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Ein ungarischer Nabob

Maurus Jókai: Ein ungarischer Nabob - Kapitel 10
Quellenangabe
pfad/jokai/nabob/nabob.html
typefiction
authorMaurus Jókai
titleEin ungarischer Nabob
publisherPhilipp Reclam jun
translatorAdolf Dux
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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2.
1825

Dies waren die gesellschaftlichen Verhältnisse Ungarns im ersten Viertel unseres Jahrhunderts.

Viele unserer größten Magnaten kannten damals noch nicht ihr Vaterland, in welchem sie Güter besaßen, so groß, daß die Reise durch dieselben tagelang dauerte; die Sprache ihrer Vorfahren war ihnen fremd, sie hatten sie vielleicht noch nie in ihrem Leben gehört; ihren Reichtum verschwendeten sie an fremden Plätzen, ihre Geisteskraft in geistloser Nachäfferei, sie durchreisten die Welt auf der Jagd nach schnöden Genüssen und beraubten sich des größten Genusses, desjenigen nämlich, der im verständigen Genießen besteht.

Die sich des Ruhms hätten erfreuen können, daß Millionen ihren Namen segneten und verewigten, fanden ihre Freude daran, eine kurze Weile von Narren und Müßiggängern als Helden gefeiert zu werden. Ihre europäische Bildung erkauften sie teuer, um den Preis der Vaterlandsliebe und selbst dann bleibt es noch in Frage, ob die Feinheiten der Rouerie, Salongewandtheit, Bekanntschaft mit den Statuten der Klubs und dem code du duel wesentliche Bestandteile der europäischen Bildung seien.

Ein anderer, obwohl kleinerer Teil der Magnaten blieb im Lande und meinte, die Sitten der Ahnen, das ursprüngliche ungarische Blut dadurch rein zu erhalten, wenn sie jede höhere Bildung verleugneten; das war eine wahrhafte Betyárenpropaganda. Solche Leute kamen in Szürs und Gubas (ungarische Pelze) auf Bälle, ließen sich auf der Gasse von Musikanten begleiten, kamen von Woche zu Woche in ein anderes Haus, um Fasching zu halten, hielten die Gelehrten für Narren, Bücher für Lebensverkürzungsmittel, Arbeit für Bauernpflicht und lebten in dem glücklichen Selbstbewußtsein, sie seien nicht bloß die Erfinder der wahren Lebensweisheit, sondern zugleich auch gute Patrioten, denn sie kannten noch keine fremden Zustände.

Diese beiden Richtungen verfolgte auch der mittlere Adel. In unsern besseren Häusern war entweder der nationale Geist verbannt, das Familienhaupt sprach mit Weib und Kindern eine fremde Sprache und ungarisch nur mit den gemeinen Dienstleuten; Söhne und Töchter wurden in Anstalten erzogen, die alles, was ungarisch ist, fern hielten; ein Fräulein aus gutem Hause in ungarischer Sprache zum Tanz auffordern, wäre die größte Beleidigung gewesen, für welche der Betreffende gewiß mit Zorn abgewiesen wurde, denn der ungarischen Sprache bediente man sich ja nur, wenn man mit Dienstboten redete und so verhielt es sich in der kleinsten ungarischen Stadt; oder es herrschte in den Kreisen des Adels ein wilder, skandalöser Ton, eine brutale Reaktion gegen jenes nicht nationale Wesen, die Mädchen ließ man nichts lernen, weil man dafür hielt, die beste Frau sei diejenige, die gar nichts weiß und die Knaben ließ man nur dann etwas lernen, wenn man ihrer zu viel hatte, sodaß nicht alle auf ihren Feldern Platz gehabt hätten, Hasen zu jagen, in solchen Fällen ließ man einen oder den andern Latein lernen und er wurde ein Advokat, der außer dem Corpus juris nichts zu wissen brauchte.

Volk? Das gab es damals noch nicht. Nur zur Zeit der Robot hatte man mit der Masse etwas zu thun, die jetzt Volk heißt, die man aber damals noch nicht so zu nennen pflegte.

Das Wort »Arbeit« war bei uns unbekannt.

