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Ein ungarischer Nabob

Maurus Jókai: Ein ungarischer Nabob - Kapitel 23
Quellenangabe
pfad/jokai/nabob/nabob.html
typefiction
authorMaurus Jókai
titleEin ungarischer Nabob
publisherPhilipp Reclam jun
translatorAdolf Dux
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20111014
modified20170818
projectida3817006
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2.
Qualen

Fanny war nach diesem Vorfall lange krank, man bezweifelte schon ihr Aufkommen. Die besten Ärzte aus Nah und Fern ließ Karpáthi kommen, sie bemühten sich, sie zu heilen, aber niemand konnte ihre Krankheit erraten. Es ist doch jammerschade, daß die Medizin die Herzen nicht heilen kann.

Sie war lange bewußtlos, sprach unverständlich, wie Kranke, deren erhitztes Gehirn von Traumbildern erfüllt ist. Wer wird auf solche Reden achten? Ein solcher Kranker sieht überall Schreckbilder, Bekannte erkennt er nicht, er hat einen ganz andern Charakter, der Starkherzige wird furchtsam, der Schüchterne spricht Schreckliches; wer wird solche Worte aufzeichnen?

»Geh fort von mir, laß mich zu Grunde gehn.«

Wer soll wissen, was das bedeutet?

»Ich sitze auf dem Pferd des Todes, komme mir nicht zu nahe.«

Was soll das bedeuten?

»Wenn du nicht glücklich wärest, so wäre ich nicht unglücklich.«

Eine weiche, glatte Hand streichelt ihr die glühende Stirne. Es ist Flora, die an ihrem Krankenbett wacht. Nacht für Nacht versagt sie sich den Schlaf und bleibt da trotz der Warnungen des Fräuleins Marion, welche behauptet, daß Fanny die Blattern habe.

Wie gut wäre es, wenn die arme Frau an keinem andern Übel litte.

Endlich siegt die Natur. Ihre jugendliche Konstitution besiegte den Tod. Als sie zum erstenmal mit klarem Bewußtsein ausblickte, sah sie zwei gelobte Wesen neben sich sitzen, Flora und Therese.

Wozu nichts sie hatte bewegen können, nämlich die Frau von Karpáthi zu besuchen, dazu bewog Therese die Nachricht von der Krankheit derselben. Sie kam eben an dem Tage an, an welchem Fannys Zustand sich zu bessern anfing und sie löste jetzt Flora in der Pflege der Kranken ab. Indes wollte diese sich nicht eher entfernen, als bis sie ihre Freundin außer Gefahr wußte und nahm sich vor, noch einige Tage da zu bleiben.

Fanny war zum Leben, zum Bewußtsein zurückgekehrt, sie sprach nicht mehr unverständliche Dinge, sie beruhigte sich und wurde gesund – wie die Ärzte sagten.

Wer weiß, was eine größere Qual sei? Die Gedanken, die in einem glühenden Gehirn toben, oder die, welche der Stille, Schweigsame in die Tiefe seines Herzens verschließt? Leidet jener mehr, welcher tobt und rast, den man binden muß, der die Zähne fletscht und in schwerem Kampf Blut schwitzt, oder derjenige, welcher schweigt und lächelt und den Gedanken mit sich herumträgt, der ihn wahnsinnig machen könnte?

Jetzt konnte sie ruhig über ihr Leben nachdenken.

Was war sie ehedem, was ist jetzt aus ihr geworden und was wird noch mit ihr geschehen?

Sie ist der Sprößling einer unglücklichen Familie, die sich ihres Rufes schämen muß, deren Mitglieder bereit waren, einander zu verleugnen, sich zu verlaufen, die gern wieder jung werden möchten, um ihre Jugend besser zu verwerten.

Fromme Hände haben das Schicksal dieser Familie von ihr gewendet, sie behütet und beschützt gegen jede Gefahr, ihr Frieden und einen Zufluchtsort verschafft, wo sie hatte leben können, wie ein Waldvogel im verborgenen Nest.

