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Ein unheimlicher Passagier

George Webb Appleton: Ein unheimlicher Passagier - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorGeorge Webb Appleton
titleEin unheimlicher Passagier
publisherPaul Franke Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160626
projectid4b56cf1b
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17.

Eiligst schlüpfte ich in das Nebenzimmer, dessen Tür ich angelehnt ließ. Gespannt wartete ich nun auf die weitere Entwicklung der Dinge. Jetzt hörte ich Flamborough sagen: »Nehmen Sie gefälligst Platz, Madame. Was das Halsband betrifft, das Sie mir gestern brachten, so möchte ich gern wissen, wie hoch Sie dasselbe bewerten, mit anderen Worten, was Sie dafür verlangen.«

»Dreihundert Pfund«, lautete die Antwort in sehr gebrochenem Englisch.

»Dreihundert Pfund«, wiederholte der Juwelier, jede Silbe betonend, als erwäge er diese Summe. »Hm – das ist keine übermäßig hohe Forderung. Darf ich aber fragen, wieviel Sie dafür bezahlt haben?«

»Gar nichts. Ich erhielt es von einem Herrn.«

»Ah! Sie erhielten es von einem Herrn. Hier in London?«

»Nein, in Paris.«

»Würden Sie mir Wohl den Namen des Herrn nennen?«

»Nein, gewiß nicht. Wozu sollte ich das?« kam es schnippisch zurück, und durch die Türspalte lugend bemerkte ich, wie Susanne, mit zurückgeworfenem Kopf, den Juwelier wütend ansah.

»Ihre Frage ist eine Beleidigung«, schrie sie. »Geben Sie mir das Halsband her. Das sieht euch Engländern ähnlich, eine anständige Frau zu beleidigen! Meinen Sie etwa, ich hätt's dem Herrn gestohlen? Geben Sie's mir her! Ich werd's woanders hintragen, zu jemand, der bessere Manieren hat.«

»Mein liebes Fräulein«, unterbrach Flamborough ihren Zornausbruch, »ich möchte Ihnen doch raten, sich zu mäßigen. Wir sind hier nicht an theatralische Szenen gewöhnt. Bitte, setzen Sie sich. Wir wollen ganz ruhig miteinander verhandeln. Ich fürchte allerdings, Sie haben sich in eine ziemlich schiefe Stellung gebracht.«

»Wieso? Warum?« fragte Susanne betreten. Ihre Stimme hatte alles Kreischende verloren.

Von meinem Lauscherposten aus konnte ich sehen, wie Susannes Gesicht von Leichenblässe überzogen wurde. Sie brachte augenblicklich auch kein Wort der Erwiderung über die zuckenden Lippen.

»Hören Sie, was ich sage?« fragte Flamborough scharf. »Herr Bracebridge hat Ihnen das Halsband auf keinen Fall geschenkt. Wie ist es also in Ihren Besitz gelangt?«

Er wartete einen Augenblick auf die Antwort, die jedoch ausblieb, und dann drückte er auf die Klingel. Der Verabredung gemäß trat ich jetzt ein.

»Dies ist die junge Person, von der ich Ihnen sprach, Herr Bracebridge«, wandte sich der Juwelier zu mir. »Sie hat mir ein Halsband gebracht, das ich Ihrem Herrn Vetter für zweitausend Pfund verkaufte und wofür sie jetzt dreihundert Pfund verlangt. Sie behauptet, es von ihm erhalten zu haben. Was ist da zu tun? Ich denke, ich überlasse Ihnen die Sache.«

»Ganz recht«, erwiderte ich, und mich zu dem jetzt sichtlich erschreckten Mädchen wendend, sagte ich auf französisch mit einem strengen Blick, der seine Wirkung nicht verfehlte: »Sie sind Susanne?«

Die frühere Zofe schwieg; ihre Lippen schienen zusammengewachsen zu sein, und sie atmete schwer.

»Verstehen Sie nicht, was ich sage?« fragte ich streng. »Sie heißen Susanne?«

»Ja, mein Herr!« stotterte sie leise.

»Bis vor kurzem waren Sie in Paris im Dienste der Baronin Slavinsky?«

Sie nickte stumm.

»Und Sie haben einen Freund, den Sie ›Bibi‹ nennen?«

Wieder blieb ihr die Antwort in der Kehle stecken; mit offenem Munde starrte sie mich an.