Was hätte ein ungarischer Edelmann gearbeitet?

Handel und Handwerke trieben größtenteils die deutschen Bürger.

Zum Ackerbau war der Bauer gut genug, daß die Ökonomie eine Wissenschaft sei, ahnte man damals noch nicht.

Wissenschaften brauchte man nicht. Wozu auch? Man konnte durch das viele Sitzen höchstens kränklich werden und wer nicht etwa ein Professor sein wollte, der hätte von seinem Wissen nicht den mindesten Nutzen geschöpft.

Hätte man sich vielleicht auf die Pflege der Sprache verlegen sollen? Die Hungers sterbenden Poeten und wandernden Komödianten, die durch ein unglückliches Schicksal oder weil sie aus der Schule gestoßen wurden, diese Laufbahn wählten, waren ein genug abschreckendes Beispiel.

Kaum wachte unter diesem schlafenden Geschlecht ein oder der andere hervorragende Geist, welcher die Vermutung weckte, unter diesem Kies liege Gold, man brauche nur darnach zu graben.

Wir hatten hochherzige Frauen, die sich der verwaisten Nation erbarmten; die Namen einer Anna Ürményi in Ungarn, einer Teleki, einer Bornemißa, einer Bánfy in Siebenbürgen werden in ewigem Andenken bleiben, sie waren die letzten Sterne der schwindenden Nacht und die ersten der anbrechenden Dämmerung.

Auch unter den Magnaten finden wir mehrere auf dem Kampfplatz der Bildung und des Fortschritts; mit bewundernswerter Zuversicht traten sie gegen die Indolenz und die Nachäfferei des Auslandes auf, nur der Bildung in Ungarn und der ungarischen Nation im Reich der Bildung eine Bahn zu brechen. Sie hatten Feinde und einen undurchdringlichen Wald vor sich und hinter sich.

Unter diesen Wackern verehren wir einen Georg Festetics, den Gründer des ungarischen Helikons und dessen würdigen Schwager, den Grafen Franz Széchényi, Schöpfer des Nationalmuseums, ferner einen Ráday, einen Teleki, einen Majláth, einen Podmanitzky, einen Dessewffy, welche die ersten Bannerträger der damals begonnenen geistigen Bewegung waren, während es Leute gab, die glaubten, der Ungar sei nur fähig, das Schwert zu führen. Ja, es gab Leute, die nicht einmal das glaubten.

Die Sänger der aufgehenden Sonne traten auf: Berzsenyi, Kazinczy, die beiden Kisfaludy, Kölcsey, Vörösmarty und Bajza waren damals noch jung.

Es entstanden Zeitungen, deren Lektüre der jetzigen Generation sehr nützlich wäre.

Wackere, ernst denkende Künstler stellten sich zusammen, um die Kunst und die heimische Sprache zu verkünden und besiegten das Vorurteil, welches gegen die Schauspieler im Schwange war. Siebenbürgen kam dem Eifer der Patrioten Ungarns zuvor und eröffnete das in jenem Jahre in Klausenburg fertig gewordene Nationaltheater mit einer Feierlichkeit, die demselben Glanz und Ansehen verschaffte; zwanzig Männer und Frauen, alle aus den vornehmsten Familien Siebenbürgens, ernste, geachtete Persönlichkeiten, unternahmen die Aufführung des ersten Stückes, mit welchem der neue Tempel der nationalen Bildung eingeweiht wurde. (Dieses Stück war eine Übersetzung von Körners »Zrinyi.«)

Solche Scenen charakterisieren das Jahr 1825, mit welchem eine neue Ära des ungarischen Lebens begann.

Ein neues Leben, eine neue Blutcirkulation in allen Adern des ungarischen Lebens, aus dem Schlaf erwachende Menschen, die nicht glauben können, daß sie geschlafen haben, Leute, die weiter schlafen, weil sie glauben, es schlafe noch alles, bezeichnen jenes Jahr.

