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Ein unheimlicher Passagier

George Webb Appleton: Ein unheimlicher Passagier - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorGeorge Webb Appleton
titleEin unheimlicher Passagier
publisherPaul Franke Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160626
projectid4b56cf1b
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18.

Die Baronin hatte sich nicht geirrt. Der Anfall bei Susanne war nur von kurzer Dauer, und sobald ihr das Bewußtsein zurückkehrte und sie das Gefährliche ihrer Lage erkannte, gab sie jeden weiteren Widerstand auf, zumal der Anfall sie auch körperlich stark erschöpft hatte. Sie war nun wie Wachs in unseren Händen.

»Ich denke, Sie fühlen sich jetzt besser, Susanne«, redete die Baronin ihr zu, »so daß Sie uns die volle Wahrheit sagen können. Herr Bracebridge und ich, wir sind beide darin einig: wenn Sie ein offenes Bekenntnis ablegen und uns überzeugen, daß Sie an der Ermordung des jungen Mannes unbeteiligt waren, so wollen wir Nachsicht üben und Sie nicht anzeigen. Vergessen Sie aber nicht – man wird Sie trotzdem streng überwachen. Sollte es sich herausstellen, daß Sie uns hintergangen haben, so werden Sie natürlich sofort verhaftet. Sie verstehen mich?«

»Ja, Madame«, erwiderte Susanne in sehr niedergeschlagenem Ton, »ich schwöre Ihnen, alles zu gestehen und nur die reine Wahrheit zu sagen.

Der junge Mann, der nun tot ist, war sterblich in Sie verliebt. Ich sah ihn jeden Tag, und da er mir immer ein reichliches Trinkgeld gab, so wollte ich ihm gefällig sein und erzählte ihm alles mögliche von Ihnen, was ich mir natürlich nur ausgedacht hatte. Er zeigte mir auch das Halsband, das er, wie er mir erklärte, für Sie bestimmt hatte. Ich erzählte meinem Bibi davon, und er machte gleich den Vorschlag, von dem Sie vorhin sprachen.

Erst wollte ich nicht darauf eingehen; als er mir jedoch hoch und heilig versicherte, es solle dem jungen Herrn kein Haar gekrümmt werden, gab ich nach. Wenn alles gut ging, wollten wir uns dann heiraten.

Auf sein Geheiß schrieb ich den Brief und schickte ihn ins Hotel Scribe. Kurz vor zehn Uhr kam der junge Herr ganz außer Atem angestürmt. Er sagte mir, er habe den Brief soeben erst erhalten und deshalb keine Zeit mehr gehabt, sich umzukleiden. In einer Stunde hätte er nach Brüssel abreisen wollen; nun natürlich denke er nicht mehr daran. Ich fragte, ob er das Halsband mitgebracht habe, was er bejahte. Daraufhin führte ich ihn in Madames Salon.«

»Wo Bibi wahrscheinlich schon wartete?« ergänzte die Baronin.

»Ja, und zwar mit seinem Bruder, was mich sehr wunderte.«

»Dieser Bruder, den Sie Titi nannten, ist jetzt in Berlin, nicht wahr?« fragte ich.

»Sie scheinen ja alles zu wissen!« rief Susanne verblüfft aus. »Die beiden hatten sich hinter die Fenstervorhänge versteckt; ich stellte daher einen Stuhl ganz in die Nähe und bat den Herrn, sich zu setzen, während ich Madame benachrichtigen wolle. Als ich nach fünf Minuten wieder hereinkam – ich hatte nicht das geringste Geräusch gehört –, sah ich, daß der junge Herr an den Stuhl festgebunden war. Er hatte ein Tuch auf den Augen und eines über dem Munde liegen; außerdem hielt ihm Bibi noch ein Taschentuch unter die Nase.

›So, jetzt ist alles in Ordnung‹, rief mir Bibi zu, ›er schläft nur. Brauchst dich nicht zu ängstigen.‹

Dann durchsuchten die beiden seine Taschen.

