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Ein unheimlicher Passagier

George Webb Appleton: Ein unheimlicher Passagier - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorGeorge Webb Appleton
titleEin unheimlicher Passagier
publisherPaul Franke Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160626
projectid4b56cf1b
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9.

Da ich noch neun Stunden Zeit hatte bis zur Abfahrt des Schnellzuges nach Calais, so ließ ich mich vorerst im Café de la Paix nieder, um das, was ich im Grand Hotel gehört hatte, mit Ruhe zu überdenken.

Nach einer Weile zufällig aufschauend, bemerkte ich ein Auto, das vor dem Café hielt und zwei Personen absetzte. Der Chauffeur wollte eben wegfahren, als ich aus seinem Schild die Nummer 8410 las. Sofort rief ich ihn an, befahl ihm die Boulevards entlang zu fahren und sprang in den Wagen.

Der Chauffeur fuhr von einem Boulevard zum anderen, bis wir den Bastilleplatz erreicht hatten. Hier rief ich dem Chauffeur zu: »Bringen Sie mich nach einem in der Nähe gelegenen ruhigen Café. Ich habe etwas mit Ihnen zu besprechen.«

Sofort drehte er sich nach mir um, betrachtete mich mit Kennerblick und antwortete, sichtlich mit seiner Musterung zufrieden: »Sehr wohl, mein Herr.«

Dann lenkte er in eine stillere Seitenstraße und hielt gleich darauf vor einer kleinen, nicht übermäßig sauberen Wirtschaft. Während ich ausstieg, sprang auch er vom Sitz herunter.

»Hier sind wir ungestört«, erklärte er, durch die offene Tür eintretend. »Ich kenne den Wirt.« Er nickte diesem zu und führte mich in eine entfernte Ecke des ziemlich geräumigen Saales, wo wir vor Lauschern gesichert waren.

»Vor allem, was wollen Sie trinken?« fragte ich, einen schäbig gekleideten Kellner heranwinkend.

»Einen Absinth, wenn ich bitten darf.«

Ich bestellte mir ein Glas Bier, und sobald wir bedient worden, begann ich ohne Umschweife: »Sie haben gestern abend um halb elf einen Fahrgast gegenüber dem Jockeyklub aufgenommen. Es war ein bärtiger Mann – ein Ausländer.«

Der Chauffeur warf mir einen forschenden Blick zu, dann fragte er mit größter Seelenruhe: »Was ist's damit?«

»Ich möchte den Namen dieses Mannes wissen. Können Sie es mir sagen?«

»Hm – und wenn ich es könnte?«

»Hätten Sie den Vorteil davon.«

»Ganz schön, aber leider habe ich ihn nie zuvor gesehen.«

»Das ist schade«, bemerkte ich ein wenig enttäuscht. »Vielleicht könnten Sie mir aber doch noch nützlich sein. Zum Beispiel, wenn Sie mir angeben würden, wohin Sie den Mann gefahren haben.«

»O ja«, grinste er, »das könnte ich schon, weshalb sollte ich es aber tun?«

Ich nahm einen Louisdor aus der Tasche und schob ihm das Geldstück zu. »Da haben Sie meine Antwort. Und wenn Sie mir helfen ausfindig zu machen, was ich wissen möchte, folgt noch mehr.«

»Hängt's mit der Polizei zusammen?« fragte er vorsichtig, jedoch schon alle Vorteile erwägend, die ihm aus diesem Handel erwachsen konnten.

»Nein«, beruhigte ich ihn. »Die Polizei hat nichts damit zu schaffen. Es ist nur meine eigene Privatangelegenheit.«

»Gut«, entschied er sich, den Louisdor ruhig einsteckend, »ich will Ihnen alles sagen, was ich weiß. Der Herr ließ sich erst nach dem Café Madrid fahren. Dort angekommen, befahl er mir zu warten und ging ins Haus. Drinnen an einem der Tische saß ein Mann, der auf ihn gewartet zu haben schien, denn er sprang gleich auf, als er den anderen sah. Sie kamen zusammen heraus und sprachen sehr aufgeregt in irgendeinem Kauderwelsch, das ich nicht verstand. Mein Fahrgast nahm ein Bündel Papiere aus der Tasche, sah sie zwei-, dreimal durch, stampfte dann mit dem Fuß und fluchte fürchterlich. Der andere fing auch an, und ich dachte schon, es gäb' 'nen Krawall. Plötzlich deutete der erste auf meinen Wagen; sie stiegen hastig ein, und ich mußte sie nach dem Boulevard Voltaire Nr. 49 fahren.«

