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Ein tragisches Ende

Hubertus Temme: Ein tragisches Ende - Kapitel 3
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typenovelette
authorJodokus Donatus Hubertus Temme
titleEin tragisches Ende
publisherVerlag das Neue Berlin
year1984
correctorreuters@abc.de
illustratorGünter Lück
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Seidene Strümpfe

Ich war Staatsanwalt in Berlin. Ein Berliner Staatsanwalt lernt allerlei Menschen und allerlei Dinge kennen.

Eines Morgens ließ sich ein Herr Müller bei mir melden.

Der »Kladderadatsch« hatte damals seinen Schulze und Müller noch nicht erfunden. Schulze und Müller waren daher zwar keine eigentlichen Eigennamen mehr, aber doch noch immer, auch in Berlin, sehr reputierliche Namen, auf die namentlich ein Berliner Bürger sich etwas zugute halten konnte.

Ich ließ den Herrn Müller eintreten.

Er war ein stattlicher Mann.

Und diesen stattlichen Mann hatte ich schon oft gesehen, und auch eine große Anzahl meiner Berliner Leser werden, wenn ich ihn beschreibe, sich seiner erinnern. Sie haben nur seinen Namen nicht gewußt, wie ich ihn bis zu jenem Tage nicht gewußt habe.

Der Herr Müller war ein großer, etwas steifer Mann, ziemlich korpulent. Er konnte in der Mitte der fünfziger Jahre stehen. Er war noch außerordentlich rüstig.

Sein Gesicht hatte den Ausdruck einer großen Würde. Es war etwas breit und voll und auch etwas rot. Seine Würde lag in den sehr gemessenen, unbeweglichen Falten und in dem strengen Blick des Auges unter starken, buschigen Augenbrauen, dieses Auge konnte aber auch Feuer sprühen.

Die Augenbrauen waren schon ziemlich grau. Die spärlichen Haare, die seine sehr hohe Stirn nicht mehr bedeckten, waren ganz weiß.

Seine Kleidung entsprach dem würdevollen Ausdruck seines Gesichts. Eine dicke, weiße Halsbinde, die den unteren Teil des Kinns mit einfaßte; eine weiße Weste; blauer Reitfrack mit blanken, übergoldeten Knöpfen, hellgraue, kurze Beinkleider; Stulpstiefel; an diesen kleine silberne Sporen; in den Stiefeln gelbe seidene Strümpfe.

Die ganze Bekleidung war sehr sauber; es saß alles wie angegossen. Sehr zierlich waren die silbernen Spörchen. Die hellgelben Stulpen hingen mit einer gewissen Koketterie über den fast regelmäßig gefältelten schwarzen, glänzenden Stiefelschäften. Aus den Stulpen sahen noch koketter die dunkelgelben seidenen Strümpfe hervor.

Der Herr Müller hatte ein besonders schönes Bein, und er wußte es.

Er trat mit einer gewissen Aufregung zu mir ein, die seinem ordentlichen Aussehen nicht recht entsprach. Er gab sich freilich Mühe, sie zu bekämpfen.

»Herr Staatsanwalt«, begann er, und seine wichtig zurückgehaltene Stimme und seine gemessene Sprache stimmten wieder zu seinem Aussehen. »Herr Staatsanwalt, ich habe Ihnen leider ein schweres Verbrechen anzuzeigen.«

Unter den buschigen Augenbrauen leuchtete ein finsterer Blick hervor.

»Ein sehr schweres Verbrechen, Herr Staatsanwalt«, wiederholte er nachdrücklicher, während seine Augen mich noch finsterer anblickten.

»Teilen Sie es mir mit«, sagte ich zu ihm.

»Es ist hier in Berlin verübt worden. Hier, in dieser Haupt- und Residenzstadt.«

»Wann, mein Herr?« – »Gestern abend.« – »Wer?« »Wer?« fuhr er auf. »Ja, wo? In einer großen Gesellschaft, in einem glänzenden Kreise. – Ah, verzeihen Sie mir, wenn ich in Feuer, wenn ich in Hitze gerate. Es war der Schmach zuviel.«

Er zog ein sehr sauberes, buntseidenes Taschentuch hervor, womit er sich den Schweiß von der hohen, roten Stirn wischte.

»Haben Sie die Güte«, sagte ich unterdes zu ihm, »mir die Sache mit Ruhe und Ordnung vorzutragen.« – »Ja, ja, Herr Staatsanwalt. Sie sehen, ich ringe schon um Fassung. Es wird mir gelingen.« – »So beginnen Sie.« – »Beginnen? Wo? Aber doch! Herr Staatsanwalt, sehen Sie diese Beine an.« – »Ich sehe sie.« – »An ihnen ist ein schauderhaftes Verbrechen verübt.« – »An Ihren Beinen?« – »An diesen meinen leiblichen Beinen.« – »Gestern abend?«

»Gestern abend, in einer glänzenden Gesellschaft.« – »Aber ich finde an Ihren beiden Beinen keine Verletzung.« – »Wie, Herr Staatsanwalt, einen Schimpf, einen Affront, unerhört in den Annalen dieser Haupt- und Residenzstadt, dieser Hauptstadt der Intelligenz und Bildung, nennen Sie keine Verletzung?« – »Beginnen Sie mit Ihrer Erzählung, Herr Müller.« – »Sogleich, aber erlauben Sie mir vorher...«

Ich unterbrach ihn. Wollte ich mit ihm weiter oder vielmehr zum Anfang kommen, so mußte ich anders verfahren. »Sie heißen Müller?« fragte ich ihn. – »Friedrich Carl Müller.« – »Ihr Stand?« – »Ich habe nie nach Rang und Stand gestrebt«, erwiderte er sehr stolz. – »Ihr Geschäft dann?« – »Ich führe kein Geschäft.« – »Vielleicht haben Sie eine Beschäftigung?« – »Ich lebe von meinen Renten.« – »Ah, also Rentier!« – »Und Berliner Bürger und Hauseigentümer!« – »Sie waren gestern abend in einer Gesellschaft?« – »Von Herren und Damen. Ja, Herr Staatsanwalt, selbst Damen waren bei diesem schauderhaften Verbrechen zugegen.« – »Und der Täter war?« – »Einer meiner ältesten und treuesten Freunde. Ich hielt ihn wenigstens dafür. Aber, oh, wie kann der Mensch sich täuschen!« – »Sein Name?« – »Dorner, Carl Friedrich Dorner. Gleichfalls Berliner Bürger und Hauseigentümer. Übrigens Seifensieder, und jetzt muß ich ihn auf das Zuchthaus bringen. Aber wer hat es gewollt, er...«

