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Ein unheimlicher Passagier

George Webb Appleton: Ein unheimlicher Passagier - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorGeorge Webb Appleton
titleEin unheimlicher Passagier
publisherPaul Franke Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160626
projectid4b56cf1b
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13.

Wie es geschah, davon habe ich nicht die geringste Ahnung mehr, allein ich befand mich plötzlich, nur mit einem leichten Nachtgewand bekleidet, in einem kleinen Zimmer, durch dessen unverhülltes Fenster die bleichen Strahlen des Mondes geisterhaft auf einen offenen Sarg fielen, in dem ein Mensch im Leichentuch saß und mich mit ausdruckslosen Augen anstierte.

Meine Glieder waren vor Schrecken völlig gelähmt; in stummem Entsetzen stand ich da, unfähig, ein Wort hervorzubringen.

War ich wach oder sollte dies auch ein Traum sein? Und wie kam ich hierher in das Totenzimmer?

Der schwere Sargdeckel lag umgestürzt auf dem Boden, wodurch sich das laute Geräusch erklärte, das mich aus dem Schlaf geweckt hatte. Doch wie verhielt es sich mit dieser Leiche, die mich in sitzender Stellung anstarrte? Konnte das wirklich Reginald sein – zum Leben wiedererwacht? War solch ein Wunder möglich? Warum sprach er denn aber nicht? Ich selbst hätte freilich kein Wort zwischen den klappernden Zähnen hervorbringen können, so sehr lähmte mich das Entsetzen.

Endlich bewegten sich die bleichen Lippen, und mit schwacher, aber mir gänzlich fremder Stimme murmelte die Leiche – wenn man es so nennen konnte – in französischer Sprache: »Wo bin ich?«

Jetzt fand ich endlich die Sprache wieder.

»Sind Sie Reginald?« fragte ich voll Spannung.

Ein leerer Blick war die einzige Antwort.

»Wer sind Sie?« fragte ich nun aus französisch.

»Bibi«, stammelte der Mann leise. »Wo ist Susanne? Ich bin – ah, mein Gott! Sie soll mir einen Tropfen Kognak bringen.«

Im Nu war all mein Entsetzen geschwunden.

Dieser Mensch war auf keinen Fall mein Vetter Reginald, sondern Gott weiß wer; ich mußte ihn aber um jeden Preis am Leben erhalten, um durch ihn Aufklärung über die rätselhafte Geschichte zu erlangen.

Von diesem Gedanken erfüllt, verließ ich eiligst das Zimmer, stürmte die Treppe hinaus – drei Stufen auf einmal – und holte den Whisky.

Als ich nach kaum zwei Minuten zurückkehrte, war der Mann im Sarge zurückgesunken und allem Anschein nach nun wirklich tot. Jetzt brachen auch meine Nerven zusammen, und zwar so gründlich, daß ich ein volles Glas Whisky hinunterstürzte und dann – ich schäme mich nicht, es zu sagen – in heilloser Furcht durch die Halle die Treppe hinauffloh, als ob der Tote aus dem Sarg gesprungen sei und mich verfolge. Sobald ich mein Zimmer erreicht hatte, verschloß ich die Tür und warf mich keuchend, von Kopf zu Fuß in kaltem Schweiß gebadet, in einen Sessel.

Zum Glück durchströmte mich bald – wohl infolge des belebenden Whiskys – eine wohlige Wärme; meine Aufregung legte sich, und mein Kopf wurde wieder klarer. Damit kehrte auch der verlorene Mut zurück.

»Eine verflixte Geschichte!« brummte ich, aufspringend. »Die Krone von allem, was ich erlebt habe! Wüßte nicht, was das noch übertrumpfen könnte! Mir schwindelt ordentlich bei dem Gedanken. Möchte wissen, wie spät es ist.«

Noch brannte eine Kerze. Ich sah auf meine Uhr; es war gerade zwei Uhr. Rasch zündete ich noch die beiden anderen Lichter an, schob die Fenstervorhänge zurück und ließ das Mondlicht voll hereinfluten.

»Da sitze ich nun in einem schönen Dilemma!« murrte ich, mich hastig ankleidend. Etwas mußte geschehen, und zwar sofort. Wenn ich mir vorstellte, daß ich die Leiche eines wildfremden Menschen, der – weiß der Himmel, jeden Augenblick an meine Tür klopfen konnte, im Hause hatte und ihn – vorausgesetzt, daß er jetzt wirklich tot war – auf jeden Fall in unserer Familiengruft beisetzen lassen mußte! Was sollte ich tun? Wie mich aus diesem Wirrsal herausbringen, ohne einen häßlichen Skandal zu verursachen? Der Himmel mochte wissen – ich nicht! Das Begräbnis sollte um elf Uhr stattfinden, und ich wußte nicht mal, ob der Mensch wirklich tot war! Das wenigstens mußte ich auf jeden Fall feststellen.

