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Ein unheimlicher Passagier

George Webb Appleton: Ein unheimlicher Passagier - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorGeorge Webb Appleton
titleEin unheimlicher Passagier
publisherPaul Franke Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160626
projectid4b56cf1b
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20.

Der Morgen dämmerte bereits stark, als ich meine Wohnung erreichte. Ungeachtet der aufgehenden Sonne begab ich mich zur Ruhe, um noch einige Stunden Schlaf zu finden.

Nun träumte ich wirklich. Es war ein Traum voll leuchtender Visionen, die mich anfangs kaleidoskopartig, bunt und unentwirrbar umgaukelten, aus denen mich aber immer wieder ein holdes Antlitz, das ich nur zu gut kannte, anlächelte. Zarte Hände winkten mir und geleiteten mich durch blumenübersäte Gründe, durch sonnige Gärten, wo blühende Rosen mir zunickten und süße Lieder erklangen.

Und die weißen Hände lockten mich weiter und weiter bis nach Twyford Hall, das, wie ein Phönix aus der Asche erstiegen, vor mir stand, geschmückt mit kostbaren Kunstwerken, herrlichen Marmorstatuen und prunkvollen Möbeln, erfüllt mit dem berauschenden Duft exotischer Pflanzen, überflutet von einem tausendfarbigen Lichtmeer.

Vornehm aussehende Männer und schöne Frauen umdrängten mich, während ich stolz an der Seite meiner Braut dahinschritt, die sich zu mir neigte und mir zuflüsterte: »Ich sagte es dir ja – ich würde dich nicht vergessen.«

Plötzlich verschwand die wunderbare Vision, und die Sonne, die mir gerade ins Gesicht schien, weckte mich auf. Ich sah nach der Uhr – genau zwei Stunden hatte ich geschlafen.

Seit meinem schauerlichen Erlebnis in Twyford Hall glaubte ich sehr fest an Träume, und dieser letzte übte einen so nachhaltigen Eindruck auf mich aus, daß ich nach eingenommenem Frühstück zu dem ersten Londoner Dekorateur Maples fuhr, dem ich die weitgehendsten Aufträge gab, Twyford Hall neu zu dekorieren und zu möblieren sowie mit elektrischem Licht zu versehen. Daß ich dies alles aus Anlaß eines Traumes ins Werk setzte, mußte mich vor mir selbst als einen rechten Narren erscheinen lassen, um so mehr, als ich bisher nicht die geringste Lust verspürt hatte, den so ungemütlichen Ort jemals wieder aufzusuchen.

Trotzdem hielt ich an dem einmal gefaßten Plane fest, und noch am selben Nachmittag überraschte ich Frau Robinson, den alten Lawson und meinen braven Dick, indem ich plötzlich in ihrer Mitte erschien und ihnen erklärte, Twyford Hall solle von Grund auf umgestaltet werden. Binnen einer Woche war alles im Gang. Ich nahm meinen Wohnsitz im Herrenhaus und war selbst erstaunt, mit welch regem Interesse ich die Umgestaltung des alten Gebäudes überwachte.

Die Ausführung einer gewissen Angelegenheit machte mir eine Weile viel Kopfzerbrechen; als ich jedoch meinen Dick und den Totengräber des Dorfes ins Vertrauen zog, gelang die Sache ohne große Schwierigkeit, und der arme Reginald erhielt schließlich doch seinen Platz in der Gruft seiner Ahnen. Was die sterblichen Überreste des anderen anbetrifft, so wußte niemand außer dem Totengräber, wo dieselben in die Erde gesenkt worden sind, und da der gute Mann inzwischen verstorben ist, so wird man wohl bis zum Jüngsten Gericht auf die Lösung dieses Geheimnisses warten müssen, falls es wirklich einer Aufklärung wert wäre, was ich jedoch zu bezweifeln wage.

Und nun komme ich zu dem Höhepunkt meiner Geschichte, dem seltsamsten, romantischsten Erlebnis, das je einem Menschen begegnet ist.

