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Ein tragisches Ende

Hubertus Temme: Ein tragisches Ende - Kapitel 1
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typenovelette
authorJodokus Donatus Hubertus Temme
titleEin tragisches Ende
publisherVerlag das Neue Berlin
year1984
correctorreuters@abc.de
illustratorGünter Lück
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Auch eine Karriere

Die kleine Provinzstadt war in einer gewissen Aufregung. Es hatte sich etwas begeben, was für sie ein Ereignis war.

Die kleine Provinzstadt war und ist noch eine preußische Beamtenstadt. Fünf- bis höchstens sechstausend Einwohner, und davon über tausend königliche Beamte. Verteilt an ein Oberlandesgericht, eine Regierung, ein Konsistorium, an ein Land- und Stadtgericht, ein Landratsamt, eine Polizeidirektion, soundso viele Rezeptionen usw. Verteilt an alle diese Behörden als Präsidenten, Direktoren, Räte, Assessoren, Referendare, Schalterbeamte und Unterbediente und wie die technischen Namen weiter heißen, bis zu dem Ofenheizer hinunter, der einem Fremden das neue Sitzungszimmer mit der neu eingerichteten russischen Heizung zeigt und dabei mit der vollen Wichtigkeit des Beamten sagt: »Hier halten wir Sitzung, und hier heizen wir ein!«

Wenn ein Prinz des Königshauses ankommt oder abreist, so ist es ein Ereignis für die Residenz.

Wenn in einer kleinen Beamtenstadt ein neuer Beamter ankommt oder ein alter Beamter abgeht, so ist es ein Ereignis für die kleine Stadt. Ist es gar ein Rat, der sogar in die Residenz berufen ist, so ist es ein Ereignis, das die kleine Stadt wohl in eine gewisse Aufregung versetzen kann.

Der Rat Hartwig von dem Oberlandesgericht der kleinen Provinzstadt war von dem Justizminister nach Berlin berufen. Vorläufig nur als Hilfsarbeiter im Ministerium; aber es war kein Zweifel, daß er nächstens zum Wirklichen Vortragenden Rat werde befördert, als Geheimer Justizrat definitiv werde angestellt werden. Er war noch ein junger Mann; er gehörte zu den tüchtigsten Räten des Oberlandesgerichts; er war gewandt, und vor allem, er war ehrgeizig.

In Berlin sollte ein neues Strafgesetzbuch für die königlich-preußischen Staaten gemacht werden. Man hat bekanntlich schon seit dem Jahre 1827 daran gearbeitet. Im Jahre 1851 ist es endlich fertig geworden. In dieser ganzen Zeit mußte die Arbeit fast alle zwei Jahre umgeworfen, verändert, erneuert werden.

Zur Ausarbeitung eines neuen Entwurfs war der Oberlandesgerichtsrat Hartwig nach Berlin berufen.

Seine Berufung war ein Ereignis. Seine Abreise war es erst recht.

Er wollte mit der Schnellpost abreisen, die auf der Tour nach Berlin jeden Abend um zehn Uhr durch das Städtchen kam.

Es war erst halb zehn Uhr abends. Dennoch war der Posthof schon gefüllt mit Personen, die den Rat wollten abfahren sehen.

Er selbst war noch nicht da. Das Kollegium, dem er bisher angehörte, gab ihm ein feierliches Abschiedsessen in dem Gasthofe, der Post gerade gegenüber. Von dem Posthofe aus sah man die hell erleuchteten Fenster des Gasthofes; von den erleuchteten Fenstern des Gasthofes sah man in den Posthof.

Bei dem Abschiedsessen waren die Präsidenten, die Kollegen, die näheren Freunde des Rats.

Im Posthofe waren die übrigen Personen, die ihn noch sehen, noch sprechen, noch begrüßen, sich ihm noch empfehlen wollten. Das letztere wollten wahrscheinlich noch alle, die da waren. Ein Rat, welcher Vortragender Rat im Ministerium wird, ist ein sehr wichtiger Mann, den man sich zum Freunde, zum Gönner, zum Beschützer erhalten muß. Auf ihn hört der betreffende Departementsrat im Ministerium, der Minister selbst, wenn es sich um Beförderung, um Gehaltsverbesserung, um Zulage, um einen Orden handelt. An dem Rat Hartwig selbst hatte man das Beispiel. Wäre er nicht der Universitätsfreund des Geheimen Justizrats Ewald im Justizministerium gewesen, der selbst bekanntlich eine so schnelle Karriere gemacht hatte und, so jung er noch war, beim Ministerium alles galt, wer weiß, ob er, trotz allen seinen Talenten, Kenntnissen, Fähigkeiten, sich auf dem Wege nach Berlin mit einer so hohen Bestimmung befinden würde.