»Worin besteht sein Verbrechen?« – »Herr Staatsanwalt, ist Ihnen das Verbrechen der Concussion bekannt?« – »Gewiß.«

»Die Concussion, die Erpressung, wird dadurch begangen, daß jemand, um sich selbst oder einem dritten einen Vorteil zu verschaffen, einen andern nötigt, etwas zu tun oder zu dulden oder zu unterlassen. Ist es nicht so, Herr Staatsanwalt?« – »So ungefähr ist es.« – »Und sie wird nach unserem guten ehrlichen Landrecht bedroht wie Diebstahl.« – »Wollen Sie nicht endlich zur Sache kommen?« – »Sogleich. – Wenn aber Gewalt an der Person verübt wird, ist die Strafe die des Raubes. Ist es nicht auch so?« – »So sagt das Gesetz.« – »Gewalt an der Person. Zu der Person gehört auch das Bein. Nun hören Sie zu, Herr Staatsanwalt.«

Ich atmete auf. Endlich! dachte ich. Aber ich kam aus dem Regen in die Traufe.

»Ich habe einen Sohn, Herr Staatsanwalt.« – »Aber nicht Ihr Sohn ist der Verbrecher.« – »Aber er gehört zu dem Verbrechen.« – »Wie?« – »Friedrich Heinrich ist sein Name. Er ist fünfundzwanzig Jahre alt. Rentier und Hauseigentümer wie ich, von seiner seligen Mutter her. Aber er macht mir vielen Verdruß.«

»Das alles gehört zu dem gegen Sie verübten Verbrechen?«

»Alles. Und noch mehr. Ich habe auch eine Nichte.«

»Auch sie gehört zu dem Verbrechen?«

»Sie erst recht. Sie ist die eigentliche Ursache, der eigentliche Beweggrund der Tat. Sophie Charlotte Henneke ist ihr Name. Ihr Alter ist neunzehn Jahre. Und mein Unglück ist, daß sie sehr schön ist. So hat mein Sohn sich in sie verliebt und will sie heiraten.«

»Haben Sie an der jungen Dame etwas auszusetzen, mein Herr?«

»An ihrer Person nichts, Herr Staatsanwalt.«

»An ihrem Rufe oder an ihrem Betragen etwa?« – »Gott behüte.« »Ihr Sohn liebt die Dame?« – »Liebt sie.« – »Sie vielleicht ihn nicht?« – »Oh, vielleicht mehr als er sie, wenn das möglich wäre.« – »So begreife ich in der Tat nicht...«

Er runzelte die Stirn und zog finster die Augenbrauen zusammen.

»Herr Staatsanwalt, der Vater des Mädchens hat einen Garnhandel.« – »Ein anständiges Geschäft.« – »Und ist Kaufmann Littera A.«

»Also ein bedeutendes Geschäft!«

»Ich sage Ihnen, Herr Staatsanwalt, der Mann überhebt sich. Er ist ein hochmütiger, aufgeblasener Mensch.«

»Sie fürchten, daß seine Geschäfte oder sein Aufwand über seine Kräfte hinausgehen?«

»Nicht im geringsten. Er hat Vermögen. Er arbeitet und lebt solide.«

Ich begriff wirklich den Herrn Müller immer weniger.

»Und trotz alledem wollen Sie die Verbindung Ihres Sohnes mit der Dame nicht zugeben?« fragte ich ihn.

Seine Augen sprühten Funken.

»Niemals, niemals, niemals! Dieser Mensch, dieser Garnhändler Henneke, Kaufmann Littera A, dieser aufgeblasene Kommerzial, der mit seinem frechen Spotte meine Person, dieses Bein, ja, dieses unschuldige Bein, das sogar seinem eigenen Schwager gehört, verhöhnt hat, er soll niemals den Triumph erleben, daß seine Tochter die Schwiegertochter des Bürgers und Hauseigentümers Friedrich Carl Müller werde.«

Er streckte stolz sein Bein in den dunkelgelben seidenen Strümpfen und den hellgelben blonden Stiefelstulpen vor.

Ich hatte seine »ganze Geschichte«. Er brauchte sie mir nicht mehr »weitläufig« zu erzählen. Es spielte wirklich ein kleiner Roman mit.

Ich wurde neugierig, endlich auch das »schauderhafte, empörende Verbrechen« zu erfahren.

»Darf ich jetzt endlich bitten, auf die Tatsachen des gestrigen Abends zu kommen?«

»Ja, Herr Staatsanwalt, wir sind an der Schwelle dieses schrecklichen Abends angelangt. Also gestern abend war große Gesellschaft, und zwar, wie gesagt, von Herren und Damen.«

»Bei wem?«

»Bei dem Geheimen Registraturrat Hasemann. Herr Geheimrat ließ er sich zwar nennen, aber Sie wissen, Herr Staatsanwalt, was solche Geheimräte sind. Jeder will sich hier überheben, nicht bloß der Garnhändler; schon der Ausschreier, der Gerichtsbote...«

»Verlieren Sie nicht den Faden Ihrer Erzählung, Herr Müller.«

»Sie haben recht. Also es war große Gesellschaft. Zuerst wurde Tee getrunken, und dabei geschah noch nichts; man aß nur Kuchen. Dann wurde eine Pause gemacht, auf dem Klavier gespielt und gesungen. Unterdes schon machte sich der Verbrecher auf eine hinterlistige Weise an mich heran.« – »Welcher Verbrecher, Herr Müller?«

»Nun, wer anderes als jener Carl Friedrich Dorner, der heuchlerische Freund? Er kam gleisnerisch an mich heran.

