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Ein ungarischer Nabob

Maurus Jókai: Ein ungarischer Nabob - Kapitel 20
Quellenangabe
pfad/jokai/nabob/nabob.html
typefiction
authorMaurus Jókai
titleEin ungarischer Nabob
publisherPhilipp Reclam jun
translatorAdolf Dux
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20111014
modified20170818
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6.
Die Freundin

Frau Szentirmay hatte ihren Zweck erreicht.

Durch ihren einwöchentlichen Aufenthalt im Kastell gelang es ihr, Fannys Stellung der Welt gegenüber völlig zu verändern. Jedes Vorurteil wurde der Frau günstig, welche die Szentirmay ihrer Freundschaft würdigte. Die stolzen Damen, die bis jetzt sehr herablassend zu sein dachten, wenn sie auf einem Fest erscheinen, bei welchem eine Bürgerliche die Honneurs machen wird, begannen jetzt weniger an Herablassung zu denken; tugendstrenge Damen, die noch zweifelten, ob sie ihre Töchter in das Karpáthische Kastell, diesen Tempel faunischer Mysterien, mitnehmen sollten, rüsteten jetzt sich und ihre Töchter ohne Bedenken zu dem Besuch aus. Die Anwesenheit der Szentirmay war die sicherste Garantie für Schicklichkeit und Anstand und so trat die Angelegenheit des Windhundvereines überhaupt in eine neue bessere Phase. Herr von Karpáthi schien erst jetzt zu begreifen, was er an seiner Gemahlin besitze; er hielt sie für hundertmal schöner, besser und liebenswürdiger, seit sie vom Nimbus dieser Dame bestrahlt wurde.

Den ganzen Tag konnte man die beiden Freundinnen beisammen und sich mit schwerer Arbeit beschäftigen sehen. Ja mit schwerer Arbeit. Dem Manne ist es leicht zu sagen, ich gebe Morgen oder in einem Monat ein Fest, geladen ist die ganze Gegend, Leute, die ich kenne und die ich nicht kenne. Das übrige ist die Sorge der Frau.

Sie muß an alles denken, was nötig ist, um jeden zu befriedigen; sie muß die tausenderlei Ansprüche, Wünsche und Launen ihrer Gäste kennen, sie muß wissen, wodurch der oder jener sich übersehen, verletzt finden könnte, was jeder liebt und was er nicht liebt.

Es wäre kein Wunder, wenn eine junge Frau, die in ihrem Hause selbst noch ein Neuling ist, die Anordnung eines solchen Festes gar nicht zu leiten wüßte. Unter Floras Aufsicht ging alles in bester Ordnung vor sich. Sie war in solchen Dingen schon bewandert, sie erinnerte sich an alles und wenn sie etwas zur Ausführung brachte, so hatte es immer den Anschein, als ob sie sich dabei von Fanny leiten ließe; sie fragte immer: nicht wahr, jetzt muß das und das geschehen? Nicht wahr, heute thun wir dies und das? So daß Fanny, wenn sie nicht Takt genug gehabt hätte, Floras zartes Benehmen zu verstehen, sicher geglaubt hätte, sie sei es, die alles am besten versteht; wenigstens lebte Herr von Karpáthi der Überzeugung, daß seine Gemahlin in allen diesen Sachen so zu Hause sei, als wäre sie als Gräfin erzogen worden.

Und wenn der Abend kam und sie sich zusammen niedersetzten, um zu plaudern, wie viel Schönes hörte da Fanny von ihrer Freundin. Sie hörte nur zu und sah auf diese schönen gesprächigen Lippen, diese leuchtenden Augen, von welchen sie allmählich glücklich zu sein lernte. Dann schickten sie die Kammerdienerinnen hinaus, halfen sich bei der Abendtoilette gegenseitig und plauderten heiter von den Thorheiten der Welt.

