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Ein tragisches Ende

Hubertus Temme: Ein tragisches Ende - Kapitel 4
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authorJodokus Donatus Hubertus Temme
titleEin tragisches Ende
publisherVerlag das Neue Berlin
year1984
correctorreuters@abc.de
illustratorGünter Lück
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Wer war der Mörder?

Ich war Direktor der Kriminalbehörde in N. Eines Tages, im Sommer, meldete sich des Morgens ein Bauer aus der Gegend bei mir. Es war ein kräftiger Greis mit schneeweißem Haar. Nie werde ich den Ausdruck des Schmerzes in dem gefurchten Gesicht vergessen.

»Herr Kriminaldirektor, der königliche Förster von Winkelhorst hat heute nacht meinen Sohn erschossen. Es war mein einziger.«

Er hatte mit trockenen Augen anheben können. Als er die Worte sprach: »Es war mein einziger«, stürzten ihm die Tränen unaufhaltsam aus den Augen.

Ich ließ ihn sich sammeln. Dann forderte ich ihn auf zu erzählen.

Es war ein sehr einfacher Hergang, den er mir mitteilte. Vorfälle solcher Art kamen damals leider des öfteren vor; nicht bloß in jenen Revieren, nicht bloß in jener Provinz. Ein trauriges Gesetz hatte sie im ganzen Lande hervorgerufen. Der alte Bauer hatte geschlagenes Holz in dem königlichen Forst gekauft. Sein Sohn war mit einem Knecht hingefahren, um es aufzuladen und abzuholen. Während sie beim Aufladen waren, war der Revierförster herzugekommen. Es war Holz an mehrere Personen verkauft worden. Die verschiedenen verkauften Haufen lagen in Reihen beisammen. Der Förster behauptete, der Sohn des Bauern lade einen fremden größeren Haufen auf, und verlangte, wieder abzuladen. Der junge Bauer behauptete in seinem Recht zu sein. Der Förster bestand auf seinem Befehl und erklärte, ihn mit Gewalt durchsetzen zu müssen und zu wollen. Der junge Bauer entgegnete, Gewalt mit Gewalt zurückweisen zu wollen. Der Förster kam näher. Der Bauer streckte ihm drohend seine Axt entgegen. Der Förster legte sein Gewehr auf ihn an und forderte ihn auf, die Axt aus der Hand zu legen. Nimmer! rief der Bauer. Der Förster wiederholte die Aufforderung; er werde sonst schießen. Das möge er einmal wagen, ruft der Bauer, seine Axt schwingend. Der Förster schießt den jungen Bauern nieder.

So erzählte der Vater des Erschossenen selbst mir den Hergang. Ihm hatte denselben der Knecht so erzählt, der zugegen gewesen war.

Er verlangte von mir die Bestrafung des »Mörders«. Die Forstbeamten würden alle Tage übermütiger; ein Menschenleben werde von ihnen für nichts mehr erachtet. In diesem Falle liege ein offener, vorher ruhig überlegter Mord vor. Sein Sohn sei dem Förster bekannt gewesen. Er sei ein wohlhabender Bauer, der für ein paar Stücke Holz wohl aufkommen könne. Wie da, wenn auch sein Sohn wirklich das unrechte Holz aufgeladen, das Erschießen desselben zu rechtfertigen sein könne? Gegen die Übergriffe, gegen die Brutalität der Beamten müsse endlich einmal Gerechtigkeit geübt werden.

Hatte der alte Mann recht? Ich glaube, keiner meiner Leser möchte daran zweifeln wollen.

Ich mußte dennoch zu seinem Begehren den Kopf schütteln.

Der Förster war nach dem Gesetz völlig in seinem Recht gewesen. Er hatte gehandelt, wie er nach dem Gesetz handeln durfte, nach seiner Instruktion vielleicht gar handeln mußte.

Ich sagte es dem Bauern.

In den alten Augen gesellten sich zu den Tränen des Schmerzes Tränen des Zornes.

»Welche Gesetze! Welches Recht!« rief er.

Der Vorfall mußte dennoch gerichtlich untersucht werden, um, wie das Gesetz sagte, zu ermitteln, ob ein Mißbrauch der Waffe von Seiten des Forstbeamten stattgefunden habe. Zu der Untersuchung war ein Oberforstbeamter zuzuziehen.

Es war, wie die Sache lag, eine bloße Formalität. Aber das Gesetz schrieb sie einmal vor, und – konnte sich doch noch ein Umstand ermitteln lassen, der die offenbare Roheit, die jedenfalls vorlag, auch als eine ungesetzliche, strafbare Handlung darstellte! Dem verletzten allgemeinen Rechtsbewußtsein gebührte dann die strengste rechtliche Genugtuung. Dies veranlaßte mich, selbst die Untersuchung zu führen.

Ich begab mich unter Zuziehung des Oberforstmeisters der Regierung an Ort und Stelle in den Forst.

Die Untersuchung blieb ohne ein anderes als das von Anfang an vorauszusehende Resultat. Jener Umstand ließ sich nicht ermitteln. Der Förster hatte vollkommen nach seinem gesetzlichen Recht gehandelt. Kein Strafgesetz und kein Strafgericht konnte ihm beikommen. Sein Vorgesetzter, der Oberforstmeister, konnte sich sogar nicht enthalten, ihm eine Belobigung seines zwar strengen, aber durchaus amts- und pflichtmäßigen Verhaltens zu erkennen zu geben.

Aber etwas anderes sollte die Untersuchung mir eintragen: ein Rätsel des Lebens und des Herzens zu lösen.

Es war des Nachmittags, als ich an dem Forsthause Winkelhorst anlangte. Der Sommertag war warm. Im Forst war es frisch und schattig. Ich war des langen Fahrens überdrüssig geworden und machte daher die letzte halbe Stunde bis zum Forsthaus zu Fuß. Der Wagen fuhr in einiger Entfernung hinter mir her.

Das Forsthaus lag völlig einsam, mitten im Walde. Nur ein mäßiger Garten schloß sich ihm von der Rückseite an, und ein kleiner freier Platz lag vor ihm; wohin sonst das Auge blickte, sah es nur Wald, nur dichte, hohe Bäume.

Tiefe Stille herrschte im Hause und rundumher, als ich ankam.

Das Haus war hell, freundlich, wohlerhalten. Große Hirschgeweihe prangten stattlich über der Tür, große Jalousien zierten die Fenster; Geisblatt und Reben rankten hinauf. Im Garten blühten Flieder und Rosen und Schneebaum und hinten auf langen Beeten Erbsen und Frühbohnen.

Zwischen den Blumen und Blüten spielte munter ein Kind, ein bildschöner Knabe von fünf Jahren.

Aber langsam, gesenkten Hauptes wandelte zwischen ihnen umher eine schöne, blasse Frau, auf die Blumen nicht achtend. Ich war stehengeblieben, das Bild zu betrachten, das mich auf einmal wehmütig stimmte. Ich mußte länger stehenbleiben.

Hinter dem Hause und dem Garten war ein alter Mann aus dem Wald getreten. Er war auf den Garten zugegangen. Die Frau hatte ihn gesehen, ging ihm entgegen und öffnete ein Pförtchen, das sich an der Rückseite des Gartens befand. Er trat zu ihr in den Garten.

»Bist du allein, Marianne?« fragte er.

»Ja, Christian.«

»Und wie geht es dir?«

»Wie du siehst.«

Der Alte schüttelte traurig den weißen Kopf. »Wie könnte es hier auch gut gehen!« sagte er dann.

Sie hatten mich bis dahin beide noch nicht gesehen; in dem Augenblick aber kam mein Wagen herangefahren, sie sahen auf, und nun gewahrten sie auch mich. Die Frau schien heftig zu erschrecken. Sie sprach schnell ein paar leise Worte zu dem alten Manne. Er warf einen mißtrauischen Blick zu mir herüber. Sie ging nach dem Hause hin, während er bei dem spielenden Kinde zurückblieb.

Sie hatte mir entgegengehen, mich empfangen wollen.

Ich ging ebenfalls auf das Haus zu.

In der Tür begegnete sie mir. Sie war in der Nähe noch schöner, die feinen Züge, aber auch das tiefe und doch stille Leiden in dem blassen Gesicht traten klarer hervor.

Erschrocken war sie nicht mehr, aber eine gewisse Scheu und Verwirrung sprach sich noch in ihrem Wesen aus.

»Sie sind der Herr Kriminaldirektor?« fragte sie mich.

»Ja, Madame.«

Sie teilte mir nun mit, der Oberforstmeister sei schon vor einer Stunde angekommen. Er habe noch andere, dringende Geschäfte in dem Forst gehabt und dazu ihren Mann, den Förster, mitgenommen. Dieser lasse sich entschuldigen, daß er nicht auf mich gewartet habe. Ihr Mann habe seinem Vorgesetzten folgen müssen. Ich würde die beiden in dem Forst an der Stelle treffen, wo das Unglück geschehen sei. Ein Knecht werde mich hinführen. Sie lud mich indes ein, vorher einen kleinen Imbiß zu nehmen.

Alles hatte sie mit einer außerordentlich weichen Stimme gesprochen, in einer gebildeten Sprache, ihre Scheu hatte sie nur halb überwinden können. Um so weniger glaubte ich, ihre Einladung annehmen zu dürfen.

Es schien ihr in der Tat leichter zu werden. Sie rief nach dem Knecht, der mich führen sollte. Aber der Mensch war nicht da. Sie wurde verlegen.

Darüber kam der alte Mann, der im Garten mit ihr gesprochen hatte.

»Ich werde den Herrn führen, wenn Sie nichts dagegen haben, Frau Försterin«, erbot er sich.

Vorhin hatte er sie Marianne und du genannt.

Sie war im Zweifel, ob sie sein Anerbieten annehmen sollte.

»Der Rückweg würde dir beschwerlich werden, Christian. Du müßtest ihn zu Fuß machen.«

»Ich kann es ja, Gottlob, noch.«

Er ließ keine Einwendungen mehr gelten und setzte sich zu dem Kutscher auf den Bock.

Ich fuhr mit ihm ab.

Beim Abschied sah die Frau mich endlich an. Aber die großen, tiefblauen Augen senkten sich forschend in die meinigen.

Aber warum? Welches Geheimnis ruhte oder wühlte in dem Innern dieser jungen, schönen, trauernden Frau?«

»Die Frau Försterin ist kränklich?« fragte ich unterwegs den alten Mann.

»Die Gesündeste ist sie nicht«, antwortete er kurz.