Diesen Zufluchtsort hat sie verlassen, um einem Traumbild nachzujagen in einer Welt, die für sie so viel Abschreckendes hatte.

Sie hat ein weibliches Herz gesucht, das sie verstehe und einen Mann, der ihr Ideal war.

Und sie fand beide.

Die edelherzige Freundin, die gegen sie besser und freundlicher war, als sie zu hoffen wagte und den angebeteten Jüngling, von dem die Welt mehr Gutes erzählte, als selbst sie sich vorgestellt hatte. Und gerade diese Frau und dieser Mann waren die glücklichsten Eheleute.

Was soll nun aus ihr werden?

Soll sie die stumme Zeugin dieses Glückes sein? Soll sie täglich das glückliche Gesicht dieser Freundin sehen, von ihr die süßen Geheimnisse hören, die sich Frauen in traulichen Stunden anzuvertrauen pflegen? Soll sie den Namen des Gepriesenen hören, das Gesicht des Jünglings sehen, den sie nicht anbeten darf und nicht wagen von ihm zu sprechen, damit die Glut ihres Gesichtes, das Beben ihrer Stimme nicht verrate, was niemand erfahren darf?

Oder sie muß eine Verräterin werden gegen diejenige, die voll Liebe zu ihr war, die ihr die Hand gereicht hat, um sie zu leiten und zu stützen, sie muß ihr als Hausdieb ihr häusliches Glück stehlen, gegen sie Pläne schmieden und schlechter werden, als ihre Schwestern und alle, welche diesen gleichen, denn sie haschen ja nur nach fremdem Geld und nicht nach fremdem Glück.

Und wollte sie das nicht, was würde sie erreichen? Wenn sie das Verbrechen auch schon begehen wollte, das ihre Leidenschaft verlangte, würde sie etwas anderes ernten, als Verachtung? Kann sie sich in was immer für einer Beziehung mit dem Weibe vergleichen, das an der Seite des angebeteten Mannes das größte Glück kennen gelernt hat? Wenn sie dieses Weib betrügen, um ihr Glück bestehlen wollte, wäre das nicht ein tollkühnes Wagnis, da jene so schön, so gut, so klug ist? Nur auf die Launen des menschlichen Herzens könnte sie eine Hoffnung gründen, wenn sie glauben könnte, daß Rudolf auch nicht anders sei, als die andern flatterhaften Männer, daß er das reizendste, liebenswürdigste Weib wegen einer andern, die nicht den hundertsten Teil von den Reizen derselben besitzt, aus keinem andern Grunde, als um der Abwechselung willen hintergehen könnte; dann könnte sie vielleicht Liebe hoffen, aber welche Liebe! Müßte sie dieselbe nicht selbst verachten?

Das ist zum Verzweifeln, zum Verzweifeln!

Dabei mußte sie noch die beiden Frauen an ihrem Krankenbette voll so zärtlicher Teilnahme sitzen sehen und denken, daß sie diese Teilnahme gar nicht verdiene. Wie würden sie ihre Hände zurückziehen, wenn sie wüßten, welche verbrecherische Gedanken sie jetzt hegt.

Wie glücklich wäre sie jetzt, wenn diese Leidenschaft niemals in ihr entstanden wäre, wenn sie ihre Seele nimmer den unerfüllbaren Wünschen erschlossen hätte; sie würde jetzt in ihrer stillen Landwohnung sitzen und sich um nichts als um ihre Blumen kümmern.

Das alles ist aus, für immer aus!

Sie kann weder vorwärts noch zurückgehen.

Sie muß nur leben, leben, einen Tag nach dem andern, und so oft ein neuer anbricht, muß sie seufzen, wieder ein Tag!...

Und ihr Mann, der gute Alte?

Karpáthi fühlte erst jetzt, wie sehr er dieses Weib liebe. Wenn sie jetzt stürbe, so könnte er sie vielleicht nicht überleben.