›Da, Susanne, nimm das zu dir‹, sagte Bibi, indem er mir das Etui mit dem Halsband reichte.

Sie nahmen dem jungen Herrn dann alles fort, was er bei sich hatte – Uhr, Kette, Ringe und die Brieftasche. Bibi öffnete sie und stieß einen so lauten Freudenruf aus, daß ich ganz erschreckt zusammenfuhr.

›Famos!‹ rief er. ›Zieh dich jetzt rasch an, Susanne, und mach dich davon. Du, Titi, gehst zuerst fort. Wir treffen uns im Café du Moulin. In ein paar Minuten wird er aufwachen. Eil dich also, Titi, und sei vorsichtig.‹

Titi schlüpfte aus dem Zimmer, und während ich meinen Mantel anzog, nahm Bibi dem jungen Herrn das Tuch vom Gesicht.

›Er hat weder etwas gehört noch gesehen‹, bemerkte mein Schatz, ›wird daher auch gar nicht wissen, was mit ihm geschehen ist.‹

Nun band er ihn vom Stuhl los, doch plötzlich glitt der Herr herunter und fiel steif wie ein Holzblock auf den Boden. Als Bibi ihn näher untersuchte, fand er, daß der junge Herr tot war.«

»Eine sehr rührende Geschichte!« fiel die Baronin ein. »Sie hatten also eine Leiche vor sich und wußten nicht, wohin damit. Wer kam denn auf den netten Einfall, sie in meinen Koffer zu stecken! Sie, Susanne?«

»O nein, nein!« widersprach das Mädchen energisch. »Ich war ja ganz außer mir vor Schrecken und Entsetzen. Natürlich beschuldigte ich Bibi des Mordes und sagte, er habe mich betrogen, aber er behauptete steif und fest, es sei nur ein unglücklicher Zufall gewesen – ein Herzschlag infolge des Chloroforms oder so etwas Ähnliches. Es wäre höchst fatal und ein rechtes Pech, ließe sich nun aber nicht mehr ändern. Wir müßten auch rasch handeln, ehe die Sache entdeckt würde. Ob ich einen großen Koffer besäße, um die Leiche hineinzulegen? Ich hatte allerdings zwei Koffer, allein sie waren viel zu klein. Auf einmal erspähte Bibi durch die offene Schlafzimmertür Ihren großen Rohrplattenkoffer.

›Gerade was wir brauchen‹, sagte er, und als ich protestierte, wurde er so wild und stieß solche Drohungen gegen mich aus, daß ich schließlich tat, was er wollte. Während ich alle Sachen aus dem Koffer nahm, wechselte Bibi im Salon die Kleider mit dem Toten.

Er wußte durch mich, daß der junge Herr die Absicht gehabt hatte, nach Brüssel zu reisen, und sagte jetzt zu mir: ›Ich werde für zwei Tage nach Brüssel fahren, um die Spur zu verwischen. Telegraphiere dorthin an Reginald Bracebridge, Grand Hotel. Und nun eil dich, ich muß fort. Hilf mir die Leiche in den Koffer legen; die Zeit drängt – – ich habe keine Minute zu verlieren.‹

Mir war ganz elend zumute, aber was konnte ich tun; ich mußte ihm helfen. Als wir fertig waren, gab mir Bibi eine Fünfzigpfundnote, und dann verließ er rasch das Zimmer. Ich schnallte nun den Koffer zu und schloß ihn mit einem meiner Schlüssel, der zufällig paßte. Als ich wieder in den Salon ging, fand ich das Halsband; Bibi hatte in der Eile vergessen, es mitzunehmen.«

»Und was taten Sie mit meinen Sachen, meinen Kleidern?« fragte die Baronin ärgerlich.