»Ihr wohnt hier in der Nähe?«

»Ja.«

»Schon lange?«

»Ja.«

Er hatte offenbar keine Lust, sich mit mir in ein Gespräch einzulassen. Ich fragte ihn daher nicht weiter. Auch er war ein Stück Rätsel. Einmal mußte ich ihn doch noch fragen.

Wir fuhren in dem Forst, fast in einem Halbbogen, an einem langen, weiten Bruche vorbei, dessen grauer, mitunter offen schlammiger Boden nur in einzelnen Gruppen Bäume, Erlen, trug. Der alte Mann hatte oft mit so eigentümlichen Blicken in den Bruch, auf die Erlen geschaut. Nachdem wir beinahe eine Stunde gefahren waren, fiel an einer Krümmung des Weges sein Blick auf einmal wie erschrocken auf einen andern Gegenstand. Es war ein einfaches, schwarzes hölzernes Kreuz, das unmittelbar am Wege stand. Aus dem Winkel seines Auges schien er dann plötzlich und unwillkürlich nach mir zurückzublicken.

»Was bedeutet das Kreuz?« fragte ich ihn.

»Hier ist einer erschlagen worden«, antwortete er wieder kurz.

»Schon lange?« fragte ich dennoch weiter.

»Es sind sieben Jahre.«

»Und wer hat das Kreuz gesetzt?«

»Ich.«

»Der Erschlagene war ein Bekannter von Euch?«

»Ja, Herr.«

»So könnt Ihr mir die Geschichte erzählen?«

»Sie haben sie ja in Ihren Akten.«

»Wie hieß der Erschlagene?«

»Felsener. Er war Forsteleve hier.«

»Und sein Mörder?«

Der alte Mann antwortete mir nicht. Er schien in Erinnerungen und in Schmerz versunken zu sein.

Ich wiederholte meine Frage.

»Ein Wilddieb«, sagte er kurz, fast unverständlich.

Ich mußte wieder auf weitere Fragen verzichten.

Wir erreichten die Stelle, an der, wie die Försterin gesagt hatte, das Unglück geschehen war.

Ein neues Rätsel oder vielmehr der letzte Teil des Rätsels sollte mir entgegentreten.

Der Oberforstmeister und der Förster waren schon da. Den Oberforstmeister kannte ich, den Förster Wolf sah ich zum ersten Male.

Es war ein kleiner, magerer Mann, in der Mitte der dreißiger Jahre, mit einem blassen Gesicht, schmalen Lippen, grauen Augen, schwarzem, kurzgeschorenem, hartem Haar. Sein Blick war unstet, aber wie von einem in ihm brennenden Feuer, einer unruhigen Schwärmerei hin und her getrieben. Er machte einen unangenehmen Eindruck.

Wie war dieser Mann zu jener schönen, leidenden Frau gekommen? War er ihr Leiden? War er der Schlüssel zu ihrem Rätsel? Oder war er ein neues Rätsel?

Ich hatte ihn über die Niederschießung des jungen Bauern zu vernehmen. Er erzählte offen, ohne irgendeinen Rückhalt, den ganzen Vorfall. Aber in welch sonderbarer, seltsamer Weise!

»Ich habe ihn erschossen. Ich habe ihn mit ruhigem, kaltem Blute niedergeschossen. Er wollte mir nicht gehorchen. Er widersetzte sich mir. Er erhob seine Axt drohend gegen mich. Da war es nach dem Gesetze mein Recht und meine Pflicht, ihn niederzuschießen. Es tat mir leid, daß ich es mußte. Es war ein Menschenleben. Es war ein redlicher Mensch, nur etwas roh war er immer gewesen. Ich überlegte bei mir, ob ich es denn müsse. Ich wollte es gewiß ungern. Aber das Gesetz forderte es von mir. Und es waren andere Leute in der Nähe, Zeugen des Vorfalls. Der Verstorbene war von seinen Genossen geachtet, sein Beispiel war für sie maßgebend. Sie hätten ihm nicht beigestanden, denn er war im Unrecht, und sie sahen es ein. Aber es wäre für immer mit der amtlichen Autorität in dem Forst vorbeigewesen, wenn ich nachgegeben, wenn ich nicht den Mut gehabt hätte, zu tun, was mein Amt, was meine Pflicht von mir forderte. Das alles überlegte ich mir. Es blieb mir keine Wahl. Ich bat Gott in meinem Herzen um Verzeihung, wenn ich eine Sünde dadurch beginge, daß ich dem Gesetze gehorchte, das der König gegeben, das ich beschworen hatte. Dann schoß ich ihn nieder.«

Das war seine Auslassung. Sie kam aus seinem Innersten. Es war kein Wort Verstellung darin. Es war die Überzeugung und die Wahrheit des furchtbarsten Fanatismus, des still und kalt und spitzfindig Grübelnden und dann zum Äußersten Fähigen.

Daß jene arme Frau – sie mußte mir zuerst wieder einfallen – mit diesem Menschen hatte unglücklich werden müssen, das war keine Frage. Aber was hatte sie mit ihm verbinden können? Und wie war er das geworden, was er war?

Einmal meinte ich, auch er sei mitten in der ruhigen, klaren Auseinandersetzung seines fanatischen Tuns plötzlich heftig in seinem tiefsten Innern vor etwas zusammengeschreckt, und ich glaubte dann auch in seinen Augen denselben scheuen, ängstlichen Blick zu bemerken, den seine Frau und der alte Christian verstohlen auf mich geworfen hatten. Aber im Augenblicke nachher war er wieder vollkommen ruhig und klar.

Es konnte keine Untersuchung gegen ihn eingeleitet, sein Verhalten mußte als ein gesetzmäßiges anerkannt werden.

Aber jene Fragen über den Mann blieben mir unbeantwortet. Jenes ganze dreifache Rätsel des einsamen, stillen, freundlichen Forsthauses blieb mir ungelöst.

Freilich nicht lange, nur wenige Tage.

Der Zufall spielt so oft wunderbar im Leben.

In N. befand sich zugleich, getrennt von dem Kriminalgericht, die Strafanstalt der Provinz.

Eines Tages, bald nach dem Vorfall, kam gegen Abend der Geistliche der Strafanstalt, ein alter, würdiger Mann, zu mir.

Er komme in einer wichtigen Angelegenheit, sagte er. Ein alter Sträfling, Friedrich Sander mit Namen, liege im Sterben und habe ihn vor einer Stunde zu sich rufen lassen, um ihm seine letzte Beichte abzulegen. Er komme unmittelbar von ihm.

Der Name Friedrich Sander war mir bekannt. Der Mann war früher ein frecher, oft bestrafter Wilddieb gewesen und zuletzt wegen Ermordung eines Forstbeamten zu dreißigjähriger Zuchthausstrafe verurteilt worden. Er verbüßte diese Strafe in der Strafanstalt seit ungefähr sechs Jahren. Näheres war mir über ihn, sein Verbrechen und seine Untersuchung nicht bekannt. Er war schon seit einigen Jahren rechtskräftig verurteilt und in die Strafanstalt abgeliefert, als ich nach N. versetzt wurde. Nur so viel wußte ich noch, daß er den Mord bestritten hatte, daß ihm dieser auch nicht vollständig hatte bewiesen werden können und daß er daher, da wegen des mangelnden vollen Beweises die ordentliche Strafe des Gesetzes, die Todesstrafe, nicht gegen ihn erkannt werden durfte, nach den damals bestehenden Gesetzen zu jener dreißigjährigen Zuchthausstrafe verurteilt worden war – sie kam, da er zur Zeit der Tat schon einige vierzig Jahre zählte, einer Verurteilung auf Lebenszeit gleich.

»Hat er Ihnen in seiner Sterbestunde den Mord bekannt?« fragte ich den Geistlichen.

»Nein«, war die Antwort, »er hat mir im Gegenteil auch in dieser letzten Stunde noch beteuert, daß er unschuldig sei.«

Ich mußte ein ungläubiges Gesicht machen.

»Die recht verstockten Verbrecher, Herr Pfarrer, können nur mit einer Lüge auf den Lippen sterben. Sie selbst werden es oft genug erfahren haben.«

»Leider. Und ich erkannte es. Gerade diese Erfahrung hat mich aber um so mehr gelehrt, die Wahrheit von der Heuchelei auf dem Totenbett zu unterscheiden.«

»Und bei Sander glauben Sie Wahrheit gefunden zu haben?«

»Ja.«

»Darf ich Sie um das bitten, was er Ihnen gesagt hat?«

»Über das Verbrechen selbst hat er nur wenig gesprochen. Er beteuerte mir nur seine Unschuld, und als ich aus der Art und Weise, wie er dies tat, die Überzeugung zu gewinnen glaubte, daß er wirklich kein Mörder sei, hielt ich es für meine Pflicht, sofort Ihnen, Herr Direktor, die Anzeige zu machen. Ist Sander nicht der Mörder, so ist es ein anderer, und die Ermittlung des rechten Mörders ist um so mehr geboten, als ein Unschuldiger schon so manches Jahr für ihn hat büßen müssen. Diese Ermittlung steht aber Ihnen zu, und der geübte Kriminalrichter wird den Sterbenden zweckmäßiger befragen können, als ich es vermocht hätte. Darum bin ich hierhergeeilt.«

Der brave Geistliche hatte recht.

»Kann Sander noch bis morgen leben?« fragte ich ihn.

»Der Arzt gibt ihm höchstens noch eine Stunde.«

So mußte auch ich eilen, und ich konnte leider nicht vorher die in der Registratur des Kriminalgerichts befindlichen Akten zur Hand nehmen, um das Nähere des Verbrechens kennenzulernen und danach meine Fragen an den Sterbenden zu richten.

Ich begab mich mit dem Geistlichen in die Strafanstalt.

Sander lag in einer engen Krankenstube allein. Nur ein Wärter war bei ihm.

Wie traurig ist ein Sterbegemach! Seine Schrecken lernt nur der kennen, der es in Kerkern und Gefängnissen betreten hat. Da liegt der Sterbende in der grauen, nackten, engen Zelle und sieht nichts als die grauen, nackten Wände und den Tod, der vor ihm steht, seine Hand nach ihm ausstreckt und ihm alle seine Verbrechen, sein ganzes Leben der Sünde vorhält. Wohin er blicken mag, da sieht er den Tod, und wenn er auch die Augen schließt, er sieht ihn nur um so schrecklicher, um so drohender. Und niemand ist da, der ihn schützen, den er zu seiner Hilfe in seiner Einsamkeit herbeirufen kann. Kein Vater, keine Mutter, kein Bruder, keine Schwester, kein Gatte, kein Kind, kein Freund. Es ist so einsam um ihn und so kalt und doch so heiß. Ein Wärter ist bei ihm, aber es ist ein Kerkerknecht, der den Tod nicht abwarten kann, und er setzt sich abseits, um nicht zu sehen und nicht gesehen zu werden; so kann er ungestört schlafen. Wenn er erwacht, wird es vorbei und ein Spitzbube oder Mörder wird weniger in der Welt sein.

