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Ein unheimlicher Passagier

George Webb Appleton: Ein unheimlicher Passagier - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorGeorge Webb Appleton
titleEin unheimlicher Passagier
publisherPaul Franke Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160626
projectid4b56cf1b
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16.

Glaubten Sie, daß ich etwas damit zu tun hätte?« stammelte sie, sobald sie sich ein wenig gefaßt hatte.

»Nicht eine Sekunde!« erwiderte ich rasch, sie im Eifer meiner Versicherung fest an mich drückend.

Ein rosiger Hauch stieg in ihre Wangen. »Ich bin so froh – so froh!« murmelte sie leise, und sich sanft von mir lösend, lehnte sie sich wieder in ihren Sessel zurück.

»Was geschah dann?« fragte sie gespannt. »Sie wurden am Ende verhaftet?«

»Das war allerdings unvermeidlich.«

»Und kamen ins Gefängnis?«

»Nur zwei Tage. Dann wurde ich wieder auf freien Fuß gesetzt.«

»So also sind Sie für Ihre Gefälligkeit belohnt worden!« rief sie außer sich. »Werden Sie mir denn das je verzeihen können? Welch eine grauenvolle Geschichte! Wer konnte diese ruchlose Tat verübt haben? Ich bin starr vor Entsetzen und kann es nicht begreifen. Ist es Ihnen verständlich? Können Sie es sich erklären?«

»Hm«, erwiderte ich mit einem Lächeln, das sie beruhigen sollte, »ich habe viel darüber nachgedacht. Etwas weiß ich ja, erraten habe ich noch mehr, und mit Ihrer Hilfe wird sich das Geheimnis sicher rasch aufklären. Ich will Ihnen alles in genauer Reihenfolge erzählen.«

Ich berichtete ihr nun kurz über die Ereignisse der letzten Wochen, wobei ich es jedoch unterließ, ihren Gatten zu erwähnen und ihr zu sagen, in welcher Weise auch ihr Name in Verbindung mit der Sache genannt worden war.

Sie lauschte mit gespanntester Aufmerksamkeit.

»Dahinter steckt gewiß diese nichtsnutzige Susanne!« rief sie entrüstet aus, als ich geendet hatte.

»Ganz zweifellos!« stimmte ich bei. »Wie lange stand sie in Ihrem Dienste?«

»Ungefähr zwei Monate. Ich hielt sie für ehrlich und rechtschaffen, nur fand ich bald, daß sie sehr eitel und klatschsüchtig war. Deshalb bedauerte ich es auch nicht, daß sie mich nicht nach London begleiten wollte.«

»Sie hatte ihre guten Gründe dazu«, warf ich ingrimmig ein.

»Diese Dirne!« fuhr die Baronin entrüstet fort. »Wenn ich das Telegramm in Calais nicht erhalten hätte, in welcher Lage wäre ich da gewesen, als man in Charing Croß den Koffer öffnete! Susanne und ihr Spießgeselle haben die Geschichte mit teuflischem Scharfsinn ausgedacht. Man hätte mich alsdann verhaftet.«

»Ich danke dem Himmel, daß es mir vergönnt war, Ihnen diese Demütigung zu ersparen«, sagte ich in einem Tone, der ihr wieder das Blut in die Wangen trieb.

Einen Augenblick begegneten sich unsere Augen wie noch nie zuvor, dann senkte sie den Blick, indem sie halblaut murmelte: »Ich werde das nicht vergessen.«

Diese wenigen Worte entschädigten mich tausendfach für alles Unglück der letzten zehn Tage.

»Es ist ein schrecklicher, ja empörender Gedanke«, sprach sie weiter, »aber ich glaube, der junge Mann wurde in mein Zimmer gelockt und dort beraubt und ermordet.«

»Nach dem Ergebnis der gerichtlichen Untersuchung läßt es sich nicht behaupten, daß er dort ermordet wurde«, erwiderte ich, »immerhin halte ich es für möglich. Daß er auf arglistige Weise hingelockt wurde, dafür habe ich den überzeugendsten Beweis. Sie kennen sicher die Handschrift Ihres Mädchens?«

»Sehr genau.«

Ich holte mein Taschenbuch hervor und reichte ihr Susannes Brief an Reginald. Mit einer Gebärde des Abscheus warf sie das Blatt auf den Tisch, nachdem sie es gelesen hatte.

