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Ein ungarischer Nabob

Maurus Jókai: Ein ungarischer Nabob - Kapitel 21
Quellenangabe
pfad/jokai/nabob/nabob.html
typefiction
authorMaurus Jókai
titleEin ungarischer Nabob
publisherPhilipp Reclam jun
translatorAdolf Dux
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20111014
modified20170818
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7.
Das Fest

Eine Kutsche nach der andern rollte in den Hof des Karpáthfalver Schlosses, alle Arten und Gattungen der vierräderigen Gefährte standen innerhalb der Thore des Kastells; bauchige, gelbangestrichene Kutschen auf hohen Federn, deren sich der Eigentümer wahrscheinlich zur Abbüßung seiner Sünden bediente; ungeheure Batards mit doppeltem Stehbock, auf beiden Seiten mit Wappen bemalt und mit einer großen Verschwendung von Silber ausgestattet; alte abgewetzte Kasten, in welchen Pastoren mit ihren Ehehälften ankamen; Bauernwagen, die mittels einer daraufgesetzten Chaise in einen höheren Rang erhoben wurden; seltsame englische Fuhrwerke, die nur zwei Sitze haben, einen für den Kutscher und einen für den Bedienten, sodaß ein gewöhnlicher Mensch in Verlegenheit kommt, wenn er erraten soll, wo der Herr sitzt; auch Bauernwagen konnte man sehen, die mit fünf schellenklingelnden Pferden bespannt die originellen Käuze brachten, die in bunt ausgenähten Bauernmänteln ankamen; selbst ein ungeheurer Frachtwagen, mit acht Ochsen bespannt, war da, auf welchem Horhi Miska mit sechs Windhunden angekommen war, auf einem andern Wagen ließ er sich von sechs Zigeunern begleiten, die ihm während der Fahrt fortwährend aufspielen mußten.

Der chemische Prozeß der Gesellschaft selbst ist noch nicht vollendet, die männlichen Gäste sind noch von den weiblichen getrennt, die Fremden sind miteinander noch nicht bekannt geworden. Man ist in einer Gesellschaft gegen die Leute, die man nicht kennt, so ärgerlich; wie glücklich hingegen ist die Hausfrau, sie kennt schon alle ihre Gäste, deren Tugenden und Fehler, deren schwache und starke Seiten und richtet ihr Benehmen darnach ein. Den Grafen Szépkiesdy, den verehrungswürdigen Patrioten, empfängt sie mit der größten Ehrerbietung und versichert ihm, daß sie ihn schon lange als großen Redner und edelsinnigen Mann bewundere. Der Graf ärgert sich im stillen, daß ihn wieder jemand für einen großen Mann halte und daß er sich deshalb darnach benehmen muß. – Den Grafen Gregor Erdey begrüßt sie lächelnd, was dieser damit erwidert, daß er nicht nur den Hut, sondern auch die Perücke tief vor ihr abzieht, was die Schar der Gäste mit großem Gelächter aufnimmt; der närrische Junge hat sich die Haare abrasieren lassen, damit sie ihm besser wachsen und produziert jetzt seinen künstlichen Kahlkopf.

Vor dem Obergespan, Grafen Sárosdy und dessen Gemahlin macht sie, ehrfurchtsvoll schweigend eine tiefe Verbeugung, was dem Aristokraten sehr gut gefällt. Er giebt zu, daß auch die Bürgermädchen hübsche Frauen werden, wenn sie in eine adelige Familie erhoben würden; außerdem treibt Fanny ihre sämtliche Dienerschaft an, sich fortwährend nach dem Befehle der gnädigen Frau Gräfin zu erkundigen, was das Herz derselben rührt, denn sie hat an den zwei Kammermädchen, die sie mitgenommen, nicht genug. Sobald die Gräfin Kereßthy ankommt, eilt Fanny ihr mit aufrichtiger Freude entgegen und küßt derselben, bevor sie es verhindern kann, die Hand; die trügerische Dame erfaßt sie darauf mit beiden Fäusten, zieht ihre dunkeln Augenbrauen zusammen, hält die schöne kleine Hausfrau weit vor sich hin, blickt sie scharf an, als wollte sie diese mit ihren Blicken durchbohren und sagt: »Wir gefallen einander, Brüderchen, wir gefallen uns!«

