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Ein unheimlicher Passagier

George Webb Appleton: Ein unheimlicher Passagier - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorGeorge Webb Appleton
titleEin unheimlicher Passagier
publisherPaul Franke Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160626
projectid4b56cf1b
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11.

Um die Mittagszeit erreichte ich den kleinen Marktflecken, der vier Meilen von Twyford Hall entfernt ist. Ich begab mich ohne Säumen zu dem Leichenbestatter Jawse in der Hochstraße. Auf der Türschwelle kam er mir entgegen. »Ich habe Sie schon erwartet, mein Herr«, redete er mich an, »um die Vorbereitungen für das Begräbnis treffen zu können.«

»Ist die Leiche bereits angelangt?«

»Ja, gestern abend, und da ich gerade einen schönen Eichensarg auf Lager hatte, war ich so frei, ihn gleich zu verwenden.«

»Sehr recht, Herr Jawse. Ich habe es Ihnen ja überlassen, alles Nötige zu besorgen.«

»Was für eine traurige Geschichte das ist, Herr Bracebridge«, bemerkte der Mann. »Er war doch noch so jung. Aber das ist der Welt Lauf: heute frisch und gesund und morgen auf der Totenbahre. Ich hörte, Sie hätten das Gut geerbt.«

»Jawohl. Für mich war's eine große Überraschung.«

»Das glaube ich gern. Wäre mir gerade so gegangen. Wann soll ich die Leiche ins Schloß schicken?«

»Heute abend. Ich werde sie in Empfang nehmen.«

»Und wann soll das Begräbnis stattfinden?«

»Lassen Sie mich überlegen! Heute ist Montag. Morgen und Donnerstag habe ich dringend in London zu tun. Sagen wir also Mittwoch um elf. In aller Stille. – Sie verstehen mich?«

»Vollkommen.«

»Gut. Ich gehe jetzt nach Twyford Hall und erwarte Sie Mittwoch um halb elf.«

Mit großer Höflichkeit geleitete er mich zur Tür hinaus, und ich begab mich in das nahe Wirtshaus Zum Löwen, um einen Wagen zu mieten.

Von allen Seiten wurde ich aufs ehrerbietigste gegrüßt – man merkte, daß die Leute jetzt den Millionär in mir sahen. Offen gestanden – mir war diese ungewohnte Unterwürfigkeit peinlich, es ließ sich aber nicht umgehen.

Auch im Gasthof Zum Löwen wurde ich mit der gleichen Zuvorkommenheit empfangen. Die Nachricht von meiner großen Erbschaft schien wirklich mit Blitzesschnelle durch die kleine Stadt gedrungen zu sein. Der Wirt kam mir mit tiefen Bücklingen entgegen, die Wirtin an der Tür knickste ohne Ende, und ein paar Kellner standen erwartungsvoll im Hintergrunde, wahrscheinlich von fetten Trinkgeldern träumend. Und ich war doch nur gekommen, einen Wagen zu mieten.

Angesichts all dieser höflichen Menschen blieb mir schließlich nichts anderes übrig, als ein opulentes Frühstück mit einer Flasche vom Besten zu bestellen, wodurch mein Ansehen bei den guten Leuten außerordentlich stieg.

Der Wirt spannte dann sein flinkestes Rößlein an, so daß ich die Fahrt bis Twyford Hall in verhältnismäßig kurzer Zeit zurücklegte.

Es war ein seltsames Gefühl, als ich nun zum erstenmal durch mein eigenes Parktor die breite, kiesbestreute Allee entlang zu dem säulengetragenen Portal des Herrenhauses fuhr. Während der Dauer von zwei Jahren hatte ich ja jede Woche das gleiche getan, allein heute empfand ich dabei den ganzen Hochgenuß des unbeschränkten Besitztums.

Als mein Wagen vor dem Portal hielt, merkte ich, daß auch hier schon jedermann die große Neuigkeit wußte. Nach dem Tode meines Onkels hatte ich die Zahl der Dienerschaft auf die Hälfte reduziert; es blieben aber noch genügend, um mir, dem neuen Herrn, eine Art Huldigung in der großen Eichenhalle darzubringen. Ich grüßte die Leute freundlich und wandte mich dann zu der langjährigen Haushälterin, Frau Robinson.