Der alte, oft bestrafte Wilddieb und verurteilte Mörder kämpfte nicht mit den Schrecken und Qualen jenes Todes. Die Aussage hatte ihn sehr schwach gemacht. Er atmete langsam und schwer. Der Tod stand an seinem Lager. Er wußte es, aber er kämpfte nicht mit ihm. Er konnte ihn ruhig erwarten.

Das ruhige Todesantlitz, der fast glänzend klare Blick des Mannes ergriffen mich ungewöhnlich.

»Sie sind der Herr Direktor?« fragte er mich hastig, als ob er fürchte, der Tod könnte ihn eher abrufen, bevor er sich ausgesprochen hätte.

»Ihr habt mir etwas zu sagen?« erwiderte ich ihm.

»Ja, Herr. Sie müssen es auch noch von mir hören, daß ich an dem Tode des Forsteleven unschuldig bin. Ich kann darum ruhig sterben. Ein Wilddieb bin ich gewesen. Aber ich habe meine Strafe dafür gehabt, und der liebe Gott wird mir da die paar Hasen und Rehe nicht nachrechnen, die ich hier auf Erden geschossen habe. Er läßt ja alle Jahre so viele groß werden und nicht allein für den König und die Forstleute. Da kann auch einmal ein armer Mann mit seinem Weib und seinen Kindern... Aber von dem Forsteleven wollte ich Ihnen sagen und daß ich an dem unschuldig bin.«

Ein heftiger Husten unterbrach ihn. Er hatte sich aufgeregt und zu schnell und zu laut gesprochen.

Aber jedes Wort, jeder Laut seiner Stimme war mir ein wunderbarer Zeuge und Bürge dafür gewesen, daß er die Wahrheit gesprochen habe.

Der Husten ging vorüber. Er hatte sich wieder erholt. Ich ermahnte ihn, langsamer und ruhiger zu sprechen.

»Habt Ihr den rechten Mörder gekannt?« fragte ich ihn dann.

»Ich glaubte es«, antwortete er. »Aber nur Gott kennt ihn bis jetzt.«

»Nanntet Ihr niemanden zu den Akten?«

»Ei ja. Aber er war der Unrechte.«

»Wen nanntet Ihr?«

»Den alten Förster. Aber er ist es nicht.«

»Und Ihr nanntet ihn doch?«

»Ich hielt ihn dafür. Ich mußte es. Noch vor einer halben Stunde.«

Er mußte wieder einhalten. Sein Atem war schwächer geworden.

»Seit einer halben Stunde?« fragte ich ihn dann, als er sich wieder erholt hatte.

»Herr Direktor«, sagte er langsamer, beinahe feierlich, »wenn man so nahe vor dem Tode steht, dann ist man doch ein anderer Mensch. Es wurde mir vorhin auf einmal so klar hier im Kopfe, und da sah ich alles so lebendig vor mir und Dinge, an die ich in meinem ganzen Leben nicht gedacht hatte. Sonst hatte ich nur immer an den alten Förster denken können. Recht klar war es mir niemals gewesen. Und nun auf einmal sah ich die ganze Geschichte vor mir, den...«

Er hatte sich doch wieder angestrengt. Er war sehr matt geworden. Der Glanz seiner Augen wurde wie eine hin und her irrende Flamme. Der Tod mußte sehr nahe bei ihm stehen.

Ich sah ihn gespannt an.

»Den Ermordeten sah ich«, führ er matt und langsam fort, »und mein Gewehr – und den Mörder – und – aber es war nicht der Alte – und auch sie sah ich – ja, sie, die...«

Seine Stimme war leiser, schwächer geworden, zuletzt unverständlich. Dann versagte sie ihm ganz. Sein Auge brach. Er röchelte noch einmal tief auf und war tot.

»Ist da ein Mörder gestorben?« fragte mich der Geistliche.

»Nein«, mußte ich antworten.

»So werden meine Gebete für seine arme Seele um so eher Erhörung finden.«

Er drückte dem Toten die Augen zu und verharrte im Gebete bei ihm.

Ich ließ mir am anderen Morgen die Akten geben, nach denen Friedrich Sander als Mörder verurteilt war. Sie enthielten folgendes:

Mitten im Walde lag das Forsthaus Winkelhorst. Vor sieben Jahren wohnten darin der alte Förster Hartmann, seine einzige Tochter Marianne, ein königlicher Jäger, Gottfried Wolf, ein Forsteleve Alfred Felsener, ein alter Knecht Christian Baumann und eine Magd.

Der Förster war Witwer.

Seine Tochter war ein schönes, blühendes Mädchen von achtzehn Jahren.

Der Jäger Wolf war schon seit drei Jahren da; er war dem manchmal von der Gicht geplagten und steif gewordenen Förster zur Aushilfe beigegeben.

Der Forsteleve Felsener war erst seit ungefähr einem halben Jahr in dem Forst und im Forsthause. Er war der Sohn eines verstorbenen höheren Forstbeamten, der gleichfalls die Forstkarriere einschlagen wollte, dazu den praktischen Dienst von unten auf durchmachen mußte und zu diesem Zweck in den Winkelhorster Forst zu dem als tüchtigen Forstmann bekannten Förster Hartmann sich hatte versetzen lassen.

Das Forsthaus lag einsam im Walde.

Der nächste bewohnte Ort war das eine gute halbe Meile entfernte große Kirchdorf Holzhausen.

Holzhausen war der gesellige Vereinigungspunkt für die rundumher wohnenden Honoratioren, für Gutsbesitzer, Kaufleute, Pfarrer, Beamte. Auch der Förster Hartmann gehörte dazu.

Seine Tochter Marianne war eine Zierde des ländlichen Gesellschaftskreises. Mit ihrer Jugend und Schönheit verband sie Anmut des Herzens und Bildung des Geistes. Der Pfarrer in Holzhausen hatte sie unterrichtet. Später war sie noch ein Jahr in der Hauptstadt der Provinz in einer Pension gewesen.

Der Forsteleve Felsener wurde von dem Förster in die Gesellschaften zu Holzhausen mitgenommen. Der schöne, gewandte, einer der angesehensten Beamtenfamilien der Provinz angehörige junge Mann, der, zugleich vermögend, schon jetzt unabhängig war und als Beamter eine bedeutende Laufbahn vor sich hatte, war dort gern gesehen. Ebenso gern ging er hin. Freilich nur, wenn auch Marianne, die Tochter des Försters, da war. Ohne sie sah man ihn nicht in Holzhausen; mit ihr war er immer da.

Manche hatten den Kopf darüber schütteln wollen. Was daraus werden solle? Der vornehme, reiche, gebildete junge Mann denke doch nicht daran, der einfachen, wenn auch für ihre Verhältnisse leidlich gebildeten Tochter eines kaum bemittelten, subalternen Unterförsters seine Hand zu reichen. Es werde kein gutes Ende nehmen. Andere meinten dagegen, der junge Mann sei durch und durch brav, und die Liebe mache alles gleich. Mit den beiden jungen Leuten selbst hatte niemand über ihr Verhältnis gesprochen; ebenso nicht mit dem alten Förster; man wußte daher nicht, wie er zu dem Verhältnis stand, ob er nur überhaupt Kenntnis oder Ahnung davon habe.

Freilich, bestand denn wirklich irgendein Verhältnis zwischen den beiden jungen Leuten? Man schloß dies ja nur aus jenem Beisammensein.

Am 24. Juni wurde in Holzhausen die Kirchweihe gefeiert.

Die Honoratioren der Umgegend hatten sich dazu alljährlich auf einem gemeinschaftlichen Balle in dem ersten Wirtshause des Dorfes zusammengefunden.

So geschah es auch in diesem Jahr.

Auch aus dem Forsthause Winkelhorst waren sie da: der alte Förster, seine Tochter Marianne, der Forsteleve Felsener und heute auch der Jäger Gottfried Wolf.

Der Jäger hatte für gewöhnlich an den geselligen Vereinigungen in Holzhausen keinen Anteil genommen. Er war ein einfacher Jäger, der in dem in mannigfacher Beziehung über ihm stehenden Kreise sich nicht recht heimisch fühlte; dabei war er still und in sich zurückgezogen. Indessen war er ein tüchtiger Forstmann und Beamter, und der Förster schätzte ihn sehr. Auf außerordentliches Verlangen war er heute mitgegangen.

Alle vier hatten sich gemeinschaftlich auf den Weg gemacht. Es war Nachmittag. Der Junitag war wunderschön, und der Weg führte immer durch den schattigen Forst. So gingen sie zu Fuß.

Alfred Felsener, der Forsteleve, hatte am Morgen noch erklärt, daß er nicht von der Partie sein werde. Kurz nach Mittag hatte er aber durch den Postboten einen Brief erhalten, nach dessen Durchlesen er den Förster gebeten hatte, doch mitgehen zu dürfen. Der Brief sei von seiner Mutter, hatte er gesagt, und enthalte eine sehr angenehme Nachricht für ihn.

Diese Mitteilung wurde durch sein Äußeres und durch sein Benehmen bestätigt. Er war den ganzen Abend auf dem Balle in der muntersten Laune. In seinen Augen glaubte man ein ganz besonderes Glück zu lesen. Er tanzte nur mit Marianne, die gleichfalls heute besonders glücklich zu sein schien.

Schon um zehn Uhr des Abends hatte der Förster Hartmann mit den Seinigen den Ball und Holzhausen verlassen. Die Gicht meldete sich, hatte er gesagt, da müsse er früh Ruhe suchen. Er hatte den anderen anheimgestellt, noch zu bleiben, aber sie hatten sämtlich vorgezogen, ihn zu begleiten.

Sie hatten gemeinschaftlich den Rückweg angetreten. Felsener und Marianne waren zusammen gegangen. Felsener hatte sie geführt. Der Förster, bei dem der Jäger geblieben war, war ihnen in einiger Entfernung gefolgt.

Am Forsthause waren sie alle vier wieder zusammengetroffen.

Den anderen hatte auffallen wollen, daß Felsener jetzt stiller als vorher war. Marianne war ihnen sogar etwas verlegen vorgekommen. Sie hatten indes nicht weiter darauf geachtet.

Um elf Uhr waren sie an dem Forsthause angelangt. Der alte Hausknecht hatte gewacht, um sie in das Haus einzulassen. Sie waren alle vier in die Wohnstube der Familie eingetreten.