Ich spreche nicht von den politischen Resultaten jenes Jahres, von seinen parlamentarischen Kämpfen, ich halte mich weder für gescheit, noch für thöricht genug, um von diesen Dingen jetzt schreiben zu wollen. Es giebt Angelegenheiten, über welche ein weiser Mann sehr viel sprechen kann, aber es giebt Dinge, bei denen es besser ist klug zu sein als weise.

Doch die Resultate jenes Jahres hatten auch auf das allgemeine Leben Einfluß, der Preßburger Landtag bereicherte nicht nur die politische Verwaltung mit neuen heilsamen Gesetzen, sondern auch das gesellschaftliche Leben mit neuen interessanten Gestalten.

Ein großer Teil dieser letzteren ist uns nicht mehr unbekannt.

Einige Monate nach Eröffnung des Landtags finden wir in Preßburg mehrere interessante Gruppen. Die Parteien sind bereits gebildet und die verschiedenen Sympathien im Wege der Konferenzen und der Klubs schon in das gesellschaftliche Leben übergegangen.

Die meisten der uns bereits bekannten Gestalten spielen hier und da eine hervorragende Rolle.

Unter allen müssen wir den Grafen Stephan zuerst erwähnen, dessen jugendfrisches Genie, gepaart mit so viel Weisheit der Alten, den ernsteren Patrioten Bewunderung abzwingt, der als öffentlicher Charakter so rein, so hoch dasteht, daß seine Freunde es nicht wagen ihn zu lieben, noch seine Feinde ihn zu hassen – beide müssen ihn achten.

Nikolaus geht nicht mehr Arm in Arm mit ihm; glühendere Leidenschaft reißt ihn auf steilere Bahnen hin. Um ihn scharen sich die heißblütige Jugend, die sanguinischen Patrioten, die mehr ihrem Herzen als ihrem Kopf folgen.

Wie er es einst prophezeite, kamen die Magnaten nach Hause, nicht getrieben von den Gesängen der Dichter, sondern infolge der königlichen Einberufungsschreiben. Zum Landtag kam jeder nach Hause, in dem nur ein Tropfen Stolz war. Um jedes Mißverständnis zu beseitigen, sage ich, daß ich hierunter nicht den Nationalstolz, sondern den Privatstolz verstehe.

Und wenn wir eine Stunde vor dem Beginn der gemischten Sitzung (Oberhaus- und Unterhausmitglieder zusammen) im Thor des Landtagshauses stehen, so schwillt uns das Herz vor Freude, wenn wir diese ritterlichen Gestalten sehen, die in ihren prächtigen Equipagen kommen, Reiherbüsche auf den Kalpags, in goldbeschnürten altungarischen Mentes, Degen mit prachtvoll ausgelegten Griffen umgeschnallt, die kühn blickenden Gesichter mit dem Schnurrbart oder Vollbart bewachsen; wir erkennen darunter unsere Bekannten, Bela Karpáthi, Fennimore und andere Magnaten aus altungarischen Familien, und unsere Freude an ihnen wird nur dadurch gemildert, daß sie die paar Worte: »ich stimme gegen diesen Antrag« nur mit schwerer Mühe ungarisch hervorbringen können. Größere Reden müssen sie in lateinischer Sprache halten.

Aber kaum erkennen wir unseren ungarischen Nabob Johann Karpáthi in seinem prächtigen, von Edelsteinen strahlenden Kleide wieder, welcher schwerfälligen Körpers, wie er ist, mit der natürlichsten Konsequenz den trägen Stillstand repräsentiert und die ewige Zielscheibe der Opposition ist, die ihn fortwährend mit ihrem beißenden Spott verfolgt; keiner aber verfolgt ihn mit so großer Erbitterung wie sein Neffe, der, wenn er keine andere Ursache gehabt hätte, nach Ungarn zurückzukommen, schon deshalb gekommen wäre, um seinen Onkel auf dem öffentlichen Kampfplatz zu verfolgen.

Der Gedanke, auf dem Landtag all seinen Glanz zu entfalten, der Gegenstand des öffentlichen Gesprächs, des Ruhms zu sein, bei den Frauen und Töchtern aller Vornehmen, die von allen Seiten des Landes zusammenströmten, Eroberungen zu machen, zog ihn nicht so mächtig nach Preßburg, wie der Gedanke, daß er da mit seinem Onkel an einem Ort zusammenkommen werde, wo jener ihm nicht entgehen und wo er ihn ungestraft bis aufs Blut ärgern kann.