»Ich werde hier übernachten«, sagte ich zu ihr, »muß jedoch morgen frühzeitig nach London. Gefrühstückt habe ich bereits im Gasthof Zum Löwen, brauche jetzt also nichts. Nur möchte ich Sie einen Augenblick sprechen. Wollen Sie ins Bibliothekzimmer kommen?«

Sie folgte mir dorthin, und nachdem ich die Tür geschlossen hatte, begann ich: »Gewiß haben Sie schon einiges Nähere über den traurigen Fall erfahren, Frau Robinson?«

»Ja, gnäd'ger Herr. Man hat so allerhand gehört, weiß aber nicht, was daran richtig ist. Es heißt, der junge Herr sei auf einer Reise verunglückt und Sie hätten die Leiche gestern an Herrn Jawse geschickt.«

»Das stimmt«, entgegnete ich. »Alles andere ist leeres Gerede, dem Sie keinen Glauben schenken müssen. Ich erhielt nämlich ein Telegramm von einem Hospital in Brüssel mit der Meldung, mein Vetter sei durch ein Automobil überfahren und getötet worden.«

»Oh, diese schrecklichen Wagen!« seufzte die würdige Frau.

»Also, man forderte mich auf, nach Brüssel zu kommen. Das tat ich auch, erkannte den armen Jungen und ließ ihn nach England überführen. Herr Jawse wird die Leiche heute abend hierherbringen, und so möchte ich, daß Sie alles zu deren Empfang vorbereiten.«

»Gewiß!« versprach sie knicksend. »Sie sind ja jetzt hier der Herr.«

»Allerdings. Wie mir das gefallen wird, weiß ich noch nicht. Jedenfalls bringt solch ein Besitz große Verantwortlichkeit mit sich.«

»Ganz recht, gnäd'ger Herr.«

»Und ich werde mich in vielen Dingen auf Sie stützen müssen, das heißt, soweit es die Hausverwaltung anbetrifft.«

Das Gesicht der Alten strahlte vor Freude. »Sie tun mir eine große Ehre an, gnäd'ger Herr«, sagte sie wieder knicksend. »Ich habe Ihrem Herrn Onkel über zwanzig Jahre treu gedient und werde auch für Sie gern meine besten Kräfte einsetzen.«

»Davon bin ich überzeugt, liebe Frau Robinson«, nickte ich. »In einigen Wochen hoffe ich gänzlich hierher übersiedeln zu können.«

»Das wäre schön, denn es ist wirklich nicht das Richtige hier, nur die Dienstboten im Hause.«

»Nun, das wird schon anders werden. Vorerst muß ich an das Begräbnis meines Vetters denken. Es wird Mittwoch um elf Uhr stattfinden – ganz in der Stille, aber sorgen Sie bitte dafür, daß die Dienerschaft daran teilnimmt.«

»Selbstverständlich.«

»Das Ereignis kam so überraschend, und ich habe so viel zu tun, daß wohl ein Monat vergehen wird, bevor ich mich hier ruhig niederlassen kann. Was den Sarg anbelangt, so könnten wir ihn wohl bis zum Begräbnis in dem kleinen Empfangszimmer neben der Halle aufstellen.«

»Wie Sie wünschen, gnäd'ger Herr.«

»So – das ist vorläufig alles. Ich will noch die Runde machen; inzwischen richten Sie alles her, wie Sie es für gut finden. Und noch eins: ich werde um sieben Uhr speisen. Lawson soll nur eine Flasche mit gelbem Siegel öffnen.«

»Sehr wohl, gnäd'ger Herr! Es wird gut besorgt werden.« Und nochmals knicksend, entfernte sich die Alte.

Ich ging nun ans Telephon, rief dem Kutscher zu, einen Wagen anzuspannen, und begab mich dann langsam nach den Ställen, wo ich meinen Lieblingsgroom Dick Chatters fand.

»Sie sind ja hier der Herr, wie ich höre«, sagte er mit einem breiten Lachen, das seine lebhafte Zufriedenheit ausdrückte.

»Ja, so ist's, Dick«, entgegnete ich. »Geht manchmal sonderbar zu in der Welt.«

»Das schadet nichts, wenn's so gut ausfällt wie in diesem Fall. Sie werden gewiß ein bißchen Leben hereinbringen, gnäd'ger Herr.«

»Später vielleicht. Jetzt müssen wir erst den armen jungen Herrn begraben.«

»Ach ja. Es ist eine traurige Geschichte!«

»Sehr traurig. Das Begräbnis findet Mittwoch um elf Uhr statt. Ihr könnt alle mitgehen.«

»Natürlich, gnäd'ger Herr. Das ist doch unsere Pflicht.«

Inzwischen waren die Pferde angespannt, und ich bestieg den Wagen.

