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Ein ungarischer Nabob

Maurus Jókai: Ein ungarischer Nabob - Kapitel 25
Quellenangabe
pfad/jokai/nabob/nabob.html
typefiction
authorMaurus Jókai
titleEin ungarischer Nabob
publisherPhilipp Reclam jun
translatorAdolf Dux
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20111014
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4.
Außen Fracht, innen Nacht

Es mußte geschehen ...

Fanny hatte ihrer Freundin versprochen, ihr bei Gelegenheit der Installation ihres Mannes einen Teil der Hausfrausorgen abzunehmen, so wie Flora ihr bei der Versammlung des Windhundvereines geholfen hatte.

Zwei peinliche Wochen hindurch hatte sie sich gequält, einen Vorwand ausfindig zu machen, der sie von der Einlösung ihres Versprechens befreien könnte. Sie fand keinen, der triftig genug gewesen wäre. Zu ihrem Unglück war sie so gesund, daß sie sich gar nicht beklagen konnte.

Sie mußte sich entschließen.

Sie mußte sich entschließen, in das Haus des Mannes zu treten, dem sie lieber so weit hätte ausweichen sollen, daß Meere sie von ihm trennten. Sie mußte die Qual erdulden, ihn auf dem Gipfel seines Ruhmes und Glanzes, als Patrioten gefeiert, von aller Welt bewundert und geliebt zu sehen; sie mußte ihr Herz der Dornenkrone preisgeben, die ihrer wartete, wenn sie diesem Manne und seinem Weibe gegenüberstehen wird, mit blutendem Herzen wird sie deren trauliches Gekose mit anhören und die zarten Aufmerksamkeiten hinnehmen müssen, mit welchen dieselben sie überhäufen werden, und bei dem allen wird sie der Welt ein lächelndes Gesicht zeigen, ihre Thränen unterdrücken und ihr Herz verbluten lassen müssen, sie wird sich hüten müssen zu seufzen oder zu erröten, damit niemand ahne, was sie fühlt.

O, welch schwerere Last ist die Liebe als der Haß, um wie viel schwerer läßt sich jene verheimlichen als dieser.

Was sie fürchtete, wovor sie zitterte, das geschah.

Flora vergaß ihr Versprechen nicht, bereits zwei Wochen vor dem Fest schrieb sie ihrer Freundin, sie müsse bei ihr eine Woche zubringen.

Also eine ganze Woche sollte sie in der qualvollsten Lage, eine ganze Woche zwischen verheimlichter Leidenschaft und Entsagung zubringen. Welch eine große Sünde muß doch die Liebe sein, wenn die Strafe so groß ist.

An demselben Tage, an welchem Frau von Karpáthi nach Szentirma kam, ließ Fräulein Marion einpacken und rüstete sich zur Reise. Rudolf fragte sie, wohin sie gehe.

– Ich reise nach meinem Köhalmer Gütchen und will mir dort ein paar angenehme Tage machen.

– Warum entfernst du dich von unserem Fest?

– Lieber Freund, man fragt oft manches, worauf man die Antwort nicht gern hört. Diese Frage ist von solcher Art. Für uns drei, nein für uns vier, wird es besser sein, wenn ich schweige.

Unter der vierten Person verstand sie ohne Zweifel die Frau von Karpáthi.

Rudolf fragte nicht weiter, aber man sah es ihm an, daß ihm Marions Entfernung nicht lieb war.

Flora empfing ihre Freundin mit großer Freude, in ihrem offenen schönen Gesicht zeigte sich unverkennbar die glücklichste Stimmung, als sie Fanny mit ihren Armen umschlang. Auch Rudolf benahm sich gegen sie höflich, aber er überstieg diese Grenzen nicht. Mit Freuden sah er die schöne Nachbarin in seinem Hause und gab sich Mühe für ihre Bequemlichkeit zu sorgen, aber er zeigte nicht im geringsten ein ungewöhnliches Interesse.