»Dieses elende Geschöpf!« rief sie zornig aus. »So gegen mich zu handeln! Jedenfalls hat sie das Diamanthalsband sowie meine Juwelen und den ganzen Inhalt des Koffers an sich genommen.«

»Der letztere mag in ihrem Besitz sein«, erklärte ich, »das Halsband aber nicht.«

»Woher wissen Sie das?«

»Weil es sich augenblicklich in Händen des Juweliers befindet, der es meinem verstorbenen Vetter für einige tausend Pfund verkaufte. Reginald hatte es für Sie bestimmt.«

»Der arme Junge!« sagte sie in aufwallendem Mitleid. »Er hat es sicher Susanne gezeigt, und um es zu erlangen, haben sie ihn ermordet. Wirklich eine traurige Geschichte! Doch wie kommt das Halsband zu dem Juwelier?«

»Weil Susanne in London ist und es heute morgen dort zum Verkauf anbot. Flamborough behielt es zurück und bestellte das Mädchen auf morgen mittag. Ich erhielt Kenntnis davon und hatte dann eine Unterredung mit dem Juwelier. Das Resultat derselben ist, daß ich morgen dabei sein werde, wenn sie wiederkommt.«

»Ausgezeichnet!« rief die Baronin, deren Augen aufleuchteten. »Wie klug Sie sind! Darf ich auch zugegen sein?«

»Lieber nicht. Ich möchte etwas anderes vorschlagen. Ich meine nämlich, es ist nicht nötig, daß der Juwelier über die Sache allzuviel erfährt. In Ihrer Erregung könnten Sie vielleicht Dinge sagen, die, vorläufig wenigstens, besser unter uns bleiben.«

»Ihre Weisheit ist mir überlegen«, entgegnete sie mit sichtlicher Bewunderung, »und ich füge mich derselben willig. Welchen Gedanken haben Sie also?«

»Daß Susanne vor die Wahl gestellt wird, entweder der Polizei übergeben zu werden oder mich an einen von Ihnen zu bestimmenden Ort zu begleiten, wo sie Ihnen gegenübergestellt werden soll. Legt sie dann nicht ein offenes Bekenntnis ab, so mag sie die Folgen tragen. Was sagen Sie zu diesem Plan?«

»Ich finde ihn ausgezeichnet! Bringen Sie sie in die Wohnung meiner alten Gouvernante. Ich habe ihr schon alles von Ihnen erzählt. Ihr Neffe hat mich hierherbegleitet – ein sehr netter Junge, der Ihrem Vetter sehr ähnlich sieht – und ich wollte Sie eigentlich einladen, sobald es Ihnen paßt, mit uns zu speisen. Wir wohnen Parkhurst Lodge, Broadlands Road, Streatham Hill. Von der Bondstreet ist es allerdings ein weiter Weg bis dorthin.«

Ich lachte. »Was macht das, wenn ich weiß, daß wir dadurch wichtige Aufklärungen erlangen können. Ihre freundliche Einladung nehme ich natürlich mit dem größten Vergnügen an.«

»Das wird mich sehr freuen«, sagte sie, und wieder begegneten sich unsere Blicke in einer Weise, die mir das Blut bis in die Stirne hinauftrieb.

Es war eigentlich meine Absicht gewesen, jede Erwähnung ihres Gatten in Verbindung mit meinen Nachforschungen in Paris zu vermeiden. Ich wollte dies auf eine spätere Gelegenheit verschieben, da ich sie nicht zu beunruhigen wünschte. Dann aber dachte ich, es könne der zu erwartenden Unterredung mehr Nachdruck verleihen, wenn sie wußte, daß Susanne mit dem Baron zusammengekommen war.

Ich nahm daher ein Kuvert aus meiner Brieftasche und hielt es ihr vor. »Das wird Sie gewiß interessieren«, sagte ich. »Kennen Sie die Handschrift?«

Sie warf einen raschen Blick darauf. »Ja – das ist Susannes Schrift. Doch wer ist dieser Max Kaufmann?«

»Ihr Gatte, Frau Baronin.«

»Was Sie alles wissen!« rief sie erstaunt aus. »Er ist also in Paris und lebt dort unter diesem Namen?«

»Er ist oder war dort.«

»Und dieser Briefumschlag bedeutet – –«

»Daß er mit dieser unberechenbaren Susanne in Verbindung gestanden hat.«

»Wie haben Sie das herausgefunden?« fragte sie kopfschüttelnd. »Ich verstehe nicht, weshalb Sie sich so viel Mühe gemacht haben.«

»Verstehen Sie es nicht?« fragte ich halblaut, meinen Blick in den ihrigen senkend. Eine rosige Glut überhauchte ihr liebliches Antlitz bis zu den kleinen Ohrmuscheln.

