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Ein ungarischer Nabob

Maurus Jókai: Ein ungarischer Nabob - Kapitel 22
Quellenangabe
pfad/jokai/nabob/nabob.html
typefiction
authorMaurus Jókai
titleEin ungarischer Nabob
publisherPhilipp Reclam jun
translatorAdolf Dux
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20111014
modified20170818
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Vierter Teil.

1.
Die Jagd

Frühmorgens am andern Tage weckten Jagdhörner die Gäste; viele, die mit dem Gedanken an die Jagd eingeschlafen waren, sprangen, sobald sie die süßen Klänge hörten, schnell aus den Betten, andere, die noch gern ein halbes Stündchen geschlafen hätten, waren von dem noch stets wachsenden Lärm genötigt, den Schlaf von den schweren Augenlidern zu schütteln; im Flur hört man Leute kommen und gehen, bekannte Stimmen schreien, im Hof bellen die Hunde, wiehern die Pferde und das Knallen der Peitschen vermehrt den Lärm. Wer möchte von Jägern Diskretion erwarten? Der feinste Salonmensch legt, wenn er auf die Jagd geht, andere Kleider an und dann glaubt er, ein anderer Mensch zu sein, fester auftreten und lauter schreien zu müssen als sonst. Das war noch nicht genug; wenn jemand seine Thüre noch nicht geöffnet hatte, so weckte man ihn mit Gesang auf und damit nicht etwa dennoch ein Schläfer zurückbleibe, wurden im Hofe einige Gewehre abgefeuert.

Die Leidenschaft der Jagd ist übrigens ansteckend und kaum giebt es einen Menschen, der eine Antipathie dagegen hätte.

Kaum war der Morgen angebrochen, so kamen die Gäste angekleidet auf den Flur, um sich zu zeigen und nach dem Wetter zu sehen. Die originellen Käuze mit weit wallenden Handärmeln, Reiherfedern auf der Mütze und in engen ungarischen Westen mit zahlreichen kleinen, silbernen Knöpfen; in engen Dolmánys und elegante Jägerhüte auf dem Kopfe, die eleganten jungen Herren; nur der spaßige Graf Gregor hatte einen roten Frack mit kurzen Schösen an und bat alle, den Hunden zu erklären, er sei kein Fuchs.

Die meisten Damen hatten Jagdkleider an; schön schmiegte sich die Amazonentracht an ihre schlanken Leiber und die langen Röcke hielten sie mit den Händen erhoben, damit ihnen die bespornten Ritter nicht darauf treten.

Und wer wäre jetzt schöner gewesen, als unsere beiden Heldinnen? Flora wollte schön sein, sehr schön, denn sie erwartete ihren Rudolf; ihre schöne Büste umhüllte ein ins Grüne spielendes rottaffetnes Leibchen, das vorn offen mit Spitzen garniert war; der Rock von gleicher Farbe war jetzt mit einer smaragdenen Spange heraufgehalten und ließ den Saum eines weißen Unterrockes sehen; ihre Taille, die mit den Händen umspannt werden konnte, war von einem golddurchwirkten Shawl umschlungen, dessen Enden vorn in den Schoß hinabfielen; auf dem Kopf trug sie einen silberweißen runden Hut mit runder Marabutfeder; die Spitzengarnitur des Leibchens war mit drei Rubinknöpfen zusammengehalten.

Fanny war einfach gekleidet. Ihr Rock und Leibchen waren aus schwarzer morierter Seide; das Leibchen war bis an den Hals geschlossen und dieser von einem Spitzenkragen, darüber mit einem Band umgeben, das vorn mit einer Diamamtenschnalle zusammengehalten wurde; ihren Kopf bedeckte ein glänzender schwarzer Hut, unter welchem ihre langen schwarzen Locken hervorquollen, halb bedeckt von dem niederwallenden Schleier.

Wie viel neue Reize verleiht ein solches ritterliches Kostüm den Damen.

Jetzt wurde die Glocke geläutet, welche die Gäste zum Frühstück rief. Niemand zauderte bei dem Jägerfrühstück zuzugreifen, waren sie doch heute alle Jäger; selbst die Damen konnten ihren Bewunderern den Genuß nicht versagen, ihnen zu zeigen, wie sie ihre Rosenlippen mit einigen Tropfen Rostopschin oder dreißigjährigen Zwetschengeistes benetzten. Heute ist alles erlaubt, heute heißt es starkherzig sein. Jeder hat heute seinen Ton geändert; selbst die ältern Damen begleiten die Jäger in Wagen und sogar auch die Frau Obergespanin bleibt nicht zurück, obwohl sie gut weiß, daß sie heute noch oft in Ohnmacht fallen wird; wenn nur jemand vom Pferd stürzte, damit sie zeigen könne, wie schön sie in Ohnmacht fällt.

