Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > George Webb Appleton >

Ein unheimlicher Passagier

George Webb Appleton: Ein unheimlicher Passagier - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorGeorge Webb Appleton
titleEin unheimlicher Passagier
publisherPaul Franke Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160626
projectid4b56cf1b
Schließen

Navigation:

14.

Es läßt sich nicht in Worten ausdrücken, wie erleichtert ich nach der furchtbaren Spannung der letzten zwei Tage aufatmete, als ich mich nach einigen angenehm verbrachten Stunden im Klub wieder in meinem behaglichen Junggesellenheim befand. Die allzu düstere Grandezza des Herrenhauses von Twyford Hall paßte schlecht zu meinem heiteren Temperament; ich empfand daher nur wenig Freude an der Aussicht, dort meinen ständigen Wohnsitz aufschlagen zu müssen.

Vorerst jedoch schlief ich wie ein Murmeltier, und als ich am nächsten Morgen um sieben Uhr erwachte, fühlte ich mich nicht nur neugestärkt, sondern auch bereit, jedem etwa noch drohenden Schicksalssturm mutig standzuhalten. Um zehn Uhr fand ich mich zu der für diese Stunde anberaumten Leichenschau des im Koffer gefundenen Mannes ein. Die Verhandlung nahm nicht viel Zeit in Anspruch.

Über die eigentliche Todesursache waren sich die beiden Ärzte auch jetzt noch nicht klar geworden, obgleich einige Anzeichen einen Herzschlag vermuten ließen. Dennoch wagten sie nicht, ein endgültiges Urteil abzugeben.

Ich berichtete nun kurz meine Erlebnisse in Brüssel; gleichzeitig zog ich meine frühere Erklärung betreffs der Identität des Toten zurück. Sowohl der Geldverleiher Harris als auch Inspektor Walter schlossen sich dieser Erklärung aufs genaueste an; letzterer fügte dann noch hinzu, daß die Behörde von Scotland Yard beschlossen habe, sich von der Sache zurückzuziehen.

Unter diesen Umständen blieb dem Leichenbeschauer nichts anderes übrig, als ein gleiches zu tun und damit endete die unerquickliche Angelegenheit, die mir bereits so viel Ärger und Unruhe bereitet hatte.

Nach Rücksprache mit dem Vorsitzenden der Jury übernahm ich die Kosten für die Bestattung des unbekannten Toten, der aus meine Anordnung hin in anständiger Weise auf dem Highgate-Friedhof beerdigt wurde. Daß es schließlich doch Reginalds Leiche war, daran zweifelte ich nicht im geringsten mehr und deshalb ließ ich sie auch mit allen Ehren begraben, eine passende Gelegenheit abwartend, sie insgeheim nach Suffolk überführen zu lassen.

Nachdem ich alles erledigt hatte, begab ich mich in mein Büro am Brunswick-Square, wo ich ein Telegramm und einen Brief mit dem Pariser Poststempel vorfand.

Die Depesche war in London, Lancaster Gate, aufgegeben worden und lautete:

»Kam Dienstag von Boulogne mit dem Dampfer. Susanne an Bord. Sah sie heute früh in der Bondstreet. Werde Sie Punkt drei besuchen.

Greville.«

Schön! dachte ich. Die junge Dame sollte sich lieber einen andersfarbenen Sonnenschirm kaufen, sonst wird sie mir früher ins Garn laufen, als sie ahnt. Paßt mir ausgezeichnet, erspart vielleicht eine Reise nach Paris und viel Laufereien. Der Brief da ist wahrscheinlich von meinem braven Jean Vialle.

Diese Vermutung war richtig und die ziemlich lange Epistel enthielt höchst interessante Dinge.

»Geehrter Herr!« schrieb Vialle. »Die letzten zwei Tage hatte ich nichts zu berichten, denn es kamen weder Briefe noch Besucher für die Nummer 49. Ich dachte daher, es sei schade, Briefmarken zu verschwenden und Sie mit Briefen zu belästigen, in denen nichts zu sagen war. Gestern abend jedoch gab es einen heillosen Spektakel.

Eine gute Weile nach Mitternacht (Herr Kaufmann kam erst gegen ein Uhr heim) erschien die Polizei, weckte meinen Schwager und verlangte, in das Zimmer des Herrn Slavinsky geführt zu werden.

›Hier wohnt kein Slavinsky‹, behauptete mein Schwager.

›Dann müssen wir das ganze Haus vom Keller bis zum Dachboden durchsuchen‹, erklärte der Polizeimeister.