Drüben in dem Saale des Gasthofes, in welchem das Abschiedsessen stattfand, war es an der Tafel laut gewesen. Es wurde auf einmal still dort. Dann vernahm man eine einzelne Stimme. Sie sprach lange. Wie sie sprach, konnte man im Posthofe nicht verstehen. Aber etwas wußte man davon.

»Das ist die letzte Abschiedsrede, die ihm gehalten wird.«

»Der Herr Chefpräsident selbst hält sie.«

»Es ist eine große Ehre für ihn.«

»Er macht auch eine bedeutende Karriere.«

»Und ist noch so jung. Höchstens ein- oder zweiunddreißig Jahre alt, und schon Rat im Ministerium.« .

»Oho, vorläufig erst Hilfsarbeiter.«

»Er wird schon bald Wirklicher Rat werden.«

»Freilich, bei seinen Verdiensten.«

Ein langer, finsterer Mensch mischte sich in das Gespräch.

»Verdienste? Welche Verdienste hätte er denn?«

Der lange Mensch war ein malkontenter Auskultator, den der Rat Hartwig als Examinator zweimal durch das zweite Examen hatte fallenlassen. Er war wohl nicht da, um sich dem Rat zu empfehlen.

»Welche Verdienste er hat? Ist das nicht schon ein Verdienst, in so jungen Jahren Rat zu sein?«

»Durch Kriechen geworden zu sein?«

»Wo hat er gekrochen?«

»Fragt, wo hat er nicht gekrochen? Schon als Auskultator hatte er nur den einen Gedanken, Karriere zu machen. Wenn der Präsident einen Vortrag hielt, so trat er dicht an dessen Stuhl, als wenn es sein Tod wäre, ein Körnlein von der Weisheit zu verlieren, die über die hohen Lippen perlte. Wenn ein junger Rat oder Assessor vortrug, trieb er Allotria. Später, als Assessor, als Rat, hat er je eine andere Meinung gehabt als die des Präsidenten? Und wenn er sie hatte, so wußte er, daß es die des Ministers war.«

»Verleumdung, Verleumdung!« rief man rings um den malkontenten Auskultator.

»So? Ist auch das eine Verleumdung, daß er neulich, als der Geheime Rat Ewald von Berlin hier war, gegen diesen, der doch sein Universitätsfreund ist, untertänig war, wie er nur gegen den Minister selbst hätte sein können? Dem allein hat er diese Berufung zu verdanken.«

»Der Ewald ist ein Ehrenmann, das weiß jeder.«

»Gewiß ist er das. Aber der Schmeichelei ist jeder Mensch zugänglich.«

»Wenn der Rat Hartwig kein brauchbarer Mann wäre, würde man ihn nicht in das Ministerium berufen haben.«

»Ja, ja, das ist es. Brauchbar, ein brauchbarer Mann! Da habt Ihr das rechte Wort getroffen. Brauchbar muß man sein, wenn man eine Karriere machen will. Brauchbar zu allem, zu allem sich brauchen lassen. Das sind die Leute, und von der Sorte ist er!«

Wir müssen unsere Leser ausdrücklich bitten zu beachten, daß dieser malkontente Auskultator zu einer Zeit malkontent war, die weit hinter der jetzigen Zeit zurückliegt.

Und in derselben Zeit trug sich auch die folgende Szene zu.

Seitdem ist vieles in der Welt anders geworden. Ganz kann die Welt sich freilich nicht ändern.

Die Rede des Präsidenten war zu Ende. Ein lautes, donnerndes dreimaliges Hoch zeigte ihren Schluß an.

Gleich darauf hörte man hinten in der Straße ein Posthorn schmettern.

»Die Schnellpost! Die Schnellpost kommt!«

Hunderte von dienstfertigen und sich empfehlen wollenden Beinen setzten sich in Bewegung, zuerst die Nachricht in den Gasthof zu bringen.

»Die feigen Bedientenseelen«, sagte der malkontente Auskultator.

Die Schnellpost kam in den Hof gefahren.

Von drüben aus dem Gasthofe kam die ganze Tischgesellschaft. Die dienstfertigen Beine kehrten mit ihr zurück.