Fanny begann ihre Tage weit weniger gefährlich zu finden, als sie sich vorgestellt hatte. Die männlichen Ideale verlieren in ihrem häuslichen Kreise viel von dem Nimbus, der sie außerhalb des Hauses umgiebt. Man hört sie pfeifen, mit den Dienern zanken, man sieht sie sich mit häuslichen Angelegenheiten und allerlei Kleinigkeiten abgeben; man sieht sie essen, trinken und sich langweilen, man sieht sie oft in nicht vollkommener Toilette, zuweilen mit beschmutzten Stiefeln, wenn sie eben ihre Pferde besichtigt haben; man macht die Erfahrung, daß auch die Ideale mit den kleinen Bedürfnissen des Lebens zu kämpfen haben, und daß sie sich nicht immer in der künstlerischen Positur halten, die man an ihren Porträts sieht. Bei Frauen ist das ganz anders. Die Frau ist dazu geschaffen, um auch im häuslichen Kreise schön zu sein, sie ist immer reizend, immer geschmückt, auch wenn sie in Negligé ist; aber der Mann ist zu Hause am wenigsten schön.

Und wenn ein Mann sich es in den Kopf gesetzt hat, ein guter Mann zu sein, so macht er andern Frauen nicht den Hof. Endlich kamen zu allen Stunden so vielerlei politische Patrioten, von Tabak duftende Anführer der Wähler, Stuhlrichter, Notare, Geschworene und Fiskale zu Rudolf, daß man ihn nie anders sehen und hören konnte, als von diesen Politikern umgeben und von trockenen politischen Angelegenheiten sprechend.

Kurz Fanny fühlte die Gefahr weit weniger, als sie sich in Rudolfs Nähe befand; sie sah ihn weit ruhiger in der Nähe mit den Augen, als in der Ferne mit der Seele.

Menschen, deren Gefühl ein echtes ist, pflegen es gewöhnlich sehr wenig zu zeigen, die gefeiertesten Staatsmänner, die berühmtesten Dichter verraten im täglichen Leben wenig von ihren idealen Gedanken; das war auch bei Rudolf der Fall. Er liebte es, zu Hause als ein ganz gewöhnlicher Mensch zu erscheinen, an dem nichts Außerordentliches ist und das war für Fanny eine große Wohlthat.

Diese ganze Woche verstrich ihr so schmerzlos, wie sie es nie gehofft hätte.

Frau von Szentirmay war zu zartfühlend, um ihren Gatten vor der Freundin viel zu loben. Das ist die Gewohnheit sehr schwacher oder sehr prahlerischer Gemüter. Ein richtig fühlendes Weib kann es wohl einmal sagen, wie sehr sie ihren Mann anbete, aber weiter hält sie es nicht für nötig, das zu versichern. Sich der Verdienste des Mannes fortwährend rühmen, ihn unaufhörlich preisen, das ist eine Schwachheit, die selten gut aufgenommen wird.

So war denn die Zeit, welche Fanny im Schloß zu Szentirma zubrachte, für sie nicht so peinlich. Dazu kam noch, daß Rudolf in den letzten Tagen sich nach dem Hauptort des Komitats begeben mußte, von wo er erst einen Tag vor der Installation zurückkehrte.

Die beiden Damen trafen indes die Vorbereitungen zum Fest mit der größten Sorgfalt. Was die eine zufällig vergaß, fiel der andern ein. Fanny fand ihre Lage von Tag zu Tag natürlicher; macht doch das praktische Leben so vieles möglich und begreiflich, was man sich als unmöglich vorgestellt hat.

Wir werden es sehen.

Am Tage der Installation fuhren die beiden Frauen nach dem Hauptort des Komitats, wo in der Nähe des Komitathauses für Rudolf die Obergespanswohnung hergerichtet war.

Szentirmay hätte zwar gewünscht, daß seine Installation mit so wenig Pomp als möglich vor sich gehe, denn es schien ihm doch etwas zu orientalisch, daß die vermögliche Klasse für öffentliche Anstalten so wenig opferte, während sie auf einen pompösen Einzug Tausende, viele Tausende, verschwendete; indes boten die Banderien der Adeligen mit ihren Parteifahnen, von den Stuhlrichtern angeführt, die zwölf adeligen Jünglinge, die in prächtiger altungarischer Tracht neben dem Wagen des Obergespans ritten, die ungeheure Volksmenge, welche die Gassen und die Dächer der Häuser bedeckte, die lange Reihe prächtiger Kutschen, in welchen goldstrahlende Magnaten saßen, einen genug prachtvollen Anblick.