Einmal nahmen sie die Liste hervor, welche Herrn Varga so viel Angstschweiß erpreßt hatte. Fanny konnte dabei nicht verschweigen, daß dieser Alte es gewesen, von welchem sie so viel Schönes über ihre jetzige Freundin gehört habe.

– Aha! ihr habt eure Gäste die Revue passieren lassen.

– Ich wollte es, aber der gute Alte kam mit mir überein, mich nur mit denjenigen bekannt zu machen, die ich lieben werde; bis zu deinem Namen fand er nur lauter solche, welchen von allen guten Eigenschaften nur die eine fehlt, daß sie nicht liebenswürdig sind.

Die Szentirmay lachte herzlich.

– Na, so komm her, ich will dir die übrigen schildern. Und jetzt nahm Flora die Liste vor, um sie kritisch durchzunehmen.

Es giebt wohl einen Unterschied zwischen Verleumdung und Verleumdung. Über jemanden falsche Gerüchte verbreiten, seine verborgenen Fehler ausstöbern und weiter erzählen, bei den Bekannten seinen guten Ruf untergraben, das ist die unedle, häßliche Verleumdung; aber die Schwächen der Welt kennen, sie mit unschuldigen Scherzen bezeichnen, einen Unerfahrenen auf die schlüpfrigen Stellen des Weges aufmerksam machen, das ist die edle Verleumdung, wenn es auch paradox scheint, die Worte » edel« und » Verleumdung« zu verbinden.

Doch fangen wir mit dieser edlen Verleumdung an.

Zuerst kommen die Männer daran. Natürlich, denn jetzt haben ja die Damen das Wort.

– Diese hier, die obenan stehen, begann Flora, sind lauter hochgeborene Menschen. Sie sind weit schwerer zu studieren, als gewöhnliche Menschen. Nehmen wir gleich den ersten; wenn er nicht so hoch stünde, so würde man sagen: das ist ein ungezogener Mensch, er denkt von jeder Frau schlecht, ausgenommen von der seinigen, denn er kümmert sich gar nicht um sie, außerdem ist er heftig und leidenschaftlich; wenn er heftig wird, so wählt er die Worte nicht und kümmert sich nicht, ob Herren oder Damen anwesend sind; mögen noch so viele junge Mädchen zugegen sein, so erzählt er Anekdoten, über welche selbst empfindlichere Männer erröten; aber er ist ein Patriot, sein Name ist bekannt und wird bewundert, deshalb muß man ihn achten und darf ihn nicht so behandeln, wie die andern Menschen. Doch diese Achtung ist die beste Waffe gegen ihn, er benimmt sich ganz anständig, sobald man ihn wegen seiner politischen Tugenden lobt. Ich habe das Mittel schon erprobt.

– Wie heißt er denn? fragte Fanny, ihren Bleistift spitzend.

– Graf Emerich Szépkiesdy.

Zu diesem Namen schrieb Fanny: Ein großer und verehrungswürdiger Mann.

Die Situation ist amüsant; diese Damen benehmen sich als geheime Polizei und schreiben die Charakteristiken zu den Namen, um später zu wissen, mit wem sie es zu thun haben.

– Hier kommt der zweite Hochgeborene. Ohne diesen Titel wüßte ich ihm sonst gar kein Beiwort zu geben, obwohl ich jeden Monat einmal die Ehre habe, ihn zu sehen. Doch eines habe ich mir von ihm gemerkt: er ist im Besitz eines vortrefflichen Appetits und beklagt sich immer, daß er nicht essen kann. Er ist ein sehr angenehmer Mann; vor Tisch klagt er, er habe keinen Appetit und nach Tisch, er habe sich den Magen überladen; wenn du ihn fortwährend zum Essen nötigst, so schmollt er und bleibt hungrig. Der macht dir am wenigsten zu schaffen. Schreibe: Baron Georges Málnai, ein angenehmer Mann.