Frau von Karpáthi hatte gleich in der ersten Stunde die Herzen ihrer Gäste gewonnen, die der Herren durch ihre Schönheit, die der Damen durch ihr Benehmen; nur das Gabelfrühstück fehlte noch, um ihren Sieg zu vollenden. Pracht, Geschmack und Anordnung entzückten jeden, es herrschte kein Zwang und niemand hatte Grund sich zu beklagen; Louis Karvay erhielt seinen Platz neben zwei jungen Damen, vor denen er seine französischen Hofmanieren konnte strahlen lassen. Die originellen Kauze erhielten einen besondern Tisch in einem besondern Zimmer, was sie unaussprechlich befriedigte, überhaupt beteten sie die Hausfrau dafür an, daß sie sie so wenig belästigte. Georges Málnay kam nicht zu Atem, so oft wurde er zum Essen genötigt; er schwor Stein und Bein, er werde heute nicht zu Mittag essen können, er möchte den Menschen sehen, der imstande wäre, heute noch einen Bissen zu essen und wäre es auch lauter Ambrosia; aber was immer noch auf den Tisch gebracht wurde, so sagte er doch immer: »Na, das wollen wir noch versuchen.« Nach allen Pasteten und Gebäcken, durch welche sich dieser Herr mit schwachem Magen schon hindurch gearbeitet hatte, kamen noch einige gebratene Kartoffeln für einen Landgeistlichen, der sie gern aß. »Was ist das? rief Málnay, Kartoffeln? – Na, die wollen wir auch noch versuchen.«

Auf diese Weise in angenehme Stimmung gebracht, verfügte sich die Gesellschaft in den Saal zum Beginn der Beratungen, Es ist in der That kein übler Gedanke vom gedeckten Tisch zu dem grünen Tisch überzugehen; man spricht und schweigt dann leichter.

Zu diesem Zweck wurde der Ehrensaal der Familie Karpáthi geöffnet, der lange Saal mit der Galerie, der seit der Insurrektion (1809) jetzt zum erstenmal wieder dem menschlichen Auge erschlossen wurde. Rings herum hingen Ahnenbilder. Waffen, Fahnen und andere Trophäen, welche von ein paar Landjunkern sehr bewundert wurden, die noch nicht Verstand genug hatten, lieber die, die Galerie einnehmende schöne Damenwelt zu bewundern. Da hätten sie aber gewiß ihre Augen weiden können; zwischen so vielen Schönheiten saßen die beiden jungen Damen, die Frau von Karpáthi und die Gräfin Szentirmay beisammen, zwei Edelsteine in goldener Fassung. Man kann es deshalb dem Grafen Gregor durchaus nicht übel nehmen, daß er, bevor noch jemand das Wort ergriffen hatte, den Antrag stellte, man möge vor allem den versammelten Schönheiten eine Huldigung votieren; der Antrag wurde auch einstimmig angenommen und dann nach alter Form als Paragraph und Statut ins Protokoll aufgenommen.

Hierauf erst kam man auf den Gegenstand der Beratung selbst, auf die Windhunde, die im Versammlungssaale in großer Anzahl anwesend waren; was natürlich niemand für sonderbar halten wird, der den Grundsatz: nihil de nobis sine nobis (ohne uns nichts von uns) in Ehren hält. Es war doch von ihnen die Rede, es schickte sich demnach, daß auch sie zuhören und sich gelegentlich äußern.

Welch ein großer Vorzug einer Versammlung es ist, wenn auch Damen zugegen sind, das begreift die lebende Generation leicht, welche derlei Versammlungen oft genug beigewohnt hat. Es verleiht den Beratungen der ernsten Männer einen ganz andern Geschmack, einen ganz andern Glanz, jeder ist bemüht schön und geistreich zu sprechen, wenn er sich von schönen Augen beobachtet weiß und unter dem Einfluß derselben schönen Augen sind die herbe Leidenschaft und der langweilige Redner zu schweigen genötigt.