Der Forsteleve Felsener hatte dort alsbald erklärt, er habe noch keinen Schlaf und wolle noch ein Stündchen den Forst begehen. Die Nacht sei mondhell, da sei doppelt auf Wilddiebe zu rechnen, die die Forstbeamten noch auf dem Balle in Holzhausen glauben würden. Der alte Förster hatte ihn nur noch gefragt, in welche Gegend des Forstes er gehen wolle. Er hatte geantwortet: »Nach dem Erlenmoor hin.« Dann war er auf seine Stube gegangen, sich umzukleiden.

Zehn Minuten später hatte ihn der Hausknecht wieder aus dem Hause hinausgelassen. Er hatte sein Doppelgewehr bei sich getragen. Es mußte genau um ein Viertel auf zwölf Uhr sein.

Die anderen hatten schon kurz vorher sich jeder in sein Zimmer zum Schlafen begeben. Der Knecht hatte sich nach der Entfernung Felseners ebenfalls schlafen gelegt. Er schlief in einer Kammer unten im Hause, nach dem Garten hin. Felsener hatte beim Weggehen zu ihm gesagt: »Wenn ich zurückkomme, wecke ich Euch, Christian, damit Ihr mir die Haustür öffnet.«

»Gut, Herr«, war die Antwort des Knechtes.

Das waren die letzten Worte, die er, die jemand zu ihm gesprochen hatte.

Um halb ein Uhr in der Nacht hatten zwei der Holzhauser Ballgäste, ein Gutsverwalter aus der Gegend mit seinem erwachsenen Sohn, den Rückweg nach Hause angetreten, in einem Kabriolett, das der Verwalter selbst fuhr. Der Weg führte sie durch den Forst, der sich bis dicht an das Dorf Holzhausen hinzog. Sie waren schon eine Viertelstunde lang gefahren, als sie auf einmal einen Schuß fallen hörten.

Wilddiebe! war der Gedanke beider. Um die Wilddiebe hatten sie sich beide nicht zu bekümmern. Sie fuhren daher ruhig ihres Weges weiter. Der Verwalter hatte nun gerade zufällig auf seine Uhr gesehen. Sie hatte ihm – in dem hellen Mondlichte deutlich – genau drei Viertel auf eins gezeigt.

Im Weiterfahren hatten sie nur davon gesprochen, in welcher Gegend des Forstes der Schuß gefallen sein möge.

Beim Erlenmoor, waren sie beide der Ansicht, ungefähr eine Viertelmeile von ihnen entfernt. Ihr Weg führte sie so, daß sie der Stelle, wo nach ihrer Meinung der Schuß gefallen war, auf eine halbe Viertelmeile sich nähern mußten; dann, indem sie seitwärts weiterfuhren, entfernten sie sich wieder davon.

Als sie eben den nächsten Punkt erreicht hatten, hörten sie plötzlich einen Menschen rasch durch die Holzung laufen. Er lief auf ihren Weg zu, der sich quer durch den Forst zog, und mußte daher diesen Weg passieren. Sie hielten den Wagen an. Der Mensch sprang hinter ihnen, ungefähr dreißig Schritte von ihnen entfernt, aus der Holzung, in den Weg hinein, überflog diesen in Hast und verschwand in der Holzung, die auf der anderen Seite sich an den Weg wieder anschloß.

Es war klarer Vollmond. Das Licht fiel voll auf in den Weg.

Sie hatten die Gestalt des Menschen deutlich erkannt: Er war ein großer, breitschulteriger Mann in einem kurzen, gelblichgrauen Oberrock und mit einer dunklen Schirmmütze. Sein Gesicht hatten sie nicht erkennen können.

Der Wilddieb! war ihr erster Gedanke gewesen.

Der Mensch kam aus der Gegend, in welcher sie den Schuß hatten fallen hören.

Aber er trug weder Gewehr noch Jagdtasche. Das war ihnen zwar aufgefallen, doch brachten sie es mit seiner hastigen, wilden Flucht in Verbindung.

Er wird über seinem Verbrechen ertappt worden sein, da hat er alles im Stich gelassen und nur sich zu retten gesucht.

Das regte zugleich etwas anderes in ihnen an.

Wer mag ihn ertappt haben? Aus dem Forsthause waren sie alle auf dem Balle. Sie waren zwar schon früh fort, sollte aber doch noch einer in der späten Nacht in den Forst gegangen sein?

Der Verwalter war mit dem alten Förster bekannt, der Sohn war mit dem Forsteleven bekannt geworden. Sie sahen sich beide an: Wenn wir den, der es ist, überraschten! Wir haben noch eine Flasche Wein im Wagen. In zehn Minuten müssen wir bei ihm sein. Es führt ein fahrbarer Weg hin. Die Nacht ist so schön.

Der Vater drehte mit dem Wagen um. Sie fuhren fünfzig Schritte zurück. Dort bog ein Weg in die Richtung nach dem Erlenmoor hinab. Sie schlugen ihn ein.

Er führte sie in das tiefste Dickicht des Waldes. Auf den Weg fiel auch hier voll das helle Mondlicht; aber zu beiden Seiten war tiefdunkle, schwarze Finsternis. Still war es überall umher. Sie horchten nach allen Seiten, aber sie vernahmen keinen Laut.

Hier muß es ungefähr gewesen sein, meinten sie.

Da scheute auf einmal das Pferd. Es wollte zur Seite springen. Dann stand es wie gebannt. Es zitterte.

Was ist denn das? Da muß etwas im Wege liegen. Sie sahen beide hin. Mitten im Wege lag etwas. Ein Mensch lag da, ausgestreckt, unbeweglich. Sie sprangen aus dem Wagen zu ihm. Er lag mit dem Gesicht auf der Erde.

»Mein Gott!« rief, von einer furchtbaren Ahnung, von einem heftigen Schreck ergriffen, der Sohn.

Er hob den Menschen auf. Er hatte sich nicht geirrt. »Felsener!« rief er. »Er ist tot. Er ist erschossen!«

Es war der Forsteleve Alfred Felsener, den sie gefunden hatten. Er lag tot in seinem Blute. Ein Schuß hatte ihn mitten in die Brust getroffen. Das Blut floß noch hervor. Der Körper war noch warm, aber das Leben war unwiederbringlich fort. Sie standen vor einer Leiche. Der Verwalter sah auf seine Uhr. Es war fünf Minuten nach eins. Gerade zwanzig Minuten waren verflossen, seitdem sie jenen Schuß gehört hatten.

Es war der Mordschuß! Darüber konnte kein Zweifel sein.

Wer war der Mörder? Jener Mensch in dem kurzen, gelblichgrauen Rock, der hinter ihnen quer über den Weg gelaufen war? Aber warum, wenn er seinen Verfolger getötet hatte, war er ohne Gewehr und Jagdtasche gewesen? War er vielleicht doch noch verfolgt durch jemanden, der in der Begleitung des Erschossenen gewesen war? Dann mußte dieser jeden Augenblick von der vergeblichen Verfolgung zurückkehren.

Sie warteten einige Minuten. Sie hörten nichts. Sie riefen laut in den Wald hinein, aber es blieb alles still. Es kam niemand.

Was nun?

Der Verwalter war ein verständiger, besonnener Mann.

»Einer von uns muß bei der Leiche bleiben. Ich werde es tun. In meinem Alter fürchtet man sich nicht mehr. Du fährst sofort zu der Försterei und zeigst den Vorfall an. Dort müssen sie zuerst die Sache wissen. Den Weg weißt du. Es geht zwar in einem weiten Bogen um das Erlenmoor herum, wenn du aber gut zufährst, kannst du in drei viertel Stunden dort sein.«

Der Vater blieb bei der Leiche.

Der Sohn fuhr zum Forsthause. Er jagte das Pferd. Genau wie der Vater gesagt hatte, zehn Minuten vor zwei Uhr kam er dort an. Der Tag dämmerte schon.

Er hielt ungefähr zwanzig Schritte vom Hause, band die Zügel des Pferdes an einem Baumast und ging zu dem Hause.

Die anschlagenden Hunde des Försters hatten ihn schon angekündigt. Als er an die Haustür trat, wurde sie von innen geöffnet.

Der Knecht Christian Baumann stand darin. Er sah den Fremden, den er nicht kannte, verwundert an, denn er hatte den zurückkehrenden Forsteleven erwartet. Schon seit einer halben Stunde hatte er gewacht. »Was wünschen Sie?« fragte er ihn.

»Wann ist der Herr Felsener ausgegangen?«

»Es konnte ein Viertel auf zwölf sein. Er wollte, wie er sagte, in den Forst gehen.«

»Er liegt ermordet in dem Forst. Dahinten am Erlenmoor.«

»Herr, um Gottes willen!«

Mit dem Ausruf des Knechtes vermischte sich ein Schreckensruf oben im Hause. Die Hunde hatten auch den Förster und seine Tochter geweckt. Diese hatten draußen eine fremde Stimme gehört und waren aufgesprungen, an ihre Fenster, hatten sie geöffnet, hatten die entsetzliche Todesbotschaft vernommen. Beide schliefen oben.

Der alte Förster kam heruntergestürzt. Er war leichenblaß. Der junge Mann mußte ihm erzählen. Zu der Erzählung kam der Jäger Wolf. Er schlief unten im Hause. Auch er war durch die Hunde geweckt worden, und die ungewöhnliche Unruhe hatte ihn vor die Tür geführt. Die Schreckenskunde erfüllte auch ihn mit Entsetzen. Wer kann der Täter sein?

Der Sohn des Verwalters erzählte von dem flüchtenden Menschen in dem kurzen, gelblichgrauen Rock.

»Der Wilddieb Sander!« riefen der Förster und der Jäger wie aus einem Munde.

Marianne war nicht heruntergekommen. »Mein Kind!« rief der Förster, als sie nicht kam. Er eilte zu ihr hinauf und fand sie in Ohnmacht. Er brachte sie ins Leben zurück. Die Magd, die ihm gefolgt war, half ihm.

Dann mußte er einer andern Pflicht folgen. Sie rief ihn zu dem Toten. Der Jäger mußte ihn begleiten. Sie fuhren mit dem Sohn des Verwalters zu der Mordstelle.

Der Verwalter hielt dort noch Wache bei der Leiche. Es hatte sich unterdes nichts zugetragen.

Man hielt zunächst Rat, was weiter zu tun sei, und wurde bald einig. Der Verwalter sollte zu der etwa zwei Meilen entfernten Gerichtsstadt fahren, um dem Gericht Nachricht zu geben. Die drei anderen wollten bleiben, teils zur Wache bei der Leiche, teils um Spuren des Verbrechens in der Gegend zu suchen.