Die vornehmsten Damen sahen vom Erker des Komitathauses den unten vorüberziehenden Zug mit an; unter ihnen befand sich auch Frau von Karpáthi. Kaum erkannte sie die in den Kutschen in feierlicher Haltung sitzenden Männer, so verändert sahen sie aus durch die orientalisch prächtige Kleidung und durch ihren orientalischen Ernst. Mehrere der jungen Reiter grüßten sie mit ihren Degen.

Endlich kam auch die Kutsche des Obergespans an, umgeben von den zwölf reitenden Jünglingen; er saß barhaupt in der offenen Kutsche und in seinem Gesicht zeigte sich Rührung, Schritt für Schritt wurde er mit lautem Éljenrufen begrüßt. Jedermann kannte ihn seinem guten Rufe nach. Alles freute sich, daß der beste Patriot, der gerechteste Mann zum obersten Beamten des Komitats erwählt wurde. Wer ihn noch nie gesehen hatte, mußte ihn an seinem edlen Gesicht erkennen. Er war das Muster einer antiken Heldengestalt; so stellen wir uns jene Kriegshelden vor, die von siegreichen Schlachten heimkehrend, sich niedersetzten, um Gesetze zu geben, welche die Furcht des Feindes, der Schutz des Volkes und die Liebe der Gattin waren.

Frau von Karpáthi sah zitternd auf ihn. O, es wäre besser gewesen, wenn sie ihn jetzt nicht gesehen hätte.

Der Zug ging durch das Thor des Komitathauses und nach einer halben Stunde steht Rudolf im großen Beratungssaale und erfüllt die Herzen der Zuhörer durch seine Rede mit Begeisterung. Frau von Karpáthi hört ihn von der Galerie aus. O, es wäre besser, wenn sie ihn nicht hörte. Jetzt liebt sie ihn nicht nur, jetzt betet sie ihn an.

Indes bemerkt sie, daß jemand unten im Saale ihr mit Kopf und Händen winkt und sich endlich auf einen Stuhl stellt, um von ihr besser gesehen zu werden. Anfangs erkannte sie den Mann nicht, aber mitten in einem Wust unangenehmer Erinnerungen fand sie dieses Gesicht wieder. – Es war Herr von Kecskerey.

Was mag den würdigen Herrn hergebracht haben? Ohne Ursache pflegt er sich nirgends hin zu bemühen.

Der Anblick dieses Mannes machte auf Fanny eine so peinliche Wirkung, daß es ihre Nerven affizierte und so oft sie hinunter sah, begegnete sie seinen stechenden Blicken.

Nach Beendigung der Ceremonien folgte das übliche Bankett und von hier verfügten sich die Gäste in den Beratungssaal, der mit zauberischer Schnelligkeit in einen Tanzsaal verwandelt wurde.

Was in der Umgegend schön und vornehm war, war hier versammelt. Die berühmtesten Männer und die schönsten Damen waren da.

Rudolf eröffnete den Tanz mit der Fürstin ** und dann tanzte er der Reihe nach mit den übrigen Damen.

Fanny zitterte, ihr Herz pochte, als sie ihn sich nähern sah. Sie saß allein, weil sich Frau von Szentirmay eben mit einem jungen Manne zum Tanz entfernt hatte.

Rudolf näherte sich ihr höflich und forderte sie mit einer ritterlichen Verbeugung zum Tanze auf.

O, wie schön war er!

Fanny wagte nicht, ihn anzublicken. Sich zu ihr neigend, reichte ihr Rudolf die Hand.

Armes Weib! Kaum war sie imstande die paar Worte hervorzubringen: Ich darf nicht tanzen, mein Herr. Ich bin sehr krank gewesen ...

Er mußte es ihr glauben, war sie doch in diesem Augenblick so blaß, als ob man sie gleich ins Grab legen sollte.

Rudolf drückte mit einigen höflichen Worten sein Bedauern aus und zog sich zurück. Fanny wagte es lange nicht, ihre Augen aufzuschlagen, als ob sie fürchtete, daß er noch vor ihr stehe. Endlich blickte sie auf und sie sah Herrn von Kecskerey vor sich stehen. – Sie sind rührend schön wie eine Madonna! sprach der wackere Chevalier, seinen Chapeau-bas schwenkend, und trat dreist zu ihr hin.