– Hier kommt ein lieber Narr, Graf Gregor Erdey. Der angenehmste Junge unter allen; er ist imstande, mit seinen spaßigen Einfällen eine ganze Gesellschaft zu unterhalten. Er karikiert alle Nationen der Welt und produziert mit einem bloßen Ruck an seinem Hut einen Engländer, Franzosen, Spanier, Juden u. s. w. Er ist am wenigsten gefährlich, aber weil er ein so lieber Narr ist, weil ihn alle liebenswürdig finden, so verliebt sich niemand in ihn. Er wäre nicht imstande, ein unerfahrenes, sechzehnjähriges Mädchen zu verführen; sein ganzer Ehrgeiz geht dahin, die Leute lachen zu machen. Er ist so unschuldig wie ein Kind, sodaß man ihn kühn mit jungen Mädchen als Garde des Dames auf einen Ball schicken kann. Niemand würde sich darüber aufhalten. Er hat die Lacher immer auf seiner Seite.

– Graf Gregor Erdey, notierte Fanny, ein lieber Narr.

– Gehn wir weiter. Graf Louis Karvay. Man kann sich ihn gar nicht mit ungarischem Namen denken, sondern nur als »Louis«. Er ist eine vollständige Salongestalt aus der Zeit Talleyrands. Er achtet auf jeden und verlangt, daß jeder auf ihn achte, er richtet bloß deshalb eine Frage an dich, um zu sehen, wie du ihm wirst antworten können; er ist so empfindlich, daß du niemals wissen kannst, womit du ihn beleidigt hast. Er kann einem jahrelang zürnen und sagt niemals warum; eine Briefadresse, in welcher er anstatt Louis Ludwig genannt wird, macht, daß er monatelang schmollt; wenn er bei dir ist und jemand kommt zu dir, der niedrigeren Ranges ist als er, so darfst du nicht aufstehen, noch weniger darfst du letzterem entgegen gehen, nur verneigen darfst du dich, sonst fühlt er sich beleidigt. Speist er bei dir, so ist es eine große Frage, wen du neben ihm, wen ihm gegenüber sitzen läßt; denn möglich, daß er auf einen von diesen böse ist und dann meint er, das sei eine berechnete Malice und wird ein Feind deines Mannes, Er giebt aber niemandem eine Aufklärung darüber, was ihm gefällig sei oder nicht. Andere müssen sich den Kopf darüber zerbrechen, um seine Laune zu erraten.

– Zu dessen Namen schreiben wir: ein dornenvoller Gentleman.

– Der folgende ist der Obergespan, Graf Sárosdy. Ein guter Mensch, aber ein schrecklicher Aristokrat. Bauern und armen Leuten thut er sehr gern Gutes, aber er hält sie nicht für Menschen. Seine Unterthanen sind gewiß besser daran, als alle andern in Ungarn, aber einen Unadeligen nimmt er nicht einmal gern als Schreiber auf. Dieser wird sich dir gegenüber ein bißchen steif benehmen, aber zum Glück ist sein Herz gut und zu einem guten Herzen findet sich leicht ein Schlüssel. Es wäre kein verachtenswertes Unternehmen, ihn zu liberaleren Ideen zu belehren und wenn wir uns gegen ihn verschwören, so ist uns der Sieg, denke ich, gewiß.

Hier begannen die Damen ein wenig darüber zu streiten, welche von beiden besser imstande sein werde, ihn zu bekehren und nachdem eine jede sich bemüht hatte, den Vorzug der andern einzuräumen, blieb der Sieg unentschieden.

Dann folgten noch eine Menge anderer hochgeborener Herren, welche die Aufmerksamkeit der Gräfin Szentirmay mehr oder weniger in Anspruch nahmen; übrigens waren es lauter Leute, die man bald, nachdem man sie gesehen, wieder vergißt.