»Wohin soll ich Sie fahren?« fragte Dick, sich auf den Bock schwingend.

»Zum Pfarrer.«

Die alte, efeuumrankte Kirche, von einem kleinen Friedhof umgeben, lag etwa zehn Minuten vom Herrenhause entfernt. Ein Dutzend strohgedeckter Hütten standen dicht zusammen und ihnen gegenüber sah man das Pfarrhaus, dessen schmaler Giebel über die Mauer emporragte, die den idyllisch stillen Garten mit seinen Sonnenblumen, seinen duftenden Rosen und summenden Insekten einschloß.

Ich traf den ehrwürdigen Herrn in seinem Tuskulum, und nachdem er mich zu der Erbschaft beglückwünscht hatte, bat ich ihn, die Familiengruft öffnen zu lassen, um die sterblichen Überreste meines Vetters beisetzen zu können. Auch wünschte ich, er möge die Einsegnung der Leiche am Mittwoch in der Kirche vornehmen. Er versprach mir, für alles zu sorgen, und dann verabschiedete ich mich von ihm, besuchte die nahe liegenden Meiereien, die zum Gute gehörten, und hatte eine lange Besprechung mit dem sehr tüchtigen Inspektor. Erst gegen sechs Uhr kehrte ich nach Hause zurück.

Als ich durch das Parktor fuhr, stand der Postbote mit einem Telegramm in der Hand bei der Pförtnersfrau.

»Hallo«, rief ich ihm zu, »für wen ist das?«

»Für Herrn Frank Bracebridge«, lautete die Antwort.

»Geben Sie es mir her!« Ich griff nach der Depesche, öffnete sie rasch und sah, daß sie von Barker war.

»Heute nachmittag«, so las ich, »kam Brief vom Grand Hotel Brüssel mit folgendem Telegramm aus Berlin für R.: ›Nicht herkommen. Zu gefährlich. Verlaß Brüssel sofort. Geh nach Lausanne. Poste restante. Titi.‹

Barker.«

»Was soll das nun wieder bedeuten?« dachte ich bei mir, das Blatt in die Tasche steckend.

»Etwas Unangenehmes?« fragte Dick, der mein Gesicht beobachtet hatte.

»Nein; nur eine kleine Überraschung.«

Ich ließ mir aber durch dieselbe den Appetit nicht verderben und tat dem Chambertin mit dem gelben Siegel sowie Frau Robinsons Küche alle Ehre an. Trotzdem verlief das Mahl für mich begreiflicherweise sehr langweilig.

Das große, düstere Speisezimmer mit den altersgeschwärzten Wänden, dem gänzlichen Mangel an helleren Farben, bedrückte mein Gemüt. Wie sollte ich hier existieren können, nur auf den Umgang mit Frau Robinson und dem alten Lawson angewiesen?

Wie ganz anders war mein behagliches Junggesellenheim in London und der gemütliche Klub am Strand, wo ich stets angenehme Gesellschaft finden und meine Pfeife in animiertem Freundeskreise rauchen konnte!

Zum Glück verscheuchte der edle Burgunder allmählich die melancholische Stimmung, die mich befallen hatte. Ich malte mir die genußreichen Spazierfahrten durchs Land mit meinem braven Dick aus, und ich sagte mir, daß ich auf Tage und Wochen meine Freunde mit ihren Frauen bei mir zu Gast sehen und mir schließlich auch noch ein Automobil zur Unterhaltung anschaffen konnte. Zwischen diese angenehmen Bilder drängte sich jedoch hartnäckig immer wieder die Depesche aus Berlin. Was konnte sie bedeuten? Wer war Titi? Zuerst hieß es: Bibi – damit war natürlich Reginald gemeint. Aber Titi! Das interessierte mich. War es ein Mann oder eine Frau? Und weshalb wurde Reginald von Berlin aus gewarnt und aufgefordert, sich ohne Säumen nach Lausanne zu begeben?

Immer neue Steine legten sich mir in den Weg, allein, so überdrüssig ich auch der ganzen Sache war, ich hielt es dennoch für meine Pflicht, ihr auf den Grund zu gehen. Und – nicht zu vergessen – die Baronin! Was ich auch anstellen mochte, meine Gedanken beschäftigten sich stets von neuem mit der schönen Frau, die einen solchen Zauber auf mich ausgeübt. Mehr denn je war ich entschlossen, ihren Aufenthalt auszuspüren, sobald ich Herr meiner Zeit sein würde, und dann hatte ich wenigstens für einige Wochen keine Langeweile zu befürchten.