Meine Schwester dachte, man habe vielleicht den Herrn Kaufmann gemeint und da sie bei dem mal auf einem alten Kuvert den Namen Slavinsky gelesen hatte, so führte mein Schwager die Polizisten hinauf und klopfte an die Türe. Keine Antwort. Nun klopften sie so laut, daß ein Toter ausgewacht wäre. Es kam aber wieder keine Antwort; nur hörte man, wie drinnen Möbelstücke gegen die Türe gerückt und aufeinander gehäuft wurden.

Nun brach die Polizei die Türe auf, konnte aber erst herein, nachdem sie einen Schrank und Gott weiß was noch, umgeworfen hatten und über Tischbeine, Stühle und zerbrochenes Geschirr geklettert waren. Dummerweise fand mein Schwager in seiner Aufregung den Lichtkontakt nicht, und als er ihn endlich hatte, war niemand im Zimmer zu entdecken. Entweder ist dieser Herr Kaufmann durchs Fenster oder durch den Schornstein entschlüpft – in beiden Fällen ein Meisterstück, denn, obgleich die Polizisten gleich die Treppe herunterstürmten und die Verfolgung aufnahmen, haben sie ihn nicht erwischt. Ein Kamerad von mir meint, er habe diesen selben Mann ein paar Stunden später nach dem Nordbahnhof gebracht, dann dürfte er wohl schon in London sein, wenn Sie diesen Brief erhalten.

Ich füge noch hinzu, daß die Polizei später wiederkam und alle Sachen des Herrn Kaufmann in Beschlag nahm.

Die junge Person mit dem roten Schirm habe ich nicht mehr gesehen.

Ihr ergebener
Jean Vialle.«

Obgleich ich mir den geschilderten Vorfall nicht recht zu erklären vermochte, erriet ich doch, daß der geheimnisvolle Kellner im Hotel Scribe seine Hand dabei im Spiel gehabt hatte. Das konnte meinen Bestrebungen, die rätselhafte Sache aufzuklären, nur förderlich sein. Wenn sich der Baron sowohl wie Susanne in London befanden, hatte ich alle Aussicht, binnen kurzem mein Ziel zu erreichen. Allerdings – die Baronin fehlte noch. Das war das Hindernis. Leider wußte ich nicht, wo ich sie suchen sollte. Immerhin war jetzt der Ball im Rollen – wie es enden würde, das wußten freilich nur die Götter.

Meine Sekretärin störte mich in meinen Betrachtungen, indem sie mir eine Karte brachte.

»Es ist ein Herr da, der Sie sprechen möchte«; meldete sie.

Ich blickte aus die Karte und ließ dann den Fremden hereinbitten. Gleich darauf trat Charles Greville ein.

»Ich dachte, es würde Ihnen angenehm sein, diese Neuigkeit zu erfahren«, sagte er, nachdem er Platz genommen hatte. »Damals in Paris glaubte ich wenigstens aus Ihren Worten zu entnehmen, daß Ihnen jede Mitteilung über jene Susanne – –.« Er hielt verlegen inne.

»Mein lieber Herr Greville«, half ich ihm rasch, »Sie erweisen mir ja einen großen Dienst damit; es ist in der Tat sehr liebenswürdig von Ihnen. Sie haben das Mädchen also heute morgen in der Bondstreet gesehen?«

»Ja.«

»Allein?«

»Hm – gewissermaßen – ja. Es schien mir nämlich, daß sie sich gerade an der Straßenecke von einem Burschen getrennt hatte, der in die Graftonstreet einbog. Ich streifte ihn nur mit dem Blick – beschwören könnte ich's nicht.«

»Oh, Sie werden sich wohl nicht geirrt haben.«

»Sie ging dann die Straße weiter, kreuzte den Fahrdamm und betrat zu meiner nicht geringen Überraschung den Laden des großen Juweliers Flamborough.«

Blitzschnell kamen mir die leeren Schmucketuis ins Gedächtnis, die ich im Hotel Scribe unter Reginalds Sachen gefunden hatte und die sämtlich den Namen dieser Firma aufwiesen.

»Haben Sie für die nächste Stunde irgend etwas vor?« fragte ich.

»Nein, gar nichts.«

Ich griff nach meinem Hut. »Wollen Sie mich zu Flamborough begleiten? In einer Viertelstunde können wir dort sein. Sehen Sie, es ist ein wenig auffallend, daß Ihr Freund Reginald dort seine Schmucksachen kaufte und daß Susanne jetzt gerade diesen Laden besucht.«

Greville zog die Augenbrauen hoch. »Hui!« sagte er, »wenn es so steht, gehe ich natürlich mit Ihnen.«

Als wir den weltbekannten Laden erreicht hatten, ließ ich den ältesten Chef der Firma um eine Unterredung bitten. Nach kaum drei Minuten saßen wir ihm in seinem Privatkabinett gegenüber.