Jetzt kamen die Herren zweiten Ranges an die Reihe. Diese waren in Ungarn immer die erträglichste Klasse der Gesellschaft. Sie pflegten sich niemals darüber die Köpfe zu zerbrechen, wenn sie über die Unterlassung einer Etikettenregel zu zürnen hätten. Es sind wackere redliche Leute, die jedem zuhören, jedem recht geben, die niemandes Titel vergessen und mit dem übrigen zufrieden sind, die einen Scherz verstehen und gern erwidern, die kein trauriges Gesicht machen, wenn andere lustig sind; an welchen seit dreißig Jahren die Tagespresse ihre Waffen wetzt, indem sie sich über ihren Konservatismus und über ihren hartnäckigen Stillstand lustig macht, die kein ungarischer Romanschriftsteller zu karikieren vergißt, wenn er sein Wert mit einem Element würzen will, das heiter und ungarisch zugleich sei; und diese Bücher kaufen eben nur dieselben guten Herren, über welche man sich darin lustig macht, denn wenn sie nicht wären, so brauchte sich kein Ungar mit Romanschreiben abzugeben.

– Jetzt kommt die Reihe an die originellen Käuze, sagte Flora.

O, diese kenne ich schon besser, als du; ich weiß von ihnen mehr, als ich wissen sollte.

– Endlich die feinen Kavaliere; die Modelöwen, diese mußt du doch auch kennen.

Fanny konnte sich nicht enthalten zu gähnen.

– War das eine Antwort auf meine Frage? fragte die Gräfin lachend.

– Nur die Rückerinnerung an die paar Stunden, die ich mit ihnen verbracht habe.

Jetzt war die Revue der Männer beendet.

Fanny wurde plötzlich ernst. Ihr Ideal schwebte ihr wieder vor der Seele. Also ist er nirgends? Wird sie ihn in ihrem ganzen Leben nicht wiedersehen? Oder ist er vielleicht doch auch in der Liste aufgeschrieben? sollte er zu denjenigen gehören, von welchen Flora weder was Gutes noch was Schlechtes zu sagen weiß? Das ist nicht möglich; sein edles Gesicht zeigt von einer edlen Seele; ist doch jeder seiner Züge der Ausdruck der Tugend und eines edlen Geistes.

– Und – hast du niemanden ausgelassen?

– Jawohl! sagte Flora lachend, nahm noch einmal die Liste und lächelte wie ein Liebesengel. Ich habe einen Namen ausgelassen, einen sehr interessanten Namen. Du errätst ihn nicht?

– Nein! sagte Fanny erblassend.

– Ach, welch eine Närrin bist du! das ist ein prächtiger, schöner, edelherziger Mann. Wenigstens halte ich ihn für den schönsten Mann der ganzen Welt und ich kenne keinen, der ihm an Adel und Liebenswürdigkeit gleichkäme. Ich habe fortwährend sein Gesicht und seine Seele vor Augen und beide bete ich an. Erkennst du ihn noch nicht?

Fanny schüttelte den Kopf. Aber doch erkannte sie jemanden in dieser begeisternden Schilderung. Nur war dieser ihr namenloses Ideal, der Mann, den sie auch für den schönsten und edelsten von der Welt hielt; an ihn dachte sie in diesem Augenblick.

– Also verlangst du wirklich, daß ich dir ihn nenne? fragte Flora mit scherzhaftem Ton.

– Ja, ja, flüsterte Fanny und bemühte sich in das Papier zu blicken, das ihre Freundin ihr neckend entzog und woraus diese mit pathetischem Ernst las:

– Dieser vortreffliche, liebenswürdige Mann ist Graf Rudolf Szentirmay.

Ach! seufzte Fanny, und ihr Gesicht glühte. Jetzt erst verstand sie den Scherz und schämte sich, nicht erraten zu haben, daß Flora keinen andern nennenswerten Namen mit Stillschweigen übergehen konnte, als den ihres eigenen Gemahls.