An der Spitze des Zuges war der Rat Hartwig. Die beiden Präsidenten hatten ihn in ihrer Mitte. Hinter ihnen folgten die übrigen Beamten nach Rang und Anciennität. In einem ordentlichen Beamtenstaate muß das alles ordentlich sein.

Man gelangte zu dem Postwagen.

»Teurer Herr Kollege«, sagte der Chefpräsident, »Gott sei mit Ihnen und schenke Ihnen eine glückliche Karriere.«

»Und denken Sie an Ihre hiesigen Freunde zurück«, sagte der Vizepräsident.

»Und an Ihre zahlreichen Verehrer«, sagte der älteste Rat.

»Verehrter Herr Kollege, ich empfehle mich Ihrem wohlwollenden Andenken«, sagte der zweite Rat.

»Ich empfehle mich Ihnen gehorsamst«, der folgende. »Ganz gehorsamst«, der darauf folgende.

So empfahlen sich alle Räte.

Sie schüttelten ihm bieder und freundschaftlich die Hand.

Die Assessoren bückten sich submiß.

Und so weiter.

Auch der Ofenheizer des Kollegiums war da. Er küßte dem jungen Rat die Hand.

Er war schon am Morgen bei ihm gewesen mit einem dringenden Anliegen.

»Gnädiger Herr Rat, ich hätte wohl noch eine große Bitte an Sie.«

»Sprechen Sie dreist, lieber Ofenheizer.«

»Sehen Sie, Herr Geheimer Rat, da ist der Botenmeister, der hat eine Frau, und die ist die Frau Botenmeisterin. Und ich bin bloß simpler Ofenheizer, und da meint meine Frau, ich könnte doch auch wohl Ofenheizermeister werden und sie Frau Ofenheizermeisterin, und da nun ein ehrliebender Beamter auch seine Karriere machen will, so wollte ich Sie recht freundlichst gebeten haben, ob Sie nicht bei des Herrn Justizministers Exzellenz ein gutes Wörtchen für mich einlegen wollten.«

»Ich werde Sie gewiß in Berlin nicht vergessen, lieber Ofenheizer«, hatte der Rat freundlich erwidert.

Der Mann wollte ebenfalls am Postwagen sich noch in Erinnerung bringen.

Der Rat Hartwig war über alle diese Beweise von Liebe, Freundschaft und Verehrung sehr gerührt.

Bevor er in den Wagen stieg, wandte er sich zu der versammelten Menge zurück.

Sein Gesicht glänzte vor Glück, vor Dankbarkeit, vor Wehmut.

»Meine hochverehrten Gönner und hohen Vorgesetzten ...«

Die beiden Präsidenten wehrten mit den Händen ab.

»Nicht mehr«, sagte herablassend der Chefpräsident.

Aber der junge Rat ergriff die abwehrenden Hände, als wenn er sie küssen wolle.

Das wurde wieder abgewehrt. »Immer, immer«, rief er. »Ja, meine hochverehrten Vorgesetzten, meine geehrten Kollegen, meine Freunde, ja, Sie alle meine Freunde, Sie sehen mich hier gerührt, tief ergriffen. Ich kann keine Worte finden, Ihnen allen, ja allen, meinen Dank auszudrücken. Wie habe ich so viel verdient, so viel Huld, so viel Freundschaft, so viel ...«

Ein hundertstimmiges rauschendes Hoch brach los, ließ ihn nicht vollenden.

Der begeisterte Ofenheizer hatte es zuerst angestimmt.

Der junge Rat wurde einmal unterbrochen. Das Ende der ausgebrochenen Begeisterung abzuwarten, um sich dann nochmals in Rührung zu versetzen, das hätte nur ein guter Komödiant vermocht. Er wollte rasch in den Wagen springen, auf dessen Bock der Postillon schon lange genug wartete.

Er wurde zurückgehalten.

Als er sich umsah, blickte er in ein altes, ernstes, strenges, etwas kummervolles Gesicht.

Ein alter Rat des Kollegiums stand neben ihm. Ein Mann von etwas altertümlichen Grundsätzen, daher auch von seinen jüngeren Kollegen oft verspottet. Seine Grundsätze waren zugleich die der Milde; die Kollegen hatten ihm daher den Beinamen des philanthropischen Narren gegeben.