Indes stürzte niemand vom Pferde.

Es war ein schöner Sommermorgen, als der prächtige Zug vom Kastell aufbrach; voran die Damen, die schönen, schlanken Amazonen auf stolzen Pferden, umschwärmt von mutigen jungen Männern, die ihre Pferde sich bäumen ließen; hinter diesen die originellen Käuze auf kräftigen Bauernpferden; endlich die ältern Damen und Herren zu Wagen. Herr von Karpáthi selbst saß heute zu Pferde und zeigte, daß er nicht der letzte im Reiten sei und so oft er auf seine Gemahlin blickte, verjüngte er sich; sein Gesicht strahlte bei dem Gedanken, daß dieses schöne Weib seine Gemahlin sei.

Der närrische Graf Gregor imitierte indes allerlei ungeschickte Reiter, natürlich war er einer der geübtesten. Er produzierte den Ladendiener, der am Sonntag im Prater reitet, mit weit auseinander gespreizten Beinen und dem Ausdruck der Angst, wenn er über ein Stückchen Holz setzen soll; den deutschen Bauer, wie er sich im Sattel hin- und herwirft und die Knie heraufzieht; den Lord, wie er sich an den Hals des Pferdes klammert, wenn es sich bäumt; endlich den jüdischen Roßhändler, mit dem das probierte Pferd fortrennt mitten in die Roßherde. Da erregte Gregor allgemeines Gelächter, denn er ritt mitten unter die originellen Käuze und stieß den Horhi Miska beinahe vom Pferde.

Drei Preise waren auf die besten Windhunde ausgesetzt. Der erste war die von Fanny gestickte Satteldecke, der zweite ein goldener und der dritte ein silberner Becher.

Die Hunde werden zu zweien an der Leine geführt, die Lieblingshunde befinden sich im Wagen, damit sie nicht etwa von einem Pferde gestoßen werden.

Während die Gesellschaft durch die lange Pappelallee zieht, bemerkt sie einen Reiter, der ihr durch dieselbe entgegenkommt.

Schon von weitem erkennt man ihn an seiner Art zu reiten und wie ein Lauffeuer verbreitet es sich in der ganzen Gesellschaft: endlich ist er doch gekommen! – Wer ist gekommen? Nun, wer anders als der kühnste Reiter, der kühnste Courmacher, der kommt, sieht und siegt! – Kis Miska! Der Pfingstkönig!

Binnen einem Augenblick ist er bei der Gesellschaft und beeilt sich, sich bei den Damen wegen seines späten Kommens zu entschuldigen; durch leichte Anspielungen läßt er vermuten, daß ihn ernste Angelegenheiten zurückgehalten haben, wahrscheinlich ein Duell; dann entschuldigt er sich bei den Männern und läßt durchblicken, daß ihn zarte Angelegenheiten zurückgehalten haben, wahrscheinlich ein Stelldichein.

Seit wir ihn nicht gesehen, haben sich seine Züge beträchtlich gerundet, wie bei einem Menschen, dem nie etwas weh thut, weder am Körper noch an der Seele.

Nachdem er alle Hunde beim Namen gerufen und alle Mitglieder der Gesellschaft, hier die Hand küssend, dort eine Hand drückend, begrüßt hat, nähert er sich den beiden nebeneinander reitenden Damen und mit besonderer Geschicklichkeit gelingt es ihm von der Seite der Frau von Karpáthi alle Reiter wegzudrängen, um neben ihr zu reiten; ohne Zaudern nennt er sie eine Göttin, einen Engel. Zu seinem Unglück mißversteht ihn Fanny gewöhnlich, hält alles, was er spricht, für kapitale Narrheiten und lacht, mehr als seine Reden es verdienen.

– Herr von Karpáthi, Herr von Karpáthi ruft Fräulein Marion mit spitzer Stimme dem in der Nähe ihres Wagens Reitenden zu, ich möchte mir keinen Hausfreund halten, der im Ruf der Unwiderstehlichkeit ist.