»Blieben sie dort?«

»Ja; sie entließen mich, und ich fuhr heim.«

»Würden Sie die Männer wiederkennen?«

»Jawohl – unter tausenden. Wie sie sich da auf dem Pflaster stritten, hatt' ich ja Zeit genug, sie mir anzusehn. Interessierte mich schließlich auch. Dem einen fehlte ein Papier in seinem Bündel – das merkte ich deutlich und dacht' bei mir: Er meint, er hat's zu Hause liegen gelassen und nimmt nun den andern mit, um's dort zu suchen.«

»Demnach wohnt also der erstere am Boulevard Voltaire Nr. 49?«

»Stimmt!« nickte der Chauffeur.

»In einer möblierten Wohnung?«

»Jedenfalls.«

Ich überlegte einen Augenblick. »Mich dünkt«, sagte ich dann, »es müßte gar nicht so schwer sein, ihn zu beobachten und seinen Namen zu erfahren.«

»Ist's nicht spaßig«, lachte der Chauffeur. »Mein Schwager ist grad in dem Hause Portier.«

»So?« rief ich erfreut aus. »Dann können Sie mir ja leicht helfen.«

»Hm – weiß nicht«, entgegnete er zögernd. »Die Sach ist die – er und ich haben uns vor ein paar Monaten gezankt und verkehren nun nicht mehr miteinander. Wenn ich mich bei ihm blicken ließe, würd' er mich einfach 'rauswerfen.«

»Wie schade! Er ist doch aber der Mann Ihrer Schwester?«

»Ja.«

»Na – und sind Sie mit der auch verzankt?«

»O nee!«

»Dann könnten Sie's doch einrichten, sich irgendwo zu treffen?«

»Hab' grad dran gedacht«, nickte er mit so verschmitztem Gesicht, daß ich leicht merkte, was in ihm vorging.

Kurz entschlossen öffnete ich meine Brieftasche und legte zwei Hundertfrankscheine auf den Tisch.

»Nun«, sagte ich in geschäftsmäßigem Ton, »haben Sie Lust, einen ehrlichen Handel mit mir abzuschließen?«

» Parbleu! Ja!« erklärte er eifrig.

»Gut. Hier gebe ich Ihnen meine Adresse. Ich bin Rechtsanwalt in London, und es ist nichts an der Sache, was Sie schädigen könnte. Nur aus Privatgründen möchte ich Näheres über diesen Mann erfahren.«

»Verstehe, mein Herr«, nickte er.

»Unglücklicherweise«, fuhr ich fort, »muß ich noch heute abend nach London zurück. Ich weiß zwar die Nummer Ihres Wagens, doch das genügt mir nicht. Wollen Sie mir Ihren Namen und Ihre Adresse angeben?«

»Sehr gern!« erwiderte er. »Warum sollte ich es nicht?« Er suchte eine Weile in seinen Taschen herum und brachte schließlich ein stark zerdrücktes Kuvert zum Vorschein, das er mir über den Tisch reichte. Ich las die Adresse:

Jean Vialle,
Rue St. Nicholas 13
Rue du Faubou St. Antoine.
Paris.

»Das ist die Handschrift meiner alten Mutter«, erklärte er, »und wenn ich das da vor mir habe, tu' ich nichts Unredliches.« Dabei bekreuzte er sich.

Er hatte wirklich ein ehrliches Gesicht, und so entschloß ich mich, den Handel zu riskieren.

»Gut«, sagte ich, »Sie sollen zu dem Louisdor noch diese zweihundert Franken erhalten, die Sie nach Belieben mit Ihrer Schwester teilen mögen. Wenn Sie den Auftrag, den ich Ihnen geben werde, zu meiner Zufriedenheit ausführen, schicke ich Ihnen noch weitere dreihundert Franken. Was ich verlange, ist folgendes: erstens den Namen dieses Mannes, die Namen der Personen, die ihn besuchen und woher er Briefe erhält. Sollte Ihre Schwester unter seinen Sachen oder in seinem Zimmer etwas Auffallendes bemerken, so – nun Sie verstehen wohl, was ich meine?«

»Vollkommen, mein Herr!« versicherte er.