Nach beendetem Mahl begab ich mich in die Bibliothek, wohin ich mir von Lawson den Kaffee bringen ließ. Ich schloß die Fenstervorhänge und streckte mich behaglich in einem Sessel aus, nachdem ich meine geliebte Pfeife in Brand gesetzt hatte. So war es ganz gemütlich, nur vermißte ich die gewohnte Zeitung. In Ermangelung derselben nahm ich ein Buch zur Hand, dessen Inhalt mich jedoch so wenig interessierte, daß ich bald einschlief.

Ein lautes Klopfen an die Tür schreckte mich aus meinem Schlummer aus.

»Wer ist da?« rief ich. »Herein!«

»Ich bin es, gnädiger Herr!« sagte Frau Robinson, indem sie leise eintrat. »Verzeihen Sie, daß ich störe, aber soeben hat Herr Jawse mit seinen Leuten den Sarg gebracht.«

»Schon recht«, erwiderte ich ein wenig verstimmt. »Ich sagte Ihnen ja bereits, was Sie tun sollten.«

»Allerdings; aber ich dachte, Sie würden es vielleicht wissen wollen und – –«

»Ich bin wirklich zu müde, Frau Robinson«, wehrte ich ab. »Spüre jetzt erst so recht die Aufregungen der letzten Zeit. Sie begreifen das, nicht wahr?«

»Gewiß!« nickte die Alte teilnehmend.

»Sagen Sie also bitte Herrn Jawse, wohin er den Sarg stellen soll – in das kleine Empfangszimmer – und geben Sie den Leuten eine Erfrischung. Ich möchte mich so bald als möglich zur Ruhe begeben. Wo soll ich schlafen?«

»Da Sie keine bestimmte Anweisung gaben«, erwiderte Frau Robinson, »so habe ich Ihnen das Schlafzimmer Ihres Herrn Onkels hergerichtet. Es liegt nach Süden und ist freundlicher als die anderen Räume.«

»Ist mir ganz recht«, nickte ich. »Gehen Sie jetzt zu Herrn Jawse und nehmen Sie die Leiche in Empfang.«

Nachdem die Haushälterin fort war, zündete ich mir meine Pfeife wieder an und versuchte, meine Mißstimmung loszuwerden; allein es gelang mir nicht. Ich hörte die schweren Schritte in der Halle, das Flüstern gedämpfter Stimmen und wußte, was da vor sich ging. Gleichzeitig sah ich mich im Geist wieder in dem Brüsseler Hospital, sah den verstümmelten Leichnam auf der Bahre. Und dieser selbe Leichnam befand sich jetzt kaum ein Dutzend Meter von mir entfernt! Leise Schauer liefen mir über den Rücken – mehr denn je sehnte ich mich nach London zurück.

Fast bereute ich, meinen Beruf so rasch aufgegeben zu haben. Er war mir wirklich liebgeworden. Wie sehr würde ich den täglichen Gang nach dem Amtsgericht vermissen, das Ausarbeiten der Akten, die Plädoyers, all den Reiz, die Spannung eines schwierigen Prozesses! Was hatte ich für dieses arbeitsame, anregende Leben eingetauscht? In einem öden Mausoleum zu sitzen und mir Tag für Tag den Kopf zu zerbrechen, wie ich die Zeit totschlagen und jährlich vierzigtausend Pfund durchbringen sollte.

Als die unheimlichen Geräusche unten verstummt waren und ich das Schließen der Haustür vernahm, klingelte ich. Der alte Lawson steckte seinen grauen Kopf zur Tür herein.

»'s ist heute abend nicht gerade gemütlich hier, Lawson«, sagte ich.

»Nein, gnäd'ger Herr. Aber was wollen Sie? Dergleichen Dinge geschehen und lassen sich nicht verhindern.«

»Ich werde im Zimmer meines Onkels schlafen«, fuhr ich fort. »Sie können mich hinführen; doch erst bringen Sie mir noch einen Schluck Whisky, im Fall ich keinen Schlaf finde. Meine Nerven sind nämlich ein wenig überreizt.«

»Kein Wunder, gnäd'ger Herr. Meine sind auch nicht so wie sonst. Wünschen Sie noch etwas?«

»Nein, das genügt.«

Nach fünf Minuten kam der Alte mit einem Leuchter in der einen und einem Servierbrett in der anderen Hand zurück. »Wollen Sie mit mir gehen?« fragte er.