Flora umarmte und küßte jetzt ihre Freundin; das Ideal trat wieder in den Hintergrund und Fanny entsagte der Hoffnung, den geliebten Unbekannten je wieder zu sehen; sie bemühte sich, Floras heitere Laune zu teilen und lachte dann selber über ihre Zerstreutheit.

– Jetzt wollen wir von den Damen sprechen.

– Gut, thun wir das.

– Das ist ohnedies nur Vergeltung.

– Jawohl; wir werden auch nur Wahres von ihnen sagen.

– Wir können es uns auch erlauben, es bleibt ja unter uns.

– Es ist so, als ob wir gar nicht sprächen, sondern nur dächten.

– An der Spitze aller steht der Name der Obergespanin. Ich weiß zwar nicht, ob der gute Nachbar diesen Namen aus Vorliebe obenan gestellt hat. Vielleicht mehr aus Furcht. Das ist eine unzufriedene, verhätschelte Dame, die öfter in Ohnmacht fällt, als eine andere seufzt. Wer vor ihr steht, steht auf glühenden Kohlen, denn er weiß, daß, was er auch sprechen und thun möge, selbst was er denkt, ihr mißfällt. Wenn sie sieht, daß jemand die Beine kreuzt, so fällt sie in Ohnmacht, wenn sich eine Katze ins Zimmer verirrt, so bekommt sie Krämpfe; wenn das Messer über die Gabel gelegt ist, so setzt sie sich nicht zu Tisch; wenn Blumen im Zimmer sind, so wird sie ohnmächtig. An dem Tisch, an welchem sie sitzt, darfst du niemandem seinen Platz anweisen, der etwas Blaues anhat, denn wenn sie diese Farbe sieht, so bekommt sie Krämpfe. Du mußt dich überhaupt hüten, mit ihr zu sprechen, denn du weißt nicht, ob sie nicht über eines deiner Worte in Ohnmacht sinkt; das geringste alteriert sie. Hüte dich übrigens, sie, wenn sie in Ohnmacht liegt, mit kaltem Wasser zu sich zu bringen, halte ihr irgendein Fläschchen vor die Nase, ob was darin ist, oder nicht, sie kommt zu sich.

– Die kennen wir; schreiben wir sie: Seifenblase, sie zerplatzt bei der geringsten Berührung.

– Ah, da kommt die Gräfin Kereßthy. Das ist eine treffliche Frau. Sie ist eine hohe männliche Gestalt mit dichten Augenbrauen; sie spricht nie leiser, als ob sie ein Bataillon kommandierte; »was? wann? wie?« mit diesen Worten unterbricht sie jeden, der spricht, unzähligemal, sodaß mancher leicht verwirrt wird und wenn sie lacht, so widerhallt das Haus. Sie kommandiert die ganze Gesellschaft und für den, auf welchen sie böse ist, wäre es besser, wenn er nie geboren worden wäre. Die jungen Menschen, die nicht mannhaften Mut besitzen, zittern schon, wenn sie sie sehen, denn sie fährt sie an. Wie der strengste Professor, dabei spricht sie fortwährend lateinisch, sie kennt die Gesetzbücher, treibt den feinsten Advokaten mit ihrem Disputieren in die Enge, kann trinken wie ein Mann und raucht gern; sie pflegt zwar nicht selbst zu kutschieren, aber wenn der Kutscher seine Sache nicht gut versteht, so nimmt sie ihm die Peitsche aus der Hand, schlägt ihn mit dem Stiel und kutschiert dann selber. Übrigens hat sie das beste Herz von der Welt und man kann ihre Gnade leicht erhalten. Küsse ihr die Hand und nenne sie liebe Frau Tante, dann brauchst du sie nicht zu fürchten; sie wird dich lieben und wenn man dich hinter deinem Rücken vor ihr verleumdet, so verteidigt sie dich und macht einen Lärm, daß die Leute vor Furcht auseinander laufen.