Der Verwalter fuhr ab.

Der Jäger mußte bei der Leiche bleiben. Der Förster und der Sohn des Verwalters gingen, die Umgegend zu durchsuchen.

Der Förster selbst ordnete es so an. Er könne nicht bei der Leiche bleibendes sei ihm schrecklich. Der Kamerad müsse den toten Kameraden bewachen.

Der helle Tag war schon längst angebrochen.

Der Förster und sein Begleiter brauchten nicht lange zu suchen. Zweihundert Schritte von der Unglücksstätte war im Walde eine Lichtung. An deren Rand fanden sie ein frisch geschossenes, halb ausgeweidetes Reh. Es mußte am Abend vorher oder noch in der Nacht geschossen worden sein. Der Wilddieb, der es erlegt – nur auf einen Wilddieb war zu schließen –, mußte über der Arbeit des Ausweidens ertappt worden sein. Er hatte die Flucht ergriffen und das Tier im Stich gelassen, mit diesem zugleich seine Jagdtasche. Eine alte, zerrissene Jagdtasche lag zehn Schritte weiter an einem Baum.

Die Jagdtasche Sanders! rief der Förster, als er sie sah.

Wer konnte noch zweifeln, daß der berüchtigte, verwegene Wilddieb der Mörder sei?

Das Gericht kam. Es gewann bald dieselbe Überzeugung, und erhebliche neue Umstände bestätigten diese.

Der Verstorbene hatte fünf Rehposten in der Brust; zwei davon hatten das Herz selbst getroffen. Der Tod mußte unmittelbar nach dem Schuß eingetreten sein.

Eine gleiche Ladung Rehposten aber fand man in dem halb ausgeweideten Tier. Ein noch halbgefüllter Beutel mit Blei lag in der bei dem Reh zurückgelassenen Jagdtasche.

Sämtliche Kugeln wurden miteinander verglichen. Sie glichen einander vollkommen, dem Metall, der Größe, der Form nach. Das Gericht, hatte gleichzeitig eine Deputation zu der etwa eine Meile von dem Ort der Tat entfernten Wohnung Sanders abgeschickt, um ihn zu verhaften und eine Haussuchung zu machen.

Man hatte bei ihm rohes Blei und eine Kugelform gefunden. Beides paßte wieder vollständig zu den aufgefundenen Kugeln. Ein Gewehr und eine Jagdtasche waren dagegen nicht bei ihm zu finden gewesen. Das Gewehr hatte er wohl absichtlich beseitigt, damit die frischen Spuren des Schießens ihn nicht verraten konnten.

Es war kein Zweifel, der Wilddieb war der Mörder. Einiges blieb allerdings dunkel.

Der Ermordete lag mitten im Wege. Sein Gewehr, ein Doppelgewehr, lag bei ihm, der Riemen hing noch über seiner Schulter. Beide Hähne waren in Ruhe, beide Läufe geladen. Alles nötige zu dem Schlusse, daß er, ohne Arg vorangehend, aus einem Hinterhalt niedergeschossen worden war. Er war ruhig seines Weges gegangen, und zwar wahrscheinlich von der Försterei her. Der Schuß mußte ferner ganz aus der Nähe gekommen sein, und in der Tat fanden sich, nur dreißig Schritte von der Leiche entfernt, an einem Erlenbusche der Boden zertreten, Zweige verbogen und Blätter zerknickt. Der Mörder hätte dort auf der Lauer gestanden, sein Opfer gerade auf sich zukommen lassen und ihm die tödliche Ladung in die Brust gesandt.

Wie nun aber paßten diese Umstände, wenn der Wilddieb der Mörder war? Warum verließ er das halb ausgeweidete Tier, ohne dabei gesehen worden zu sein? Der Erschossene konnte noch nicht einmal eine Ahnung davon gehabt haben, daß ein Wilddieb und überhaupt jemand in der Nähe sei, sonst hätte er sein Gewehr nicht so ruhig über seiner Schulter hängenlassen. Warum hatte ferner der Wilddieb nach dem Schuß das Tier und selbst seine Jagdtasche, die ihn sogar als Mörder verraten mußte, zurückgelassen?

Man hatte indes Erklärungsgründe. Die Nacht war still gewesen. Der Dieb hatte mit seinem stets lauernden Ohr den Schritt des Beamten schon in der Ferne vernehmen können. Dieser nahte sich ihm. Sander ging ihm leise entgegen und stellte sich hinter dem Erlenbusch auf. Er erkannte den Forstbeamten und mußte sich sagen, daß dieser auch die Lichtung betreten werde, auf die er in fast gerader Richtung zuschritt. Seine neue Wilderei war dann entdeckt. Er hatte, schon oft bestraft, diesmal eine sehr lange Strafe zu erwarten. Zudem ist jeder Forstbeamte der natürliche Todfeind jedes Wilddiebes. Er schoß ihn nieder. Warum er dann später dennoch das Wild und gar die Jagdtasche im Stich ließ! Wer konnte wissen, welcher Zufall, welcher plötzliche Schreck, Gewissensangst oder was sonst ihm auf einmal die Besinnung raubte, ihn in die wilde Flucht von dem Orte seines Verbrechens jagte?

So blieb der Verdacht gegen ihn bestehen, und sein Benehmen in der Untersuchung konnte ihn nur festigen.

Er leugnete anfangs ganz und gar, in dem Forst gewesen zu sein. Die Jagdtasche habe ihm einmal gehört, sei ihm aber schon vor langer Zeit gestohlen worden. Er habe auch schon seit langer Zeit gar kein Gewehr mehr besessen. Seit seiner letzten Bestrafung habe er nie wieder gewildert. Erst als der Verwalter und dessen Sohn seine Gestalt und Kleidung wiedererkannt hatten und zugleich durch seine Nachbarn festgestellt war, daß er noch bis in die jüngste Zeit im Besitze der Jagdtasche und eines Gewehres gewesen sei, gestand er zu, daß er sich in der Nacht des Mordes in dem Forst befunden und daß er auch das Reh erlegt und dessen Ausweidung begonnen» habe.

Und jetzt machte er auf einmal folgende Angaben: Während er mit dem Ausweiden des Tieres beschäftigt gewesen, habe er sein Gewehr und seine Jagdtasche zehn Schritte davon an einen Baum gestellt. Auf einmal, mitten in seiner Arbeit, habe er ein Geräusch vernommen, nahe bei sich, an dem Baume. Er habe aufgeschaut, da habe ein Mensch an dem Baum gestanden, vor seinem Gewehr, selbst ein Doppelgewehr in der Hand, dieses auf ihn anschlagend. Er sei erschreckt aufgesprungen. Er habe den Förster Hartmann erkannt. Der Förster habe kein Wort gesprochen, ihn nur drohend angeblickt. Sein Leben sei in der Hand des Försters gewesen. An einen Widerstand habe er nicht denken können. Nur ein rascher Sprung, eine schnelle Flucht konnte ihn retten. Während der Förster den zweiten Hahn aufzog, bückte er sich, und mit einem schnellen Satze war er hinter einer Buche. Alles hinter sich im Stich lassend, flüchtete er weiter. Nachdem er ungefähr fünf Minuten gelaufen war, hörte er in derselben Gegend, aus der er sich entfernt hatte, einen Schuß fallen. Es sei ihm vorgekommen, als wenn sein eigenes Gewehr abgeschossen werde. Warum? Das habe er sich nicht erklären können. Nachher, als er den Mord erfahren, sei es ihm freilich klargeworden.

Warum der Förster aber den Eleven sollte erschossen haben, wie der alte, brave Mann, der stets treue, redliche Beamte, in seinen alten Tagen sollte zum Mörder geworden sein an einem Mann, der ihm nichts getan, den er geachtet, sogar immer mit einer gewissen Ehrerbietung behandelt habe, das könne er sich allerdings auch jetzt nicht erklären; aber wer könnte wissen, was die beiden untereinander gehabt hätten?

Bei seinen Angaben verblieb er gleichwohl um so hartnäckiger, je mehr ihm das Widersinnige und Freche derselben vorgehalten wurde. Er habe den alten Förster genau erkannt, wenn er auch von dem Gesicht nur wenig habe sehen können. Die blaue Dienstmütze mit dem großen Lederschirm sei tief in das Gesicht gedrückt gewesen. Aber es sei die Mütze des Försters gewesen, sein dunkelgrüner Rock, seine breitschultrige Gestalt, sein grauer Schnurrbart.

Der Förster leugnete. Er leugnete mit der Ruhe eines guten Gewissens. Er konnte ja auch der Täter nicht sein, schon aus mehreren physischen Gründen.

Die Stelle, an welcher der Forsteleve erschossen worden war, lag zwar in gerader Linie nur etwa eine dreiviertel Stunde von dem Forsthause entfernt. Diese gerade Linie führte aber mitten durch das sogenannte Erlenmoor, durch welches kein Pfad ging, das völlig unzugänglich war. Nur auf einem großen Umweg, um das Moor herum, konnte man zu dem Forsthause gelangen, und um diesen Weg zurückzulegen, bedurfte ein guter Fußgänger mindestens anderthalb Stunden. Im angestrengtesten Laufen war der Weg in einer Stunde kaum zurückzulegen. Das alles wurde durch Versuche und Anschauung von dem Gericht festgestellt. Das Moor namentlich zeigte zwar auf kurze Strecken von zehn oder zwölf Schritten einen Boden, auf dem man, wenn er auch schwankte, vorsichtig vorangehen konnte, dann aber stand man sofort wieder entweder vor einem offenen, schlammigen Morast von unergründlicher Tiefe oder vor einer so dünnen Erddecke, daß sie mit einem Stock, der wiederum keinen Grund fand, ohne alle Mühe zu durchstoßen war; ein Mensch, der dahin trat, hätte auf der Stelle in die Tiefe sinken müssen.

Nun standen aber folgende Tatsachen fest: Felsener hatte um ein Viertel vor zwölf in der Nacht das Forsthaus verlassen. Der Verwalter und sein Sohn hatten den unzweifelhaft von dem Mörder herrührenden Schuß um drei Viertel eins gehört. Die Uhr im Forsthaus und die des Verwalters stimmten fast auf die Minute. Zwischen dem Fortgehen Felseners und dem Schuß lagen also genau anderthalb Stunden. Gerade so lange brauchte ein Fußgänger, um von dem Forsthaus zu der Mordstelle zu gelangen. Als Felsener ausging, war aber der Förster noch zu Hause. Der Knecht war auch noch eine Viertelstunde wach geblieben, und er hatte niemanden das Haus verlassen hören, auch sonst kein Geräusch vernommen. Der rüstigste Fußgänger hätte aber sicher den Forsteleven nicht erreichen, geschweige ihm so zuvorkommen können, daß er zuerst den Wilddieb überraschte, diesem sein Gewehr abnahm und darauf erst seinem Opfer auflauerte. Bei dem alten, steifen, von der Gicht geplagten Förster war vollends nicht daran zu denken.