›Ah, Müllerchen, auch hier?‹

›Wie du siehst, lieber Dorner‹, antwortete ich ihm.

›Verdammt langweilig, solch ein Tee.‹

›Man muß sich zu amüsieren suchen.‹

›Bei lauwarmem Spülwasser und dem Nordostheulen dieses Gesanges?‹

Sie sehen schon, Herr Staatsanwalt, den Charakter dieses Menschen, dem selbst unsere Berliner gesellschaftlichen Institutionen nicht heilig sind. Und er ist doch ein geborener Berliner und will Berliner Bürger und...«

»Bleiben Sie bei der Sache, Herr Müller.«

»Ja, Herr Staatsanwalt. – Ich ging auf seine Invektiven nicht ein und antwortete ihm ruhig: ›Das Nachtessen folgt ja, das wird uns entschädigen.‹

Da sah er mich auf einmal mit einer so recht tückischen Freundlichkeit an.

›Ach, lieber Müller, wir werden doch hoffentlich Tischnachbarn werden.‹

›Ich würde mich freuen‹, sagte ich.

Dann sah er heuchlerisch auf meine Beine. Er hat mir, im Vorbeigehen bemerkt, Herr Staatsanwalt, nie mein allerdings wohlgeformtes Bein gegönnt.

›Ei, Müllerchen‹, sagte er. ›Du hast dich ja heute ordentlich herausgeputzt.‹

›Ich wüßte nicht‹, erwiderte ich ihm.

Ich konnte das mit Recht sagen, Herr Staatsanwalt. Mein Bein war bekleidet ganz wie heute. Ich trage es immer so. Und heute habe ich sogar dieselben Stiefel und Strümpfe angelegt, die ich am gestrigen Abende trug, damit Sie das Corpus delicti vollständig vor Ihren beamtlichen Augen sehen.« – »Weiter, Herr Müller!«

»Ja, weiter, Herr Staatsanwalt.« – Seine Worte ergriffen mich so sonderbar. Er sprach sie mit einem so eigenen Tone; sein Blick auf mein Bein war so unheimlich, so unaussprechlich. Ich wurde unruhig. Ich mußte an allerlei denken.

Auf einmal besann er sich. Er stockte. Dann fuhr er in einem leiseren, aber wichtigeren Tone fort, zwischen jedem Satze eine Pause machend.

»Herr Staatsanwalt, jeder Mensch hat seine Eigentümlichkeiten!« – »Die Philosophie nennt sie Idiosynkrasien.« – »Nicht jede Idiosynkrasie ist ein Verbrechen?« Er sah mich fragend an. »Nein«, sagte ich. – »Nicht einmal eine Untugend, ein Laster?« – »Nein.«

»Herr Staatsanwalt, kennen Sie den Herrn Baron von Buch?«

»Aber, Herr Müller, bleiben Sie bei der Sache oder vielmehr, kommen Sie endlich einmal zu der Sache.«

»Ich bin dabei, ich bin mitten darin. Also, ich wiederhole meine Frage, kennen Sie unseren berühmten Landsmann, Gelehrten und Reisenden, Leopold von Buch?«

»Aber was hat der Herr von Buch mit Ihrer Geschichte zu tun?«

»Viel, sehr viel, alles. Hören Sie zu.«

»Reden Sie, mein Herr.«

Er hob pathetisch an. »Leopold von Buch, der berühmteste Gelehrte der neueren Zeit nächst seinem Freunde Alexander von Humboldt, hat die Gewohnheit, seine Reisen meist zu Fuße zu machen. Er hat auch ferner die Gewohnheit, in seinen Stiefeln nur seidene Strümpfe zu tragen. Und immer – er liebt kein großes Gepäck – nimmt er nur ein einziges Paar seidene Strümpfe mit. Auch auf die längsten Reisen nur das eine Paar. Und damit muß er auskommen und kommt auch aus. Das macht er aber so: Will er nur eine kleine gewöhnliche Reise machen, so sagt er zu seinem Kammerdiener: ›Friedrich, gehe in den Laden und hole mir ein Paar seidene Strümpfe von gewöhnlicher Länge, die mir bis an das Knie gehen.‹

Soll die Reise länger dauern, so heißt es: ›Friedrich, ein Paar seidene Strümpfe, die über das Knie, bis auf die Mitte der Schenkel reichen.‹

Wenn er aber sagt: ›Friedrich, ein Paar seidene Strümpfe, die bis an den Leib reichen‹, dann geht es zu einer Reise um die Welt.

Und warum die Unterschiede, Herr Staatsanwalt?

Die Strümpfe, auch die seidenen, zerreißen immer zuerst unten in den Stiefeln, nicht oben. Nur kann der Herr von Buch nicht in Strümpfen gehen, die ihm unten an den Füßen durchlöchert sind. Wenn ihm daher seine Strümpfe unten zerrissen sind, so schneidet er die beschädigte Spitze ab, zieht dagegen den Strumpf von oben mehr herunter und kann nun unten den Fuß in den Strumpf einwickeln. Das wiederholt er, solange der Strumpf vorhält. Wenn die Reise beendigt ist, ist auch der Strumpf zu Ende.«

»Das ist die Idiosynkrasie des berühmten Herrn von Buch.«

»Ich habe eine andere, Herr Staatsanwalt. Auch ich muß seidene Strümpfe tragen, wie Sie sehen. Aber nur oben am Bein. Unten der Fuß hebt die Schranke eines Strumpfes nicht; er muß in dem Stiefel sich frei bewegen, frei wie – wie ...«

»Der Vogel in der Luft!«

Er fuhr fort: »Das ist meine Idiosynkrasie, Herr Staatsanwalt. Und ich frage Sie, ob sie ein Laster, ein Verbrechen ist.«