Jetzt wurde die ernste Einleitung der Beratung begonnen. Herr Johann von Karpáthi als Präsident erzielte mit seiner Eröffnungsrede eine große Wirkung; besondern Beifall erhielten folgende Stellen: »Giebt es noch eine edlere und des Namens würdigere Beschäftigung, als die Hetzjagd, die unsere Herzen mit edlem Selbstvertrauen erfüllt, die unsern Geist strebsamer und uns mit den zeitgemäßen Ideen des Fortschritts bekannt macht? (Richtig! Éljen!) Meine Herren, hochgeborene, verehrungswürdige, ansehnliche Herren, die Idee verdient gewürdigt zu werden (hört! hört!); giebt es jemanden unter uns, der nicht einen Windhund hätte? (niemand!), kennen wir wohl ein bedeutenderes ungarisches Haus, darin diese edlen Tiere nicht heimisch wären? und bisher ist es niemandem eingefallen, die Interessen dieser auf so viele Millionen Köpfe sich erstreckenden Klasse, die in unsern Zimmern schläft, mit uns an einem Tische ißt und in Stunden der Langeweile mit uns freundschaftlich gähnt, zu würdigen. (Hier begannen zwei Mitglieder der in Rede stehenden Klassen zu knurren und zu bellen; worauf Graf Gregor von seinem Sitze aus rief »Die Zuhörerschaft wird ersucht sich ruhig zu verhalten; solche Äußerungen verbittet man sich hier.«) Meine Herren, hochgeborene, hochzuverehrende und hochansehnliche Herren, unsere Zeit ist die Zeit des Fortschritts. Überall entstehen Vereine im Vaterlande, wie außerhalb desselben: es giebt solche, die sich die Bewahrung der kleinen Kinder zur Aufgabe gemacht haben, andere, welche wohlfeile Bücher verbreiten, wieder andere, die sich mit der Pflege der Kranken beschäftigen, andere, welche die Schafe in ihren Schutz genommen haben, es giebt sogar Vereine, die sich um die Zucht der Seidenwürmer bemühen und ich halte alle diese Vereine für vollberechtigt und nehme selbst an allen teil; ich möchte meine geringen Fähigkeiten weder den kleinen Kindern noch den Gelehrten, den Schafen, den Kranken, selbst jenem ekeln Gewürm nicht entziehen, das die Seide von sich giebt, aber ich frage zugleich, ich frage noch einmal, was sollte mich zurückhalten, wenn zu Gunsten aller Arten von Menschen und Bestien Vereine bestehen, meinen Schutz derjenigen Klasse zuzuwenden, die zahlreicher vorhanden ist, als alle jene Gegenstände der öffentlichen Vereinswirksamkeit? Wer kann leugnen, daß wir mehr Windhunde besitzen als Kinder, Gelehrte und alle die andern Individuen, die der öffentlichen Fürsorge bedürfen? was sollte mich zurückhalten, den Windhunden meinen Schutz zu verleihen?

Da niemand hierzu einen Grund anzugeben wußte, so fuhr der Nabob fort: Meine Herren, ich glaube, daß ich es Ihnen nicht weiter auseinander zu setzen brauche, ich glaube, daß jeder von Ihnen ein Herz hat und einsieht, daß die Treue und Anhänglichkeit der Tiere, von welchen hier die Rede ist, jede Erwartung übertrifft. Oder weiß jemand einen Fall, daß ein Windhund seinen Herrn treulos verlassen, betrogen, bestohlen habe? Ist das schauderhafte Verbrechen des Verrats unter den Windhunden bekannt? hat je einer von ihnen, der rachsüchtigen Katze gleich, seinen Herrn im Schlafe erdrosselt? Ist es nicht vielmehr eine psychologische Wahrheit, daß ein Windhund, wie streng er auch soeben von seinem Herrn gezüchtigt wurde, die Partei eben dieses Herrn ergreift, wenn dieser von einem Fremden angegriffen wird? Weiß man nicht aus dem praktischen Leben, daß der verkaufte Windhund, möge er es bei seinem neuen Herrn noch so gut haben, zu seinem frühern Herrn zurückläuft und sollte er auch einen meilenlangen Weg zurückzulegen haben? Wem von uns wäre dieser rührende Fall nicht passiert?