– Ich bin nicht eifersüchtig, gnädiges Fräulein. Dieses Rad fehlt aus der Maschinerie meiner Seele; wahrscheinlich hat mir es jemand entwendet.

– Dann würde ich, wenn ich wie Sie wäre, keine Parforcejagd mitmachen; ich würde mich fürchten, daß meine Hunde mich für Altäon halten.

– Habe ich Ihnen dazu Veranlassung gegeben, daß Sie sich gegen mich als eine Diana betragen?

Fräulein Marion wandte, den Mund verziehend, ihr Gesicht ab. Dieser Mensch ist so dumm, daß er gar nichts versteht, womit man ihn ärgern will.

Fanny lachte herzlich über die Reden des Pfingstkönigs. Wenn sie wüßte, daß man das den Hof machen nennt, so würde sie nicht lachen. Aber ihre neben ihr reitende Freundin konversiert ja ebenso heiter mit dem Grafen Gregor und heute will man sich ja unterhalten, da darf die gute Laune ein bißchen lauter sein als sonst.

Miska fühlt sich am wohlsten, wenn er Gelegenheit hat, von seiner Kunst zu sprechen; aufmerksam betrachtet er, wie sich Fanny auf dem Pferde hält. Das giebt ihm Gelegenheit zu bemerken, daß sie ihren Leib zu wenig vorwärts halte, der Sattel muß verschoben sein, weil das rechte Knie zu tief unten ist, nein, nein, nicht das ist die Ursache, der Bügel ist zu lang, sodaß sie ihn mit dem linken Füßchen kaum erreichen kann. Sie muß das Pferd anhalten! Es könnte ein Unfall daraus entstehen, wenn er nicht den Bügel für die gnädige Frau höher schnallt.

Fünf, sechs sprangen auf einmal von den Pferden, um ihr diesen Dienst zu leisten. Der erste war der Pfingstkönig. Errötend wandte Fanny ihr Pferd, um die dienstbereiten Geladons von dem Bügel fern zu halten.

– Es ist schon so gut, sagte sie.

In diesem Augenblick war Herr Varga an Fannys Seite und bot sich mit herzlicher Bereitwilligkeit an, ihr den Sattel etwas zu richten, wenn es notwendig sei.

Mit freundlichem Lächeln dankte sie dem alten Beamten, welcher sie der Verlegenheit entzog, sich einen der jungen Männer zu nahe kommen zu lassen; der Alte stieg vom Pferde, bat seine Herrin indes ihre Hand auf seine Schulter zu legen und schnallte den Bügelriemen höher.

– Ich danke Ihnen, lieber Freund, sagte sie mit freundlichem Ton und drückte dem Alten die Hand, während Kis Miska Lust gehabt hätte, eine Rauferei zu beginnen.

Der Alte verschwand wieder unbemerkt, in seines Nichts durchbohrendem Gefühle.

Die Gesellschaft trabte lustig weiter.

Der Zug hielt draußen vor einem Lusthause, wo später die Preise verteilt werden sollten. Die Damen und Herren, die in Wagen gekommen waren, stiegen hier ab und begaben sich auf eine hohe, turmartige Terrasse, die sich von der Mitte des Hauses erhob und von welcher aus man die ganze Ebene überschauen konnte, diese war nur hier und da von einem Fleck Waldes unterbrochen, übrigens sah man nur Schilf- und Riedgrasflächen und Ginsterbüsche, ein wahres Land der Füchse. Von der Terrasse aus konnte man das ganze Rennen gut sehen und waren da zu diesem Zweck vortreffliche Fernrohre angebracht.

Ein ganzes Heer von Windhunden war den Jägern gefolgt. Prächtig war es zu sehen, wie die klugen Tiere auf die bekannten Pfiffe ihrer Herren um diese sich gruppierten; auch die Lieblingshunde wurden jetzt von den Wagen genommen und sprangen freudig um ihre Herren, ihnen die Hände leckend.

Herr von Karpáthi wählte von den übrigen zwei schneeweisse Windhunde aus und führte sie zu seiner Gemahlin.

– Das sind die zwei schönsten und besten Tiere aus der ganzen Koppel.

– Ich kenne sie schon, der eine heißt Czizke und der andere Rajsó.

Sobald die beiden Hunde ihre Namen hörten, sprangen sie lustig neben dem Pferde in die Höhe und haschten nach der Hand der Herrin.