»Ich denke nicht, Herr Müller.«

»Es freut mich, daß ein Ehrenmann so von mir denkt. Um so mehr kann ich mit voller Verachtung der frechen Verleumdung jenes Seifensieders Dorner entgegentreten, daß ich zu geizig sei, vollständige Strümpfe zu tragen, und aus Eitelkeit oben aus den Stiefeln die seidenen Kappen hervorblicken ließe, damit die Leute Gott weiß was denken könnten. Herr Staatsanwalt, ich bin ein Mann, der kein Verschwender ist und das Seinige zusammenhält, wie ein ordentlicher Bürger muß. Aber Geiz, Herr Staatsanwalt, der schnöde Geiz ist fern von mir, und auf Anstand habe ich stets gehalten.«

Dann fuhr er fort: »Und nun, Herr Staatsanwalt, kann ich zu dem schauderhaften Attentat gegen meine Person übergehen. Tee und Kuchen waren verzehrt. Klavierspiel und Gesang waren zu Ende. Ein paar Gedichte wurden noch deklamiert. Da wurden endlich die Türen des Speisesaals geöffnet. Jeder Herr nahm seine Dame. Ich hatte die Ehre, eine Geheime Hofrätin zur Tafel zu führen. Eine Geheime Hofrätin, Herr Staatsanwalt, kann sich schon mit mehr Recht Geheimrätin nennen lassen als eine Geheime Registraturrätin. Also ich führe meine Dame zur Tafel. Aber bedenken Sie sich meinen Schrecken. Ich helfe zuerst meiner Dame sich setzen.

›Ich bin Ihnen sehr verbunden, Herr Müller‹, sagt sie.

›Bitte gehorsamst, Frau Geheimrätin.‹

›Ich freue mich überhaupt auf das Glück Ihrer Nachbarschaft, Herr Müller.‹

›Glück und Ehre meinerseits, Frau Geheimrätin.‹

Unterdes habe auch ich mich gesetzt, und nun blicke ich auf.

Und was sehe ich? An dem nämlichen Tische? Und der Tisch war so schmal, keine drittehalb Fuß breit! Er saß mir gerade gegenüber, jener Seifensieder Dorner, und er sah mich an, mit einem Blicke, so höhnisch und freundlich – Herr Staatsanwalt, es war ein Blick aus dem tiefsten Pfuhl der Hölle.

›Ah, ah‹, sagte er, ›da sind wir ja doch Nachbarn geworden, lieber Freund Müller.‹ Ich hätte ihm gern erwidert: Der Teufel ist dein Freund! Aber man muß nie den Anstand verletzen. Ich antwortete ihm nichts.

›Du bist nicht guter Laune, Freund Müller?‹ fragte er spöttisch.

›Es gibt‹, antwortete ich ihm kalt, ›Augenblicke im menschlichen Leben...‹

›Ah, und das sagst du an der Seite einer so liebenswürdigen Dame wie die Frau Geheimrätin!‹

Ich mußte deutlicher mit dem Menschen sprechen. ›Meine Seite geniert mich nicht. Aber dieser Tisch ist so schmal.‹

Er lachte laut auf. Dann beugte er sich zu mir über den Tisch herüber und flüsterte mir leise zu: ›Dein Witz war vortrefflich, Freund Müller. Schmaler Tisch, schmale Kost! Aber diese armen Beamten! Was wollen sie machen? Sie haben lange Zeit, bis sie Berliner Hauseigentümer und Rentiers werden und seidene Strümpfe tragen und einen breiten und guten Tisch führen können!‹

Der Schurke hatte mich treuherzig machen wollen. Und es war ihm geglückt.

Ich nickte ihm arglos zu, daß er recht habe. Unterdes hatte er sein scheußliches Verbrechen schon begonnen. Während er sich zu mir vorbeugte, hatte er mit dem Ellbogen an seine Gabel gestoßen, sie war unter den Tisch gefallen.

›Wenn ich ein Jude wäre‹, sagte lachend der Judas, ›so dürfte ich nicht mehr essen. Du weißt das doch?‹

Damit bückte er sich unter den Tisch, als wenn er die Gabel wieder aufnehmen wolle. Auf einmal fühle ich was an meinem Bein. Dieses linke Bein, da war es.

›Bist du an meinem Beine?‹ fragte ich ihn.

›Ich suche meine Gabel‹, sagte er.

Seine Hände krabbelten an meinem Stiefel herum.

›Aber mein Bein ist keine Gabel‹, sage ich.

›Aber es muß auf meiner Gabel stehen‹, erwiderte er.

›Ich fühle aber nichts.‹

›Strecke es nur aus.‹

›Ich strecke es aus.‹

Da haben seine beiden Hände meinen Stiefel umklammert, hinten an dem Hacken die eine, vorn an den Zehen die andere.

›Was machst du?‹ frage ich ihn in entsetzlicher Ahnung.

›Ich suche meine Gabel.‹

›Aber das ist ja mein Stiefel.‹

Meine Ahnung wurde zur Gewißheit. Aber es war zu spät.

Ein furchtbarer, ein höllischer Ruck, und er hatte mir den Stiefel ausgezogen, und ich saß mit bloßem Beine da; das obere Ende des seidenen Strumpfes reichte nur bis zu der Wade hinab; da unten war der Fuß unbedeckt, nackt!«

Der Herr Müller machte eine Pause. Er sah mich mit einem wütenden Blicke an, zugleich mit jener Herausforderung, welche verlangte, daß ich ebenfalls in Zorn, in Entrüstung geraten solle. Dann fuhr er fort.

»Herr Staatsanwalt, so saß ich da! Dieses linke Bein unbedeckt! In seiner vollen Blöße! Der seidene Strumpf, nein, nur das obere Ende eines seidenen Strumpfes, vom Knie bis zu der Wade reichend. Da unten...! Es war fürchterlich! Und das in jener glänzenden Gesellschaft, gar unter Damen! An meiner Seite eine Geheime Hofrätin! Nicht weit von mir sogar eine Geheime Ober...! Etwas weiter ein Königlicher Major! Und da hinten in der Ecke der Garnhändler Littera A.