»Ich packte alles in meine Koffer«, gestand Susanne, »und in einen dritten, den ich einem Zimmermädchen im Hotel abkaufte. Anders konnte ich mir nicht helfen, aber stehlen wollte ich wirklich nichts. Ich dachte, es käme vielleicht mal die Gelegenheit, Ihnen alles zurückzugeben, Madame. Jetzt kann ich's tun. Die drei Koffer stehen am Lyoner Bahnhof, und hier ist der Schein.«

Damit öffnete sie ihre Handtasche, nahm den Zettel heraus und reichte ihn der Baronin.

»Das hatte ich nicht erwartet«, sagte diese überrascht.

»Fehlt nichts?«

»Nein, Madame, kein Stück! Ich wollte Sie ja nicht bestehlen. Was ich tat, geschah alles in der Angst und im Schrecken über das Geschehene. Mit dem Halsband habe ich allerdings eine Dummheit gemacht, daß ich es verkaufen wollte. Aber schließlich – es gehörte Ihnen ja nicht, Madame. Der wirkliche Eigentümer ist tot und Bibi ist in Brüssel, wie ich in der Zeitung las, durch einen Unfall ums Leben gekommen. Was sollte ich mit dem Schmuck anfangen? Der Polizei durfte ich ihn nicht abliefern; selber tragen konnte ich ihn doch auch nicht. Ebensowenig wagte ich, ihn zu versetzen. Ich brachte ihn also mit hierher, und das übrige wissen Sie. Ich habe Ihnen die volle Wahrheit gesagt; weiter weiß ich wirklich nichts.«

Die Baronin schien dieser Beteuerung Glauben zu schenken.

»Was soll nun geschehen?« wandte sie sich an mich.

»Ich möchte dem Mädchen noch einige Fragen stellen«, entgegnete ich. »Wie ist's, Susanne, haben Sie in Paris einen gewissen Max Kaufmann gekannt?«

Zu meiner Überraschung bejahte die Französin diese Frage ohne Zögern.

»Sie haben ihm auch an seine Adresse Boulevard Voltaire geschrieben?«

Susanne starrte mich einen Augenblick verdutzt an, dann gab sie auch dies zu.

»Sie verabredeten eine Zusammenkunft mit ihm in der Rue du Bac?«

»Ja, im Café de la Régence.«

»Die Sie auch einhielten?«

»Gewiß. Er hatte auf irgendeine Weise erfahren, daß ich bei der Frau Baronin im Dienst gewesen war und wollte nun ihre Adresse von mir haben.«

»Und was sagten Sie ihm?« fragte die Baronin gespannt.

»Daß Sie nach London gereist seien, daß ich aber Ihre dortige Adresse nicht wisse.«

»Der Mann war Ihnen fremd?«

»Ja; ich kannte ihn nicht weiter. Ich nahm den Louisdor, den er mir gab, aber er gefiel mir gar nicht; ich hätte ihm sicher nicht Madames Adresse genannt, wenn ich sie auch gewußt hätte.«

Diese letztere Erklärung entlastete Susanne außerordentlich. Sie hätte in der Tat nichts besseres sagen können, denn die Baronin schien dadurch sichtlich besänftigt zu sein.

Ich erhob mich. »Unter den von uns gestellten Bedingungen wollen wir die Sache auf sich beruhen lassen«, wandte ich mich zu dem Mädchen. »Sie verstehen mich?«

»Vollkommen, mein Herr.«

»Gut. Ich werde Sie zur Stadt zurückfahren. Vielleicht fällt mir unterwegs noch eine Frage ein.«

Alsdann verabschiedete ich mich von der Baronin. »Ich hoffe, gnädige Frau, daß ich bald wieder das Vergnügen haben werde – – « begann ich, doch sie unterbrach mich rasch.