Er nahm, trotz seines strengen Blickes, mit einer gewissen Herzlichkeit die beiden Hände des jungen Rats. Mit tiefem Ernst aber sprach er: »Junger Kollege, Sie sind zu einem ebenso schwierigen als wichtigen Werke in die Hauptstadt berufen. Sie haben alles Zeug, es zu lösen, wenn Sie mit festem Willen eins festhalten: die Gewissenhaftigkeit. Nur das, was Sie in Ihrem innersten Gewissen für Recht erkennen, nur das lassen Sie auch Recht werden. Daran halten Sie und an den Gedanken an das Volk, für welches die Gesetze gemacht werden, nicht aber an Gunst und Gnade von oben. Und nun sei Gott mit Ihnen und mit Ihrem Tun.«

Der junge Rat saß schon im Wagen, um einer Fortsetzung solcher Predigt zu entgehen.

»Fort!« rief der Kondukteur von seinem Sitze. Der Postillon hieb auf die Pferde.

Der Wagen flog davon.

Hurras folgten ihm noch so lange, als man meinen konnte, sie seien im Innern des Wagens zu hören.

»Ja, er wird eine bedeutende Karriere machen«, versicherte noch einmal der Chefpräsident den Zurückgebliebenen. »Er hat alles dazu, Talent, Kenntnisse, hohe Gönner und vor allem Gewandtheit.«

»Und wenn ihm das Gewissen fehlt«, sagte der alte, mürrische Rat, »so hat er doch nichts.«

Der junge Rat Hartwig fuhr unterdes seiner hohen Bestimmung in Berlin entgegen.

Er saß im Coupé des Postwagens allein. Er hatte also sich und seinen Gefühlen keinen Zwang anzutun.

Er war zuerst verdrießlich. Verdrießlich?

Dieser grobe alte Narr! Gewissen, Gewissenhaftigkeit! Was sollte das heißen? Seit dem Tage meines Eintritts in den Staatsdienst stehe ich in allen Konduitenlisten als das Muster eines ordentlichen, gewissenhaften Beamten. Aber ich weiß, was er meint! Diese Rigoristen! Wenn man an sich selbst, an seine Karriere denkt, das ist ihnen ein Verbrechen. Nur auf das Volk und immer auf das Volk soll man sehen. Nie nach oben, nur immer nach unten. Darum hat er auch keine Karriere gemacht. Nicht einmal einen Orden, nicht einmal eine erbärmliche Zulage! Nein, nein, mein philanthropischer Herr Narr, ich halte es anders!

Damit wurde er wieder vergnügt. Also nach Berlin! Aber zuerst machen wir es uns behaglich.

Er zog eine elegante, mit feiner Stickerei versehene Zigarrendose hervor, nahm eine Zigarre heraus, nahm aus einem kleinen, glänzend polierten Messingbüchschen ein Zündhölzchen, strich es geschickt, daß es nach dem ersten Strich brannte, zündete die Zigarre an und begann behaglich zu rauchen. Dann brachte er Zigarrendose und Büchschen wieder an ihren Platz.

Er war ein sehr ordentlicher Mensch, selbst im Rauchen, obwohl er ein leidenschaftlicher Zigarrenraucher war.

Und während er behaglich rauchte, fuhr er in seinem Selbstgespräche fort.

Also nach Berlin, nach der Hauptstadt! Ins Ministerium! Der Staub der Provinz wäre abgeschüttelt! Des kleinen Städtchens, der der spießbürgerlichen Kollegenschaft! Ha, wie sie höflich, wie sie untertänig waren! Wie sie krochen! Selbst die Präsidenten! Vor vier Wochen noch so vornehm! Ja, ja! Ins Ministerium. Zwar nur als Hilfsarbeiter! Aber zu welchem wichtigen Werke! Der alte Narr hatte recht; es ist die wichtigste Arbeit, die jetzt dem Ministerium vorliegt. Ein Strafgesetzbuch für den ganzen Staat; selbst für die Rheinprovinzen, die nur von ihrem französischen Rechte wissen wollen. Sie müssen sich krümmen. – Wie kann ich mich da auszeichnen! Es kann nicht fehlen; übers Jahr bin ich Geheimer Justizrat – schon Vizepräsidentenrang! Dann Geheimer Ober! Gleich einem Chefpräsidenten! Dann mache ich einmal eine Besuchsreise hierher. Wie sie sich ärgern, wie sie kriechen werden. Und dann Wirklicher Geheimer Oberjustizrat! Oder Präsident des Obertribunals! Eine vortreffliche Stelle! Mit dem Prädikat Exzellenz! Und – wer weiß – man hat zwar noch keine Beispiele, aber warum sollte es nicht sein können, warum sollte der König nicht auch einmal aus einem ausgezeichneten, treuen, verdienten Obertribunalspräsidenten einen Justizminister machen können?