Herr Staatsanwalt, denken Sie sich meine Lage. Und es war so verdammt hell in dem Saal! Man konnte eine Stecknadel an der Erde sehen.

Und nun denken Sie ferner: Viele der Anwesenden kannten mich, mein besseres, mein wirkliches Selbst. Sie wußten, daß jene Ausstreuungen, ich sei geizig, nur boshafte Verleumdungen waren. Aber viele kannten mich so nicht, und wenn die mich in diesem Zustande sahen, mußte nicht der Schein gegen mich sprechen?

Und daß sie mich, daß sie alle mich in diesem Zustande der schaudervollsten Blöße erblicken sollten, darüber ließ das stille, aber satanische Hohngelächter des Seifensieders mir keinen Zweifel. Ich sah ihn mir gegenübersitzen, ruhig, nur mit jenem innerlichen Hohngelächter, die Gabel in der Hand, aber meinen Stiefel sah ich nicht.

›Wo hast du meinen Stiefel?‹ flüsterte ich ihm zu. Ich dankte jetzt Gott, daß der Tisch so schmal war. Der Schurke wollte anfangs gar leugnen. – ›Deinen Stiefel? Was weiß ich von deinem Stiefel?‹ – ›Du hast ihn mir ausgezogen.‹ – ›Du bist ein Narr. Ich habe meine Gabel gesucht, die mir entfallen war. Sieh, hier ist sie.‹ – ›Meinen Stiefel hast du mir ausgezogen.‹ – ›Du träumst. Was geht mich dein Stiefel an.‹ – ›Den linken.‹ – ›Weder den linken noch den rechten.‹ – ›Gib ihn mir wieder. Ich will ihn zurückhaben.‹ – Da gestand er. Aber, oh, der Spitzbube, nur um einen neuen Streich des heillosesten Verrats gegen mich auszuführen. Er machte ein freundliches und huldigendes Gesicht. – ›Nun wohl denn. Ich habe einen kleinen Scherz gemacht.‹ – ›Ein verdammter kleiner Scherz!‹ – ›Als ich da unten nach der Gabel suchte, kam mir auf einmal der Witz in den Sinn.‹ – ›Ein sehr dummer Witz.‹ – ›Verzeihe mir ihn, lieber Müller.‹ – ›Gib mir augenblicklich meinen Stiefel wieder.‹ – ›Ich will ihn sogar selbst dir wieder anziehen. Ich bin dir das schuldig.‹ – ›Mach nur geschwind.‹ – ›Auf der Stelle.‹ – So wußte er mich noch einmal zu täuschen. Mit einem Raffinement und einem kalten Blute sondergleichen ließ er diesmal seinen Löffel unter den Tisch fallen. Dann bückte er sich, als wenn er ihn aufnehmen wollte. Ich hielt ihm arglos meinen Fuß hin.

Der Bediente präsentierte unterdes eine Pastete.

Man muß gegen Damen höflich sein, Herr Staatsanwalt, und so hielt ich denn meiner Nachbarin, der Geheimen Hofrätin, den Teller, damit sie sich bequemer von der Pastete nehmen könne. Dabei streckte ich in Gedanken auch den anderen, den rechten Fuß, aus, an dem ich wohlverwahrt meinen Stiefel trug. Und nun geschah das Unerhörte. Wieder ein höllischer Ruck – ›Himmeldonnerwetter!‹ schrie ich laut auf. Der Teller flog mir aus der Hand an den großen Präsentierteller des Bedienten, dem Bedienten flog der große Präsentierteller aus beiden Händen. Alles flog halb auf die Erde, halb auf meinen Rock. Und, Herr Staatsanwalt, ich trug einen neuen schwarzen Frack. Aber daran dachte ich nicht. – Meine Nachbarin flog wütend auf, sie hatte ein neues seidenes Kleid an.

›Herr, Sie können sich auch in acht nehmen!‹ rief sie.

Die Wirtin flog herbei.

›Es ist doch kein Unglück geschehen, meine Liebe?‹

›Dieser Herr wird mir nur das seidene, neue, teure Kleid ruiniert haben.‹

Das war zum Glück ein Irrtum. Die beiden Damen besahen sich das Kleid genau. Sie fanden kein Fleckchen daran. Sie wurden wieder freundlich.

›Was war Ihnen denn, Herr Müller?‹

Aber ich war ganz konsterniert. Was mir war, durfte ich nicht sagen, und etwas anderes wußte ich nicht zu sagen.

Und mir gegenüber saß der schurkische Seifensieder und biß in die Pastete ein, als wenn nichts in der Welt passiert wäre.

Ich zitterte vor Wut, und so mußte ich mein Stück der Pastete hinunterwürgen! Mit meinen beiden bloßen, nackten Beinen, Herr Staatsanwalt! Kennt die Geschichte einen solchen Zustand? Und ich durfte kein Wort sagen, nicht einmal eine Miene verziehen. Kein Mensch durfte ahnen, in welchem Zustand der Verzweiflung ich dasaß.

Und der Seifensieder mir gegenüber tat noch immer, als wenn nichts passiert sei. Ich wollte ihn ein paar Mal anreden. Ich konnte ihm nur leise zuflüstern. Er stellte sich, als ob er mich nicht höre, und fing ein Gespräch mit seiner Nachbarin an.

Ich saß in einer Höllenangst. Mir schmeckte kein Essen und kein Trinken. Die Tafel näherte sich ihrem Ende. Der Augenblick des Aufstehens, der fürchterlichsten Entdeckung, war nicht mehr fern.

›Was ist Ihnen, lieber Herr Müller?‹ fragte meine Nachbarin.

›Oh, nichts, nichts, Frau Geheimrätin.‹

›Der Schreck hat Sie vorhin doch nicht zu stark angegriffen.‹

›Oh, nicht im geringsten.‹

›Sie sehen so blaß aus. Ich würde bedauern, wenn ich durch meine kindische Angst zu Ihrem Erschrecken mit Veranlassung gegeben hätte.‹

›Ich bitte untertänig.‹

›Aber was hatten Sie denn eigentlich gehabt?‹

Denken Sie sich, Herr Staatsanwalt, da hatte der Schurke noch die Frechheit, sich in dieses Gespräch zu mischen. Und in welcher Art!