Volle drei Wochen waren verstrichen ohne eine Nachricht von Petersburg, so daß ich bereits anfing, recht ungeduldig zu werden, als ich endlich einen Brief erhielt, der mich in einen Freudentaumel versetzte, weil aus dem Schreiben ein schmaler Papierstreifen fiel, auf dem geschrieben stand:

»Ich sagte Ihnen, ich würde Sie nicht vergessen. Kommen Sie zu Ihrer

Irene.«

Nur diese wenigen Worte – aber welche Verheißung! Womit hatte ich ein solches Glück verdient, wie es mir jetzt entgegenlächelte?

Der Brief war von Irenes Bruder und lautete:

»Lieber Freund!

Der Großfürst hat mich beauftragt, Sie zu ersuchen, aus jeden Fall Dienstag, den 24. d. M., in Petersburg einzutreffen. Wenn Sie Berlin am 23. mit dem Morgenschnellzug verlassen, können Sie rechtzeitig hier sein. Begeben Sie sich vom Bahnhof nach dem Hotel de France an der Großen Morskaja, wo ich Sie aufsuchen werde. Alles weitere teile ich Ihnen alsdann mündlich mit. Bis dahin verbleibe ich

Ihr sehr ergebener
K. Schuwaloff.«

Zum Glück war ich gerade in London, als der Brief ankam. Ich fuhr sofort in meinen Klub, um den Fahrplan zu studieren. Es war der Neunzehnte. Konnte ich Petersburg rechtzeitig erreichen? Ich überlegte. Bis Berlin dauerte die Fahrt zweiundzwanzig Stunden, von dort bis Petersburg noch weitere einunddreißig. Das ließ sich also ohne Überstürzung machen.

Als ich am Abend meinen Koffer packte, traf ich eine sorgfältige Auswahl unter meiner Garderobe; auch vergaß ich nicht das kostbare Halsband, das ich durch Flamborough erworben hatte, mitzunehmen.

Kurz vor neun Uhr befand ich mich auf dem Wege nach Berlin, wo ich übernachtete. Und dann begann die lange Fahrt nach Petersburg. Auf der ganzen Strecke jenseits der preußischen Grenze wurde die Eintönigkeit der öden Landschaft nur selten durch ein Dorf oder eine einsame menschliche Behausung unterbrochen, und mit einem wahren Gefühl der Erleichterung fuhr ich in den Warschauer Bahnhof am südlichen Ufer der Newa ein.

Nach einer ziemlich langen Wagenfahrt durch einen schmutzigen Stadtteil gelangte ich endlich ans Flußufer, wo sich mit einem Schlage die ganze Pracht der russischen Metropole vor mir auftat.

Die mächtigen Granitpfeiler der Kais, die vergoldete Kuppel der imposanten St.-Isaaks-Kirche, die architektonisch kunstvolle Turmspitze der Peter-Pauls-Festung, in deren düsteren Gewölben so mancher Zar in seinem Bleisarge ruht, die gewaltige Fassade des Winterpalastes – all dies flog an meinen erstaunten Blicken vorüber, als wir über die Brücke jagten, und ehe ich's mir versah, befanden wir uns auf dem berühmten Newskij-Prospekt, wo der Wagen vor dem Hotel de France anhielt.

Und nun begann ein Wirbelwind von Überraschungen aller Art.

Sobald ich dem Portier meinen Namen genannt hatte, wurde mir mitgeteilt, daß die besten Zimmer des Hotels für mich reserviert worden seien, und man geleitete mich mit so viel Höflichkeitsbezeigungen dorthin, als sei ich mindestens ein Großfürst. Verschiedene Erfrischungen sowie ein dampfender Samowar standen auf dem Tisch des eleganten Salons, wo mich ein Mann in einfacher Livree erwartete. Er stellte sich mir als Diener des Grafen Schuwaloff vor und erklärte, auf Befehl seines Herrn völlig zu meinen Diensten zu stehen.

Alsdann überreichte er mir einen Brief, dessen Inhalt lautete:

»Lieber Freund!

Eine halbe Stunde nach Ihrer Ankunft werde ich bei Ihnen sein. Kleiden Sie sich um und halten Sie sich bereit, mich zum Winterpalast zu begleiten.