Jede Stunde mußte man ihn über ihr Befinden in Kenntnis setzen und so lange ihr Aufkommen zweifelhaft war, empfing er niemanden. Zuweilen erlaubten ihm die Ärzte, seine Frau zu besuchen, dann stand er mit thränenfeuchten Augen am Bett der Schwerkranken, küßte ihre glühende, feuchte Hand und weinte wie ein Kind.

Endlich hatte sie die Gefahr überstanden. Flora nahm Abschied und band es Karpáthi ans Herz, daß er auf Fanny gut acht gebe, daß er sie nicht zu früh aufstehen lasse, vor jeder Aufregung bewahre und sie die Anordnungen der Ärzte streng beobachten lasse; lesen wird sie noch lange nicht dürfen, wenn schönes Wetter ist, so kann sie auf eine halbe Stunde ausfahren und auch dann soll sie sich warm ankleiden und mehr dergleichen, was die Frauen am besten zu wissen pflegen.

Unter vielen Segnungen entließ Karpáthi die liebenswürdige Nachbarin und nahm ihr das Versprechen ab, je früher je lieber wieder zu kommen.

– Die Reihe mich zu besuchen ist jetzt an euch beiden, nach einem Monat wird Fanny wohl schon imstande sein ihr Versprechen einzulösen und mir bei den Festvorbereitungen zu der Installation meines Mannes als Obergespan helfen. Übrigens weiß sie gar nicht, daß ich jetzt abreise, ich wollte sie durch den Abschied nicht aufregen; es wird gut sein, wenn Sie sie von meiner Abreise in Kenntnis setzen.

Karáthi versprach ihr alles und nachdem er Therese gefragt hatte, ob Fanny wach sei und ob er ihr nicht lästig fallen werde, ging er leise auf den Fußspitzen hinein, trat zu ihrem Bett, streichelte ihr den Kopf, erfaßte ihre Hand und fragte sie, wie sie sich befinde.

– Sehr gut, antwortete die Kranke und bemühte sich zu lächeln.

Dies gelang ihr schlecht, aber schon das Bestreben that Karpáthi wohl.

– Frau von Szentirmay grüßt dich, sie ist soeben abgereist.

Fanny sagte kein Wort. Sie fuhr sich nur mit der Hand über die Stirne, als wollte sie den Gedanken verscheuchen, der jetzt darin entstanden war. Karpáthi dachte, seine Hand werde vielleicht kühler sein, als die ihrige und fuhr ihr damit über die Stirne. Fanny ergriff seine Hand mit ihren beiden Händen und küßte sie.

Karpáthi fühlte sich in diesem Augenblick so glücklich!

Er wandte sich ab, um seine Thränen zu verbergen.

Fanny glaubte, er wolle sich von ihr entfernen und zog ihn noch näher zu sich.

– Geh nicht weg von nur, bleibe da, plaudern wir ein wenig.

O, das war eine größere Freude als er zu hoffen gewagt hatte. Sein Weib wünscht, daß er bei ihr bleibe und mit ihr plaudere! Diese Engelsgüte!

– Sieh, ich habe mich schon ganz erholt. Ich werde bald aufstehen können. Wirst du nur nicht zürnen, wenn ich etwas von dir verlange?

– O tausend Bitten will ich dir erfüllen, nicht eine! rief Karpáthi aus, sich freuend, daß sie endlich etwas von ihm verlangen werde!

– Ach die Kranken haben doch nichts anderes zu thun, als ihren Pflegern lästig zu sein.

– Verlange was du willst, sei versichert, daß mir nichts eine größere Freude machen kann, als dir Freude zu verschaffen.

– Nicht wahr, dein neues Palais in Pest ist schon fertig geworden?

– Willst du vielleicht dort wohnen? beeilte sich Karpáthi, ihren Gedanken weiter auszuführen, jeden Augenblick kannst du es beziehen und wenn es dir nicht gefällt und du ein schöneres verlangst, so lasse ich dir gleich ein anderes bauen.