Hätte sein Onkel zu der Opposition gehört, so wäre er konservativ geworden, so fiel aber das Verhältnis umgekehrt aus und Bela war so wütend oppositionell, daß seine Kameraden auf ihn stolz wurden.

Auch der Name eines andern von unseren Bekannten wird öfter vorkommen, zwar nicht in den Berichten über die heißen Landtagsdiskussionen, noch in den Wiener Modeberichten, sondern auf dem Felde jedes freisinnigen Fortschritts, unter den Subskriptionen zu jedem wohlthätigen Zweck, unter den Namen der Gründer von Nationalinstituten und das ist der Name Rudolfs von Szentirmay, welchen bei jedem menschenfreundlichen, oder eine höhere Idee befördernden Unternehmen noch ein anderer Name zu begleiten pflegt, nämlich Flora von Szentirmay-Eßéki.

Wir sind also zu Hause.

Jeder fühlt, es sei eine an Ereignissen reiche Zeit angebrochen.

Große Ideen, weitreichende Reformen tauchen auf dem Felde der Öffentlichkeit auf; in den Kaffeehäusern werden die Zeitungen verschlungen, in den Soireen, bei Gastmählern wird auch schon von anderen Dingen gesprochen, als von der Jagd und der Mode, die Damen beginnen die Farben zu ihrem Anzug zu wählen, die öffentliche Meinung ist eine Macht geworden, die stürzt und erhebt, je nachdem jemand ihr Liebling oder ihr auserlesenes Opfer geworden ist. Das Publikum besucht die Galerien des Landtagssaales mit solcher Lust und Neugierde, wie das Theater, und abends gehen die Väter des Vaterlandes noch lieber ins Theater, als zu den Beratungen.

Heute ist eben öffentliche Magnatensitzung, die Galerien sind vom Publikum beiderlei Geschlechts und jeden Ranges überfüllt, denn tags vorher ging das Gerücht, daß heute heftige Diskussionen stattfinden, daß die beliebtesten Redner sprechen, und daß es große freundliche und feindselige Demonstrationen geben werde.

Es ist eine wichtige Frage an der Tagesordnung, deren Entscheidung den Sieg der einen und den Sturz der andern Partei nach sich ziehen muß. Die Aufmerksamkeit ist im Saal wie auf der Galerie sehr gespannt und während vorläufig die Protokolle gelesen werden, herrscht eine solche Stille, daß man das Kritzeln der Stenographen hört.

Indes steht ein wegen seiner Weitläufigkeit und platten Ausdrucksweise bekannter Redner auf und fängt eine lange lateinische Rede an, deren verworrene Einleitung den Schluß nur in weiter Ferne ahnen läßt.

Die eintönige Unterhaltung beginnt jenen Teil des Publikums, der die Sprache nicht versteht, zu langweilen. Die Aufmerksamen ärgern sich gar. Der Schwarm der jungen Juraten beginnt schon ungeduldig mit den Degen zu klirren; bei manchen auffallenden Sätzen lassen die Mitglieder der Opposition ihr spöttisches Ah! Ah! hören. – Wo die Ausdrücke ein bißchen unerträglicher wurden, da rief einer: Hört! und hundert Stimmen riefen es sogleich nach, sodaß man gar nichts hören konnte.

Das alles stört den Redner nicht, im größten Lärm setzt er seine Rede fort, ohne auf die Seite zu blicken, bis endlich der Lärm von selbst sich beschwichtigt.

Seine Rede bringt im Hause eine große Gereiztheit hervor. Mehrere von den hitzigeren Magnaten stehen auf und verfügen sich zu ihren Genossen, um mit ihnen zu sprechen; wo drei, vier eines Sinnes sind, stecken sie die Köpfe zusammen und flüstern unter heftigen Gestikulationen; das Publikum verlegt sich aufs Raten, was diese wohl sprechen mögen.