»Vor allem möchte ich, daß der Mann scharf beobachtet wird. Das können Sie gewiß fertig bringen.«

»Läßt sich machen«, nickte er. »Hab' daheim 'nen Buben, der eben keine Stelle hat – ein ganz geriebener Junge.«

»Schön! Steht er sich gut mit seiner Tante?«

»Ausgezeichnet. Sie hat ihn wirklich sehr gern.«

»Desto besser. Beschränken Sie ihn aber nicht in bezug auf nötige Ausgaben, zum Beispiel wenn er gelegentlich einen Wagen nehmen muß oder für sonstige unvorhergesehene Fälle.«

»Ganz recht – ich verstehe.«

»Und schließlich möchte ich, daß Sie mir jeden Tag einen kurzen Bericht schicken – ob etwas vorfällt oder nicht – nur die einfachen Tatsachen. Das wird Ihnen nicht viel Zeit kosten. Also – was sagen Sie zu meinem Vorschlag. Ja oder nein?«

»Ja«, sagte er ohne Zögern. »Wer mir so 'n Vertrauen schenkt wie Sie – und 's gibt nicht viele, die einem Pariser Chauffeur trauen – warum – weiß ich nicht – gegen den bin ich auch ehrlich. Was Sie verlangen, soll geschehen. Mehr kann ich nicht versprechen.«

»Mehr fordere ich ja auch gar nicht«, gab ich lächelnd zurück. »Da, stecken Sie das Geld ein, und dann fahren Sie mich nach dem Boulevard Voltaire, und zeigen Sie mir das Haus Nummer neunundvierzig.«

Viel Nutzen hatte ich nicht von der Fahrt dorthin, denn das Gebäude unterschied sich durch nichts von den umliegenden; ich prägte es jedoch meinem Gedächtnis ein und kehrte dann nach dem Hotel Scribe zurück, wo ich mich von meinem neuen Bundesgenossen trennte – einem ganz tüchtigen Burschen, wie sich später zeigte.

Bisher hatte ich dem Dokument, das der mutmaßliche Baron Slavinsky im Vorhof des Grand Hotel verloren und das so rasch in meine Tasche gewandert war, noch keine Beachtung geschenkt. Als ich es jetzt näher betrachtete, fand ich, daß es in einer mir gänzlich fremden Sprache geschrieben war; selbst die Buchstaben vermochte ich nicht zu lesen. Da ich es für russisch hielt, so beschloß ich, mir unverzüglich die Adresse eines Dolmetschers zu verschaffen.

Ich begab mich deshalb ins Büro, um mich nach einem solchen zu erkundigen.

»Da können wir Ihnen dienen«, erklärte der Buchhalter. »Wir haben hier einen russischen Kellner – einen sehr intelligenten Menschen. Soll ich ihn rufen lassen?«

»Schicken Sie ihn bitte in einer halben Stunde zu mir auf mein Zimmer«, entgegnete ich. »Möchte erst noch packen, da ich heute abend nach London zurückfahre. Sie könnten mir das Gepäck vielleicht schon vorher an den Nordbahnhof bringen lassen.«

»Mit dem größten Vergnügen, mein Herr. Ich wollte es Ihnen schon vorschlagen, denn ein Auto reicht nicht für all die Koffer aus.«

Pünktlich nach einer halben Stunde – ich hatte eben das Schließen und Zuschnüren meines Gepäcks beendet – klopfte es an der Tür, und ein sehr blonder, glattrasierter junger Mann trat ein.

»Ich hörte, mein Herr«, sagte er sich verbeugend, »daß Sie etwas aus dem Russischen übersetzt haben möchten.«

»Wenn es Russisch ist«, erwiderte ich. »Sie werden das jedenfalls gleich sehen.«

Ich reichte ihm das Blatt Papier, doch kaum hatte er die ersten zwölf Zeilen gelesen, als er, alle Höflichkeit beiseite setzend, mit bleichem Gesicht hervorstieß: »Warum zeigen Sie mir das?«

Ärgerlich über sein unpassendes Benehmen entgegnete ich in hochfahrendem Ton: »Einfach, weil ich eine Übersetzung davon wünsche.«

»So wissen Sie also nicht – –«

»Ich weiß absolut nicht, was darin steht«, unterbrach ich ihn kurz, »sonst hätte ich es nicht nötig, daß Sie es mir übersetzen. Begreifen Sie das nicht?«