Er rauchte in behaglichem Schweigen seine Zigarre weiter.

»Nur klug, nur klug!« sagte er noch zuweilen.

Dann schlief er glücklich ein. –

Er kam am zweiten Tage in Berlin an. Stolz fuhr er durch das stolze Tor.

»Fortan hier! Es geht doch nichts über eine große Residenz. Und welche Stellung werde ich hier einnehmen ...«

Er stieg im Hôtel de Brandenbourg am Gendarmenmarkte ab. Es war – damals – der vornehmste Gasthof Berlins und lag im Mittelpunkte des vornehmsten Teils der Stadt.

Wohin gehe ich nun zuerst? Zu meinem Freunde Ewald? Er hat mich dem Minister empfohlen! Allein was für Dank bin ich ihm da am Ende schuldig? Der Minister war schon längst auf mich aufmerksam geworden. Durch mich selbst! Durch meine Arbeiten – die Konduitenlisten. Man muß die Leute nicht verwöhnen; zumal den Ewald. Er ist ohnehin etwas hochmütig, anmaßend. Sogar eitel! Er hat so jung die Karriere gemacht. Da überhebt er sich. Mußte man ihm doch ordentlich den Hof machen, als er zum Besuch in der Provinz war. Und wir waren doch so genau bekannt auf der Universität. Und übers Jahr bin ich, was er ist. – Ich gehe nicht zu ihm. – Später! Zum Abend. – Heute ist Mittwoch, der Empfangstag des Ministers. Ich melde mich gleich. – Nachher kann ich ja im Vorbeigehen bei Ewald einsprechen.

Er kleidete sich an. Schwarzer Frack, hoher, glänzend gebürsteter schwarzer Zylinderhut, glänzende lackierte Stiefel, weiße Krawatte, weiße seidene Weste, weiße Glacéhandschuhe. Er war untadelhaft.

So erschien er im Vorzimmer des Ministers. Er war in der Hauptstadt bekannt. Er hatte hier ein Jahr lang studiert! Er hatte sich längere Zeit zum dritten Examen hier aufgehalten. Er war später manchmal hingereist. Er hatte dann auch jedesmal sich dem Minister vorgestellt. So war er auch in dem Vorzimmer des Ministers bekannt.

Ja, die Vorzimmer der Minister sind an den Audienzabenden immer voll. Wieviel Unglück, wieviel Elend, wieviel Opfer des Unrechts, aber auch wieviel Frechheit, Schikane, Verfolgungssucht hat dort zu klagen und anzuklagen!

Der neue Hilfsarbeiter des Ministeriums fand das Vorzimmer des Ministers schon sehr gefüllt. Ein anderer hätte besorgt sein können, zwei bis drei Stunden warten zu müssen, bis die Reihe, angemeldet zu werden, an ihn komme.

Er sah mit einem leichten, stolzen Lächeln auf die harrende Menge.

»Oberlandesgerichtsrat Hartwig, von Seiner Exzellenz befohlen!« sagte er zu dem mit der Anmeldung beauftragten Kanzleidiener.

»Ich werde den Herrn Oberlandesgerichtsrat sofort melden.«

Der Diener ging in das Kabinett des Ministers.

Schon nach einer Minute kam er zurück, zugleich eine ältliche Dame herausbegleitend, deren Audienz beendigt oder abgebrochen war.

»Herr Rat Hartwig!«

Der Diener öffnete die Tür weiter.

Der junge Rat schritt mit einem stolzen Lächeln in das Kabinett.

Der Minister war bekanntlich ein sehr höflicher und, was man auch von ihm sagen mag, im Grunde des Herzens ein wohlwollender Mann. Das neue Strafgesetzbuch war sein Steckenpferd.