In gleicher Weise sprach ein anderes. Zehn Minuten vor zwei Uhr in der Nacht kam der Sohn des Verwalters an der Försterei an, also gerade eine Stunde und fünf Minuten nach dem Schuß. Der Förster war da, er hatte in seiner Nachtkleidung am Fenster gestanden. Der Knecht hatte schon seit einer halben Stunde gewacht, auf die Rückkehr Felseners wartend, aber ohne das geringste Geräusch zu vernehmen. Das alles machte eine Täterschaft des Försters geradezu physisch unmöglich.

Was so für den Förster sprach, mußte übrigens mit gleicher Überzeugung für jeden anderen Bewohner des Forsthauses sprechen, namentlich auch für den Jäger Wolf, wenn überhaupt auf diesen irgendein Verdacht hätte fallen können.

Der Wilddieb Sander blieb in der allgemeinen Überzeugung der Täter, auch in der des erkennenden Gerichts. Seine Bezichtigung gegen den Förster wurde für ein neues Anzeichen seiner Schuld angesehen. Er wurde als der Mörder des Forsteleven Felsener, beim Mangel eines die ordentliche Strafe bedingenden vollen Beweises, außerordentlich zu einer dreißigjährigen Zuchthausstrafe verurteilt. Er mußte die Strafe antreten. Der Tod erst erlöste ihn von ihr.

Wer war der Mörder? Hatte er eine gerechte Strafe verbüßt? Für die Welt war er mit seiner Schuld hinter den Mauern des Zuchthauses begraben gewesen.

Es zu prüfen, zu erforschen, zu untersuchen lag in meiner Hand, in meiner unabweisbaren Pflicht. Die ruhigen, klaren Versicherungen des Sterbenden, die laute Stimme, die in meinem Innern für ihn sprach, legten mir schon diese Pflicht auf. Dazu kamen manche Oberflächlichkeiten der im ganzen umsichtig und sorgfältig geführten gerichtlichen Untersuchung.

Dazukam endlich jenes dreifache Rätsel des stillen Forsthauses Winkelhorst, die schöne, blasse Frau, der fanatische hagere Mann, der verschlossene Greis, der in dem Forste meinen Führer gemacht hatte. Seit acht Tagen drückte es mich. Sollte ich die Auflösung jetzt finden?

Die Frau war Marianne, die Tochter des Försters Hartmann. Ihr Mann, der Förster Wolf, war jener Jäger Gottfried Wolf, der zur Zeit des Mordes Mitbewohner des Forsthauses, an demselben Tage mit auf dem Balle in Holzhausen gewesen war, über den die Untersuchungsakten aber außerdem fast nichts enthielten. Auch der alte Mann, der mich geführt hatte, er konnte nur der Knecht Christian Baumann sein, war in jener Untersuchung eine wichtige Person gewesen.

Der alte Förster war tot.

Er war nicht der Mörder gewesen, hatte der sterbende Wilddieb versichert. Einen anderen hatte er anklagen wollen. Auch von ihr hatte er gesprochen. Wen hatte er darunter verstehen können? Wer war der Mörder? Der, den der Wilddieb für den alten Förster hatte halten können?

Ich mußte die frühere Untersuchung wiederaufnehmen, eine neue einleiten.

Ich machte dazu meinen Plan. Vor allem war mir daran gelegen, den kalten, berechnenden, sich beherrschenden Förster, den mißtrauischen, verschlossenen alten Christian Baumann zu überraschen. Auch die leidende Frau.

Nur in dem Forsthause war der Mörder oder wenigstens seine Spur zu entdecken. Wahrscheinlich der Mörder selbst. Jeder konnte dort der Schuldige sein, nicht bloß der Förster.

Ich fuhr mit einem Protokollführer und Exekutor nach dem Forst hinaus.

Ich nahm meinen Weg über das Dorf Holzhausen. Es war ein Pfarrdorf. Zunächst wollte ich bei dem Geistlichen dort über die Bewohner des Forsthauses Erkundigungen einziehen, die ich anderswo so genau und zuverlässig nicht erlangen konnte.

Es war nachmittags, als ich in dem Dorfe ankam. Ich ließ den Wagen mit dem Protokollführer und Exekutor zu dem Wirtshause fahren und begab mich zum Pfarrer.

Er war ein etwas vorsichtiger und zurückhaltender Mann.

Über die Ermordung des Forsteleven wollte er nichts wissen, als was zu seiner Zeit aus der gerichtlichen Untersuchung bekannt geworden ist. Der Wilddieb Sander sei demnach und werde noch jetzt von der allgemeinen Meinung für den Täter gehalten.

Der alte Förster Hartmann sei durch den Vorfall so angegriffen worden, daß er seinen Posten nie wieder recht habe versehen können. Nach Jahr und Tag habe er pensioniert werden müssen. Zu seinem Nachfolger sei der Jäger Wolf, ein äußerst tüchtiger und gewissenhafter Forstbeamter, schon früher bestimmt gewesen und dann ernannt worden.

Der alte Förster habe mit Leib und Seele an dem Forsthause und an dem Forst gehangen, wo er über vierzig Jahre lang gelebt und gewirkt. Dem neuen Förster hätte er weichen müssen. Aber Wolf hatte schon seit Jahren ein Auge auf die Tochter des alten Försters geworfen; nachdem er dessen Posten erlangt hatte, war er mit seiner Bewerbung hervorgetreten. Sie hatte seiner Bewerbung Gehör gegeben. Ob sofort, ob gern oder was vorhergegangen ist, davon wußte niemand etwas. Allerdings hatten die Leute den Kopf geschüttelt und gemeint, das schöne, gebildete Mädchen passe nicht zu dem unansehnlichen Manne, der nichts als ein gewissenhafter Forstbeamter sei. Andere hatten auch davon gesprochen, daß sie den erschossenen Forsteleven nicht vergessen könne, mit dem sie etwas gehabt haben müsse. Gewiß war dabei, daß sie seit dem Morde eine ganz andere geworden war. Früher blühend, stets heiter und munter, hatte man sie seitdem nur bleich und trauernd und nie wieder lächelnd gesehen. Indes, sie hatte die Ruhe und Zufriedenheit, das Glück ihres Vaters in seinen alten Tagen in ihrer Hand. Wenn sie den Förster heiratete, so konnte der alte Mann in dem Forste, in dem Forsthause bleiben. Sie heiratete den Förster.

Und ihre Ehe sei keine unglückliche geworden, meinte der Geistliche. Die Frau sei still, man sehe sie nie fröhlich, aber das sei so ihre Art und wohl noch die Nachwirkung jenes Unglücks, der Mann übe immer strenge seine Pflicht und sei zudem von Jahr zu Jahr gottesfürchtiger geworden. Und von einem Streit, von einem Unfrieden, ja nur von einem Mangel an Liebe unter den Gatten habe man nie etwas vernommen.

Das waren die dürftigen Nachrichten des Geistlichen. Sie gaben mir für meine Nachforschungen keinen Anhalt.

Ich durfte dennoch, wie begreiflich, weder zurücktreten noch meine Hoffnungen, nach irgendeiner Seite in der Sache klareres Licht zu gewinnen, aufgeben. Namentlich durch genauere und eingehendere Vernehmungen der damaligen Bewohner des Forsthauses mußte ich es erlangen können.

Der größte Fehler der früheren Untersuchung hatte darin bestanden, daß kein genaues Befragen darüber stattgefunden hatte, ob in der Nacht des Mordes jemand die Försterei verlassen habe und wo die Bewohner im Hause sich damals befunden hatten. Der Jäger, der jetzige Förster Wolf, war nur nebenbei, die Tochter des Försters, Marianne, war gar nicht vernommen worden; die Vernehmung des Knechtes Baumann war eine höchst oberflächliche gewesen. Man hatte auf den Umstand darum kein Gewicht gelegt, weil man bei der Entfernung der Mordstelle von dem Forsthause den Täter unmöglich in dem letzteren glaubte finden zu können. Aber die Berechnung dieser Entfernung beruhte auf der Annahme, daß es gar keinen Weg durch das Erlenmoor gebe. Und hatte man dies mit der notwendigen Sorgfalt zu ermitteln gesucht? Gerade jene sonderbaren Blicke des alten Baumann in dem Moor, als er mich auf Geheiß des Försters in den Forst führte, wollten Zweifel in mir erregen. Einen klaren Grund konnte ich mir selbst nicht angeben. Der Geistliche wollte von einem Weg, den es durch das Moor gebe, nie gehört haben. Auch hier war ich zuerst auf den alten Knecht angewiesen.

Ihn mußte ich zu allererst vernehmen, und gerade ihn mußte ich überraschen, wenn ich etwas von ihm erfahren wollte. Er selbst war wohl nicht der Täter, er hätte dann dem Ermordeten nicht das Kreuz gesetzt. Aber mit welcher Liebe hing er, wie ich noch vor wenigen Tagen selbst gesehen hatte, an der jungen Frau, und zwischen dieser leidenden Frau und dem Ermordeten »war etwas gewesen«, und der Jäger Gottfried Wolf war ein Jahr nach dem Morde ihr Gatte geworden.

Dann war noch ein Umstand unaufgeklärt geblieben: der Brief, den der Ermordete kurz vor seinem Tode von seiner Mutter erhalten hatte. Er war in den Akten nicht wieder erwähnt. Was hatte er enthalten? Wo war er geblieben?

Der alte Baumann wohnte, wie der Geistliche mir gesagt hatte, in einem einsamen Hause im Wald nahe dem Dorfe Holzhausen.

Ich beschloß, zunächst dahin zu fahren.

Beinahe hätte ich meinen Entschluß geändert. Als ich von dem Pfarrer zu dem Wirtshause zurückkehrte, teilte mein Kutscher mir mit, daß vor einer Weile der Förster Wolf, den er vor acht Tagen gesehen hatte, vorbeigekommen sei. Der Förster habe auch ihn, den Wagen und die Pferde erkannt, sei stutzig geworden und auffallend schnell weitergegangen.

Sollte ich ihm folgen, ihm in dem Forsthause zuvorkommen? Aber das, was ich von Baumann zu erfahren hoffte, mußte die Grundlage all meines Tuns im Forsthause bilden, und hatte ich nicht auch Veranlassung, dem Förster bei dem alten Manne zuvorzukommen?