Mit diesem Entschluß ging ich leise die Treppe hinab in das Bibliothekzimmer, drehte das Gas auf und weckte Dick durchs Telephon. Nach kaum fünf Minuten erhielt ich Antwort von ihm.

»Sind Sie da, Dick?« rief ich ihm zu.

»Ja, gnäd'ger Herr.«

»So kleiden Sie sich rasch an und kommen Sie mit dem Wagen an die Tür. Ich muß Sie mit einer wichtigen Botschaft in die Stadt schicken.«

»Werde gleich erscheinen, gnäd'ger Herr.«

In der Zwischenzeit schrieb ich ein Billett an den ersten Arzt der Stadt, Doktor Jenkins, der an die Stelle unseres kürzlich verstorbenen Familienarztes getreten war.

Er wird den Unterschied nicht merken, dachte ich mit ingrimmigem Lächeln, als ich den Brief zusiegelte. Bevor Dick erschien, hatte ich meine Ruhe so weit wiedergewonnen, daß ich es über mich vermochte, in die Totenkammer zu gehen und den Sargdeckel wieder an die richtige Stelle zu bringen. Dann schloß ich die Haustür aus und trat ins Freie.

Dick, der eben mit dem Wagen angefahren kam, sah sehr überrascht aus, machte aber keine Bemerkung.

»Geben Sie diesen Brief an Doktor Jenkins«, sagte ich, ihm den Brief reichend, »und bringen Sie ihn gleich hierher. Schonen Sie das Pferd nicht – die Sache ist wichtig.«

»Schon recht, gnäd'ger Herr. Tut mir leid, daß ich die Person mit dem roten Schirm gestern abend nicht erwischte. War ihr auf der Spur, aber sie entschlüpfte mir fünf Minuten zu früh. Sie fuhr nämlich mit dem 9-Uhr-45-Zug nach London.«

»Das ist schade.«

»Bedaure es auch«, brummte Dick, faßte an seinen Hut und trieb das Pferd an.

Geräuschlos schloß ich die Tür, begab mich in die Bibliothek zurück und zündete mir eine Pfeife an.

Nachdenklich auf und ab schreitend, überlegte ich, was ich tun sollte, um mich aus dieser Klemme zu ziehen.

Es half alles nichts, ich mußte durchaus einen Entschluß fassen. Es hatte keinen Zweck zu fragen, warum mir gerade so was passieren mußte und womit ich das verdient hatte. Hier hieß es kaltblütig überlegen, um das Rechte zu treffen.

Ich vergegenwärtigte mir nun die Lage, so gut es mir unter den obwaltenden Umständen möglich war. Sie erschien kompliziert genug.

In Brüssel hatte ich aufs entschiedenste erklärt, daß der Mann, der nun als Toter unter meinem Dache lag, Reginald Bracebridge sei. Wie konnte ich jetzt, nachdem ich dies am vorhergehenden Tage vor Gericht bestätigt, plötzlich meine frühere Erklärung widerrufen? Das hieße ja, mich selbst als den größten Narren brandmarken oder mich als einen Intriganten hinstellen, dessen Gebaren unbedingt Verdacht erwecken würde.

Nein, ich mußte konsequent bleiben, mußte auch dem Leichenbeschauer und der Jury gegenüber an meiner in Brüssel ausgesprochenen Überzeugung festhalten. Überdies hatte ich auch bereits regelrecht Besitz von Twyford Hall ergriffen. Überall betrachtete man mich schon als den neuen Gutsherrn.

Das Begräbnis war auf elf Uhr dieses Tages festgesetzt worden. Wollte ich in der kurzen Zwischenzeit die Wahrheit bekanntgeben, so mußte ein schlimmer Skandal entstehen, der die unangenehmsten Folgen für mich haben konnte. Und was hätte ich nach einer solchen Eröffnung mit der Leiche, die im unteren Stockwerk lag, anfangen sollen? Sie etwa nach Brüssel zurückschicken mit dem höflichen Ausdruck des Bedauerns, mich geirrt zu haben? Das wäre einfach lächerlich und für andere unbegreiflich gewesen.