Auf diese Aufforderung entstand ein allgemeiner Lärm, jeder wollte sich an ähnliche Fälle erinnern und dergleichen erzählen, aber Berki siegte über alle; er erzählte, man habe ihm einen Windhund entwendet und diesen in einem Sack nach Kroatien gebracht, jedoch das treue Tier kam über die Drau, die Donau, die Theiß und über alle drei Körösflüsse zu ihm zurück.

– Endlich meine Herren, sei mir noch erlaubt, daran zu erinnern, was der treue Hund thut, wenn sein Herr gestorben ist. Er verliert den Appetit, es interessiert ihn nichts mehr, er läuft auf das Grab seines Herrn, legt sich nieder, ißt und trinkt nichts mehr und binnen einer Woche (hier rieb sich Herr Jancsi die Stirne, er wußte nicht, ob er »stirbt« oder »krepiert« sagen solle) und binnen einer Woche folgt er dem Herrn.

Viele lachten.

– Meine Herren, ich will keinen frivolen Scherz machen. Ich spreche aus eigener trauriger Erfahrung; als ich todkrank darnieder lag, da verließen mich meine Diener und meine Freunde, ich lag verlassen da, wie ein dem Tode geweihtes Opfer, dem man schon im voraus den Sarg überschickte, nur einige treue Freunde und meine Hunde hielten treu bei mir aus. Diese kamen zur Thüre des Zimmers, in welchem ich lag, kratzten und heulten und wenn es ihnen gelang, herein zu kommen, so konnte man sie nicht unter dem Bett hervor prügeln, die andern standen im Hof und heulten jämmerlich.

– Herr, sprechen Sie nicht weiter, rief Fräulein Marion von der Galerie herab; die Frau Obergespanin wird ohnmächtig.

Schnell angewandte Parfüms verhinderten die Krampfanfälle der hochgeborenen Frau, deren Nerven von der Schilderung der Hundetreue sehr angegriffen waren.

Herr von Karpáthi entsagte auch seinem Pathos und ging zur Formulierung seines Antrags über.

– Demzufolge wage ich es, den Windhundfreunden Ungarns und Siebenbürgens den Vorschlag zu machen, sie mögen sich zur Verbesserung des Loses dieser Tierklasse vereinigen, wozu ich folgende Punkte beantrage: 1) Die Gesellschaft möge sich als konstituiert erklären, einen Ausschuß erwählen, der die Statuten ausarbeitet und diese wieder einem permanenten, aus sechzig Mitgliedern bestehenden Komitee zur Revision und Bestätigung vorlegen; 2) soll der Preis der Aktien bestimmt werden; ich mache mich anheischig tausend Aktien zu nehmen; 3) mögen den Geldkräften des Institutes gemäß folgende Institute errichtet werden: Eine Windhundschule, zu welcher ich Grund und Bau auf einem meiner Güter unentgeltlich hergebe (langes Éljenrufen), dort sollen die Windhunde durch sachkundige Lehrer dressiert werden; ferner möge eine Vereinszeitung gegründet werden, welche die Fortschritte der Windhunddressur verfolgen und zugleich die Interessen des Vereins der Öffentlichkeit gegenüber vertreten soll (schwacher Beifall); es sollen Preise auf die besten Schriften über die Dressur der Windhunde ausgeschrieben werden (vielfacher Ausdruck der Unzufriedenheit: Wir haben uns zu Gunsten der Windhunde und nicht der Skribler vereinigt!); endlich schlage ich vor, daß jedes Jahr eine Generalversammlung und ein Hunderennen stattfinde, wobei der Sieger einen goldenen Becher erhält. Wenn die Vereinskasse nicht ausreicht, so werde ich das übrige vorschießen.«

Unter allgemeinen Éljenrufen setzte sich Herr von Karpáthi aus seinen Platz nieder.