Fanny sammelte sich schnell, als ob sie ahnte, daß sie vor diesem Menschen ihre Seele verbergen müsse; sie erwiderte seinen Gruß mit frostigem Lächeln und that, als ob sie sich vor ihm gar nicht fürchtete.

– So groß der Verlust für die Gesellschaft ist, daß Eure Gnaden nicht tanzen, ebenso groß ist der Gewinn für mich, da ich ebenfalls nicht tanze, sagte der Chevalier mit impertinenter Schmeichelei, nahm mit dreister Zuversicht neben der Frau von Karpáthi Platz und schlug die Beine übereinander. Wird es Eure Gnaden nicht lästig sein, wenn wir ein wenig plaudern?

– Ich werde zuhören.

– Dieser Tage wurde die Hauptstadt durch eine freudige Nachricht elektrisiert, die jeden glücklich machte, der sie hörte.

– Und die ist?

– Daß Eure Gnaden den nächsten Winter in unserer Hauptstadt zubringen werden.

– Das ist noch nicht gewiß.

– Dieses Wort bringt mich in Verzweiflung. Mein Freund Karpáthi sollte so unhöflich sein und sich nicht beeilen, den Wunsch seiner liebenswürdigen Gemahlin zu erfüllen?

– Ich habe niemandem gesagt, daß ich in Pest zu wohnen wünsche.

(Diese Frau hat Geheimnisse, dachte Kecskerey; ihr Palais in Pest wird doch schon eingerichtet. Wir werden es gleich herausbringen.)

– Diesen Winter werden die Salons in Pest sehr interessant sein, wir werden dort einen sehr eleganten Zirkel bilden. Szépkiesdys, Graf Gregor mit seiner Mutter, der junge Darvay, das Idol der Liberalen, der ritterliche Csendey, der geniale Abenteurer Kis Miska und viele andere werden da sein.

Fanny spielte gleichgültig mit dem Fächer; keiner von diesen interessierte sie.

(Von allen diesen kann sie wissen, daß sie dort sein werden, darum ist sie nicht überrascht. Nennen wir jemanden, von dem wir selbst noch nicht wissen, ob er dort sein werde.)

– Ich weiß sogar auch das gewiß, daß unser gefeierter Freund, Rudolf, den Winter mit seiner schönen Gemahlin in Pest zubringen wird.

Ha! Ließ sie die Wirkung merken? Vermochte sie den stechenden Schmerz zu verbergen, den sie in diesem Augenblick fühlte? Nein, sie verriet sich nicht. Sie sagte nur: Ich glaube nicht, daß wir nach Pest gehen.

Hiermit stand sie auf. Der Tanz war zu Ende und sie promenierte, Arm in Arm mit Flora, die eben herbeigeeilt war, im Saale.

Kecskerey blieb gemütlich auf dem Diwan sitzen und dachte: Warum atmete sie so schwer, als sie sagte: »Ich glaube nicht, daß wir nach Pest gehen?«

Kecskerey ergriff die nächste Gelegenheit, sich Rudolf zu nähern, nahm dessen Arm und ging mit ihm, als wäre er sein bester Freund, im glänzenden Saal auf und ab.

Wir halten es für gut, daran zu erinnern, daß Kecskerey für eine Persönlichkeit von beachtenswertem Renommee gehalten wurde, und daß man es für schicklich hielt, mit ihm in irgendeiner Beziehung zu stehen.

Kecskerey führte Rudolf unter einen Luster, ich weiß nicht ob aus dem Grunde, daß er gesehen werde oder damit Rudolf besser sehe. Die beiden jungen Damen, die Königinnen des Balles, gingen Arm in Arm vor ihnen vorüber; wie schön waren beide! Wenn sie sich einander anlächelten, so fragte man sich unwillkürlich: Wozu braucht eine Sonne die andere zu beleuchten?

– Welche zwei Frauen! sprach Kecskerey hingerissen. Welcher von beiden würde wohl der arme Paris jetzt den Erisapfel geben? Sie gehen Arm in Arm; das ist eine wahre belle alliance! Jede allein könnte schon die Welt besiegen, wozu haben sie es nötig, sich zu verbinden. Freund, hüte dich vor diesem gefährlichen Bündnis; die Karpáthi ist eine wahre Perle!