Herrn von Karpáthi überraschte es sehr angenehm, daß seine Gemahlin die Hunde mit Namen kannte, auch freute er sich, daß diese ihre Herrin erkannten; sie gewinnt doch alles für sich, Menschen und Hunde.

– Wo ist denn der Mattyi? fragte Fanny umherblickend.

– Diesen werde ich selbst führen.

– Wie? du willst mitrennen? Thue das nicht.

– Warum denn nicht? Hältst du mich nicht für einen guten Reiter?

– Aber thue es mir zu Liebe, nimm an dem Jagdrennen nicht teil.

– Dir zu Liebe? Gleich steige ich vom Pferde.

Flora flüsterte dem neben ihr befindlichen Grafen Gregor zu: Ich möchte wissen, wie viele von den anwesenden Männern ihren Frauen zu Liebe von der Jagd wegbleiben möchten.

Fräulein Marion flüsterte der neben ihr folgenden Gräfin Kereßthy ebenfalls etwas ins Ohr: Das junge Weibchen fürchtet für ihren Alten, sagte sie. Die Mitbesitzerin eines solchen Majorats hat Grund genug, für das Leben ihres Mannes zu fürchten; es giebt Fälle, in welchen es besser ist, eine Frau zu sein, als eine Witwe.

– Jedenfalls ist es besser, als eine alte Jungfer zu sein; antwortete die Kereßthy so grob und giftig, daß Fräulein Marion beinahe umsank vor Entsetzen.

Daß Herr von Karpáthi einem Vergnügen, auf welches er sich monatelang gefreut hatte, seiner Frau zu Liebe entsagte, bewies so viel Zärtlichkeit, daß Fanny ihm gerührt die Hand drückte.

– Nicht wahr, du zürnst mir nicht, daß ich so für dich fürchte?

Er drückte die dargebotene Hand an seine Lippen und fragte: Und soll ich nicht auch für dich fürchten?

Fanny blickte unwillkürlich auf ihre Freundin, als ob sie diese fragen wollte, ob sie nicht auch von der Jagd zurückbleiben solle.

Herr von Karpáthi verstand diesen Blick.

– Nein, nein, ich wünsche nicht, daß du zurückbleibest. Geh mit und unterhalte dich, aber gieb acht. Ihr Jungen, gebt mir auf meine Frau acht, wie auf euer Leben.

– O wir werden schon acht geben, antwortete Kis Miska, sich den Schnurrbart drehend.

– Ich werde schon acht geben auf sie, sagte Flora, auf das Ich einen großen Nachdruck legend, als sie merkte, daß Fanny nicht wußte, was sie zu thun habe.

Hörner und Peitschenknallen gaben jetzt das Signal zum Aufbruch.

Die Pferde und Hunde begannen unruhig zu springen; die Gesellschaft löst sich in drei Gruppen, die wie Kriegsheere als rechter und linker Flügel und Centrum gegen die listigen Füchse ziehen; die im Zug und auf der Terrasse Befindlichen winken einander mit Tüchern und Hüten zu wie zum Abschied, dann lösen sich die Gruppen auf, die Reiter fliegen nach allen Richtungen hin, hier und da verschwinden sie im Gebüsch, dort sieht man nur den Kopf eines Reiters aus dem Gesträuch hervorragen, jedoch überall sieht man die wallenden Schleier der beiden Heldinnen nebeneinander, aller Augen folgen nur ihnen und ergötzen sich an deren Anblick. Jetzt gelangen sie zu einem Graben. Flora setzt kühn hinüber, einen Augenblick später folgt ihr auch Fanny, ihnen nach der Graf Gregor, der Pfingstkönig und einige andere Reiter. Die auf der Terrasse applaudieren.

Nur Karpáthy ist unruhig. Er hat nirgends Ruhe zu bleiben. Er geht zu seinen Dienern hinab und sagt zu dem alten Pál: Ich habe so große Furcht, daß Fanny sich beschädige, ist das Pferd nicht scheu?

– Es ist ein frommes Tier, es wäre aber vielleicht doch besser, ihr nachzureiten.

– Du hast recht, nimm mein eigenes Pferd. Gieb acht, daß sie sich nicht zum Sumpf verirren.

Pál setzte sich sogleich auf das Pferd seines Herrn und dieser ging wieder auf die Terrasse hinauf, um zu sehen, ob der Alte sie einhole.