Ich folgte ihm die breite Treppe hinauf längs der Galerie durch einen langen Korridor, an dessen Ende er stehenblieb und eine Tür öffnete.

Als ich eintrat, befand ich mich in einem großen, mit schwärzlichem Eichenholz getäfelten Raum. Schwere Stoffvorhänge verdeckten die nischenartigen Bogenfenster; an der einen Wandseite des gespenstisch-düsteren Zimmers stand eine mächtige Bettstelle, deren Baldachin mit rotem Damast überzogen war; an der anderen gähnte mir ein schwarzer Kamin wie die Öffnung einer Höhle entgegen. Riesige Eichenschränke und messingbeschlagene Truhen füllten die Ecken aus, und zwischen den beiden Fenstern stand ein breiter Toilettentisch mit blindgewordenem Spiegel.

Kopfschüttelnd betrachtete ich dies nichts weniger als anheimelnde Gemach.

»Was in aller Welt hat Frau Robinson gedacht, Lawson«, fragte ich halb ärgerlich, »daß sie behauptete, dies sei das freundlichste Schlafzimmer des Hauses?«

»Hm«, entgegnete der Alte, »so unrecht hat sie nicht. Fast alle Räume sind düster; dieses hier ist wirklich noch das beste. Von den Fenstern aus haben Sie einen hübschen Blick in den Park, und mit einem tüchtigen Holzfeuer im Kamin kann's hier wirklich ganz behaglich sein.«

»Mir gefällt's aber nicht«, erklärte ich unzufrieden. »Jedenfalls werde ich möglichst schnell für elektrisches Licht sorgen.«

»Das wäre fein«, nickte Lawson. »Wollte noch fragen, um wieviel Uhr Sie frühstücken möchten, da Sie, wie ich hörte, frühzeitig nach London fahren wollen?«

»Ach, machen Sie keine Umstände weiter. Ich habe Dick gesagt, der Wagen müsse dreiviertel acht vor der Tür stehen. Bringen Sie mir also um sieben eine Tasse Tee und eine Scheibe Brot. Das genügt. Gute Nacht!«

»Gute Nacht, gnäd'ger Herr. Ich hoffe, Sie werden gut schlafen. Habe Ihnen vom besten Whisky Ihres Herrn Onkels gebracht – er ist schon über fünfundzwanzig Jahre alt.«

Nachdem das geschwätzige Männchen noch zwei Kerzen angezündet und sich dann entfernt hatte, schob ich die Vorhänge zurück und öffnete die Fenster.

Der Mond stand am Himmel, wurde jedoch zum Teil durch schwere Regenwolken verdeckt, so daß nur ein schwacher Dämmerschein über den Wäldern jenseits des Parkes lag. Alles andere war in Finsternis gehüllt.

Ich entkleidete mich rasch und begab mich zur Ruhe, ließ aber die Lichter brennen. Trotz meiner Müdigkeit konnte ich jedoch nicht einschlafen, weil die Erlebnisse der letzten Woche zu lebhaft vor meinem Geiste standen und den Schlaf verscheuchten.

Stunde auf Stunde verrann. Aus Verzweiflung griff ich schließlich zu dem bewährten Hilfsmittel, dem fünfundzwanzigjährigen Whisky, der sich in der Tat als Wundertrank erwies.

Die Augenlider wurden mir schwer und schwerer, und ehe ich wußte, wie es geschah, war ich entschlummert. Allerdings hatte ich wirre, unruhige Träume, anfangs völlig unzusammenhängend, dann aber so lebhaft, so deutlich, doch auch so entsetzensvoll, daß ich mit klopfendem Herzen und in Schweiß gebadet erwachte.

Ich fuhr in die Höhe und schaute auf die Uhr, die bereits die siebente Morgenstunde zeigte. Durch die offenen Fenster strömte das helle Sonnenlicht herein und verscheuchte den Eindruck, den der häßliche Traum auf mich gemacht. Da dieser Traum sich jedoch in der folgenden Nacht mit derselben grausigen Deutlichkeit wiederholte, so will ich erst später davon reden. Ich sprang also aus dem Bett und hatte mein Gesicht eben mit kaltem Wasser erfrischt, als vernehmlich an die Tür geklopft wurde.

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