– Meine Frau ist schöner, antwortete Rudolf mit glücklicher Zufriedenheit.

– Ich bete dich an für dieses Wort, Rudolf, du Perle der Männer. Deine Frau ist wahrhaftig ein Engel. Die Karpáthi verschwindet neben ihr. Sie ist übrigens nicht eine solche Schönheit, die einen geistreichen Mann interessieren kann; sie ist auch sehr empfindlich.

– Na, na, ich wünsche nicht, daß du sie um meiner Frau willen verleumdest, ich gebe sogar zu, daß die Karpáthi eine sehr schöne Frau ist und für manchen Geschmack kann sie das Ideal einer Schönheit sein.

– Das ist wahr; der arme Abellino hätte es sich zum Beispiel von niemandem bestreiten lassen, daß seit der Helena oder der Ninon de l'Enclos ein schöneres Weib geboren worden sei, als sie. Er war ganz vernarrt in sie, er hätte sich für sie ruiniert und wollte ihrethalben sechzigtausend Gulden ausgeben.

– Wie verstehst du das? fragte Rudolf betroffen. Kecskerey lachte gemütlich.

Ma foi, deine Frage ist naiv, Rudolf; als ob du nicht wüßtest, daß man für junge Damen etwas auszugeben pflegt.

– Aber ich weiß auch, was Abellino passiert ist, als er dem Mädchen sechshundert Gulden in die Hände schieben wollte; sie sind ihm in einer Weise zurückgestellt worden, die zwischen Brüdern so viel wert ist, wie eine Ohrfeige. Ich erinnere mich noch sehr wohl daran, denn es ist ein Duell daraus entstanden, wobei ich der Sekundant von Abellinos Gegner war.

– Ja, das ist wahr. Es kommt oft vor, daß man dem Gegner lumpige sechshundert Gulden ins Gesicht wirft, was man aber mit sechzigtausend Gulden nicht thut. Ich sage das nicht, um der Karpáthi etwa schaden zu wollen; denn es ist zwischen ihr und Abellino zu nichts gekommen. Zwar hatte sie seinen Antrag schon angenommen und ihrer Mutter, der braven Frau Mayer versprochen, Abellinos Worten, nämlich seinen sechzigtausend Gulden, günstiges Gehör zu verleihen; da gab es ein glücklicher Zufall dem alten Jankó ein, ihre Hand zu begehren und das Mädchen wußte zwischen beiden Anträgen den vorteilhaftern zu wählen. Aber nicht um die Welt möchte ich hiermit etwas Böses gesagt haben; sie ist eine Dame von tadellosem Ruf, aber ich sehe nicht ein, warum nicht einer oder der andere sein Glück probieren sollte.

Jetzt kamen mehrere Bekannte zu Rudolf, wegen welcher er sich von Kecskerey losmachte. Aber von diesem Augenblick an bemächtigte sich seiner eine gewisse Unruhe und so oft er seiner Frau begegnete, die mit der Karpáthi konversierte, überkam ihn ein unangenehmes Gefühl und immer dachte er: Diese Frau wäre für sechzigtausend Gulden käuflich gewesen.

Und dann dachte er, daß Kecskerey heute Abend diese schöne Geschichte noch wenigstens fünfzig anderen erzählen werde; binnen einer Stunde wird es die ganze Gesellschaft wissen und dann wird man seine Frau mit diesem Weibe vertraulich promenieren sehen.

Was kümmerte ihn die Karpáthi; seinethalben hätte sie noch einmal so schön sein können! aber er besorgte, daß sie auf seine Frau, auf seine geliebte, angebetete Frau einen Schatten werfen werde und dieser Gedanke machte ihn unruhig.

Warum hat er nur zugegeben, daß sie mit diesem Weibe Bekanntschaft mache! Freilich war Flora so gutherzig, daß sie aus Barmherzigkeit dieses Weib zu sich erheben wollte, ohne zu bedenken, daß sie sich durch die Erinnerungen, welche sich an Fannys Vergangenheit knüpften, beflecken könnte.

Er wußte zwar, daß Kecskerey gewohnt war, die Menschen zu verleumden, aber er wußte auch, daß an diesen Verleumdungen immer etwas Wahres sei.