Fanny gewann diese Frau im voraus lieb.

– Diese brauchen wir nicht zu bezeichnen, sie wird ohnedies leicht zu erkennen sein.

– Ferner ist da die gnädige Frau von Körtvélyi. Von dieser kenne ich eine Schwäche: Sie hat ein liebes Söhnchen, das liebe Kind wird etwa zwanzig oder einundzwanzig Jahre alt sein. Sie spricht immer nur von ihm. Das ist eine ehrenwerte Leidenschaft. Du mußt dich nach dem Söhnchen erkundigen; sie wird dir von ihm unendlich viel erzählen und wenn du ihr geduldig zuhörst, so wird sie dich für die liebenswürdigste Dame im ganzen Lande halten. Das brauchst du freilich nicht zu wissen, daß ihr Söhnchen der nichtsnutzigste Junge von der Welt ist.

– Ach Flora, wie schlau bist du.

– Nicht wahr? Ich verderbe dich noch!

– Daran thust du wohl; aber ich werde nichts erlernen, ich könnte mir das alles nicht merken.

– Werde nur so alt wie ich.

Darüber lachten natürlich beide.

– Nun, liebes Mütterchen, wen sollen wir denn noch kennen lernen?

– Da ist noch der Name der Frau von Szépkiesdy. Das ist eine stille, schweigsame Frau, die man mit nichts beleidigen kann, ihr Mann ist schon gewöhnt daran, daß ihr nichts weh thut; aber man kann ihr auch keine Freude machen. Sie sieht so aus, als ob sie wünschte gestorben zu sein.

– Arme Frau!

– Aber einen Schmerz hat sie doch, einen Schmerz, den ihr jede hübsche Frau unwillkürlich verursachen kann, denn ihr Mann macht in ihrer Gegenwart jeder Dame die Cour. Sie soll einmal schön gewesen sein, ist aber aus Gram vor der Zeit alt geworden.

– Arme Frau! seufzte Fanny.

– Ich will dir noch die Frau von Málnay vorführen. Sie schmeichelt dir fortwährend, aber nur um dir ein Geheimnis, ein unüberlegtes Wort zu entlocken. Sie ist ein wahrhafter Mephisto in weiblicher Gestalt. Sie ist jedem feind, den sie kennt, aber wenn sie mit dir zusammenkommt, so küßt und umarmt sie dich, als ob sie in dich verliebt wäre; es ist vergebens, ihr offene Feindschaft zu zeigen, morgen thut sie, als ob nichts vorgefallen wäre, sie umarmt und küßt dich und ist von dir entzückt. Am besten ist's, wenn du dich daran nicht kehrst. Empfange sie kalt und zurückweisend. Dafür wird sie dich hinter deinem Rücken grob und ungezogen nennen. Aber das ist noch die erträglichste Verleumdung, die sich von ihr erwarten läßt.

Fanny drückte ihrer Freundin dankbar die Hand. Wie viele Mißgriffe hätte sie sich ohne diese zu Schulden kommen lassen! wie oft hätte sie durch Schaden müssen klug werden oder leiden und wäre doch nicht klüger geworden, denn sie hatte ja nicht solche Beobachtungsgabe. Ihre Seele war sehr wenig an Selbständigkeit gewöhnt.

– Ist noch jemand zu erwähnen?

– Fräulein Marion.

– In der That.

– Sie ist so, wie du sie gesehen hast. So ist sie immer.

– Wer noch?

– Dann ist da noch eine maliziöse Frau, welche die geheimsten Fehler der Menschen aufdeckt; du brauchst sie aber nicht zu fürchten, denn sie liebt dich aufrichtig und wird dich niemals verleumden oder beleidigen. Errätst du, wer diese ist?

Halb lachend, halb weinend fiel Fanny ihrer Freundin um den Hals; dann lachten sie noch lange miteinander darüber, daß sie jetzt die Welt durchgehechelt hatten.

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