Auf einer Galerie, die von Damen und Herren besetzt ist, steht eine Gruppe Juraten in schwarzen Attilaröcken und engen ungarischen Beinkleidern; einer derselben ist augenscheinlich schon längere Zeit in Preßburg, die übrigen sind wahrscheinlich erst jetzt angekommen, denn sie zeigen sich über alles sehr erstaunt und fragen jenen fortwährend: wer ist der, welcher jetzt aufgestanden ist? wer ist der, der jetzt die Feder eintaucht? wo sitzt der, wo jener? wer gehört zu den Liberalen, wer nicht? und andere ähnliche Fragen. Der Gefragte weiß natürlich auf alles eine befriedigende Antwort zu geben, denn er ist schon seit Eröffnung des Landtags in Preßburg, ist beim Personal (Stellvertreter des Königs im Unterhause) in der Praxis und mit allen Celebritäten persönlich bekannt; er weiß sogar, in welches Kaffeehaus jeder, je nach der Partei, zu welcher er gehört, zu gehen pflegt, und verschafft sich somit bei seinen Kameraden ein gewisses Ansehen.

– Seht, der dort ist Karpáthi Bela, sagt er, indem er ihnen denselben zeigt; der ist ein wackerer Junge, unter allen Magnaten ist keiner so liberal wie er. Man kann sich's vorstellen, wenn er sogar gegen seinen eigenen Onkel auftritt, weil dieser zu den Konservativen gehört. Würde ich es wagen, gegen meinen Onkel Gregor zu sprechen? und der ist doch nur ein Stuhlrichter. Freunde, das ist ein großer Charakter, ein prächtiger Mann, er kann sogar ungarisch, er spricht es so fließend, daß jeder von uns ihn verstehen kann.

Die wilden Jungen konnten sich nicht genug verwundern.

– Seht nur, jetzt gefällt ihm etwas nicht, was der Redner sagt, er nimmt die Feder in die Hand; wie prächtig er sie eintaucht! gewiß schreibt er sich eine Bemerkung auf, um später einen Antrag zu stellen. Aha, jetzt giebt er das Papier von Hand zu Hand. Jedem gefällt es, sie billigen es, o er ist ein kluger Mann.

Was war's aber? Nichts weiter, als eine Karikatur seines Onkels, die der jüngere Karpáthi jetzt gezeichnet hat; er zeichnete den guten Alten als einen geduldigen Widder, der an Urbarialakten kaut.

– Seht, jetzt sind zwei aufgestanden, um zu ihm zu gehen, obwohl sie zur Gegenpartei gehören. Gewiß kapacitiert er sie für seinen Gedanken. Seht, wie stolz er ihnen zeigt, wie er zu antworten wissen wird. Das glaube ich, sie aber wagen es zu zweifeln. Soll nur die Sache einmal zur Sprache kommen, er wird sie schon überzeugen.

– Wetten wir, daß sie hier sein wird, sprach Bela Karpáthi zu den beiden jungen Magnaten, die sich zu ihm beugten und mit ihm sprachen.

– Ich glaube es nicht, bis ich es nicht sehe, sagte Livius, ein schlanker, junger Mann mit einer Adlernase. Sie ist ein in aller Strenge erzogenes Mädchen.

– Ei, die Mädchen sind alle gleich. Jede hat ein Herz, man braucht nur den Schlüssel dazu zu finden.

– Dieses Schloß kannst du nicht einmal mit Gewalt aufbrechen. Das Mädchen wird von einer fortwährend betenden Tante bewacht, die ihr überall auf der Ferse folgt.

– Pah! der frommen Tante verrücken wir den Kopf und der Hesperidengarten ist unser.

– Ich sage dir, sie ist unzugänglich, man läßt sie nirgends hingehen, sie kommt nie ins Theater, auf die Promenade, nirgends, wo viele Menschen beisammen sind, kommt sie hin, ausgenommen in die Kirche und auch dort pflegt sie auf dem Chor zu sitzen und mitzusingen.