Er konnte das Ende des Balles kaum erwarten und eilte dann seine Frau aufzusuchen. Die Diener sagten ihm, sie habe sich schon in ihr Schlafzimmer begeben. Er klopfte an und sie ließ ihn ein.

Flora war noch angekleidet und das Kammermädchen war eben damit beschäftigt, ihr die Haare aufzulösen.

– Darf ich auf ein Wort hineinkommen? fragte Rudolf scherzhaft, auf der Schwelle stehen bleibend.

Das liebenswürdigste Lächeln versicherte ihn der Erlaubnis. Das Kammermädchen war eben mit dem Auflösen des knappen Kleiderleibs beschäftigt.

– Könnte ich dieses Geschäft nicht auch verrichten? fragte Rudolf.

Flora lächelte und winkte dem Kammermädchen, daß sie sich entferne.

Wie hätte es Rudolf bei der angenehmen Beschäftigung, die er jetzt erhielt, nicht einfallen sollen, diesen schlanken Leib mit seinen Armen zu umfassen und wie hatte er dann dem Verlangen widerstehen können, auf ihr rosiges Gesicht einen glühenden Kuß zu drücken?

– Ah, halt, sagte Flora plötzlich, sich seinen Armen entwindend, weißt du, daß ich auf dich böse bin?

Es war jedenfalls liebenswürdig von ihr, daß sie sich erst von ihm küssen ließ und sich erst dann erinnerte, daß sie böse sei.

– Darf ich wissen, was ich verbrochen habe?

– Du warst heute sehr unhöflich gegen mich: den ganzen Abend hast du mich nicht gewürdigt, mit mir ein Wort zu sprechen; ich bin immer dorthin gegangen, wo Rudolf stand, ich bin wohl zehnmal vor ihm vorübergegangen, wer mich aber nicht einmal ansah, das war Rudolf.

Rudolf gelang es indes, das kleine drohende Händchen zu erfassen, das er erst an seine Lippen und dann an seine Brust drückte; hierauf nötigte er das liebenswürdige Weib, sich neben ihm niederzusetzen.

– Weißt du, daß ich genötigt war, auf dich sehr viele Witze zu machen?

– Ich kann mir vorstellen, daß sie alle recht treffend waren. Darf ich einige davon hören?

– Ich sagte: seit Rudolf Obergespan geworden ist, will er auch vor seiner Frau sein Ansehen bewahren. Aber das wird er dennoch nicht erreichen, nein, nein! wir werden ihm schon zeigen, daß wir uns vor ihm nicht ein bißchen fürchten, daß wir ihn gerade so nehmen, wie früher.

Hiermit warf sie sich ihm mit staunenswerter Kühnheit an die Brust, umfaßte ihn mit ihren runden Armen, küßte ihn unzähligemal die Wangen, die Lippen, die Augen und zeigte, daß er sich vergebens ein Ansehen geben will, daß sie sich nicht ein bißchen vor ihm fürchtet. Nein, nein, nicht ein bißchen und jedes Nein besiegelte sie mit einem neuen Kuß.

Rudolf vergaß völlig, weshalb er gekommen sei und seinethalben hätte sie gar nicht aufhören mögen, ihm ihre liebenswürdigen Vorwürfe zu machen.

– Doch ohne Scherz, Rudolf, sagte Flora, indem sie sich die Locken aus dem Gesicht streifte und sich bemühte, ganz ernst zu sprechen.

– Also war das nur Scherz? fragte er, sie näher zu sich ziehend.

– Du mußt mir Rede stehen, warum du heute schlechter Laune warst.

– Lassen wir das auf morgen.

– Nein, nein, du mußt mir es noch heute sagen; du siehst, daß ich böse bin und es heißt, daß man sich mit dem Zorn nicht zu Bett legen soll. Es wäre nicht schön von dir, wenn du mich nicht versöhnen möchtest.

– So laß mich denn mein Verbrechen wieder gut machen; drei Stunden war ich nicht in deiner Nähe, drei Tage will ich dir nicht von der Seite gehen; obwohl ich weiß, daß das für dich, anstatt für mich eine Strafe sein wird.

– Ach, Rudolf, mache keine schlechten Witze und das war einer. Aber auch ein guter Witz würde dir nichts nützen, du mußt mir schlechterdings dein heutiges Benehmen erklären. Warum warst du schlechter Laune?