Ich fuhr schnell zu diesem. Er war zu Hause und eben mit der Korbflechterei beschäftigt. Von meiner Ankunft hatte er keine Ahnung gehabt. Er erschrak heftig, als er mich sah.

Ich durfte ihm keine Zeit lassen, sich zu besinnen. Den Umstand, der mir am meisten am Herzen lag, mußte ich zuerst vorbringen, das andere gab sich dann von selbst.

Aber ich hatte es mit einem verschlossenen und zugleich zähen alten Mann zu tun.

»Christian Baumann, Ihr kennt das Erlenmoor?«

»Ich, Herr?«

»Wie werdet Ihr es nicht kennen? Wie lange lebt Ihr hier in dem Forste?«

»Seit fünfzig Jahren.«

»Und Ihr solltet nicht jeden Steg darin kennen? Jeden Baum? Nicht gar jede Erle in dem Moor dahinten?«

Er wurde verwirrt.

»Wenn der Herr mich so fragt ...«

»Also, Ihr kennt das Moor?«

»Nun ja.«

»So könntet Ihr mich auch hindurchführen?«

»Hindurch?«

»Durch das Moor.«

»Der Weg geht nur herum.«

»Alter Baumann, seht mir einmal ehrlich ins Gesicht. Ihr könnt es doch? Ihr seid immer ein ehrlicher Mann gewesen.«

Er konnte mir nicht ins Gesicht sehen.

»Wie, Christian Baumann?«

»Was wollen Sie von mir, Herr?«

»In Euren alten Tagen, wo einer anfängt, mehr als sonst an das andere Leben zu denken, an den ewigen Richter, da könnt Ihr nicht einmal vor mir, dem weltlichen Richter, Euer Auge erheben?«

Er machte den Versuch, mir in die Augen zu sehen.

»Christian Baumann, es gibt einen Weg, der geradezu mitten durch das Moor führt.«

»Ja, Herr«, sagte der alte Mann leise.

»Nach der Försterei hin.«

»Herr, Herr ...!«

Der Angstschweiß rann ihm von der tief gefurchten Stirn. »Ihr könntet mich den Weg führen.«

»Muß es sein? Muß es?«

»Es hängt von Euch ab.«

»Muß es sein?«

»Die Försterin war Eure Herrin?«

»Ich diente schon bei ihrem Großvater.«

»Ihr seid ihr zugetan?«

»Sie ist eine brave Frau, und sie ist auf meinen Armen, unter meinen Augen groß geworden.«

»Sie ist eine unglückliche Frau!«

Er sah mich forschend an.

»Und ihr Unglück kommt von dem Tage her, da jener junge Mann erschossen wurde.«

»Herr!« unterbrach er mich erschrocken.

»Dem Ihr dahinten in dem Forst das Kreuz gesetzt habt.«

»Herr, wer hat Ihnen das gesagt?«

»Ist sie nicht seit jenem Tage die unglückliche Frau?«

»Ja, aber ...« Er stockte.

»Ihr wollt sagen: aber sie ist nicht die Mörderin?«

»Herr Gott, wie kommen Sie auf den Gedanken?«

»Wenn sie es nun doch wäre? Wenn der wahre Mörder nicht der Wilddieb Sander wäre? Wenn er in dem Forsthause zu suchen wäre? Durch das Moor führt ein gerader Weg dahin. Man muß in einer halben Stunde hinkommen können. Wer könnte er sein? Ihr seid es nicht.«

»Nein«, sagte er wieder leise.

»War es der alte Förster?«

»Nein, nein!« rief er eifrig.

»Wer bleibt da noch übrig?«

Er sah in unbeschreiblicher Unruhe und Verwirrung vor sich nieder.

»Der Förster Wolf und seine Frau«, fuhr ich fort.

»Nein, nein, Herr, um Gottes willen, nein.«

»Christian Baumann. Ihr mußtet vorhin zuletzt der Wahrheit die Ehre geben, und darauf konntet Ihr mir ehrlich in die Augen sehen. Wie ist es jetzt?«

»Darf ich mich setzen, Herr?« bat der alte Mann. »Aber fragen Sie mich nicht mehr.«

»Setzt Euch. Ruht Euch aus. Und denkt unterdes darüber nach, warum ich Euch frage und Euch fragen muß. Ein anderer ist wegen jenes Mordes verurteilt. Und wenn er unschuldig verurteilt worden ist?«

Er hatte sich gesetzt. Aber er mußte wieder aufspringen. Er kämpfte mit sich und konnte keinen Entschluß fassen. Zuletzt hatte er sich doch entschieden. Er trat vor mich mit bleichem, aber heiterem Gesicht.

»Herr, fragen Sie mich nicht mehr. Sie erfahren kein Wort mehr von mir. Ich will es mit Gott abmachen. Mag kommen, was will.«

Er hatte seinen felsenfesten Entschluß ausgesprochen, man sah es ihm an. Und es war etwas Großes in diesem Entschluß des alten, an seinen Gott, an ein ewiges Leben, an Belohnung und an Strafe in jenem Leben glaubenden Mannes. Er wollte die Strafe auf sich nehmen, aber nicht zum Verräter werden.

An wem nicht? Den Verbrecher kannte er, darüber war kein Zweifel. Wen wollte er nicht verraten?

Es war aber nicht daran zu zweifeln, daß ich nichts mehr von ihm erfahren würde.

Ich brach seine Vernehmung ab.

Ich mußte weiter, nach dem Forsthause selbst. Es war ein saurer Weg für mich.

Der alte Mann erschrak, als er sah, wie mein Wagen die Richtung dahin einschlagen wollte.

»Herr, Herr, Sie wollen nach dem Forsthause? – Sie wollen, ich sehe es. Oh, die arme Frau! Wenn Sie wüßten, was sie gelitten hat, was sie leidet! Müssen Sie denn hin? Wegen des armen Erschossenen?«

»Ich muß«, sagte ich ihm. »Oder könntet Ihr mir etwas angeben, das mich auf einen anderen Weg führte?«

Er sah traurig vor sich hin. »Verfahren Sie gnädig mit der unglücklichen Frau!«

Der Mörder war in dem Forsthause zu finden. Sollte ich ihn finden? Wer war es?

Der Wagen fuhr ab.

Der alte Mann sah uns mit einem fast trostlosen Gesicht nach, als wenn nun alles vorbei wäre.

Wir mußten scharf um eine Ecke biegen. Ein Mensch floh in dem Augenblick schnell in das Buschwerk neben dem Weg.

»War das nicht der Förster Wolf?« fragte ich den Kutscher.

»Ich meine auch, ihn erkannt zu haben«, sagte der Kutscher. »Ja, ja, er war es gewiß.«

Was sollte ich jetzt tun? Der Förster war uns gefolgt. Er hatte in der Nähe gewartet, bis ich mit der Vernehmung des alten Mannes zu Ende sei. Er wollte ihn über diese aushorchen. Müßte ich ihn nicht daran hindern?

Nein! Ich mußte nun eilen, vor ihm im Forsthause anzukommen, seine Frau allein zu treffen. Ich war dann meiner Sache um so gewisser. Es war eine schreckliche Hoffnung, die in meinem Herzen zitterte, eine entsetzliche Gewißheit, der ich entgegenging.

Die Sonne warf ihre letzten Strahlen in die Zweige der hohen Eichen und dunklen Tannen, als ich an dem Forsthause ankam. Es war wieder einsam bei dem mitten im Walde gelegenen Hause, still und einsam, wie vor acht Tagen. Auf dem weichen Waldweg war der Wagen ohne Geräusch herangefahren. In dem Hause bewegte sich bei unserer Ankunft nichts. Man mußte uns nicht gehört haben.

Die Tür des Hauses war verschlossen. Bevor ich klopfte, ging ich um das Haus herum; vielleicht war jemand im Garten, vielleicht die blasse Frau selbst.

Im Garten war sie nicht. Aber als ich an einem offenen Fenster vorbeigehen wollte, hörte ich eine Stimme, einen leisen, flüsternden Ton, und eine Kinderstimme antwortete ihr.

Das Fenster war zu ebener Erde.

Ich hatte meinen Schritt angehalten. Ich mußte durch das Fenster sehen, und wenn es ein Verbrechen gewesen wäre.

Ich blickte in ihr Schlafgemach. Es standen zwei Betten darin; ein größeres, es war noch mit einer weißen Decke belegt; in einem kleineren lag ihr Kind, der schöne Knabe mit den langen, hellblonden Locken. Sie hatte ihn zu Bett gebracht und saß auf einem Schemel vor ihm. Die Mutter sagte ihm sein Abendgebet vor, das Kind sprach es nach. Dann ließ sie seine Händchen los und legte sie auf die Decke des Bettchens. Sie selbst blieb noch vor dem Bettchen sitzen, und sie legte die Hände vor ihr Gesicht. Ihr Haupt aber bewegte sich bald so sonderbar, und ich sah auch, warum. Sie schluchzte und suchte das Schluchzen zu unterdrücken, damit der Knabe nicht davon erwachen sollte, und doch konnte sie sich von dem Kinde nicht trennen. Ich meinte zu sehen, wie die Tränen durch die Finger rannen.

Ja, sie war eine arme, unglückliche Frau, die schwer und entsetzlich noch immer litt, und wenn sie jeden Abend so an dem Bettchen sitzen und weinen mußte – das Herz wollte mir brechen.

Wie war mir mein Amt in diesem Augenblick so schwer!

Ich kehrte leise von dem Fenster zurück und klopfte an die Haustür.

»Mein Mann ist nicht zu Hause«, sagte sie.

»Madame, ich wünsche zuerst nur mit Ihnen zu sprechen.«

Ich mußte mein Verhör mit ihr beginnen. Ich glaube, ich war bleich wie die Frau. Das Herz war mir schwer.

Mein Protokollführer war mir gefolgt.

»Madame«, hob ich an, »der Wilddieb Sander ist vorgestern gestorben.«

Sie hatte sich mir gegenüber gesetzt. Sie fuhr auf. Dann auf einmal holte sie tief Atem. War ihr durch die Nachricht eine Last vom Herzen genommen. Es konnte in mehr als einer Hinsicht so natürlich sein, antworten konnte sie mir gleichwohl nicht.

»Sie wissen, Madame«, fuhr ich fort, »er war als Mörder des Forsteleven Felsener verurteilt.«

»Ich weiß es«, sagte sie sehr leise.