– Das alles weiß ich schon längst. Man hat mir auch gesagt, daß sich das Mädchen im Kirchengesang auszeichnet. Das ist genug, nun wissen wir, daß sie sich gern hören läßt und Künstlerneigungen hat. Ein solches Gemüt ist mancher Eindrücke fähig. Ihr wißt, daß ich mit Fennimore um tausend Dukaten gewettet habe, das Mädchen werde binnen einem Jahre bei mir wohnen.

– Das scheint mir sehr unglaublich, wenn ich bedenke, welch ein klägliches Ende Fennimores Bewerbungen um sie genommen haben.

– Wie so denn? Was ist geschehen? fragte ein Dritter, der eben hinzugekommen war.

Abellino war sogleich bereit, die erbetene Aufklärung zu geben.

– Also der gute Junge schickte dem Mädchen Liebesbriefe, welche die Empfängerin immer sogleich ihrer Tante übergab. Diese schlaue, betende Hexe bestellte Fennimore in Fannys Namen zu einem Rendezvous in den neben dem Haus befindlichen Garten; er kommt zur bestimmten Stunde durch die offen gelassene Hinterthüre und wartet eine Weile ungeduldig zwischen den Stachelbeersträuchern; da niemand kommt, bemerkte er, daß man ihn angeführt habe. Er will also wieder fortgehen, wie er aber zu der Thüre gelangt, durch welche er hereingekommen war, findet er sie geschlossen. Nun überlegt er, was zu thun sei; Geräusch zu machen war gefährlich, denn im Hof arbeiteten acht Tischlergesellen des Herrn Boltay; wenn er Lärm macht, so polieren sie ihn, daß er seine Haut selbst nicht mehr erkennt – und ringsherum war eine unübersteigliche Mauer. Er hatte also keine andere Wahl, als sich zwischen den Blumenbeeten niederzulegen und den Morgen abzuwarten, bis der Gärtner die Thüre wieder öffnen werde. Man kann sich denken, welche Aufgabe das für Fennimore war, der, wenn sein Betttuch nur eine Falte hat, nicht schlafen kann und der sich niemals niederlegt, ehe er sich nicht mit tausenderlei Wassern gewaschen hat. Hierzu kam noch der grausame Zufall, daß es um Mitternacht zu regnen anfing und fortregnete, als ob man volle Eimer ausschüttete; im ganzen Garten war kein Loch, kein Glashaus, nicht einmal eine Spargeldecke zu finden, worunter er sich hätte flüchten können und dieser Spaß dauerte bis sechs Uhr früh; erst dann entkam Fennimore aus dieser Douche. Er hatte Nankinginexpressibles an, einen Frack mit seidenem Kragen und einen Kastorhut. Ihr könnt euch vorstellen, wie er aussah. Jedem Bekannten, den er im Nachhausegehen antraf, sagte er, er habe einen Knaben vom Ertrinken gerettet.

– Also deshalb hatte er so viel Lust auf Fannys Tugend zu wetten?

– Natürlich. Gewinnt er, so hat er recht und tausend Dukaten dazu, verliert er aber, so hat er die Befriedigung, daß das Mädchen gefallen ist, wenn auch nicht durch ihn.

– Ich kann euch versichern, daß er verlieren wird, Fanny wird binnen einem Jahre vollkommen so sein, wie alle Frauenzimmer.

– Und auf welchem Wege glaubst du zum Ziel zu gelangen?

– Das verrate ich nicht; genug, wenn ich euch sage, daß das Mädchen heute auf der Galerie erscheinen wird; hier gleich neben der fünften Säule, Punkt elf Uhr, dort wo die vielen Juraten stehen.

So lehrreiche Gespräche hielt die vortreffliche Gruppe, welche unsere Juraten nicht genug bewundern konnten, während die Väter des Vaterlandes über eine tiefeingreifende Frage harte Worte wechselten.

– Seht nur, sagt die Notabilität unter den Juraten zu seinen Kameraden, jetzt hat Seine Gnaden auf mich hergeschaut. Er kennt mich gut, ich spreche oft mit ihm, wenn mich mein Prinzipal mit einem Cirkulare zu ihm schickt. Er blickt gewiß deshalb her, um uns aufmerksam zu machen, daß er bald sprechen werde. Nun, wir werden ihm Éljen zurufen. Schreit nur recht laut.