– In der Empfangsrede ist etwas vorgekommen, das mich unangenehm berührte.

– Ach, das geht nicht Freund, mich betrügst du nicht; du willst lügen? Mit diesem aufrichtigen Gesicht willst du lügen? und vor mir, die ich dir in der Seele lese? das geht nicht, sage mir die Wahrheit.

Rudolf wurde ernst und begann nachzudenken, aber dann antwortete er dennoch nur: Sprechen wir davon heute nicht mehr.

– Warum nicht?

– Es könnte zu lange dauern.

– Ach, Rudolf ist schläfrig! der arme Rudolf fürchtet sich, die Rede werde zu lange dauern. Na, gute Nacht, lieber Rudolf. Wenn du schlafen gehst, so schicke mir mein Kammermädchen herein.

– Rudolf stand auf, verbeugte sich und that im Ernst so, als ob er gehen wollte.

Dann war natürlich an der Frau die Reihe, nachgiebig zu werden.

– So bleibe doch, ich habe ja nur gescherzt, sagte sie mit schmeichelndem Ton und stellte sich ihm in den Weg. Siehst du, du bist auch jetzt noch zu böser Laune geneigt, man kann mit dir nicht einmal scherzen.

– Du hast mich vielmehr deshalb fortschicken wollen, weil ich dir zu wenig ernst war.

– Sei es so; sei du ernst und ich werde heiter sein; aber nicht umgekehrt, antworte mir nicht schelmisch, wenn ich dich etwas fragen werde. Komm her, wir wollen ein Rätselspiel beginnen. Wetten wir, daß ich errate, was dir fehlt.

– Nun gut, Wir wollen sehen, sagte Rudolf, sich zurecht setzend und legte seinen Kopf in Floras Schoß.

– Du hast eine Plauscherei gehört.

– So was.

– Über wen?

– O, wenn ich dir das sage, so hast du weiter nichts zu erraten. Errate es.

– Über mich?

– Der müßte eine lebhafte Phantasie haben, wer etwas ersinnen wollte, um dich zu verleumden.

Für dieses Kompliment mußte sie ihm die Stirne küssen.

– Also über wen denn?

– Du sollst dich nicht weiter quälen, ich will dir es sagen; ich bin auch bloß in der Absicht gekommen, um es dir zu sagen. Aber dann fürchtete ich, dir weh zu thun und du mußt mir bezeugen, daß ich erst nach einer strengen Inquisition mit der Sprache herausrücke. Mir gefällt es nicht, es beunruhigt mich, daß du der Karpáthi so große Freundschaft bezeugst.

Ah! Flora konnte vor Erstaunen nicht gleich antworten; sie hätte alles andere erwartet, nur das nicht. Das ist in der That überraschend. Ein anderer Mann ist auf Männer eifersüchtig, du bist der erste, der auch auf eine Frau eifersüchtig ist.

– Du weißt, daß ich dich liebe! Was ich für dich fühle, ist Vergötterung, Anbetung und ich will, daß jeder, der dich sieht, der dich kennt, dich ebenso achte, wie ich, selbst nicht im Gedanken soll man gegen dich freveln.

– Und gebe ich zum Gegenteil Anlaß?

– Du nicht, aber deine Umgebung. Diese Karpáthi ist eine Frau von sehr zweifelhaftem Ruf.

– Rudolf, guter Rudolf, warum beleidigst du diese arme Frau? Wenn du sie kenntest, so würdest du sagen, daß es in der ganzen Welt kein bemitleidenswerteres Weib giebt, als sie.

– Ich weiß es, und du hast ihr aus Mitleid dein Herz geschenkt. Vor dir selbst gereicht das deinem Herzen nur zur Ehre, aber nicht vor der Welt. Man hält sie für ein sehr leichtsinniges Weib.

– Die Welt ist ungerecht.

– Vielleicht nicht ganz. In der Vergangenheit dieser Frau ist vieles, wodurch das Urteil gerechtfertigt wird.

– Aber in ihrer Gegenwart ist noch mehr, wodurch es widerlegt wird. Sie besitzt einen achtungswerten Charakter.

Rudolf streichelte seiner Gemahlin freundlich den Kopf.