›Gnädige Frau, das kann ich Ihnen sagen!‹ rief er mit seiner höllischen Freundlichkeit.

Ich meinte, der Schlag sollte mich rühren.

›Nun, Herr Dorner, was war es?‹

›Du erlaubst es doch, Müller?‹ fragte mich der Schuft.

Ich meine, ich versinke in die Erde.

›Sagst du ein Wort‹, flüstere ich ihm über den Tisch zu, ›so ermorde ich dich.‹

Er trieb dennoch seine Bosheit weiter.

›Also du erlaubst es. Ja, sehen Sie, Frau Geheimrätin, Sie bemerkten doch vorhin, wie mir mein Löffel entfiel?‹

›Ich erinnere mich.‹

›Und wie ich ihn unter dem Tische suchte?‹

›Ja, ja.‹

›Da sah ich nun zu meinem Erstaunen ...‹

›Was sahen Sie?‹

›Raten Sie einmal.‹

›Wie kann ich das raten.‹

›Es gibt Menschen mit sonderbaren Gewohnheiten.‹

›Nun?‹

›Mancher Mensch hat auch eine besondere Eitelkeit.‹

›Aber was sahen Sie, Herr Dorner?‹

›Ja, was ich sah! – Aber entschuldigen Sie, verehrte Frau Geheimrätin, da erhebt sich der Herr Major, um unserer liebenswürdigen Wirtin einen Toast zu bringen. Nachher, wenn Sie erlauben.‹

Sehen Sie, Herr Staatsanwalt, das war mein Glück, dieser Toast des Königlichen Majors auf die liebenswürdige Wirtin.

Aber nun war es auch die höchste Zeit für mich. Bald nach dem Toast mußte die Tafel aufgehoben werden. Ich mußte mich wieder an den Schurken wenden.

›Dorner‹, flüsterte ich ihm zu. – Diesmal hörte er mich.

›Was willst du?‹ – ›Wirst du nun mit deinem Scherze bald ein Ende machen?‹

›Mit welchem Scherze?‹ – ›Wo hast du meine Stiefel?‹ – ›In meiner Tasche.‹ – ›Was?‹ – ›In meinen Rocktaschen. In jeder einen.‹ – ›Aber Mensch, was tust du damit in deinen Taschen?‹ – ›Ich verwahre sie.‹ – ›Warum? Warum?‹ – ›Um der Welt zu zeigen, welch ein alter, schmutziger Geizhals du bist.‹

Ja, Herr Staatsanwalt, das waren seine Worte, seine eigenen schändlichen Worte.

›Mensch‹, sagte ich zu ihm, ›bringe mich nicht in Verzweiflung.‹ – ›Und dann?‹ lachte er höhnisch. – ›Du kennst mich nicht.‹ – ›Ich kenne dich doch, du bist ein alter Geizhals, und so soll alle Welt dich kennenlernen.‹ – Ich gab ihm gute Worte.

›Lieber Dorner, nicht wahr, du machst jetzt dem Spaß ein Ende?‹

›Oh, du bittest mich?‹ – ›Ja, ich bitte dich.‹

›Da wirst du mich zugänglich finden.‹ – ›Das wundert mich nicht.‹

›Aber unter einer Bedingung.‹ – ›Sei kein Tor.‹

›Nur unter der einen Bedingung.‹ – ›Laß sie hören.‹

›Du hast einen Sohn!‹ – ›Friedrich Heinrich.‹

›Er ist ein braver Mensch.‹ – ›Gewiß.‹

›Und der alte Henneke hat eine Tochter.‹

Herr Staatsanwalt, da hatte ich auf einmal das ganze schauderhafte Verbrechen.

Also darauf hatte er es abgemünzt. Ich erbebte. Ich erbebte bis in die tiefste Tiefe meines Innern.

›Nein, nein!‹ rief ich.

›Was‹, erwiderte der ränkevolle Schurke, ›du willst leugnen, daß der Garnhändler Henneke eine Tochter hat?‹

›Ich weiß es ja‹, sagte ich, ›sie heißt Sophie Charlotte.‹

›Richtig. Gestehst du auch ein, daß sie ein braves Mädchen ist?‹

›Ich weiß nichts gegen sie.‹

›Und daß dein Sohn sie liebt und sie ihn?‹

›Aber es wird nichts daraus, sage ich dir.‹

›So bleiben deine Stiefel in meinen Taschen.‹

›Dorner, lieber Dorner, sei vernünftig.‹

›Ich bin vernünftig. Aber du bist ein alter, geiziger, eitler, eigensinniger Tor.‹

›Schimpfe, soviel du willst, aber laß von der Bedingung ab.‹

›Nimmermehr!‹

Da war der Toast des Königlichen Majors zu Ende. Es wurde mit den Gläsern angestoßen. Auch ich mußte anstoßen, und der Schuft hielt mir zu allererst sein Glas hin, mit seinem satanisch-grinsenden Lächeln, und sagte: ›Nun, Bruderherz?‹

Noch fünf Minuten! Dann wird aufgebrochen. Es ist die Sitte des Hauses. Der Angstschweiß brach mir aus.

›Sie sind so entsetzlich blaß, Herr Müller‹, sagte die Geheime Hofrätin zu mir.

›Es ist hier so heiß, Frau Geheimrätin.‹

›Noch vier Minuten‹, sagte der Seifensieder. ›Willst du auf meine Bedingung eingehen?‹

›Aber du hast sie mir noch nicht genannt.‹

›Es ist da nicht viel zu nennen. Hier, ich habe die Sache gleich hübsch zu Papier gebracht. Unterschreib das, und alles ist in Ordnung.‹

Er zog ein Papier aus der Tasche. Er reichte es mir. Auch eine Bleifeder legte er mir gleichzeitig in die Hand. Der Schurke hatte an alles gedacht, alles vorher überlegt. Nie, Herr Staatsanwalt, ist ein prämeditierteres Verbrechen begangen.

