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Ein unheimlicher Passagier

George Webb Appleton: Ein unheimlicher Passagier - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorGeorge Webb Appleton
titleEin unheimlicher Passagier
publisherPaul Franke Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160626
projectid4b56cf1b
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1.

Es hat eine Zeit gegeben, wo die Erinnerung an meinen verstorbenen Onkel James Bracebridge von Twyford Hall in der Grafschaft Suffolk keine freundlichen Gedanken in mir erweckte, und zwar aus folgendem Grunde: in seinem Testamente hatte er alles bewegliche und unbewegliche Eigentum seinem einzigen Sohne Reginald unter Bedingungen vermacht, die, soweit sie mich betrafen, große Unbequemlichkeiten mit sich brachten, was sich allerdings erst im Laufe der Zeit bemerkbar machte.

Diese Bedingungen waren, daß Reginald sein Erbe nicht eher antreten dürfe, als bis er fünfundzwanzig Jahre zählen würde, und daß ich, als einziger Testamentsvollstrecker und als sein Vormund mit unbeschränkter Machtbefugnis ausgestattet, ihm während dieser langen Wartezeit nach meinem eigenen Ermessen so viel oder so wenig als mir beliebe für seinen Unterhalt auszahlen solle. Für meine Mühewaltung erhielt ich ein Legat von zweitausend Pfund.

Eine weitere Testamentsklausel bestimmte, daß die Erbschaft auf mich übergehen solle, falls Reginald ohne Nachkommenschaft sterben würde.

Nun muß ich offen gestehen, daß mich dieses Vertrauen meines Onkels anfangs mit nicht geringem Stolz erfüllte, da ich es als eine schmeichelhafte Anerkennung meiner Zuverlässigkeit betrachtete. Meine Freudigkeit sollte jedoch nicht von langer Dauer sein, denn schon bald nach dem Tode meines Onkels erkannte ich, wie schwer die Verantwortlichkeit war, die ich auf mich genommen hatte.

Reginald zählte damals zwanzig Jahre und studierte noch in Oxford. Er war zehn Jahre jünger als ich, und da wir uns nur sehr selten gesehen hatten, so wußte ich verhältnismäßig wenig über seinen Charakter. Obgleich ein hübscher, junger Mann von einnehmendem Wesen, schien er nicht sehr intelligent zu sein und wenig Charakterstärke zu besitzen. In dieser Beurteilung meines Vetters irrte ich mich nicht; am Begräbnistag seines Vaters lernte ich ihn jedoch von einer anderen Seite kennen. Er zeigte nämlich nicht die geringste innere Bewegung, während wir am offenen Grabe standen – im Gegenteil, sein Gesicht trug einen gelangweilten Ausdruck, und als die erste Scholle auf den Sarg fiel, bemerkte ich deutlich, wie er sichtlich erleichtert aufatmete.

Nach beendigter Feier trat er hastig auf mich zu. »Hast du das Testament in Händen?« fragte er.

Ich bejahte.

»Gut«, nickte er, »dann laß uns die Sache so rasch wie möglich abmachen. Möchte mit dem nächsten Zug zurückfahren, denn ich habe heute abend ein paar Freunde bei mir zum Kartenspiel. – Wer sind die Testamentsvollstrecker?«

»Es ist nur einer – ich selbst«, lautete meine Antwort.

»Bravo!« rief er, mir auf die Schulter klopfend. »Der Alte hat mich die letzte Zeit furchtbar knapp gehalten. Gib mir mal hundert Pfund, ehe ich geh' – bist auch ein guter Kerl!«

Ich schaute ihn mit unverhohlener Mißbilligung an, fühlte ich mich doch von seinem Benehmen im höchsten Grade abgestoßen. Was für ein herzloser Bursche das ist! dachte ich bei mir, laut aber entgegnete ich in ernstem Ton: »Warte lieber, bis du den Inhalt des Testaments erfahren hast; nachher will ich das weitere mit dir besprechen.«

»Meinetwegen!« warf er leicht hin. »Brauchst deshalb nicht gleich so brummig zu sein.«

Ich würdigte ihn keiner Antwort, und schweigend kehrten wir ins Trauerhaus zurück. Hier ergriff ihn von neuem die Ungeduld; er drängte mich, das Testament rasch zu verlesen, allein ich beeilte mich durchaus nicht, seinem Wunsche zu entsprechen. Da mein verstorbener Onkel verschiedene langjährige Diener mit kleinen Legaten bedacht hatte, so ließ ich die Betreffenden in das Bibliothekzimmer kommen. Es verging eine halbe Stunde, bis alle versammelt waren, während welcher Zeit Reginald sich unruhig auf seinem Sitze hin und her bewegte, jeden Augenblick die Uhr hervorzog und seinem Ärger in verdrießlichen Worten Luft machte.