Karl.«

Mein Herz stand plötzlich still. Erst hieß es »Irene«, nun »Karl« und als Krone des Ganzen eine Beorderung in den Winterpalast, die zweifellos vom Zaren selbst ausging! Das war mehr, als ich mir hätte träumen lassen. Zum Glück bin ich nicht leicht eingeschüchtert, wodurch es auch immer sei, und so warf ich mich auch jetzt mit ziemlicher Selbstbeherrschung in Gala und war auf alles vorbereitet, noch ehe Karl Schuwaloff erschien.

Als er dann eintrat, begrüßte er mich mit kräftigem Händedruck. »Aha, da sind wir ja!« rief er in heiterer Laune. »Was war das für eine Nacht in London! Eh? Nun kommen Sie aber – der Wagen wartet, und in drei Minuten sind wir am Ziel. Aber bitte, unterwegs keine Fragen stellen!«

Den Haupteingang des Palastes am Flußufer umgehend, betraten wir das Schloß durch eine Seitentür und wurden sofort in einen kleinen, aber prunkvoll ausgestatteten Salon geführt, von dem aus man die Newa sehen konnte.

Wie ich im stillen gehofft, war Irene anwesend – zu meiner Überraschung in glänzender Gesellschaftstoilette. Sie kam mir mit ausgestreckten Händen entgegen und stellte mich dann ihrem Vater, einem stattlichen, älteren Herrn, vor, der mich mit einer Wärme begrüßte, die mich fast in Verlegenheit setzte.

Wir hatten jedoch nur erst wenige Worte gewechselt, als ein Page erschien.

»Seine Majestät haben befohlen!« meldete er, worauf er uns einen schmalen Korridor entlang führte, eine Tür öffnete und zur Seite trat, um uns in das Arbeitszimmer des Zaren einzulassen.

Der Kaiser, in kleiner Uniform, saß an einem breiten Tische, der mit Briefen und Aktenstücken bedeckt war. Er nickte uns freundlich zu, während der Großfürst, dessen Bekanntschaft ich in London gemacht hatte, sich erhob, uns entgegenkam und mich mit warmem Händedruck begrüßte.

»Ach, mein Herr«, sagte er lächelnd, »unsere geheimnisvolle Abreise hat Sie damals wohl nicht wenig überrascht?« Und sich zu dem Zaren wendend, fügte er hinzu: »Eure Majestät, dies ist der Herr, dem wir eine Auszeichnung zugedacht haben.« Was nun folgte, entsprach eigentlich nicht dem Hofzeremoniell, denn der Herrscher aller Reußen erhob sich und reichte mir die Hand.

»Herr Bracebridge«, sagte er in verbindlichem Ton, »Sie sind heute auf meinen besonderen Wunsch hier, und ich freue mich aufrichtig, Sie kennenzulernen. Sie haben uns und dem Russischen Reich einen sehr großen Dienst erwiesen, den wir jedoch aus Staatsgründen lieber nicht erörtern wollen. Ich möchte Ihnen aber persönlich danken und mich erkenntlich zeigen. Sprechen Sie ohne Scheu einen Wunsch aus – er soll Ihnen gewährt werden.«

Der Monarch hielt inne, als er aber sah, daß meine Blicke zu der Baronin hinüberflogen, setzte er hinzu: »Ah, ich hatte ganz vergessen! Wie ich erfahren, haben Sie unsere Freundin, die Baronin Slavinsky, zweimal aus den mörderischen Händen des Schurken befreit, der ihr Gatte war.«

»Ihr Gatte war?« wiederholte ich, das letzte Wort überrascht betonend.

Der Zar lächelte. »Ja, denn das Band zwischen ihnen ist gelöst.«

»Dann, Eure Majestät«, rief ich, in meiner Freude alles um mich her vergessend, »dann bitte ich nur um einen Lohn, wenn ich überhaupt einen solchen verdient habe. Ich bin ein reicher Mann und entstamme einer angesehenen britischen Familie. Einer meiner Vorfahren hatte einst die Ehre, Ihren großen Ahnen, Peter den Ersten, bewirten zu dürfen. Ich bedarf daher keiner materiellen Anerkennung. Was ich mir wünsche, ist einzig und allein die Hand dieser verehrten Frau, die ich seit dem ersten Augenblick unserer Bekanntschaft geliebt habe.«

Der Zar wandte sich mit lustigem Augenzwinkern zu der Baronin.