– Liebe Flora, du bist ein Kind, du verstehst vieles nicht und wirst es nicht verstehn. Es giebt in der Welt Gedanken, häßliche, außerordentliche Gedanken, welche deine reine Seele niemals begreifen kann.

– O halte mich nicht für so einfältig. Ich weiß alles; ich weiß, daß Fannys Schwestern schlechte, charakterlose Frauenzimmer sind, und daß sie selbst vor einem gleichen Verderben nur von ihren edleren Verwandten gerettet worden ist. Ich weiß, daß das alles einen Schatten auf sie wirft, aber ich weiß auch, daß, so lange ich ihre Hand in der meinen halte, niemand es wagen wird, sie zu verurteilen. Und das macht mich stolz, selbstzufrieden.

– Und wenn man dich mit ihr vermengt?

– Das verstehe ich nicht.

– Wenn man von dir dasselbe sagt, was man von ihr sagt, daß du ein leichtsinniges, schwaches Weib bist?

– Ohne Grund?

– Nicht ohne Grund. Sie lebt in der Umgebung eines Schwarmes von seelenlosen Menschen, welche dem Ruf einer Dame gewiß nichts nützen. Und du kommst durch die Karpáthi mit denselben Leuten täglich in Berührung.

– Es ist mir, als ob ich Fräulein Marion sprechen hörte.

– Es ist aber mein eigener Gedanke; du wirst deiner Freundschaft mit der Karpáthi zu verdanken haben, daß man auch dich für ein leichtsinniges, schwaches Weib halten wird.

– Mich? Mich für ein leichtsinniges, schwaches Weib? wiederholte Flora mit sichtlich verletztem Selbstgefühl und zuckte hierauf die Achseln. Meinetwegen; lieber soll die ganze Welt gegen mich, als ich gegen einen Menschen ungerecht sein. Was kümmert mich übrigens die Welt! Du bist meine ganze Welt. Meinethalben möge mich alles wegen der Karpáthi für leichtsinnig halten, wenn du mich nur nicht dafür hältst.

– Und wenn auch ich dich dafür halten würde?

Flora erhob sich befremdet von Rudolfs Seite.

– Du Rudolf? Du könntest mich für leichtsinnig halten? Bedenke, was du gesagt hast; meinst du es im Ernst?

– Im Ernst.

Flora bedachte sich einen Augenblick, dann sagte sie entschlossen: Gut, Rudolf. Ich will dir beweisen, daß ich weder leichtsinnig noch schwach bin, nicht einmal dir gegenüber.

Hiermit schritt sie zur Glockenschnur und riß dreimal heftig daran.

Das Kammermädchen kam herein.

– Netti, Sie werden heute bei mir bleiben.

Rudolf blickte erstaunt auf seine Gattin.

– Heißt das Verbannung?

– Ja.

– Wird sie lange dauern?

– So lange, bis du dein Wort zurücknimmst.

Rudolf küßte ihr lächelnd die Hand und entfernte sich.

Er hörte, wie das Schlafzimmer seiner Frau von innen verschlossen wurde und verwünschte die ganze Karpáthische Sippschaft, welcher er den schlechten Spaß zu verdanken hatte.

Er legte sich unmutig zu Bett und konnte lange nicht einschlafen. Die Liebe flüsterte ihm öfter ein, er möge zurückkehren und sie um Vergebung bitten; aber das männliche Selbstgefühl hielt ihn zurück. Er durfte sich nicht so schnell ergeben. Er muß beweisen, daß er, wenn seine Frau Kraft zu entsagen hat, dieselbe Kraft nicht minder besitzt. Morgen wird sie gewiß die erste sein, welche nachgiebt.

Solche Vorfälle kommen im Leben der liebevollsten, gemütlichsten Eheleute vor, aber sie werden dadurch nicht klüger.

Mit seinem energischen Vorsatz schlief Rudolf ein und hatte noch den Ärger, daß er im Traum immer der Frau von Karpáthi begegnete, er sprach, promenierte und tanzte mit ihr im Traum! – Wie ärgerte er sich, als er erwachte.

Wer weiß aber, ob es nicht die irrende Seele der schwärmerischen Frau war, die ihn aufsuchte, um ihn im Traum zu umschweben und ihm zu sagen: du hassest und verachtest mich, ich aber liebe dich schon so lange und so sehr!

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