In diesem Augenblick klopfte es an die Tür und die Sekretärin brachte mir die Karte eines Klienten, der mich zu sprechen wünschte.

Ich ließ ihn hereinbitten, und inzwischen verabschiedete sich die Baronin von mir.

»Ich will Sie nicht länger aufhalten«, sagte sie, mir die Hand reichend, »obgleich ich sehe, daß Sie mir noch manches zu berichten haben. Behalten Sie aber meine Worte im Gedächtnis, daß ich nicht vergessen werde, was Sie für mich getan haben. Also auf Wiedersehen morgen!«

Ihre Hand ruhte noch in der meinen.

»Darf ich?« fragte ich, sie an die Lippen ziehend.

Die Baronin nickte, und dann war sie fort.

Ich habe keine Ahnung, was ich nachher mit meinem Klienten Jones gesprochen, nur soviel weiß ich, daß ich ihn bald abschüttelte und für den Rest des Abends wie ein Träumender umherging; selbst den Freunden, denen ich begegnete, schenkte ich nicht die geringste Beachtung.

Was mochte dieses seltsame Symptom bedeuten? Einfach, daß ich Hals über Kopf in eine verheiratete Frau verliebt war, die sich durchaus nicht unempfänglich für die Äußerung meiner Gefühle zeigte.

Ich kümmerte mich daher auch gar nicht um die Gefahren, die hieraus für mich entstehen mochten, ich dachte keine Sekunde daran, wie leicht mich diese Liebe ins Verderben stürzen konnte. Für mich existierte jetzt nur die schöne Frau, die ich wahnsinnig liebte, und eben deshalb verlachte ich jeden Gedanken an die etwaigen schlimmen Folgen meiner Leidenschaft.

Wie ein Fürst speiste ich im Carlton-Hotel, und dann verbrachte ich noch einige Stunden im Empiretheater, wo ich verschiedene Bekannte traf, die mir alle sagten: »Alter Freund, Sie sehen ja prächtig aus, geradezu verjüngt!«

Und als ich später in meinem gemütlichen Heim in die Federn kroch, da hatte ich die wonnigsten Träume bis an den hellen Morgen, den ich mit dem freudigen Bewußtsein begrüßte, daß die Welt doch schön sei und daß sie etwas enthielte, für das zu leben es sich lohnte.

Bis zu Mittag war aber noch eine lange Zeit, die mir wie eine Ewigkeit erschien. Meine Ungeduld nicht länger bemeisternd, fuhr ich bereits um halb zwölf zu Flamborough.

»Ich komme etwas früher als verabredet«, entschuldigte ich mich, »allein ich wollte gern vor der Französin hier sein. Es fiel mir ein, daß ich vielleicht in einem Nebenzimmer auf den geeigneten Augenblick warten könne, auf der Bildfläche zu erscheinen.«

»Eine vortreffliche Idee!« stimmte der Juwelier bei. »Läßt sich leicht machen. Wenn Sie da hineingehen –« er deutete auf eine Seitentür – »und die Tür anlehnen, können Sie jedes Wort der Unterredung hören. Im kritischen Augenblick werde ich auf die Klingel neben meinem Pult drücken – Sie werden dann verstehen, was ich meine.«

»Sehr gut!« nickte ich. »Sie sollen dann ebenfalls den Grund erfahren, weshalb ich mich vorerst verbergen möchte. Was kostet das Halsband übrigens?«

»Zweitausend Pfund. Das ist es unter Brüdern wert. Es ist ein wahres Prachtstück. Sehen Sie es sich nur einmal an.« Er holte den Schmuck herbei, und im nächsten Augenblick hielt ich die glitzernden Steine in meinen Händen. Obgleich ich kein Sachverständiger war, erkannte ich ihre seltene Schönheit, und im stillen kam mir der Gedanke, wie gut dieser edle Schmuck zu der vornehmen Schönheit der geliebten Frau passen würde.

Während ich das Halsband noch bewunderte, rief der Juwelier: »Ah, da kommt sie ja schon – auch vor der Zeit!«

Ich warf einen raschen Blick durch die Glaswand in den Laden, und richtig, da stand Susanne, kokett und aufgeputzt wie eine Modedame.

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