnchen – kurz, das schönste Weib, das meine Augen je gesehen.

»Ich verdiene keinen Dank«, wehrte ich bescheiden ab, »denn ich erfüllte nur die Ritterpflicht gegen eine bedrängte Frau. Es ist also kein Verdienst. Ich darf wohl annehmen, daß das Abenteuer keine mißlichen Folgen für Sie hatte. Meine Hoffnung, Sie damals vor meiner Abreise noch einmal zu sehen, blieb leider unerfüllt.«

Kaum hatte ich diese Worte ausgesprochen, als ich auch schon meine Kühnheit bereute. Sie zeigte sich aber durchaus nicht beleidigt.

»Mich erfüllte derselbe Wunsch«, erwiderte sie. »Ich fürchtete nämlich, Ihnen in der Aufregung des Augenblicks nicht genügend gedankt zu haben. Da ich aber eine tödliche Angst vor dem Manne hatte, so entfloh ich mit dem ersten Morgenzug. Hätte ich Ihre Adresse gewußt, hätte ich Ihnen sicher geschrieben.«

»So kannten Sie Ihren Angreifer?« warf ich ein.

»Sehr genau. Er war mein Gatte.«

Das klang höchst sonderbar; weil mir jedoch nichts Besseres einfiel, antwortete ich nur: »Ah, wirklich?«

»Sie scheinen überrascht zu sein«, bemerkte sie; »ich sehe es an Ihrem Gesicht. Wahrscheinlich würden Sie sich aber nicht wundern, wenn ich Ihnen sage, daß dieser Mann fast von der ersten Stunde unserer Ehe an für mich ein Fluch, ein Alpdruck, ein Schrecken gewesen ist. Ein Jahr lang blieb ich vor seinen Nachstellungen verschont – aus dem einfachen Grunde, weil er machtlos war, mich zu verfolgen. Ich weiß aber nicht, wann er plötzlich wieder auftauchen und was dann geschehen wird. Ich fühle mich nie und nirgends sicher.«

»Können Sie sich in keiner Weise schützen?« fragte ich.

Sie schüttelte den Kopf. »Ich wüßte nicht mit welchen Mitteln. Der Fall ist, fürchte ich, ein hoffnungsloser« ...

Schon stand ich im Begriff, einige teilnehmende Worte zu äußern, als die Lokomotivenpfeife ertönte; der Zug fuhr langsamer, und gleich darauf befanden wir uns – zu meinem Erstaunen – im Bahnhof von Calais.

Ich ließ das Fenster herab und schaute hinaus.

Auf dem Bahnsteig rief jemand laut: »Ein Telegramm für die Baronin Slavinsky.«

Meine Gefährtin fuhr jäh in die Höhe.

»Was ruft man?« fragte sie.

Ich wiederholte ihr die Worte.

»Winken Sie den Mann hierher!« bat sie. »Die Depesche ist für mich. Was mag es bedeuten?«

Ich sah, wie sie vor Erregung zitterte, und rasch die Waggontüre öffnend, rief ich den Beamten heran. »Das Telegramm ist für diese Dame«, sagte ich, mit der Baronin aussteigend, die hastig nach der Depesche griff, als der Postbote sie ihr reichte. Während sie den Inhalt las, bemerkte ich, wie sich ihre Augen vor Schreck weiteten und jeder Blutstropfen aus ihrem Gesichte wich.

»Es ist eingetreten, was ich fürchtete«, sagte sie halblaut zu mir gewandt. »Ich kann es Ihnen nicht näher erklären, aber heute darf ich unter keinen Umständen nach London weiterreisen. Mit dem nächsten Zug muß ich nach Paris zurück. Mein Koffer geht aber durch bis Charing Croß. Was soll ich tun?« schloß sie ratlos.

»Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein«, bot ich ihr meine Dienste an.

»Oh, wenn Sie mir wirklich beistehen wollten, wäre ich sehr dankbar«, rief sie erfreut. »Hier ist der Gepäckschein«, fügte sie hinzu, indem sie mir das Papier gab. »Vielleicht haben Sie die Güte, dafür zu sorgen, daß mein Koffer in Charing Croß im Gepäckraum aufbewahrt wird und schicken mir dann den Schein. Meinen Namen wissen Sie jetzt – Baronin Slavinsky und meine Adresse ist Grand Hotel in Paris. Darf ich es wirklich wagen, Sie derart zu bemühen?«

»Eine ganz unnötige Frage, gnädige Frau«, erwiderte ich höflich. »Ich wünschte, diese Mühe, wie Sie es nennen, wäre eine viel größere. Doch – wie ist es mit der Zolluntersuchung? Der Koffer muß in London geöffnet werden.«

»Natürlich!« nickte sie, mir den Schlüssel reichend. »Ich habe wirklich den Kopf verloren.«

Ich geleitete sie hierauf mit ihrem Handgepäck in den Wartesaal und obgleich sie das Telegramm nicht weiter erwähnte, merkte ich doch, daß etwas Wichtiges geschehen sein mußte, da sie in ihrem Wesen völlig verändert war.

Erst als ich mich von ihr verabschiedete, vergaß sie für einen Augenblick die Furcht, die sie beherrschte.

»Sie sind so überaus freundlich gegen mich gewesen«, sagte sie warm. »Ich hoffe, daß ich Ihnen eines Tages alles erklären kann. Doch, da fällt mir ein – ich weiß ja gar nicht Ihren Namen.«

»Ach, verzeihen Sie«, stammelte ich, wie ein Schulknabe errötend, während ich rasch eine Besuchskarte hervorzog. Ohne einen Blick darauf zu werfen, schob sie diese in ihre Handtasche. »Ich werde es nicht vergessen«, sagte sie ernst. Dann schüttelten wir uns die Hand zum Abschied.

Die Signalpfeife auf dem Dampfer mahnte mich zur Eile, und von seltsamen Gefühlen bewegt, ging ich an Bord des Schiffes. Die Überfahrt verlief ohne Störung; zur bestimmten Stunde traf ich in London ein, und am Charing Croß-Bahnhof aussteigend, begab ich mich mit dem Gepäckschein in den Raum, wo die Zollbeamten das Gepäck der angekommenen Passagiere revidieren.

Das meinige oder vielmehr der Baronin Slavinsky gehörige, war bald gefunden – ein riesiger Rohrplattenkoffer, an dem das Schild des Grand Hotel klebte. Ich schloß ihn auf, und der Beamte lüftete den Deckel, ließ ihn aber gleich wieder fallen, indem er erschrocken ausrief: »Großer Gott!«

»Was ist denn los?« fragte ich, in höchstem Grade überrascht.

»Was los ist?« lautete die schroffe Antwort. »Das müßten Sie doch am besten wissen. Sehen Sie sich gefälligst Ihr Gepäck an.«

Ich hob nun den Deckel auf, doch was ich erblickte, machte mich fast schwindlig vor Entsetzen. Ganz zusammengedrückt lag da – die Leiche meines Vetters Reginald im Gesellschaftsanzug, mit starren, weitgeöffneten Augen, die wie vorwurfsvoll auf mich gerichtet waren.

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