Ich las das Papier. Ich sollte darin feierlich erklären, daß ich meine väterliche Einwilligung gebe zu der ehelichen Verbindung meines Sohnes Friedrich Heinrich Müller mit dem Fräulein Sophie Charlotte Henneke. Die Haare standen mir zu Berge.

›Nimmermehr!‹ rief ich.

Die Geheime Hofrätin sah mich ängstlich an. Ich mußte wirklich aussehen wie eine Leiche. Ein Stein hätte Erbarmen mit mir haben müssen. Dieser Seifensieder hatte es nicht.

›Noch drei Minuten!‹ sagte er.

Ich fühlte, wie mir kalt wurde am ganzen Leibe. An den Füßen fing es an. An den nackten Füßen, mit denen ich da saß. Nur noch drei Minuten, dann war es vorbei!

›Dorner, lieber Dorner‹, flehte ich.

›Schreib, Judas!‹ rief der Schurke. Er konnte in diesem Augenblick an Schillers Wallenstein denken!

Es wurde mir kälter, Herr Staatsanwalt, immer kälter. Es wollte mir schon an das Herz treten. Da nahm ich die Bleifeder und schrieb meinen Namen unter das Papier und verschrieb mich dem Teufel.

›Hier, du Mensch, du Barbar. Nun gib meine Stiefel heraus.‹

Der Schuft sah genau nach, ob ich auch meinen vollen, ordentlichen Namen geschrieben hätte. Dann steckte er das Papier ein, und dann langte er in seine Rocktaschen, in denen er richtig meine Stiefel stecken hatte, zog sie heraus, und langte sie mir unter dem Tische zu. Und in dem Augenblicke, als die Tafel aufgehoben wurde, hatte ich sie glücklich angezogen.

Ich war gerettet, aber um welchen Preis, Herr Staatsanwalt, um welchen Preis? Vermögen Sie das zu fassen? Um vor einer schändlichen, niederträchtigen Schmach gerettet zu werden, meine Ehre verkauft, einem Seifensieder zur Beute geworden, an einen Menschen gefesselt, der meine Ehre angegriffen hatte. Und das nicht genug, mein Sohn an diesen nämlichen Menschen als Schwiegersohn verkauft. Mein einziges Kind!« – Hier endete der Herr Müller.

Ich hatte den letzteren Teil seiner Erzählung ruhig angehört. Ich hatte mich nicht mehr gegen die Ungeduld, desto mehr gegen die Lachlust wehren müssen. Ich hatte es gekonnt. Ich konnte es auch noch.

»Und was erwarten, was wünschen Sie von mir?« fragte ich ihn ruhig, wie ich ihn angehört hatte.

Er sah mich erstaunt an.

»Herr Staatsanwalt, zuerst meine Freiheit, meine Ehre, mein Kind zurück, jenen Schein, jene Schrift, deren Unterzeichnung mir durch alle Künste der Hölle abgenötigt ist.«

»Und dann?«

»Und dann Bestrafung des elenden Verbrechers. Das erwarte ich. Darauf trage ich an, darauf trage ich an bei dem Wächter des Gesetzes.«

Und diesmal sah er mich mit einem stolzen, triumphierenden Blicke an.

Und jetzt, ich versichere es meine Leser, war ich in keiner beneidenswerten Lage.

Einerseits konnte ich in dem Vorfalle keine eigentliche Concussion, auch kein anderes Verbrechen erkennen. Die juristischen Gründe wollen meine Leser mir erlassen. Mindestens war ich bei meinem täglichen Studium der Gesetze im Zweifel, ob ein Verbrechen begangen ist, wie sollte ich da verlangen, daß der Täter habe wissen müssen, daß er ein Verbrechen begangen und sich strafbar gemacht habe, wie sollte ich ihn da auf Strafe anklagen? Ich hatte stets im entgegengesetzten Sinne gehandelt. Dazu kam der kleine Herzensroman, der in die Sache hineinspielte. Fragte ich mich, so mußte ich mir, unter herzlichem und innerlichem Lachen, gestehen, daß ich an der Stelle des »höllischen Seifensieders« wahrhaftig in ähnlicher Weise hätte handeln können, um der verletzten Eitelkeit des alten Toren zum Trotze die Verbindung der jungen Leute herbeizuführen. Eine gerichtliche Aufnahme der Sache mußte aber das so lose geknüpfte Band – sofort – völlig wieder zerreißen.

Dagegen hatte ich es – Respekt vor allen Müllers und Schulzes der Christenheit – mit einem ebenso heftigen, reizbaren und leidenschaftlichen als zähen Narren zu tun. Welche Mühe, welcher Kampf, um ihn zu überzeugen und zu beruhigen, und doch welche Unwahrscheinlichkeit eines Erfolges!

Ich mußte unterdes den Kampf aufnehmen. Am meisten rechnete ich dabei auf eine nichts weniger als juristische Waffe.

»Herr Müller, was Ihren ersten Antrag betrifft, so können Sie ihn bei mir nicht vorbringen.«

»Sind Sie nicht der Wächter des Gesetzes?« unterbrach er mich hastig.

»Gewiß, jedoch nur für Kriminalsachen. Jene Schrift kann aber nur der Zivilrichter im Wege des Zivilprozesses für ungültig erklären.«

Er sah mich verdutzt an. »Das ist gesetzlich?«

»So verordnet es das Gesetz.«

Er machte eine heftige Gebärde.

»Ich hoffe, Sie setzen keinen Zweifel in meine Worte, Herr Müller.«

Er verbeugte sich. Er war wenigstens ein höflicher Narr.

»Aber die Strafe!« rief er dann. »Der verdienten Strafe darf er nicht entgehen.«

»Der verdienten gewiß nicht, weder er noch irgendein anderer, der schuldig ist.«

»Ich erwarte es.«

»Und dazu erlauben Sie mir ein paar Fragen. Sollte der Herr Dorner nur aus eigenem Antriebe gehandelt haben?«

Er stutzte. Es tauchte etwas in ihm auf, woran er früher nicht gedacht hatte.