»Frau Baronin«, sagte er, »nehmen Sie diese Werbung an?«

Irene verneigte sich mit tiefem Erröten.

»Und Sie, meine Herren?« fragte er ihren Vater und ihren Bruder. »Geben Sie Ihre Einwilligung?«

Beide verbeugten sich zustimmend.

»Dann«, bemerkte der Zar lächelnd, »soll es heißen, wie Ihr großer Dichter Shakespeare sagt: ›Wenn es geschehen muß, so wäre es gut, es geschähe rasch.‹ Ich darf wohl verraten, Herr Bracebridge, daß Ihre Bitte nicht ganz unerwartet kam und daß alles zu ihrer Erfüllung vorgesehen ist. Es bleibt mir nur übrig, Ihnen aufrichtig Glück zu wünschen und die Hoffnung auszusprechen, daß wir Sie beide von Zeit zu Zeit an unserem Hofe sehen werden.«

Damit war die Audienz beendet. Ein Page führte uns in den Salon zurück, wo sich der Großfürst bald darauf zu uns gesellte.

Es erschien sodann ein zahlreiches Gefolge von Hofbeamten in glänzenden Uniformen, und nun wurden wir durch märchenhaft schöne Säle nach einer hohen Vorhalle geleitet, von der uns einige Marmorstufen in eine kleine Kapelle hinabführten. Den Trauungsakt vermag ich nicht zu schildern. Ich habe nur noch eine verworrene Vorstellung von Priestern in goldstrotzenden Gewändern, von Kerzen, die auf dem Altar brannten und deren Licht sich in den heiligen Gefäßen spiegelte, von dem betäubenden Duft, der den silbernen Weihrauchfässern entstieg, und von einem komplizierten, aber feierlichen Ritual mit vielen Kniebeugungen. Das ist alles, dessen ich mich entsinne.

»Und nun, Bruder Frank«, sagte Karl nach beendeter Zeremonie, »wir drei – Seine Kaiserliche Hoheit, unser Vater und ich – wir werden mit euch beiden im Hotel speisen. Ihr seid die Gäste des Zaren, auf dessen Befehl ich ein Hochzeitsmahl bestellt habe, das, wie ich hoffe, der festlichen Gelegenheit würdig sein wird.«

In der Tat – er hatte nicht zuviel versprochen, und bis an mein Lebensende wird die Erinnerung an dieses herrliche Mahl in mir lebendig bleiben. Doch ich will nicht in die Einzelheiten desselben eingehen, auch nicht die prachtvollen Geschenke des Zaren für meine junge Frau näher schildern. Nur eins muß ich noch erwähnen – das Überraschendste unter all den Überraschungen dieses Tages.

Als der Großfürst sich von der Tafel erhob, verabschiedete er sich von uns mit den Worten: »Ich muß nun in meinen Klub, und Sie, junges Paar, sollen Ihre Hochzeitsreise antreten. Der Wagen ist auf Mitternacht bestellt. Ihr Vater und Karl werden Sie bis zu meiner Jacht begleiten, die am Admiralitätskai vor Anker liegt. Sie steht zu Ihrer Verfügung, solange es Ihnen beliebt, sie zu benutzen. Gute Reise, viel Glück und auf Wiedersehen!«

*

Vier Wochen später, bei unserer Ankunft in London, ließen wir uns vorsichtshalber in aller Stille nochmals im Standesamt von Westminster trauen.

Und dann ging es ins neue Heim!

Ich bezweifle, ob die alten grauen Mauern von Twyford Hall jemals einen so fröhlichen Einzug gesehen haben wie den unseren.

Drei Dinge sind's, die ich nicht weiß und auch nicht wissen will. Erstens den Inhalt des Dokumentes, das ich im Grand Hotel in Paris gefunden hatte, zweitens den Grund, weshalb Karl im Hotel Scribe den Kellner spielte, und drittens das Schicksal des Barons Slavinsky.

Diese drei Dinge verlange ich nicht zu wissen, denn sie werden völlig in den Hintergrund gedrängt durch das große, unaussprechliche Glücksgefühl, das meine Seele erfüllt, wenn immer – und das geschieht sehr oft – ich mit zärtlichem Blick meiner geliebten Irene ins Auge schaue.

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