»Dem Sie diesen Brief schrieben«, fuhr ich fort, ihr ein Blatt aus meiner Brieftasche vorhaltend. »Ein sehr auffälliges Schreiben! Sehen Sie es sich an! Sie erkennen doch Ihre Hand- und Unterschrift?«

Jetzt war sie sprachlos vor Angst. Ich wartete eine Minute auf ihre Entgegnung; da diese jedoch ausblieb, so wandte ich mich zu Flamborough. »Ich glaube«, äußerte ich, »es wäre das beste, Sie schickten zur Polizei.«

Der Juwelier erhob sich. »Wie Sie denken«, sagte er. »Sie allein haben in der Sache zu bestimmen.«

Er machte eine Bewegung nach der Tür zu, doch jetzt sprang die bestürzte Französin auf und umklammerte meinen Arm.

»Nein, nein, nein!« schrie sie verzweifelt. »Haben Sie Erbarmen!«

Flamborough blieb stehen, indem er mich erwartungsvoll ansah.

»Nun gut, Fräulein Susanne«, erklärte ich, »dann müssen Sie wählen. Entweder, Sie willigen ein, mit mir zu gehen, oder wir schicken sofort zur Polizei.«

»Wo wollen Sie mich hinbringen?« fragte sie mißtrauisch und ängstlich zugleich.

»Dorthin, wo Sie über verschiedene Dinge Aufklärung geben können. Wenn Sie meine Fragen wahrheitsgetreu beantworten, werde ich vielleicht – oder wahrscheinlich – Nachsicht üben. Sollten Sie sich jedoch weigern, so würde ich trotzdem anderswo erfahren, was ich zu wissen wünsche. Dann dürfte es Ihnen aber sehr schlecht bekommen. Nun – für was entscheiden Sie sich?«

»Ich will mit Ihnen gehen«, erwiderte sie hastig.

»Gut. Sie haben jedenfalls das Beste gewählt. Lassen wir die Polizei vorläufig aus dem Spiel«, wandte ich mich auf englisch zu Flamborough. »Das Mädchen hat sich bereit erklärt, sich unter meine Obhut zu stellen. Wenn Sie erlauben, nehme ich das Halsband mit. Da ich für die Zahlung hafte, so kann ich es wohl tun.«

»Selbstverständlich!« nickte der Juwelier, indem er das Etui schloß und mir reichte.

Ich verabschiedete mich von ihm, verließ in Susannens Begleitung den Laden, bestieg mit ihr ein Auto und fuhr nach Streatham Hill.

Lange Zeit sprachen wir kein Wort zusammen; schließlich jedoch siegte ihre Neugier über die Furcht, und sie begann mich mit Fragen aller Art zu bestürmen, die ich sämtlich mit der kühlen Antwort: »Alles zu seiner Zeit, mein Fräulein!« abwehrte.

Einmal lag es mir auf der Zunge, zu fragen, weshalb sie sich in der Umgebung von Twyford Hall herumgetrieben habe, allein ich zog es doch vor, zu schweigen, weil ich mir dachte, daß sie entweder ahnte oder sogar wußte, daß ich irrtümlicherweise ihren ›Bibi‹ begraben hatte, und dieser heikle Punkt eignete sich jetzt nicht zur Erörterung.

So fuhren wir schweigend weiter, bis der Chauffeur in den Broadlands Road einbog und nach wenigen Minuten vor einer großen Villa hielt, die durch ihre barocke Bauart auffiel.

Nachdem ich den Chauffeur angewiesen hatte, zu warten, führte ich meine vor Angst zitternde Begleiterin die Stufen hinauf und klingelte. Sofort öffnete eine Dienerin, die von meinem Kommen unterrichtet zu sein schien, denn sie geleitete uns, ohne eine Frage zu stellen, durch die geräumige Halle in den Salon.

Dies alles hatte einen so geheimnisvollen Anstrich, daß sich Susanne, wie ich wohl merkte, sehr unbehaglich zu fühlen begann. Sie knickte aber völlig zusammen, als plötzlich die Tür geöffnet wurde und die Baronin ins Zimmer trat. Auf mich zuschreitend, begrüßte sie mich; allerdings nicht so herzlich wie am Tage zuvor; ein bedeutsamer Blick aus ihren schönen Augen verriet mir jedoch den Grund ihrer Zurückhaltung.

»Ich habe sehr merkwürdige Dinge über Sie gehört, Susanne«, redete sie das Mädchen in ernstem Tone an, »und ich hielt Sie doch für eine so rechtschaffene Person. Habe ich Sie nicht immer gut behandelt?«

»O ja – immer, Madame«, gestand Susanne ganz zerknirscht ein.