»Verzeihen Sie«, gab er mit gedämpfter Stimme und in fließendem Englisch zurück, »aber dieses Dokument verursachte mir einen großen Schrecken, und Sie können Gott danken, daß Sie den Inhalt nicht kennen. Wie in aller Welt, wenn ich die Frage stellen darf, sind Sie in den Besitz des Dokumentes gelangt?«

»Sehr einfach. Ich fand es gestern abend im Vorhof des Grand Hotel. Weshalb zögern Sie, mir zu sagen, was es enthält?«

Der Russe schüttelte energisch den Kopf. »Ich wage es nicht. Es ist zu schrecklich, um in Worten ausgedrückt zu werden. Wäre dies Papier durch Zufall bei Ihnen gefunden worden, so hätte Ihr Leben nur noch an einem Faden gehangen!«

Das klang wenig erbaulich. Außerdem befremdete mich die Sprache und das Benehmen dieses Kellners, der mir nur dem Namen nach Kellner zu sein schien, zumal er ganz ersichtlich ein Mann von Bildung war. Im stillen bedauerte ich jetzt, mich nicht gleich an einen richtigen Dolmetscher gewandt zu haben.

»Vorläufig gehört mir das Blatt«, erwiderte ich auf seine letzten Worte. »Wenn Sie es mir nicht übersetzen wollen, so geben Sie es mir zurück.«

Er hatte es inzwischen zu Ende gelesen und händigte es mir ohne Widerrede ein. »An Ihrer Stelle«, bemerkte er dazu, »würde ich es nicht bei mir tragen. Sie täten besser, es zu verbrennen oder –« Er hielt einen Augenblick inne und fuhr dann rascher fort: »Da Sie den Inhalt nicht kennen, es somit keinen Wert für Sie haben kann, so wüßte ich eine vorteilhaftere Art, das gefährliche Dokument loszuwerden.«

»Wieso?«

»Ich kenne zufällig einen Mann, der Ihnen sofort zwölftausendfünfhundert Franken – das sind fünfhundert Pfund nach Ihrem Gelde – dafür zahlen würde.«

»Oho«, fuhr ich ihn an, »Sie sind gar kein Kellner. Ihre Redeweise, Ihr ganzes Wesen verrät Sie. Sie sind ein –«

»Still, still!« unterbrach er mich, die Hand erhebend. »Ihre Ansicht ist falsch. Ich bin kein russischer Spion, obgleich ich offen bekenne, daß ich auch kein Kellner bin und diese Rolle hier nur aus besonderen Gründen spiele.« Er schwieg nachdenklich, dann sah er mich mit einem Blick an, wie ich ihn noch nie bei einem Menschen gesehen. »Wenn ich wüßte«, murmelte er halblaut, »wenn ich wirklich wüßte –«

»Wenn Sie was wüßten?« fragte ich begierig. »Heraus mit der Sprache.«

»Wenn ich wüßte, daß man Ihnen vertrauen könnte.«

»In welcher Hinsicht?« warf ich ein. »Sie sprechen außerordentlich gut englisch. Sagen Sie mir also ohne Umschweife, was Sie eigentlich meinen. Ich habe ein gewisses Dokument in Händen, für das irgendein Freund von Ihnen an der Straßenecke bereitwillig fünfhundert Pfund zahlen würde. An diesen ›Freund‹ glaube ich nun nicht, habe auch nicht die Absicht, das Papier zu verkaufen. Immerhin könnte ich geneigt sein, auf einen Handel mit Ihnen einzugehen, wenn Sie imstande wären, mir eine bestimmte Auskunft zu geben, an der mir viel gelegen ist.«

»Warten Sie. Ich habe nämlich triftige Gründe anzunehmen, daß dieses Papier, dem Sie eine so große Wichtigkeit beimessen, im Grand Hotel von einem gewissen Baron Slavinsky verloren wurde.«

Die Wirkung dieser Worte auf den Pseudokellner war überraschend. Mit einem Ausruf, der wie ein unterdrückter Fluch klang, packte er meinen Arm, indem er mit einem von Wut oder heftiger Leidenschaft verzerrten Gesicht hervorstieß: »Wissen Sie das genau?«

»Lassen Sie gefälligst meinen Arm los«, erwiderte ich kaltblütig. »Ich denke, wir setzen uns lieber. Meine Entdeckung scheint einen ernsten Anstrich zu erhalten.«

»Ja, sehr ernst«, nickte er.