Hatte sich wohl je ein Mensch in solch einer ungeheuerlichen Situation befunden? Zurück konnte ich nun nicht mehr – ich hatte alle Schiffe hinter mir verbrannt. Was ich getan, war in gutem Glauben geschehen – in dieser Beziehung brauchte ich mir nichts vorzuwerfen. Ohne mein Verschulden war dies Dilemma entstanden; ich hätte jedoch freudig die ganze Erbschaft hingegeben, wäre mir dafür diese Verlegenheit erspart geblieben. Wie dem aber auch sein mochte, die Sache mußte jetzt ihren Lauf nehmen. Nachdem ich mich zu diesem Entschlusse durchgerungen hatte, wurde mir leichter ums Herz, und meine Pfeife wieder in Brand setzend, erwartete ich geduldig die Ankunft des Arztes.

Es dämmerte bereits stark, als ich das Geräusch von Rädern auf dem Kiesweg vernahm. Rasch eilte ich an die Haustür, wo ich mit Doktor Jenkins, den ich oberflächlich kannte – ich hatte ihn ein- oder zweimal gesprochen –, zusammentraf.

Ich beauftragte Dick, in einer halben Stunde mit dem Wagen zurückzukehren, und führte dann den Arzt in die Bibliothek.

»Es handelt sich nicht um eine Erkrankung, Herr Doktor«, begann ich, nachdem wir uns gesetzt hatten, »sondern um etwas viel Ernsteres.« Und nun erzählte ich ihm ohne Umschweife, was sich ereignet hatte.

»Was sagen Sie dazu?« schloß ich meinen Bericht.

»Allerdings ein sehr merkwürdiger Fall«, gab Doktor Jenkins zu; »er steht aber nicht vereinzelt da. Es bedarf hier keiner wissenschaftlichen Erörterungen, nur wundert es mich, daß die Brüsseler Hospitalärzte die Beschaffenheit der Leiche nicht bemerkten. Unserem Leichenbestatter Jawse fiel es gleich auf, denn er erwähnte es mir gegenüber. Von irgendeiner Seite ist da eine grobe Fahrlässigkeit verschuldet worden.«

»Das scheint mir auch so«, pflichtete ich bei. »Ich möchte aber zweifellos feststellen, daß das Leben jetzt völlig erloschen ist. Deshalb bat ich Sie, Ihre Instrumente mitzubringen. Wenn Sie die Halsader öffnen, werden wohl alle Zweifel behoben sein.«

Doktor Jenkins war damit einverstanden und so begaben wir uns nach dem kleinen Empfangszimmer, dessen Tür ich sorgfältig hinter uns verschloß. Dann machte ich Licht und hob den Sargdeckel ab.

Der Arzt nahm eine kurze Untersuchung der Leiche vor. »Jetzt ist der Tod wirklich eingetreten«, erklärte er. »Um Sie jedoch vollständig zu beruhigen, will ich die Ader öffnen.«

Im nächsten Augenblick hatte er einen tiefen Einschnitt in die Kehle des Mannes gemacht. Kein Tropfen Blut war sichtbar.

»Dieser Beweis genügt mir«, sagte ich zufrieden. »Und nun möchte ich noch mit Ihnen abmachen, Herr Doktor, den Zweck Ihres Besuches hier gegen niemand zu erwähnen. Lassen Sie die Sache zwischen uns beiden Geheimnis bleiben. Die Dienerschaft schläft noch, hat also nichts gemerkt und so braucht niemand den für mich immerhin peinlichen Zwischenfall zu erfahren.«

»Ich begreife das vollkommen, Herr Bracebridge«, entgegnete Doktor Jenkins. »Natürlich erfülle ich Ihren Wunsch, füge aber hinzu, daß ich sowieso niemals ein Wort darüber geäußert hätte.«

»Das glaube ich gern. Unter diesen besonderen Umständen jedoch dachte ich – –«

»Ihre Vorsicht war völlig gerechtfertigt«, fiel Doktor Jenkins rasch ein.

Wir befestigten hierauf den Sargdeckel, kehrten in die Bibliothek zurück und wechselten noch einige Worte. Alsdann erschien Dick; der Arzt verabschiedete sich und ich konnte noch ein paar Stunden der Ruhe pflegen.

Die Beerdigung verlief ohne Störung; ich empfand jedoch nicht geringe Gewissensbisse, als die Leiche des namenlosen Fremden neben den Sarg meines Onkels in die Familiengruft gestellt wurde.

Am selben Nachmittag fuhr ich nach London, fest entschlossen, nicht eher in mein neues Besitztum zurückzukehren, bis ich ergründet hatte, was jetzt noch geheimnisvoller erschien als zuvor.

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