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Ein ungarischer Nabob

Maurus Jókai: Ein ungarischer Nabob - Kapitel 27
Quellenangabe
pfad/jokai/nabob/nabob.html
typefiction
authorMaurus Jókai
titleEin ungarischer Nabob
publisherPhilipp Reclam jun
translatorAdolf Dux
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20111014
modified20170818
projectida3817006
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6.
Unangenehme Entdeckungen

Wir überspringen einige Monate.

Die Badesaison ist eben zu Ende; die vornehmen und reichen Familien kehren von allen Seiten nach ihren Winterwohnungen zurück. Mehrere beginnen sich schon in Pest zu versammeln und bilden hier zum großen Vorteil der Stadt Zirkel.

Auch Szentirmays sind bereits angelangt und die schöne Dame und ihr wackerer Gemahl sind die Ideale der höheren Kreise. Jeder strebt nach ihrer Bekanntschaft; und es giebt Damen und Ritter genug, die nach ihm oder ihr schmachten, natürlich vergebens.

Den meisten Lärm machte Kecskereys Ankunft. Wo war er bis jetzt gewesen? Er hatte im Lande eine Kunstreise gemacht. Die Zeitungen haben davon viel Aufhebens gemacht; sie haben erzählt, wo er überall war, bei wem und was er gegessen und getrunken habe und wie er aufgenommen wurde. Seine Rundreise war eine siegreiche Expedition. Er hat jedermann bezaubert, hingerissen, sein Andenken wird in allen Orten unvergeßlich bleiben, die er mit seiner Anwesenheit beglückt hat. So erzählten die Zeitungen und erteilten zugleich den Damen und Fräulein obligates Lob, die ihn freundlich empfangen hatten.

Endlich war er angelangt! Ohne ihn wäre die ganze Wintersaison langweilig gewesen. Man sprach gar nicht von Bällen und Soireen, so lange er noch nicht in Pest war. Zu derartigen Arrangements gehört eine besondere Fähigkeit, ein eigener Beruf und Freund Kecskerey besaß beides in vollem Maße.

Das erste, was man that, war, einen Klub gewählter Gentlemen zu vereinen, der sich nach sorgfältiger Auswahl der Mitglieder als ein solider Körper erweist, wo nur ausgezeichnete Kavaliere zusammenkommen werden.

Ist doch schon Herr von Kecskerey allein eine höchst interessante Gestalt, der, er sich es einmal vorgenommen hat, liebenswürdig zu sein, von seiner Kunstreise so viele beißende Anekdoten zu erzählen weiß, daß die Herren sogar das Billard verlassen, um seinen geistreichen Vortrag zu hören, nach welchem es dem würdigen Gentleman nicht zu wünschen wäre, daß er sich wieder bei jenen geist- und gemütreichen Familien sehen lasse, von denen er die Anekdoten erzählte.

Eben jetzt hat er wieder etwas vor; er ermahnt seine Bekannten, wenn sie ihn mit Abellino werden sprechen sehen, sich um ihn zu versammeln, denn es werde eine interessante Scene geben.

– Was mag Abellino zugestoßen sein, daß unser Freund Kecskerey so leichtfertig von ihm spricht, fragte Livius, sich an Rudolf wendend; denn sonst pflegt er den künftigen Erben des Kárpathischen Majorats mit mehr Respekt zu behandeln.

Rudolf zuckte die Achseln. Abellino kümmerte ihn zu wenig.

Eben tritt er ein. Auch jetzt charakterisiert ihn der hochmütige Gang, der stolze, herausfordernde Blick, als ob die ganze Welt nur aus seinen Bedienten bestünde, auch jetzt ist er noch so abstoßend schön; seine Züge sind wohl hübsch, aber nichtssagend.

– Guten Abend, Bela! guten Abend! schreit ihm Kecskerey schon von weitem entgegen, ohne sich von seinem Stuhl zu rühren, auf den er zusammengekauert sitzt, seine Füße mit den Armen umschlingend.

Abellino geht auf ihn zu und schreibt es seiner eigenen Anziehungskraft zu, wenn ihm ein ganzer Schwarm von Kavalieren folgt, die ihre Whistpartien und die Billards verlassen, um sich rings um ihn zu versammeln.

– Ich gratuliere! ruft Kecskerey mit spitzer Nasenstimme, ihm seine langen Hände entgegenstreckend.

– Was gratulierst du mir, du Eicheldaus? fragte Abellino seinen Freund Kecskerey, der in der That zusammengekauert, wie er saß, der berühmten Kartenfigur glich.

Abellino hatte für jetzt die Lacher auf seiner Seite.

– Du weißt, daß ich von deinem Onkel komme, mein Lieber.

– Ah, das ist was anderes, sagte Abellino sich sanfter stimmend; er hielt es jetzt für gut, Kecskerey freundlicher zu behandeln, denn dieser war ja in seiner Angelegenheit bei dem alten Karpáthi gewesen und bringt gewiß gute Nachrichten.

– Nun, was macht denn mein lieber guter Alter?

– Deshalb gratuliere ich dir ja eben. Alle lassen dich grüßen und küssen. Der alte Herr ist gesund und frisch, wie ein frisch abgepflückter Apfel. Du brauchst dir seinetwegen nicht die geringste Sorge zu machen. Onkelchen befindet sich ganz wohl. Aber die Tante ist krank, sehr krank und wird gewiß noch schlimmer werden.