Endlich schritt ich zur Eröffnung des Testaments, das ich mit absichtlicher Umständlichkeit verlas, indem ich jedem der Beschenkten ein paar freundliche Worte sagte. Zuletzt kam die Klausel, die Reginald betraf.

Gespannt, mit offenem Munde, hörte er zu, dann aber sprang er ungestüm in die Höhe. »Holla!« rief er aufgebracht, »das sind ja ganz lächerliche Bestimmungen. Dagegen protestiere ich.«

»Das wird dir nicht viel nützen«, erwiderte ich kurz, und nachdem ich die Dienerschaft entlassen hatte, wandte ich mich wieder zu ihm. »Dein Benehmen, Reginald«, sagte ich vorwurfsvoll, »ist geradezu unerhört. Hast du denn gar kein Gefühl für Anstand und Pietät, daß du bei solch einer feierlichen Gelegenheit davon sprichst, du müßtest wieder fort, um in einer Gesellschaft – Karten zu spielen?«

»Was macht das aus?« gab er gleichgültig zurück. »Diese Anstandskomödie hat gar keinen Sinn. Der Alte ist tot. Was nützt es, darüber zu heulen? Damit kann ich ihn doch nicht wieder lebendig machen. Und warum, zum Kuckuck, hast du zugelassen, daß er ein so verrücktes Testament aufsetzte? Läßt sich das nicht umstoßen?«

»Von wem?« fragte ich lächelnd. »Doch nicht von dir? Nach den gesetzlichen Bestimmungen kann jeder geistig gesunde Mensch nach Belieben über sein Eigentum verfügen, sofern es kein Fideikommiß oder Majorat ist. Dein Vater hatte zweifellos seine guten Gründe, weshalb er diese Beschränkung machte, gegen die du Einspruch erhebst.«

»Nein, er hatte keine Ursache dazu«, grollte Reginald. »In Oxford war ich nur ein- oder zweimal in der Klemme, worüber er allerdings brummte. Aber lieber Himmel! Darf man sich denn in der Jugend nicht ein wenig austoben? Wie kann er sich über solche Kleinigkeiten erzürnt haben? Ich finde, er hat sehr schlecht gegen mich gehandelt. Na, du bist aber zum Glück kein schlechter Kerl, Frank, und wirst mir das Leben nicht schwer machen. Also gib mir die hundert Pfund«, er sah wieder auf die Uhr, »ich muß wirklich in ein paar Minuten fort.«

»Von mir erhältst du heute keine hundert Pfund«, entgegnete ich streng. »Nicht einen einzigen Pfennig. Ich habe selten einen so herz- und gefühllosen Menschen gesehen wie dich und muß dir offen sagen, daß ich sehr unzufrieden mit dir bin. Vergiß ja nicht – du stehst noch unter meiner Vormundschaft. Ich werde die Macht, die mir gegeben ist, in genauer Übereinstimmung mit deinem künftigen Verhalten ausüben. Heute hast du einen sehr schlechten Anfang gemacht.«

Verdutzt hörte er mir zu, und dann wechselte er plötzlich sein Benehmen.

»Geh, alter Freund«, sagte er in einschmeichelndem Tone, »du wirst doch nicht so hartherzig gegen mich armen Jungen sein. Unter diesen Umständen könntest du wirklich ein wenig Nachsicht üben. Was sind denn lumpige hundert Pfund und was macht es aus, ob du sie mir heute oder nächste Woche gibst? Ich brauche das Geld so nötig, Frank. Auf Ehre – ich muß es haben. Wenn ich dich gekränkt habe, tut's mir leid – ich hatte wahrhaftig nicht die Absicht; es ist so 'ne dumme Art von mir. Werd' mich aber bessern – darfst's mir glauben. Also gib mir das Geld; vielleicht drück' ich mich damit durch.«

Doch ich blieb unerbittlich. »Nicht einen Pfennig gebe ich dir heute. Schicke mir eine genaue Liste deiner Schulden sowie deiner Ausgaben vom letzten Jahr. Ich werde sie prüfen und dann bestimmen, wieviel ich dir in Zukunft bewilligen kann.«