»Nun«, begann ich, »bevor ich Ihnen eine einzige Frage beantworte, will ich wissen, wer Sie sind. Sie haben Ihre Verkleidung schon halbwegs abgeworfen, jedoch nicht genügend, um mir unbedingtes Vertrauen einzuflößen. Hier ist mein Name und meine Adresse«, fuhr ich fort, indem ich meine Karte auf den Tisch warf. »Ich verlange ein gleiches Vertrauen von Ihnen, denn nur unter dieser Bedingung können wir weiter miteinander verhandeln.«

Er griff nach der Karte, warf einen Blick darauf und starrte mich dann mit weitgeöffneten Augen an.

»Wie?« stotterte er. »Sie sind –«

»Frank Bracebridge«, ergänzte ich. »Weshalb stieren Sie mich so an?«

Mit gewaltsamer Anstrengung suchte er sich zu beherrschen. »Ich las in den Zeitungen über einen seltsamen Vorfall, bei dem Ihr Name genannt wurde. Vielleicht ist das nur ein zufälliges Zusammentreffen.«

»O nein, durchaus nicht«, widersprach ich. »Vermutlich spielen Sie auf einen Bericht an, in dem es hieß, daß kürzlich eine Dame mir ihren Koffer anvertraute, in welchem eine Leiche gefunden wurde, die ich anfangs für einen nahen Verwandten von mir hielt.«

»Richtig«, stimmte er zu. »Der Fall erschien sehr merkwürdig. Halten Sie die Dame für schuldig?«

»Nein. Solange man mich nicht durch unleugbare Beweise vom Gegenteil überzeugen kann, werde ich nie glauben, daß die Baronin an diesem verabscheuungswürdigen Verbrechen beteiligt war.«

Der Pseudokellner schaute mich verdutzt an. »Sind Sie schon früher mit ihr zusammengetroffen?« fragte er.

»Ja. Auf der Fahrt nach Calais sahen wir uns zum erstenmal wieder, nachdem ich sie vor einem Jahre in Baden-Baden aus der Gewalt des Mannes befreite, der dieses anscheinend so wertvolle Dokument gestern abend im Grand Hotel verlor. Der Schurke, den ich damals niederschlug, war, wie sie mir unterwegs erklärte, ihr Gatte und –«

Ehe ich fortfahren konnte, ereignete sich etwas Seltsames. Der Pseudokellner sprang ungestüm auf und wäre mir sicher um den Hals gefallen, wenn ich ihn nicht zur Seite geschoben hätte.

»Was soll das heißen!« fuhr ich ihn ziemlich barsch an.

»Ach, mein Herr«, rief er in leidenschaftlichem Ton, »erlauben Sie mir wenigstens, Ihnen die Hand zu drücken. Jene Dame steht mir sehr nahe und ist mir überaus teuer. Ich kenne die ganze Sache und bin überzeugt, daß der Schuft sie an jenem Abend ohne Ihre Dazwischenkunft ermordet hätte.«

Jetzt war die Reihe des Erstaunens an mir.

»Ist sie wirklich die Frau dieses Mannes?« fragte ich.

»Leider ja.«

»Der Fall wird immer rätselhafter«, sagte ich kopfschüttelnd. »Eben wegen der Dame, die Ihnen, wie Sie erklären, so nahesteht, wollte ich mit Ihnen unterhandeln. Es wäre natürlich indiskret von mir, die Art Ihrer Beziehungen wissen zu wollen – aber – –«

»Augenblicklich kann ich es Ihnen wirklich nicht sagen«, unterbrach er mich ernst. »Sie dürfen mir jedoch glauben, daß dieselben völlig harmloser Natur sind.«

Etwas in seinem Wesen überzeugte mich, daß er die Wahrheit sprach.