– Arme Tante, sagte Abellino, der sich dachte, das sei wahrscheinlich die gute Nachricht, wegen welcher ihm gratuliert wurde. Das wäre in der That eine gute Nachricht, denn vielleicht wird sie gar sterben. – Nun, was fehlt ihr?

– Ach, ihr Übel ist sehr gefährlich. Ihr Aussehen hat sich so verändert, daß du sie gar nicht mehr erkennen würdest. Das schöne, rosige Gesichtchen, die schlanke Gestalt, alles ist hin!

(Geschieht ihr recht, dachte sich Abellino, sie muß zu Grunde gehen wegen ihrer unnatürlichen Verbindung mit einem alten Manne; es geschieht ihr recht.)

– Wahrhaftig Freund, fuhr Kecserey fort, als ich sie zum letztenmal sah, da verboten ihr die Ärzte schon das Reiten und Fahren.

Abellino hätte auch jetzt noch nicht das richtige erraten, wenn nicht einige andere es gethan hätten, die hergekommen waren, um zu lachen; sie brachen in helles Gelächter aus und da ging ihm plötzlich ein Licht auf.

– Hölle und Teufel! Ist das wahr, was du sagst?

Abellinos Gesicht verriet die Wut, die bei diesem Worte in seinem Innern tobte.

– Hätte ich dir sonst gratuliert? sprach Kecskerey lachend.

– Ah! das ist infam! rief Abellino, außer sich vor Wut.

Die Umstehenden begannen ihn zu bemitleiden und die Weichherzigeren entfernten sich. Es ist doch schauderhaft zu denken, daß dieser Mensch, den man bei seinem Eintritt für den künftigen Herrn von Millionen, der sich selbst dafür hielt, jetzt plötzlich zum Bettler geworden war.

Nur Kecskerey hatte kein Mitleid für ihn; er bemitleidete keinen Unglücklichen; ihn gingen nur die glücklichen Menschen was an.

– So bleibt mir denn nichts anderes zu thun übrig, murmelte Abellino zwischen den Zähnen, als entweder mich oder dieses Weib umzubringen.

– Freund, wenn du schon morden willst, so lies den Pitaval! da findest du alle Arten von Vergiftungen mit mineralischen Wässern oder Pflanzengift, alle Arten von Ermordung mit Messern oder Beilen, mit Pistolen oder Dolchen, wie das Corpus deliciti auf die Seite geschafft, wie es vergraben, zerstückt, ins Wasser versenkt, verbrannt wurde. Das Ganze ist eine kleine Bibliothek von zwölf Bänden; wer es durchliest, glaubt am Ende selbst ein Mörder zu sein. Ich empfehle dir das Werk, hahaha!

Abellino achtete auf das alles nicht.

– Wer mag der sein, den dieses Weib liebt?

– Schau um dich, Freund und greife jemanden heraus.

– Ich möchte ihn kennen und ihn ermorden.

– Ich weiß ganz gut, wen sie liebt, sagte Kecskerey.

– Wen? fragte Abellino mit leuchtenden Augen.

Kecskerey machte sich den Spaß und fuhr achselzuckend fort.

– Ich habe es sehr oft mit angesehen, wie sie ihn umarmte, ihm um den Hals fiel und ihn küßte.

– Wer ist das? Wer ist das? rief Abellino, Kecskerey am Arm fassend.

– Möchtest du es wissen?

– Ich will es wissen.

– Nun denn – es ist ihr Mann!

– Dumme Spötterei! sagte Abellino, sich ganz vergessend. Das wird niemand glauben. Dieses Weib liebt jemanden, sie hat sich jemandem schändlicherweise ergeben. Und dieser alte Schurke weiß es und duldet es, bloß um sich an mir zu rächen. Aber ich werde es erfahren, wen sie liebt, ich werde es herausbringen und sei es auch der Teufel und dem Weib einen skandalösen Prozeß machen, wie noch nie einer vorgekommen ist.

Mehrere unter denjenigen, die in seiner Nähe standen, begannen sich scherzhafterweise zu verwahren, er möge auf sie keinen Verdacht werfen, sie seien in der ganzen Sache unschuldig, sie könnten sich der Neigung der Frau von Karpáthi nicht rühmen.

In diesem Augenblick ließ sich eine kräftige Männerstimme hören, Rudolf sprach: Meine Herren, Sie merken nicht, daß Sie auf eine unwürdige Weise mit dem Namen einer Dame scherzen, die zu beleidigen niemand auf der Welt einen Grund oder ein Recht hat.

– Was ist das, Rudolf? Was geht das dich an? fragte Kecskerey verwundert.

– Ich bin ein Mann und gebe nicht zu, daß man in meiner Gegenwart eine Dame verleumde, welche ich achte.

Das war ein großes Wort. Darauf mußte man schweigen. Nicht bloß deshalb, weil Rudolf recht hatte und weil man geneigt war, ihm zu glauben, sondern auch deshalb, weil er der beste Fechter und Schütze und dazu kaltblütig und glücklich war.

Der Name der Frau von Karpáthi wurde im Klub nicht wieder vorgebracht.

Flora aber erfuhr diesen Vorfall und bedeckte ihren Mann vor Freude mit Küssen.

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