Wie gewöhnlich bildete sich gleich eine Opposition gegen ihn; die originellen Käuze protestierten gegen jede Zahlung; einige Besitzer murrten, weil die Schule auf Karpáthis Gütern und nicht auf den ihrigen errichtet werden sollte; die Absicht irgend etwas drucken zu lassen begegnete großer Antipathie; obwohl Herr von Karpáthi die Kosten hiervon selbst übernehmen wollte, so ging dieser Teil seines Antrags dennoch nicht durch, Graf Szépkiesdy sagte dagegen: Lassen Eure Gnaden alle die litterarische Lärmmacherei aus dem Spiel, es ist genug Unglück, daß sie auch in die politische Welt eingedrungen ist; lassen wir das Zeitungswesen nicht auch im Jagdwesen grassieren, wir haben ihm ohnedies zu verdanken, daß der Nationalcharakter dadurch gewaltsam verändert wird; die Zeitungen verderben uns die Sprache, sodaß wir uns bald nicht mehr verstehen werden; wenn ich nicht Rücksicht darauf zu nehmen hätte, daß sich auch Graf Rudolf Szentirmay so weit erniedrigt, Bücher und Zeitungsartikel zu schreiben, wenn ich ihn nicht aus Verehrung gegen seine anwesende liebenswürdige Gemahlin schonen wollte, so würde ich sagen, ich verachte und hasse das ganze hungerige Schriftstellervolk; aber unsere Windhunde soll es nicht anrühren.

Glühend vor Zorn wandte Flora ihr Gesicht von dem Sprecher ab, ihre schamroten Wangen hinter dem Fächer verbergend, sagte sie zu Fanny: Wäre nur Rudolf da, er würde ihm schon antworten.

Herr Johann von Karpáthi zog sich mit schlecht verhehltem Ärger in den Hintergrund zurück, als man die letzte Rede mit allgemeinen Éljen begrüßte.

Die Diskussion wäre indes eine sehr heftige geworden, wenn nicht zwei Windhunde das Gastrecht so weit verletzt hätten, unter sich einen Streit anzuheben, der bald alle anwesenden Windhunde in zwei feindliche Lager trennte; sie heulten, bissen und zerrten sich herum, gerieten den beratenden Herren zwischen die Beine und der Lärm wurde nicht eher beschwichtigt, als bis die Hundejungen kamen und mit ihren Hetzpeitschen die Ruhe wieder herstellten.

Da gab es ein Lärmen und Fluchen und der Streit der Hunde hätte das Ansehen der Versammlung sehr leicht kompromittiert, wenn nicht der Spaßmacher, Graf Gregor, mit würdevollem Ernst den Hunden zugerufen hätte: Meine Herren, beliebe es Ihnen, sich hinaus zu verfügen, damit wir in Ruhe weiter sprechen können.

Auf diese Zurechtweisung wurde die heitere Stimmung der Versammlung wieder hergestellt, die ungelegene Zuhörerschaft ward hinausgetrieben und der Antrag wurde mit Ausnahme der fraglichen Punkte angenommen; Herr von Karpáthi wurde mit allgemeinem Zuruf zum Präsidenten und der große Patriot zum Vicepräsidenten erwählt; außerdem ernannte man einen Vereinssekretär, einen Vicesekretär, einen Vereinsanwalt und einen Vereinsarzt, sechzig Komiteemitglieder und zwölf Mitglieder des Ausschusses, der die Statuten zu entwerfen hatte und das alles wurde der Ordnung gemäß zu Protokoll genommen.

Der Grundstein war gelegt, der große, bedeutungsvolle Verein gebildet und uns bleibt nichts anders übrig, als zu wünschen, die Herren Mitglieder möchten auch bei andern Gelegenheiten einen gleichen Eifer an den Tag legen.

Man verfügte sich aus dem Ahnensaal in den Konversationssaal, wo man die Beratungen bis vier Uhr Nachmittags fortsetzte und Georges Mánay sagte jedem, der ihm nahe kam, er begreife nicht, wie er heute noch einen Bissen werde essen können.

Die beiden jungen Damen gingen Arm in Arm auf und ab; jeder, der sie sah, gestand, es wäre schwer zu entscheiden, welche von beiden schöner sei. Die sonst so strengen Frauen überhäuften die Hausfrau, die Bürgerliche, mit Komplimenten, und sie empfand es in dieser Stunde am besten, wie gesegnet sie sei durch ihre edle Freundin, die sie mit ihrem Nimbus umgab und sie in Mode brachte.