»Wieso, Herr Staatsanwalt?«

»Sollte nicht der Herr Henneke mit ihm im Einverständnis gewesen sein, gar eine Verabredung mit ihm getroffen haben?«

Seine Augen leuchteten.

»Gewiß, gewiß, Herr Staatsanwalt. Ich warf einmal meine Augen auf diesen Garnhändler Littera A, und ich begegnete einem Blick, ja einem Blick, den ich jetzt verstehe.«

»Und was meinen Sie von der Wirtin? Sollte es bloßer Zufall gewesen sein, daß der Herr Dorner Ihnen gerade gegenüber saß?«

»Herr Staatsanwalt, Sie regen da einen Gedanken in mir an. – Ja, ja, es war ein großes, höllisches Komplott.«

»Und dann war auch am Ende Ihr Sohn mit in dem Einverständnis?«

»Ha, mein eigener Sohn! Oh, es ist kein Zweifel! Kein Zweifel! Auch die Geliebte!«

»Sie alle müßten also mit zur Untersuchung gezogen werden.«

Da stutzte er wieder, aber in anderer Weise als vorher. Er wurde unruhig.

»Alle, Herr Staatsanwalt?«

» Unzweifelhaft.«

»Auch die Frau Geheime Registraturrätin, die Wirtin?«

»Unbedenklich. Vielleicht gar die Frau Geheime Hofrätin, denn wenn ich bedenke ...«

»Hm, hm! Und auch mein eigener Sohn?«

»Völlig ohne Zweifel!«

»Herr Staatsanwalt!«

»Herr Müller?«

»Und wir haben jetzt öffentliches Verfahren?«

»Wir haben öffentliches Verfahren, Herr Müller.«

Er wurde unruhiger. Aber noch einmal kam ihm ein Lichtstrahl.

»Allein, Herr Staatsanwalt, aus Gründen der Sittlichkeit muß nach dem Gesetz die Öffentlichkeit ausgeschlossen werden.«

»Was hat das mit Ihrer Sache zu tun?«

»Herr Staatsanwalt, sollten Sie es nicht für unanständig halten, in einer Gesellschaft mit bloßen Füßen zu erscheinen?«

»Es kommt auf die Gesellschaft an.«

»In einer anständigen, zivilisierten Gesellschaft.«

»Es käme auf die erscheinende Person an.«

»Ich verstehe Sie nicht, Herr Staatsanwalt.«

»Ein kleiner Bettlerknabe zum Beispiel, der barfuß in die vornehmste, auf dem Lande promenierende Gesellschaft träfe und um eine Gabe bäte, würde den Anstand nicht sehr verletzen.«

»Aber ich, Herr Staatsanwalt?«

»Ein gesetzter Mann wie Sie, ein Rentier, ein Berliner Bürger und Hauseigentümer – allerdings.«

»Sehen Sie, Herr Staatsanwalt!«

»Aber was folgt daraus, Herr Müller?«

»Eine Unanständigkeit, also eine Unsittlichkeit!«

»Aber nur eine Unanständigkeit, die ganz allein Sie anginge.«

»Ich verstehe Sie wieder nicht, Herr Staatsanwalt.«

»Herr Müller, ein Dieb, der stiehlt, handelt der nicht unanständig, unsittlich?«

»Aber gewiß.«

»Enthält nicht zuletzt jedes Verbrechen eine Verletzung der Sittlichkeit?«

»Ja, ja.«

»Nach Ihrer Ansicht könnte also keine einzige Untersuchung öffentlich verhandelt werden.«

»Ja, Herr Staatsanwalt, dieser Ansicht bin ich auch, als sittlicher Berliner Bürger und Hauseigentümer.«

»Das Gesetz ist indes anderer Meinung, und ich werde allerdings bedauern, daß, wenn Ihre Sache zur Anklage kommt, Ihre Stulpstiefel und diese seidenen – Halbstrümpfe öffentlich werden vorgelegt werden, und daß wahrscheinlich auch Sie oder der Herr Dorner von dem Gerichte werden aufgefordert werden, den Akt des Ausziehens der Stiefel unter dem Tische in Gegenwart der Richter und vor dem Publikum zu wiederholen.«

Er war sehr blaß geworden, vielleicht blasser als am gestrigen Abend in der Gesellschaft der Frau Geheimen Registraturrätin.

»Herr Staatsanwalt«, rief er entsetzt, »das alles könnte, müßte geschehen?«

»Wie ich Ihnen sage.«

Er war in sehr große Angst geraten. Er trat unruhig nachdenkend von einem Fuße auf den andern. Er warf sorgenvolle Blicke auf seine Füße, auf die blanken Stulpstiefel, die halbseidenen Strümpfe, die doch keine Strümpfe waren. Auf seiner Stirn perlte wieder dicker Schweiß. So kämpfte er lange mit sich. Endlich hatte er einen Entschluß gefaßt.

Und er war doch nicht ganz der leidenschaftliche und zähe Narr, für den ich ihn gehalten hatte.

»Herr Staatsanwalt, können Sie das, was ich Ihnen mitgeteilt habe, noch amtlich ignorieren?«

»Vollkommen.«

»Wollen Sie es auch?«

»Nach dem Gesetze und meiner Überzeugung muß ich es sogar.«

»Und Sie wollen es auch so für sich, so privatim ignorieren?«

»Gewiß, auch das.«

Es war ihm leichter geworden. Und nun hatte er sich auch ein Herz gefaßt. Er nahm meine Hand.

»Herr Staatsanwalt, ich hätte noch eine Bitte.«

»Welche, Herr Müller?«

»Wollen Sie mir die Ehre erzeigen, auf die Hochzeit der beiden zu kommen?«

»Das war ein braves Wort, Herr Müller!«

Und der Herr Müller war wirklich ein braver Mensch, trotz alledem.

Er war es. Er ist tot. Sonst hätte ich Ihnen diese Geschichte nicht erzählt, obgleich er Müller hieß.

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