»Sie kommen mir sehr gelegen, Herr Bracebridge«, sagte er zu mir, »denn ich war eben daran, Ihnen zu schreiben und Sie für morgen vormittag um Ihren Besuch zu bitten.«

»Ah, wirklich?« rief ich überrascht aus. »Haben Sie die Nachricht auch schon erfahren? Ich glaube, Sie kannten meinen Vetter Reginald Bracebridge sehr gut. Er gehörte wohl zu Ihren besten Kunden?«

Flamborough zuckte mit einem entschuldigenden Lächeln die Achseln. »Ich verstehe, auf was Sie anspielen, Herr Bracebridge. Wir können aber wirklich in diesen schlechten Zeiten kein Geschäft von der Hand weisen und uns ebensowenig um jeden Familienzwist kümmern, der zu unserer Kenntnis gelangt. Im vorliegenden Falle nun wußten wir wenigstens zweierlei; erstens, daß unser Geld vollkommen sicher war, und zweitens, daß diese Geschäftsabschlüsse Sie persönlich nicht berühren konnten.«

Da ich beide Punkte nicht zu leugnen vermochte, so begnügte ich mich, sie zuzugeben, fügte jedoch gleich die Frage bei: »Wieviel beträgt es?«

»Hm, auf ein- oder zweihundert kann ich es nicht genau sagen. Es dürften etwa viertausend Pfund sein – eilt aber gar nicht. Ich wollte Ihnen auch deshalb nicht schreiben, sondern nur in bezug auf ein verdächtiges Vorkommnis – –«

»Sie meinen den Besuch der jungen Französin heute morgen? Gerade ihretwegen bin ich zu Ihnen gekommen.«

Der Juwelier setzte seine goldene Brille zurecht und starrte mich verdutzt an.

»Wie in aller Welt – –« begann er, doch ich unterbrach ihn rasch, indem ich auf Greville zeigte. »Dieser junge Mann«, sagte ich, »ein Studienfreund meines Vetters, hat ihn in Paris oft mit der Französin gesehen und war nun nicht wenig erstaunt, als er heute bemerkte, daß sie hier in London ist, denn er sah sie Ihren Laden betreten. Durch ihn erfuhr ich dies und kam deshalb zu Ihnen. Was wollte die Französin hier, Herr Flamborough?«

»Hm«, lautete die Antwort, »um es kurz zu sagen, sie wünschte ein kostbares Diamanthalsband zu veräußern, einen Gegenstand, den ich sofort wiedererkannte, da ich ihn erst kürzlich Ihrem Herrn Vetter verkauft hatte. Wenn ich recht verstanden habe, wollte er es einer vornehmen Dame in Paris schenken; da diese junge Person aber keineswegs der Beschreibung entsprach, ihre Erklärungen mir auch nicht genügten, so war es anfangs meine Absicht, sie zurückzuhalten und inzwischen nach der Polizei zu schicken. Bei weiterer Überlegung hielt ich es jedoch für besser, höflich gegen sie zu sein und sie zu veranlassen, mir den Schmuck anzuvertrauen, um ihn auf seinen Wert zu prüfen. Die Kaufsumme, sagte ich ihr, möge sie sich am folgenden Vormittag holen. Dies teilte ich Ihnen in dem angefangenen Briefe mit und wollte Sie gleichzeitig bitten, anwesend zu sein, wenn die junge Person wiederkäme.«

»Sie haben sehr richtig gehandelt«, entgegnete ich mit Anerkennung, »und mir wahrscheinlich einen großen Dienst geleistet, für den ich Ihnen aufrichtig dankbar bin. Ich werde mich morgen Punkt zwölf bei Ihnen einfinden.«

Greville und ich verabschiedeten uns alsdann und schlenderten zusammen bis zum Criteriontheater, wo sich unsere Wege trennten.

Als ich eine Stunde später am Fenster meines Büros stand und nachdenklich auf die Straße hinabschaute, sah ich plötzlich einen eleganten Wagen um die Ecke biegen und gerade vor meinem Hause halten.

Im nächsten Augenblick glaubte ich vor Schrecken und Überraschung umzusinken, denn unten sprang mein Vetter Reginald aus dem Wagen und half dann der Baronin Slavinsky beim Aussteigen.

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.