In diesem Augenblicke hörten die Juraten das Rauschen eines Damenkleides hinter sich, und diejenigen, die Zeit hatten zurückzublicken, sahen ein nett gekleidetes Bürgermädchen in Begleitung einer abgelebten, aber stark aufgeputzten Frau. Das Mädchen konnte kaum älter als sechzehn Jahre sein, ihr Wuchs war schlank, ihr Gesicht frisch und schien jetzt zu glühen, ihre Lippen bebten, als ob sie Angst hätte; sie bemüht sich über die Schultern der vor ihr Stehenden auf die, welche unten saßen, zu blicken, während die aufgeputzte Frau ihr etwas ins Ohr flüstert, worauf das Mädchen oft neugierig zurückblickt und fragt: welcher?

– Dort ist sie! flüsterte Abellino seinen Kameraden zu und richtete seine Lorgnette nach ihr. Eben ist sie angekommen; dort hinter den Juraten. Jetzt könnt ihr sie wegen des riesenhaften Lümmels nicht sehen, der vor ihr steht. Da kommt sie wieder zum Vorschein; wie sie errötet, wie furchtsam ihre schwarzen Augen umherschweifen; seht nicht so aufmerksam hin, sonst merkt sie es und erschrickt. Wenn nur der Teufel den langen Lümmel vor ihr holte.

– Seht, sprach der Jurat, jetzt hat er auf mich gezeigt, auch die anderen Herren schauen auf mich her. Gewiß erzählt er ihnen von mir. Er hat mich sehr gern; mein Prinzipal erzählt ihm immer von mir. Wie aufmerksam er auf mich herschaut, vielleicht sollte ich ihn grüßen.

Der gute Junge wußte sich nicht zu helfen; jeden Augenblick nahm er eine andere Stellung an, bald nahm er den Degen auf den Arm, bald stützte er sich darauf, bald drehte er sich den Schnurrbart; er wandte sich zu seinen Kameraden, um mit ihnen mit komischem Ernst zu sprechen, schnitt bald ein solides Gesicht und bald lächelte er weise, wie junge Laffen zu thun pflegen, wenn sie bemerken, daß man sie anschaut.

Endlich konnte er so viel Glorie nicht mehr aushalten, die nach ihm gerichteten Lorgnetten brannten ihm auf die Haut, wie Brenngläser. Er sagte seinen Kameraden, er müsse jetzt zu seinem Prinzipal eilen und wenn Karpáthi indes etwa sprechen sollte, möchten sie gut acht geben, um es ihm erzählen zu können. Hiermit eilte er fort.

Durch die nach seinem Verschwinden entstandene Lücke wurde die Gestalt des Bürgermädchens sichtbar, die aber nur einen Augenblick verweilte und sich gleich mit ihrer Begleiterin entfernte.

– Das war sie wirklich! sagten die unten; wieder eine Teufelei von Bela.

In diesem Augenblick erklangen die Schlußworte des letzten Redners der Oppositionspartei, begleitet von dem Lärm der Zuhörer.

– Was ist das für ein Lärm? fragten einander die jungen Väter des Vaterlandes, die in einer Gruppe zusammen sprachen. Wovon war die Rede?

Zur Vermeidung jeder weiteren gereizten Diskussion hielt es der Präsident für gut, einfach abstimmen zu lassen, ob die Motion des Unterhauses angenommen werden solle oder nicht. Den Gesichtern der ernsteren Staatsmänner sah man es an, mit welcher Spannung sie dem Resultat der Abstimmung entgegensahen – unsere junge Generation aber sprach, was ihr eben in den Mund kam.

Die Juraten hatten leichte Mühe Abellinos Rede auswendig zu lernen.

– Nun, nun? fragte der Koryphäe seine Kameraden, als sie nach Hause kamen, was hat Karpáthi gesagt? Nicht wahr, seine Rede war prächtig?

– Er hat gesagt: »ich nehme den Antrag des Unterhauses an!«

– Das hat er gesagt? Wie witzig!

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