»Gut«, erwiderte er mit gezwungenem Lachen, »'s ist zwar ein wunderliches Geschäftsverfahren, aber mit dem Schatzkanzler darf man nicht streiten. Werde inzwischen irgendwo borgen – anders geht's nicht.« Er stand auf und trat ans Fenster. »Ah, da kommt William mit dem Wagen. Habe gerade noch Zeit, den Zug zu erreichen. Adieu, Frank! Sei nicht zu hart gegen mich! Werde ja jetzt ein Musterknabe sein. Morgen schicke ich dir also die Liste. Ta-ta!«

Leichtherzig eilte er davon und überließ mich meinen eigenen Gedanken, die wahrlich keine angenehmen waren, zumal es mir auch zum Bewußtsein kam, daß jetzt nicht nur die Verwaltung eines großen Gutes, sondern auch die Ordnung eines aus den Fugen geratenen Haushaltes auf mir lastete – für einen Junggesellen, wie ich es war, keine geringe Bürde.

Es ist jedoch nicht meine Absicht, näher auf die Ereignisse der nächsten zwei Jahre einzugehen; nur soviel sei gesagt, daß meine schlimmsten Befürchtungen in bezug aus Reginald sich als begründet erwiesen. Sein Schuldkonto war ein sehr beträchtliches, und ich mußte energische Maßregeln treffen, um eine Wiederholung dieser Verhältnisse zu verhindern. Leider zeigte es sich, daß sein Versprechen, sich zu bessern, nicht ernstlich gemeint gewesen war. Ich erfuhr von nächtlichen Gelagen in seiner Wohnung, Wirtshausstreitigkeiten und unwürdigen Torheiten aller Art. Schließlich erhielt ich auch noch die Mitteilung vom Dekan der Fakultät, daß Reginalds Verbleiben an der Universität in jeder Hinsicht unzulässig geworden sei, und da es unmöglich schiene, daß er jemals sein Examen machen könne, so müsse man zu seiner Ausschließung schreiten.

Dies ernüchterte den jungen Taugenichts für kurze Zeit. Er schrieb mir einen reuevollen Brief, siedelte nach Twyford Hall über und verhielt sich eine Weile so ruhig, daß ich wirklich an eine Sinnesänderung seinerseits glaubte. Leider sah ich mich abermals getäuscht, denn eines schönen Tages zog er nach London und begann wieder sein früheres ausschweifendes Leben. Zwar hielt ich ihn äußerst knapp; trotzdem brachte er sich beständig in Ungelegenheiten, aus denen ich ihn befreien mußte. So verlor ich viel kostbare Zeit mit ihm, für die mich die zweitausend Pfund meines Onkels nur kärglich entschädigten.

Da ich, wie mein Schild in Brunswick Square zweihundertzehn besagte, Rechtsanwalt und Notar war und eine ausgedehnte Praxis hatte, die meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, so kam es mir oft sehr ungelegen, meine Zeit damit verschwenden zu müssen, Reginald seinen immerwährenden Schwierigkeiten zu entreißen.

Als ich schließlich die Schraube anzog und ihm jeden Zuschuß verweigerte, überlistete er mich ganz einfach, indem er sich an gewisse Shylocks des Westens wandte, die sehr gut wußten, daß meine Macht nur von beschränkter Zeitdauer war. Auch bei Geschäftsleuten nutzte Reginald das Vertrauen aus, und so hatten die wohlgemeinten Absichten seines Vaters zu meinem großen Leidwesen ihren Zweck völlig verfehlt.

Unter solch unbehaglichen Zuständen verstrichen zwei Jahre. Ich hatte Reginald seit mehreren Monaten nicht gesehen, wußte jedoch durch eingezogene Erkundigungen, daß er viel auf Reisen war und hauptsächlich in Paris lebte, seine dortige Adresse konnte ich aber nicht erfahren.

Eines Morgens nun fand ich unter den für mich eingelaufenen Briefen ein Schreiben aus Paris, dessen Inhalt folgendermaßen lautete:

»Jemand, der Reginald Bracebridge in Oxford gekannt hat und ihn wegen des Mißgeschickes, das ihn dort traf, sehr bedauerte, hält es für seine Pflicht, Sie zu benachrichtigen, daß der junge Mann hier in Paris in die Hände von Gaunern beiderlei Geschlechts gefallen ist. Es wäre daher dringend zu wünschen, daß Sie unverzüglich hierher kämen, den Unbesonnenen aus ihren Netzen zu befreien, ehe es zu spät sein wird. Er hat eine beträchtliche Anzahl wertvoller Juwelen in seinem Besitz und wirft verschwenderisch mit dem Gelde um sich. Sie werden ihn im Hotel Scribe finden.«

So weit also war es mit dem jungen Tunichtgut gekommen! Natürlich zögerte ich keinen Augenblick, sondern reiste ohne Säumen nach Paris ab.

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