Die eleganten jungen Herren, die Löwen des Salons, schwärmten Planeten gleich um diese beiden Sonnen der Gesellschaft; selbst Graf Szépkiesdy schien sie mit den Augen zu suchen und obwohl er recht gut sah, daß Flora immer ärgerlich ihr Gesicht von ihm abwandte, so fühlte er sich dennoch veranlaßt, ihr den Hof zu machen.

– Wissen Sie, Graf, sagte Flora zu ihm, als er ihr und ihrer Freundin in den Weg trat, daß ich Ihnen zürne? sehr ernsthaft zürne?

– Darüber kann ich mich freuen, antwortete der große Mann voll Selbstvertrauen, denn ein Mann, auf den die Frauen böse sind, kann gewiß sein, daß sie ihn lieben werden.

– Sie haben sehr unrichtige Begriffe vom Zorn der Frauen; wenn wir uns gegen Sie verschwören, so stürzen wir Sie und Sie verlieren ihre Popularität.

Dieser naive Scherz klang von den Lippen der kleinen, lebhaften, lächelnden Frau gar nicht übel und jeder andere würde sie darauf, ihr die Hand küssend, gebeten haben, sie möge das strenge Urteil zurücknehmen; der große Mann fand es aber besser, mit Keulen drein zu schlagen. Mit einem Gesicht und einer Haltung, als säße er im Beratungssaale, erwiderte er, die Phrase, ehe er sie aussprach, überdenkend: Gnädige Frau! das haben schon andere versucht; ich tändle mit den Frauen, ich besiege sie, aber ich lasse mich mit ihnen in keinen Kampf ein und fürchte mich nicht vor ihnen.

Nach solchen Reden hatte der große Mann die Gewohnheit, sich abzuwenden und weiter zu gehen, als hielte er den Gegner gar nicht für fähig, ihm treffend zu antworten. Ein paar eifrige Bewunderer des wackern Patrioten notierten sich sogleich seinen Ausspruch.

Fanny war ganz erstaunt, Flora aber lachte.

– Von dem sind wir für immer befreit. Ich habe seine schwache Seite getroffen und das verzeiht er nimmer. Die Popularität ist sein goldenes Kalb und wer zu behaupten wagt, daß sie jemals erschüttert werden könne, der ist für immer gegen seine Freundlichkeit gesichert.

Bald wurde zum Diner geläutet; die Gesellschaft nahm mit großem Geräusch und mit Heiterkeit die Tische ein, mit deren Beschreibung ich mich wohlweislich nicht abgeben will, denn sie sind mir in der Wirklichkeit amüsant, nicht wenn man sie beschreibt. Reichtum, Pracht, Glanz, Verschwendung entsprachen dem Ruf des Nabobs; von den Erzeugnissen der ungarischen Küche bis zu den Kunstwerken des französischen Kochs war da alles zu haben und in Weinen war eine eben so große Auswahl geboten. Das Diner dauerte bis in die späte Nacht und die Gesellschaft fing an sehr laut zu werden. Der große Patriot produzierte seiner Gewohnheit gemäß seine schlüpfrigen Anekdoten, ohne sich um die anwesenden Damen zu kümmern; er sagte: »Dem Reinen ist alles rein«; wer schon weiß, worüber man erröten muß, an dem ist ohnedies nichts mehr zu verderben. Die Damen aber thaten, als hörten sie ihn nicht, plauderten mit ihren Nachbarn und kehrten sich nicht daran, wenn die originellen Käuze jene Anekdoten mit ihren, obligaten, stürmischen Applaus aufnahmen.

Wer war glücklicher als der Nabob?

Es fiel ihm ein, welch einen schrecklichen Anblick er vor kaum einem Jahre an demselben Tisch hatte, an welchem er jetzt saß und jetzt sah er die schöne, reizende Frau neben sich, eine lebhafte, lachende Gesellschaft rings um sich.