»Ich nehme Ihre Versicherung auf Treu und Glauben an«, erwiderte ich daher. »Mir liegt viel daran, das Geheimnis aufzuklären, weil ich persönlich die Dame für unschuldig halte und es unzweifelhaft erwiesen ist, daß ich an der Sache nicht beteiligt war. Mein Erscheinen vor Gericht wird nur noch eine Formalität sein. Unbegreiflich bleibt mir ja noch manches – zum Beispiel das geheimnisvolle Verschwinden der Baronin in Calais. Haben Sie eine Ahnung, wo sie sich aufhält?«

»Ich wünschte, ich wüßte es«, entgegnete er mit ehrlicher Besorgnis, »denn ihr Leben schwebt in höchster Gefahr. Vielleicht ist sie aber schon gewarnt worden – möglicherweise durch das Telegramm, das sie in Calais erhielt. Bis zu dem Augenblick, als Sie mir das Dokument zeigten, ahnte ich nichts von der Gefahr, die ihr droht.«

»Bezieht sich denn das Papier auf sie?«

»Ja und auf einen anderen. Ah, dieser andere!«

Er hielt inne, und wieder traf mich einer seiner durchdringenden Blicke. »Da ich jetzt sicher bin, daß ich Ihnen trauen darf, Herr Bracebridge«, sagte er dann, »so will ich offen gegen Sie sein, soweit es mir gewisse Verpflichtungen erlauben. Den Zweck meiner Anwesenheit in Paris kann ich Ihnen nicht mitteilen – es würde Sie auch wenig interessieren. Selbst meinen Namen muß ich Ihnen noch verschweigen – wenigstens für kurze Zeit. Sie haben mir in doppeltem Sinne einen unschätzbaren Dienst geleistet, aber vorläufig darf ich mich nicht näher aussprechen. Der Hotelwirt weiß, wer ich bin und weshalb ich mich hier aufhalte. Für alle übrigen bin ich nur ein Kellner. Morgen jedoch – und das danke ich Ihnen – werde ich diese Rolle aufgeben. Das erinnert mich wieder an das Schriftstück, das Sie in der Tasche haben. Auch darüber will ich offen mit Ihnen reden. Ich bot Ihnen vorhin fünfhundert Pfund, nicht wahr?«

»Ja.«

»Sie weigerten sich aber, sie anzunehmen?«

»Und weigere mich auch jetzt noch.«

»Ganz recht. Erlauben Sie mir jedoch, Ihnen zu sagen, daß, wenn Sie Paris verlassen hätten, ohne daß ich Ihren Namen und den großen Dienst, den Sie der Baronin in Baden-Baden leisteten, erfahren hätte, das Dokument dennoch binnen vierundzwanzig Stunden in meinen Händen gewesen wäre. Ich hätte die fünfhundert Pfund dann gar nicht zu zahlen brauchen. Verstehen Sie mich? Allein, ich handelte ehrlich und bot Ihnen eine beträchtliche Summe dafür.«

»Da sich die Verhältnisse jetzt aber geändert haben«, fiel ich rasch ein, »und Sie mir sagten, das Dokument sei von Wichtigkeit für die Baronin –«

»Und für einen anderen«, unterbrach er mich. »Wenn Sie das wüßten!«

»Ich bin nicht neugierig«, versicherte ich. »Im Interesse der Baronin also gebe ich Ihnen das Papier freiwillig heraus.« Mit diesen Worten reichte ich es ihm.

»Das sollen Sie nie zu bereuen haben«, sagte er warm. »Den Dank dafür werden Sie seinerzeit von einer Seite erhalten, die Sie sehr überraschen wird. Inzwischen will ich versuchen, den Aufenthalt der Baronin in Erfahrung zu bringen. Was den Baron Slavinsky anbetrifft, so genügt es mir, zu wissen, daß er hier und daß dieses kleine Schriftstück in meinem Besitz ist. Doch nun muß ich gehen«, unterbrach er sich: »meine lange Abwesenheit könnte auffallen. Speisen Sie heute hier?«

Ich verstand die Bedeutung seiner Frage und erwiderte ohne Zögern: »Ja, gewiß.«

Er nickte zufrieden. »Gut, Sie sollen sehen, wie ausgezeichnet ich meine Rolle als Kellner spiele. Ich bediene an dem Tisch Nr. 27.«

Wir drückten uns die Hand, und dann war er verschwunden. Als ich bald darauf das Hotel verließ, kam der Buchhalter im Treppenhaus auf mich zu: »Hat der Kellner Ihnen die Übersetzung gemacht, mein Herr?« fragte er mich.

»Jawohl«, nickte ich. »Er ist in der Tat ein recht intelligenter Mensch. Möchte Ihnen noch sagen, daß ich heute abend hier speise. Reservieren Sie mir gefälligst einen Platz an seinem Tische.«

Der Buchhalter schaute auf eine Karte. »Das ist der Tisch Nr. 27. Ganz recht, mein Herr, werde es besorgen.«

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