Mit Windeseile ritt die Gesellschaft fort. Die Hunde hatten schon einen Fuchs aufgespürt, aber sie waren noch zu fern und aus der Richtung des Schwarmes konnte man ersehen, daß das listige Tier sich bemühte den Verfolgern seine Spur zu entziehen. Der Fuchs schlüpft zwischen die Sandhügel und läßt die Reiter neben sich fortrennen, dann flieht er wieder seitwärts. Aber vergebens ist seine List, er begegnet einem neuen Feind, vergebens flieht er nach einer andern Richtung, da ist kein Entkommen, dichtes Peitschenknallen verkündet ihm von allen Seiten, daß sein Geschlecht mit gänzlicher Vernichtung bedroht sei; er springt auf den nächsten Hügel, bleibt einen Augenblick stehen, blickt umher, von welcher Seite der Feind komme und wirft sich wieder ins Riedgras.

– Dort ist der Fuchs! rufen die Verfolger, sobald sie ihn auf dem Hügel erblicken.

Im nächsten Augenblick verschwindet er wieder. Aber sie hatten ihn doch lange genug gesehen, um zu wissen, daß es ein prächtiges Tier war. Er muß schon alt sein, er wird den Hunden viel zu schaffen geben.

Ihm nach!

Die Jäger fliegen hinter den Windhunden drein, das Gesicht der beiden jungen Damen glüht von der leidenschaftlichen Freude der Jagd; Fanny erinnert sich in diesem Augenblick an ihre früheren Träumereien, sie dachte, wie schön es wäre, wenn jetzt ihr namenloses Ideal neben ihr ritte, wenn sie vom Pferde stürzte und niemand ahnte, mit welchem letzten Gedanken sie gestorben sei. Flora aber wünschte, daß Rudolf ihr plötzlich entgegenkomme.

Jetzt kam der Fuchs auf die Wiese hinaus; die Jäger sahen eine Fläche von mehreren tausend Joch vor sich, auf welcher noch die Heuhaufen standen. Hier begann das eigentliche Interesse der Jagd. Der Fuchs war ein schönes Exemplar, so hoch wie ein junger Wolf, und etwas länger; sein großer zottiger Schwanz hing ihm wie ein Besen herab; er trabte ziemlich langsam vorwärts, nicht etwa, weil er nicht schneller zu laufen vermochte, sondern um seine Kräfte zu schonen. Oft blickte er nach seinen Verfolgern zurück, denen er um etwa hundert Schritte voraus war und als diese Entfernung geringer zu werden begann, rannte er wieder so schnell, daß er ihnen weit voraus war. Aber die besten Windhunde des Herrn von Karpáthi, die beiden schneeweißen, Cziczke und Rajkó, ferner Mattyi, der große wolfgraue Hund, Kis Miskas »Schwalbe« und Graf Gregors Armida waren ihm auf der Spur, die übrigen gar nicht zu rechnen.

Der Fuchs blieb von Zeit zu Zeit stehen. Er schien sehnsüchtig sich nach dem Busch umzusehen, aus welchem er vertrieben worden war und rannte auf einen Heuhaufen los, als hoffte er sich da verbergen zu können, dann lief er wieder nach einer andern Richtung fort; man konnte aus der Ferne sehen, wie er gegen seine Feinde die Zähne bleckte, so oft er zurückschaute.

Es war schlimm für ihn, daß er auf diese Ebene hinausgedrängt wurde, wo es weder einen Schlupfwinkel noch einen Fluß gab, der ihn vor seinen Verfolgern retten konnte. Nicht weit von hier befand sich wohl eine Krümmung des Berettyóflusses, den er von seinen Krebsfängen her als ziemlich tiefes Wasser kannte. Wie gut wäre es, wenn dieser Fluß jetzt zwischen ihm und den Windhunden wäre, denn diese schwimmen nicht gern; aber bis dahin fängt man ihn und zieht ihm den Pelz ab.

Schon in der Mitte der Wiese bemerkt man, daß der Fuchs langsamer zu rennen anfängt, bald wird man ihn haben.

Von allen Seiten trieb man die Hunde mit Rufen an.

Mit angestrengtem Lauf stürzten diese dem verfolgten Tiere nach.

Die beiden weißen Hunde waren ihm am nächsten; wie der Wind fliegen sie ihm nach, ihre schlanken Hälse sind vorwärts gestreckt, jeder nähert sich auf einer andern Seite und in einigen Augenblicken haben sie ihn.