Bald erscholl im Vorsaal Biharis Musik, lustig und melancholisch; ein und der andere originelle Kauz stieß seinen Stuhl um und ging hinaus zu den Zigeunern und tanzte; die beredteren Gäste brachten indes einen Toast nach dem andern aus, auf den Hausherrn und auf die Hausfrau, auf die Gäste, auf abstrakte Gegenstände, Vereine, Komitate, Kollegien, auf die Ausführung dieser oder jener zeitgemäßen Idee. Graf Széptiesdy hielt eine lange Rede, in welche er geschickt alle mit Beifall aufgenommenen Phrasen einflocht, die er seit einem Jahre in seinen öffentlichen Reden hatte hören lassen; es waren Gäste da, welche diese Rede schon viermal gehört hatten, einmal auf dem Landtag, das zweite Mal bei Gelegenheit der Installation des Obergespans, das dritte Mal in einer Komitatsversammlung und endlich jetzt bei der Einweihung des Windhundvereins, was indes die guten Leute nicht verhinderte, ihm donnernde Éljens zuzurufen. Man kann das Gute nicht oft genug hören, Herr von Karpáthi selbst war unerschöpflich an Toasten und wenn wir nicht aus Galanterie einer Dame, der Gräfin Kereßthy den Vorrang einräumen müßten, so wurden wir sagen, daß er heute der witzigste und wackerste Trinker war. Indes müssen wir ihn doch dafür loben, daß es ihm unter so vielen Trinkern zuerst einfiel, den Becher für zwei nicht anwesende Männer zu erheben, nämlich für den Grafen Stephan und für Rudolf; ihre Verdienste preisend, leerte er auf ihre Gesundheit den Becher, wodurch er eine solche Begeisterung anfachte, daß selbst die Damen die Becher ergriffen und anstießen.

In diesem Augenblick strahlender Freude trat ein Diener zu der Gräfin Szentirmay und übergab ihr einen Brief, welchen ein Eilbote von Szentirma gebracht hatte.

Mit hochklopfendem Herzen erkannte Flora an der Adresse die Schrift ihres Gemahls; außerdem war es zu jener Zeit gebräuchlich, die Adresse mit der möglichsten Bestimmtheit zu schreiben, so stand in diesem Falle auf dem Couvert: »Meiner lieben Frau, mit der größten Liebe«, Also er schrieb! der Brief war von Pest datiert, Frau Szentirmay bat um Entschuldigung und zog sich zurück, um den Brief zu lesen. Ihr Aufstehen war für die ganze Gesellschaft das Signal den Tisch zu verlassen und in bunten Gruppen strömten die Gäste in die Nebensäle.

Flora und Fanny zogen sich verstohlen in ihr Schlafgemach zurück, um da den Brief in aller Ruhe und ungestört lesen zu können. Natürlich mußte auch Fanny wissen, was darin stand.

Mit zitternder Hand erbrach jene das Siegel, nachdem sie den Brief noch einmal an ihr Herz gepreßt hatte und las darin in wenigen Zeilen die Meldung, daß ihr Mann morgen in Karpáthfalva sein werde.

Welch eine Freude hatte die gute Frau; sie las die paar Worte immer und immer wieder, als ob sie sich den Inhalt nicht ganz gemerkt hätte und küßte den Brief unzähligemal. Auch Fanny teilte die Freude ihrer Freundin, die Freude ist so ansteckend. Morgen wird Rudolf kommen und wie heiter wird dann Flora sein. Sie wird die größte Seligkeit, die sich ein liebevolles Herz vorstellen kann, leibhaft vor Augen sehen und keinen Neid fühlen. Sie wird sich über die Freude einer andern freuen, über die Glückseligkeit ihrer besten Freundin.

Mit freudestrahlenden Gesichtern kehrten die beiden Damen zu der Gesellschaft zurück, die sich noch bis Mitternacht unterhielt, wonach sich alles in die Schlafzimmer begab. Herr von Karpáthi ließ seine Gäste mit Musik zur Ruhe begleiten, dann schickte er noch die Zigeuner von Fenster zu Fenster und ließ sie eine einschläfernde Weise spielen. Der letzte Bogenstrich verklang und alles schlief und träumte schöne Dinge, die Jäger von Füchsen, die Redner von Versammlungen, Herr Málny von Pasteten und Fanny von dem schönen, blassen Mann, an den sie so viel dachte, der in ihrem Traume sie mit seinen blauen Augen so sanft anblickte und so süße Worte zu ihr sprach. – – – – – – – – – – – – – – –

Also morgen!

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