– Ich danke, ich werde damit zufrieden sein. Sieh, ich habe nur gedacht, welches neue Leben wir dort beginnen können.

– Ja, wir werden heitere Gesellschaften laden, glänzende Soireen – –

– Das meine ich nicht, ich denke jetzt an ernste, wohlthätige Zwecke. Wir haben so viele Pflichten, deren Erfüllung die Menschheit, die öffentlichen Angelegenheiten, die Leidenden von uns erwarten!

Arme Frau, wie bemüht sie sich, sich vor der Glut ihres Herzens in höhere Ideen zu flüchten.

– Wie du wünschest. Mögest du deine Freude im Trocknen der Thränen finden. Sei glücklich durch die Segnungen, mit welchen die Dankbaren dich überhäufen werden.

– Versprichst du mir es also?

– Ich bin glücklich, wenn ich dir einen Wunsch erfüllen kann.

– Sei nicht so nachgiebig, denn sonst wirst du mich zu anspruchsvoll machen.

– Sprich, sprich! hätten deine Wünsche nur kein Ende. Glaube mir, daß ich nur dann unglücklich bin, wenn ich sehe, daß du dich über nichts freust; wenn du traurig bist, wenn du nach nichts Verlangen hast, dann bin ich sehr unglücklich.

– Künftigen Sommer möchte ich ins Bad reisen.

– Wohin? Befiehl und wir gehen hin, wo es dir am besten gefallen wird.

Fanny dachte nach. Wohin immer! Nur weit, weit von hier! Fort aus der Nähe der Szentirmays, um niemals wieder zurückzukehren.

– Mehadia, denke ich, wird für mich nm besten sein, (Sie dachte sich, das sei schon das allerfernste Bad.)

– Heute noch schreibe ich hin, um dir dort die schönste Wohnung zu mieten; dieser Badeort ist wirklich sehr angenehm.

– Dann bitte ich noch um etwas.

Karpáthi konnte sich vor Entzücken kaum halten.

– Ich bitte, daß du überall mit mir bist und mich niemals verlassest.

Das war mehr als ein menschliches Herz ertragen kann. Der närrische Alte fiel auf die Knie neben dem Bett seiner Frau und bedeckte ihre Hand mit Küssen und mit Thränen.

– Wodurch habe ich diese Freude, diese Güte verdient?

Sie lächelte traurig und ließ lange, lange seine Hand nicht los. Den halben Tag verbrachte Karpáthi an ihrem Bett mit freundlichem Plaudern, hörte ihre kleinen Wünsche und war glücklich, daß er ihr die Arznei reichen konnte.

Was ist das? fragte sich Therese, welche diese Scene mit Aufmerksamkeit beobachtete; und sie begann die Ursache zu ahnen.

Nach einigen Tagen wurde es Fanny schon erlaubt, das Bett zu verlassen und sie promenierte auf den Arm ihres Mannes gestützt im Zimmer. Den ganzen Tag verbrachte sie in seiner Nähe; als sie schon lesen und sticken durfte, nahm sie ihr Buch oder den Rahmen in sein Zimmer, wenn sie Klavier spielte, so rief sie ihn zu sich. Sie sehnte sich nach seiner Gesellschaft und wenn sie ausfuhr, so fuhr sie nur mit ihrem Manne. Dem Diener gab sie Auftrag, den Besuchern zu sagen, sie könne noch niemanden empfangen; aber während dessen saß sie bei ihrem alten Manne und zwang sich, ihn glücklich zu machen, ihm Freude zu bereiten. Was ist das? Nichts anderes, als Liebe heucheln, lieben aus Pflicht.

Selbst mit Theresen beschäftigte sie sich wenig. Die gute Tante nahm bald Abschied und Fanny trennte sich von ihr ohne Thränen, ohne Klage. Aber Therese blickte ihr in die Seele. Als sie ihr die stummen Lippen geküßt hatte und sich auf den Wagen setzte, seufzte sie unwillkürlich: Armes Mädchen!

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