Der Fuchs steht still, zieht den Schweif zwischen die Beine und die Zähne aneinander schlagend, erwartet er die Hunde. Diese stehen still, knurren und peitschen mit ihren Schweifen die Luft. Diesen Augenblick benutzt das Tier, macht einen Seitensprung und versucht so zu entkommen.

Wieder rennen die Hunde ihm nach und jetzt ist ihm Graf Gregors Armida am nächsten.

– Bravo Armida!

Der Hund springt vorwärts, der Fuchs legt sich platt nieder und jener setzt über ihn hinweg und erst zwanzig Schritte weiter bemerkt er, daß der Fuchs zurückgeblieben.

Dieser wendet sich wieder rechts.

– Los Fecske! ruft Kis Miska. Und Fecske fängt wirklich den Fuchs, aber dieser beißt ihn so heftig in die Schnauze, daß er ihn wieder loslassen muß.

Jetzt rannte das Tier aus vollen Kräften der Berettyó zu und wieder gelang es ihm, einen Seitenausgang zu finden. Die Hunde blieben hinter ihm weit zurück.

Nun kommt der große wolfgraue Matthi in den Vordergrund, der sich bisher nicht viel angestrengt hatte. An diesem fand der Fuchs einen wohlerprobten Gegner, alle seine Ränke waren vergebens und als er sich wieder platt niederlegte, sprang Matthi nicht über ihn hinweg, sondern faßte ihn schnell, schleuderte ihn in die Luft, zerzauste ihm das Fell, wenn er wieder niederfiel und schleuderte ihn wieder empor, der Hund war seines Sieges gewiß und ließ den zerfetzten Schelm wieder ein wenig laufen; aber jetzt kamen sie einer Herde Rinder entgegen und der Fuchs rannte mitten unter das Vieh.

Die Jäger mußten hier über einen ziemlich hohen Zaun setzen und unsere beiden Heldinnen hatten wieder Gelegenheit, ihren Mut zu erproben und kamen glücklich hinüber.

In diesem Augenblicke sahen beide einen Reiter von der Landstraße her ihnen entgegenkommen, dessen Herannahen sie bisher teils wegen der Gebüsche, teils weil sie ihre Aufmerksamkeit einem andern Gegenstand zugewendet hatten, nicht bemerken konnten.

Das ist er!

Floras Gesicht wurde in diesem Augenblick noch röter, Fanny wurde leichenblaß.

Das ist er!

Beide erkennen ihn; er ist der Gemahl der einen und das angebetete Ideal der andern.

Freudig jauchzend stürzt ihm Flora entgegen.

Rudolf, Rudolf!

Verzweiflungsvoll wandte Fanny ihr Pferd und ritt zurück.

– Um des Himmels willen, ruft Rudolf, das Pferd ist mit jener Dame durchgegangen.

– Das ist Frau von Karpáthi! ruft Flora erschrocken und ritt zurück, um sie einzuholen.

Über Stock und Stein flog Fanny hin, jedermann glaubte, ihr Pferd sei scheu geworden, Flora, der alte Pál, Kis Miska, Graf Gregor reiten ihr vergebens nach, nur Rudolf holt sie ein.

Jetzt war ihr Pferd auf einen schmalen Damm gesprungen und rennt da fort, dicht daneben ist die Berettyó mit sechs Klafter tiefem Wasser. Ein Sturz und sie ist verloren. Aber Rudolf, der beste Reiter unter allen, ist schon dicht neben ihr. Zum erstenmal in seinem Leben sieht er dieses Weib, obwohl sie ihn schon in Preßburg gesehen hatte. Ihr Pferd schäumt, ihr Gesicht ist so blaß, ihr Busen wogt. Jetzt ist der geträumte Augenblick da, der Jüngling reitet neben ihr, ihr Atem berührt ihn, ihre fliegenden Locken berühren seine Wangen und sie hat nun hundertfachen Grund zu wünschen, daß sie jetzt sterben möge, denn der Angebetete ist der Mann des schönsten, edelsten Weibes, ihrer Freundin.

Rudolf ist gezwungen auf das Einfangen des wild gewordenen Pferdes zu verzichten; Fanny stürzte schwindelnd, ohnmächtig rücklings aus dem Sattel, aber Rudolf fängt sie mit kräftigem Arm schnell auf und hebt sie zu sich in den Sattel. Ihr Pferd rannte scheu davon.

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