»Weshalb haben Sie sich denn in so abscheulicher Weise benommen? Irgend jemand hat Sie gewiß dazu verleitet.«

Die Französin klammerte sich an diesen Strohhalm, den ihr die Baronin klug berechnend hinhielt.

»Ja, das ist richtig, Madame«, gab sie unumwunden zu.

»Ein Mann natürlich.«

»Ach, Madame, es sind ja immer die Männer.«

»Eine sehr wahre Bemerkung«, nickte die Baronin, »der ich völlig beistimme. Wie heißt der Mann? Sie brauchen nicht zu zögern, denn er ist, wie Sie ja jetzt wissen, tot. Sie nannten ihn ›Bibi‹. Sagen Sie mir aber seinen wirklichen Namen.«

»Jacques Tournelle.«

»Von Beruf?«

»Das weiß ich nicht. Ich traf ihn einmal im Theater und – – –«

»Oh, ich verstehe«, fiel die Baronin ein, »Sie fanden ihn natürlich sehr nett und bemerkten auch, daß er große Ähnlichkeit mit dem jungen Manne hatte, der mich im Grand Hotel so oft belästigte. Stimmt das?«

»Ja, Madame.«

»Und auf Grund dieser Ähnlichkeit dachte er sich einen Plan aus, bei dem Sie ihm helfen sollten, wofür er Sie zum Lohn heiraten wollte.«

»Sie und der Herr da scheinen alles zu wissen«, stotterte das Mädchen sichtlich niedergeschlagen.

»Ja – beinahe alles. Nur einige Dinge müssen wir noch erfahren. An dem Abend, als ich mit meiner Tante und Schwester in der Rue Vanneau war, schickten Sie Herrn Bracebridge in meinem Namen einen Brief.«

»Wie hätte ich das gekonnt?« suchte Susanne sich herauszureden, allein die Baronin unterbrach sie, indem sie mir ein Zeichen machte, worauf ich ihr das sorgfältig verwahrte Briefchen reichte.

»Ich verstehe selbst nicht«, wandte sie sich damit zu Susanne, »wie Sie so etwas tun konnten, aber hier – Ihre eigene Handschrift beweist es. Sie schreiben ihm, ich sei bereit, ihm um zehn Uhr bei mir ein Rendezvous zu geben, und bitten ihn ferner, das Diamanthalsband mitzubringen.«

Das Mädchen senkte schweigend den Kopf.

»Ein Halsband«, fuhr die Baronin fort, »das Sie heute morgen zum Verkauf ausboten; für wieviel, Herr Bracebridge?«

»Für dreihundert Pfund«, erwiderte ich, den Schmuck vorzeigend. »Hier ist es. Ich weiß, daß es zweitausend Pfund gekostet hat.«

»Zweitausend Pfund!« rief die Baronin aus, indem sie einen bewundernden Blick auf das blitzende Geschmeide heftete.

»Und Sie, Susanne, wollten es für dreihundert Pfund verkaufen? Was soll man daraus schließen?«

Noch immer schwieg die Französin.

»Nun gut«, erklärte die Baronin, »so will ich die Frage für Sie beantworten. Sie, Susanne, und dieser Jacques Tournelle, der zu seinem Glück dem irdischen Richter entgangen ist, fädelten eine ganz abscheuliche Intrige ein, erst mir meinen guten Ruf zu vernichten und dann den unbesonnenen jungen Mann zu berauben und zu ermorden.«

Susanne fuhr jäh in die Höhe. »Nein, nein!« stotterte sie. »Ich hab's nicht getan. Ich – ich – –« Sie brach ab, als sei sie nahe daran, zu ersticken, griff mit den Händen an die Kehle, riß ihre Bänder und Halsschleifen in Fetzen und verfiel plötzlich in krampfhafte Zuckungen, so daß sie zu Boden stürzte.

»Eine schöne Geschichte!« murmelte ich. »Wir stehen gerade vor der Lösung des Rätsels, und nun kriegt die Person epileptische Krämpfe.«

Die Baronin jedoch ließ sich dadurch nicht aus der Fassung bringen. »Das macht nichts«, sagte sie zu mir. »Ich habe es schon einmal mit ihr erlebt. In ein paar Minuten ist's vorüber, und dann wird sie uns alles gestehen.«

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