»Meine Freundin, Fräulein Harcourt, hat mir aufgetragen, Sie einzuladen, heute abend mit uns zu speisen.«

Ich nahm natürlich dankend an, und fünf Minuten später saß ich wieder neben Susanne im Wagen. Sie war so froh, der Gefahr entronnen zu sein, daß es mir ohne Mühe gelang, mich mit ihr wegen des von mir begangenen Irrtums hinsichtlich der Beisetzung des Toten in der Familiengruft der Bracebridge abzufinden. Vielleicht auch, weil ich mich großmütig erbot, ihr, falls sie es wünsche, den Sarg mit seinem Inhalt auszuliefern, ein Anerbieten, das ihr einen gewaltigen Schrecken einzujagen schien. An der Westminster Bridge trennten wir uns im besten Einvernehmen, nachdem sie mir vorher ihre Adresse gegeben hatte.

Der Nachmittag verstrich ohne weiteren Zwischenfall. Ich verbrachte ihn in meinen vier Wänden, mich angenehmen Träumen überlassend, in denen das Bild der Baronin eine Hauptrolle spielte und jeden anderen Gedanken verscheuchte.

Das Schicksal hatte uns auf wunderbare Weise zusammengeführt, aber niemand konnte sagen, was daraus entstehen würde – zum Guten oder zum Schlechten.

Seltsam genug lagen die Verhältnisse. Dieser Tag mußte mir wirklich als ein glücklicher erscheinen, hatte er doch so gut angefangen und so vieles ans Licht gebracht. Hätte ich ahnen können, mit welch dramatischen Ereignissen er schließen würde!

Pünktlich um acht Uhr betrat ich Parkhurst Lodge.

Ich lernte in Fräulein Harcourt eine sehr angenehme, hochgebildete Dame kennen, der man ihre fünfzig Jahre nicht ansah. Ihr Neffe war der Einladung eines Freundes nach außerhalb gefolgt, und so geschah es, daß wir drei allein speisten.

Es war wirklich ein genußreicher Abend für mich.

Nach beendigter Mahlzeit rauchten wir unsere Zigaretten und waren alle drei in heiterster Laune. Als wir uns dann in das anstoßende Wohnzimmer begaben und die Baronin sich ans Klavier setzte und mir mit ihrer süßen Stimme vorsang, da war mein Glücksgefühl auf dem Höhepunkt.

Doch endlich mußte ich mich verabschieden.

Wie im Traum verließ ich das Haus. Der Abend war drückend schwül wie vor einem Gewitter, das sich auch bereits durch fernes Donnergrollen ankündigte.

Langsam schritt ich die breite, kiesbestreute Allee, die von der Straße zur Villa führte, entlang, wurde aber plötzlich gleichsam von einer unsichtbaren Macht zurückgehalten. Anstatt meinen Weg fortzusetzen, bog ich in einen der Gartenwege ein, von dem aus ich die Fenster des Gebäudes erblicken konnte. Weshalb ich dies tat und was ich eigentlich zu sehen hoffte, wußte ich selbst nicht recht – ich folgte eben nur einer augenblicklichen Eingebung, über deren Ursache ich mir keine Rechenschaft zu geben vermochte.

Halb verdeckt von einem dichten Gebüsch, betrachtete ich das Haus. Ich sah, wie die Lichter des Salons ausgelöscht wurden; dann flammte im ersten Stock ein heller Schein in Fräulein Harcourts Zimmer auf, während sich im Erdgeschoß zwei Fenstertüren erleuchteten, vor denen sich ein breiter Balkon befand.

Deutlich konnte ich das Innere des Raumes überblicken, und nun gewahrte ich auch die Baronin, die sich eben an den Schreibtisch setzte.

Mein Herz klopfte übermächtig – aber plötzlich durchfuhr mich ein jäher Schreck: ich gewahrte eine dunkle, unheimliche Gestalt, die verstohlen und gewandt über das Balkongeländer kletterte und das Zimmer der Baronin betrat.

Und dann ertönte ein Schrei, der Tote hätte erwecken können.

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