»Er war verurteilt, obwohl er geleugnet hatte.«

»Ja.«

»Er hatte Ihren Vater verdächtigen wollen.«

»Oh, mein Herr, mein Vater war so unschuldig – er war der bravste Mensch.«

»Ich weiß es, Madame. Sander hat auch in seinem letzten Augenblick zwar noch immer den Mord von sich abgelehnt, aber nicht mehr Ihren Vater beschuldigt, sondern ...«

Sie hing mit den Augen, die zu erlöschen drohten, an meinen Lippen.

»Madame, ehe ich weiter von ihm spreche, muß ich einige Fragen an Sie richten. Sie wurden in der früheren Untersuchung gegen Sander gar nicht vernommen?«

»Nein. Es muß nicht für notwendig gehalten worden sein.«

»Es wäre besser geschehen. Erhebliche Umstände wären dann aufgeklärt worden. Sie waren an dem Abend vor dem Morde mit Felsener im Gasthaus gewesen?«

»Mit ihm und auch mit meinem Vater und meinem jetzigen Mann.«

»Haben Sie damals mit ihm gesprochen?«

»Gewiß.«

»Auch mit ihm allein? Ohne Zeugen?«

Eine leise Röte zog über das blasse Gesicht. »Es ist möglich.«

»Können Sie mir mitteilen, was er Ihnen sagte?«

»Nach so langer Zeit!«

»Er hatte an dem Tage einen Brief von seiner Mutter erhalten?«

Sie wurde auf einmal glühend rot. »Ja«, konnte sie kaum antworten.

»Hat er über den Inhalt des Briefes mit Ihnen gesprochen?«

»Ja.«

»Können Sie mir den Inhalt wiederholen?«

Sie hatte sich gefaßt. Die Glut war aus ihrem Gesicht gewichen. Sie schien mir einen Mut, einen Entschluß anzuzeigen, der plötzlich in ihr gereift war.

»Herr Kriminaldirektor«, sagte sie, und auch der Ausdruck ihrer Stimme war entschieden geworden. »Der Brief betraf ein Geheimnis, zu dessen Veröffentlichung ich mich um so weniger berechtigt halte, als auch die Schreiberin, die arme Mutter des unglücklichen Felsener, unterdes gestorben ist.«

Eine leise Freude, ein kleiner Triumph über ihre Fassung und Entschiedenheit wollte in meinem Herzen auftauchen. Das Herz des Menschen muß manchmal den Beruf verleugnen.

Aber ich mußte fortfahren, ich mußte noch über den Brief Auskunft zu erhalten suchen.

»Wissen Sie, wo jener Brief geblieben ist?«

Es schien mit ihrer Fassung schon wieder vorbei zu sein. Die eine unschuldige Frage hatte sie ihr geraubt.

Was war das?

Aus ihrem Gesicht entwich der Rest der Röte. Sie hatte keine Antwort.

»Der Brief«, fuhr ich fort, »wurde weder bei der Leiche noch unter den Habseligkeiten Felseners gefunden.«

»Nein«, hauchte sie.

»Hatte Felsener ihn Ihnen gegeben?«

»Nein, nein!«

Sie rief es heftig, wie abwehrend.

Was war mit dem Briefe? Da lag ein Geheimnis vor, das ich bisher nicht geahnt hatte.

»Hatte Felsener Ihnen den Brief auch nicht gezeigt?«

»Nein«, sagte sie wieder bestimmt.

»Sie haben ihn auch später nicht gesehen?«

Sie antwortete wieder nicht, sie war wieder in einer peinlichen Unruhe.

Sie konnte nicht lügen, die unglückliche Frau. Sie konnte aber auch die Wahrheit nicht sagen.

Aber mußte sie denn die Wahrheit sagen? Sie war die Mörderin, oder ihr Mann war es. Das war ja mein eigener Verdacht, gerade das, was ich durch die neue Untersuchung ermitteln wollte. Konnte ich sie denn zwingen, Zeugnis gegen sich selbst, die Gattin, Zeugnis gegen den Gatten abzulegen? Ich hatte meiner Pflicht Genüge getan. Ich hatte sie nach Umständen gefragt, die nach allen Seiten ein Licht über das Verbrechen verbreiten konnten, auch für sie, auch für ihren Mann, die schon zum Gegenstande der früheren Untersuchung hätten gemacht werden sollen. Sie hatten in ihrem Resultat freilich nur den Verdacht gegen sie oder ihren Gatten fester begründet. Aber eben darum durfte ich nicht weiter in sie dringen. Jede fernere Frage konnte nun direkt auf ihre oder ihres Mannes Schuld gerichtet sein. Zu einem Zeugnis darüber durfte ich sie nicht zwingen. Den Beweis dafür mußte ich auf anderem Wege suchen: durch nochmalige Vernehmung des alten Baumann, wie leid auch der Mann mir tat, durch Befragung der Magd, die früher im Hause gedient hatte.

»Madame«, sagte ich, »ich verzichte auf fernere Fragen an Sie. Ich bedaure nur, daß ich Ihnen Ihr Leiden nicht abnehmen kann. Doch eine Bitte habe ich noch. Sollte einmal dieser Druck, der auf Ihnen lastet, zu schwer für Sie werden – die Stunde kann kommen mit der ganzen zwingenden Gewalt der Wahrheit und des Rechts, dann werden Sie in mir zwar den Richter, aber auch den Freund finden, der, soviel es in seinen Kräften steht, Sie trösten und aufrichten wird.«

Sie war zusammengebrochen und weinte laut. Ihr Gesicht hatte sie mit beiden Händen bedeckt. Sie riß die Hände von dem Gesicht fort und starrte mich an. Sie sprang auf, zu mir hin.

Sie wollte gestehen. Sie wollte mir alles sagen. Eine Angst ergriff mich.

Da wurde an die Tür der Stube geklopft.

»Herein!« rief mein Protokollführer, als kein anderer es tat.

Der alte Christian Baumann öffnete die Tür. Er sah bleich aus, aber ernst, fast feierlich. »Marianne, kann ich dich allein sprechen? – Darf ich, Herr?« fragte er mich.

»Ihr dürft.«

Die Frau verließ mit ihm das Zimmer.

Ich blieb. Es mußte etwas vorgefallen sein. Ich wollte wissen, was es war.

Schon nach wenigen Minuten kehrte die Frau allein zurück. Sie war bleich wie vorher, doch sie war gefaßt.

Sie schritt auf mich zu.

»Mein Herr, jene Stunde, von der Sie eben sprachen, ist schon gekommen. Auch ich hatte ihr seit Jahren mit so banger Sorge entgegengesehen. Daß sie einmal kommen müsse, konnte ich es mir verhehlen? Sie ist jetzt in ihrer ganzen Schwere da. Erfahren Sie von mir die Wahrheit. Der Wilddieb war nicht der Mörder. Mein Mann war es. Eine wilde Eifersucht auf den unglücklichen Felsener hatte schon lange an ihm gezehrt, um so heftiger, je leidenschaftlicher und dennoch je verschlossener er war. Am Abend des Mordes hatte er mich und Felsener belauscht. Wir hatten auf kurze Zeit den Ballsaal in Holzhausen verlassen und einen Gang durch den Garten gemacht. Felsener hatte mich darum gebeten. Er hatte nachmittags den Brief von seiner Mutter erhalten. Er wollte mir seinen Inhalt mitteilen. Sie hatte ihm ihre Einwilligung zu seiner Verbindung mit mir gegeben. Welch glückliche Minute war das! Ja, wir liebten uns. Und hinter uns stand der Verrat! Am andern Morgen wollten wir meinen Vater um seine Einwilligung bitten. Wir waren ihrer gewiß.

In der Nacht war Felsener eine Leiche.

Wie das Verbrechen verübt wurde? Mein Mann kannte einen geheimen, um mehr als die Hälfte kürzeren Weg, der durch das Erlenbruch nach der Försterei führte. Er hatte durch einen Zufall erfahren, daß der Wilddieb Sander an jenem Abend am Ende des Moors auf dem Anstand sein werde, und hatte Felsener einen Wink davon gegeben. Felsener ging hin. Mein Mann ging ihm nach, in Rock und Mütze und mit dem Gewehr meines Vaters, die unten in der Stube hingen. Er schlief unten im Hause und konnte sich durch sein Fenster entfernen. Durch das Moor kam er Felsener zuvor. Er überraschte den Wilddieb, nahm sein Gewehr und erschoß damit Felsener. Hätte er das Gewehr des Wilddiebes nicht bekommen, so war das meines Vaters zu der Tat bestimmt. Das Gewehr des Wilddiebes versenkte er im Moor. Auf dem kurzen Weg durchs Moor war er bald wieder zu Hause, durch sein Fenster, von dem Knecht unbemerkt, in seiner Stube.

Wie ich das Verbrechen erfahren habe? Mein argloses Herz hatte keine Ahnung gehabt, obwohl mein Mann schon bald nach unserer Verheiratung oft Augenblicke einer quälenden, unerklärlichen Angst hatte. Da gebar ich einen Knaben. Es war sein Kind, aber es trug die Züge des Ermordeten. Anfälle von Verzweiflung ergriffen ihn jetzt oft. Eines Tages sah ich in seinen Händen einen Brief, in den er hineinstarrte. Er wollte ihn vor mir verbergen. Dann sprang er auf. Nein! rief er, ich kann es nicht mehr ertragen. Hier, lies; kennst du diesen Brief? – Es war der Brief, den Felsener am Nachmittag vor seinem Tode von seiner Mutter erhalten hatte. Er hatte ihn auf seiner Brust getragen. Mein Mann hatte ihn gesucht und zu sich genommen, während er bei der Leiche wachte. In seiner wilden, über den Tod des Gegners hinausdauernden Eifersucht hatte er sich nicht von ihm trennen können. Eifersucht und Gewissensangst zwangen ihn unwiderstehlich, mir das Geständnis seiner entsetzlichen Tat abzulegen.

Wie ich seitdem gelitten habe! Er war mein Gatte; er war der Vater meines Kindes; er war ein Mörder, der Mörder meines Geliebten, meines Verlobten!

Und jetzt? Der alte Christian bringt mir soeben die Nachricht, daß der Unglückliche sich selbst den Tod gegeben habe, vor einer halben Stunde, nachdem er mit ihm gesprochen hatte.«

Sie war tief erschöpft.

Es war später Abend geworden.

Ich nahm still ihre Hand und führte sie in die Stube nebenan, in der ihr Knabe schlief und ihr Bett stand.

Sie sank vor dem Bettchen des Kindes in die Knie.

Ich verließ sie.

Das Verbrechen kann nur Unglück gebären. Warum am meisten für den Unschuldigen?

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