»Seien Sie mir willkommen, Herr Rat Hartwig. Ich schätze mich glücklich, einen so tüchtigen Mann fortan in meinem Ministerium zu sehen.«

Der junge Mann bückte sich bis zur Erde, glücklich und wirklich gerührt. Wer hat nach solch einem Empfange seine Karriere nicht gemacht? »Exzellenz, Sie überhäufen mich mit Gnade.«

»Lassen wir das. Ich pflege meine Mitarbeiter als meine Freunde zu betrachten. Setzen Sie sich. Das Vorzimmer ist zwar noch voll, aber einige Augenblicke muß ich doch mit Ihnen sprechen. – Morgen ist Konferenz des Ministeriums, morgen früh um acht. Sie könnten dann gleich eintreten. Sie melden sich hier, beim Kanzleidiener. – Sie haben sich mit dem Gegenstande Ihrer neuen Arbeiten doch schon vertraut gemacht?«

»O gewiß, Exzellenz! Wie werde ich nicht?«

»Es ist ein wichtiger Gegenstand; ich halte ihn für den wichtigsten der ganzen Gesetzgebung. Ein tüchtiges Strafgesetzbuch hält Recht und Sitte, hält die Regierung, hält den ganzen Staat zusammen.«

»Ich bin ganz der Ansicht Eurer Exzellenz.«

»Die bisherigen Entwürfe hatten meinen Beifall nicht, sie trafen nicht all jene Gesichtspunkte. Von Ihnen wünsche ich einen völlig neuen Entwurf.«

»Meine schwachen Kräfte ...«

»Ich werde Ihnen freie Hand darin lassen. Nur einige allgemeine Gesichtspunkte werde ich Ihnen andeuten, meinen Standpunkt. Ich liebe im ganzen gewiß die Milde. Man muß sie aber nicht zu weit treiben. Das ist der Fehler unseres Landrechts. Die Kriminalpolitik fordert eine gewisse Strenge der Gesetze. Kommen dann auch für den einzelnen Fall Härten heraus, so ist um so wohltätiger und wirkungsreicher die Gnade des Königs da.«

Es waren dies in der Tat die Ansichten des Ministers. Man findet sie häufig, auch bei den wohlwollendsten Staatsmännern.

»Ich bin glücklich über solche erhabenen Grundsätze«, sagte der Rat Hartwig. »Wie leicht wird es mir werden, nach ihnen zu arbeiten.«

»Das Nähere darüber morgen. Sie entschuldigen mich. Ich bin heute sehr in Anspruch genommen.«

Der neue Hilfsarbeiter des Ministers schied entzückt.

Mein Glück ist gemacht! – Welches Wohlwollen! – Strenge Grundsätze! Ja, ja, er hat recht. Es ist auch meine Ansicht immer gewesen. Die Masse muß im Zaum gehalten werden. – Wir werden uns schon verständigen, alte Exzellenz! – Nun zu Ewald! Zu meinem – Kollegen! Nun, nach dem Empfange kann ich es in einem halben Jahre schon sein!

Der Geheime Justizrat – kurzweg Geheimrat genannt – Ewald war ein braver Mensch, ein ausgezeichneter Beamter. Etwas Bürokrat, aber von den edelsten Gesinnungen. Er war noch jung, er hatte früh eine bedeutende Stellung gewonnen. Aber wie er sie nur seiner eminenten Tüchtigkeit zu verdanken hatte, so überhob er sich nie in ihr. Freilich hatte er ein etwas trockenes, kaltes Äußere. Aber sein Herz war ebenso warm wie sein Kopf hell.

Er empfing den alten Universitätsfreund mit Herzlichkeit.

Seit den Universitätsjahren hatten sie sich wenig gesehen. Die beamtliche Karriere hatte den einen in diese, den andern in jene Gegend des weitläufigen Staates verschlagen. Der redliche, gerade Ewald kannte daher seitdem den Freund nur aus dessen allerdings stets vorzüglichen Arbeiten. Die Wut, Karriere zu machen, zeigt sich selten schon auf der Universität.

Die beiden Freunde blieben den Abend beisammen.

Sie sprachen über allerlei, über Vergangenheit und Zukunft, auch über die Aufgabe des neuen Hilfsarbeiters im Ministerium.

»Der Minister hat gewiß schon mit dir darüber gesprochen? Sie liegt ihm sehr am Herzen.«

»Er hat mir schon seine Ansicht mitgeteilt. Ich freue mich, daß ich mich mit ihm in völliger Übereinstimmung befinde.«

»In der Tat?«

»Er will ein strenges Gesetzbuch.«

»Ich weiß es, leider. Und auch du?«

»Du wärst nicht der Ansicht?«

»Milde Gesetze haben stets milde Sitten hervorgebracht.«

»So sagt auch unser alter, närrischer Philanthrop. Aber höchstens könnte man umgekehrt sagen: milde Sitten fordern milde Gesetze. Und wo findest du nun milde Sitten in unserer Populace?«

»Werden denn die Gesetze für die Populace gemacht?«

»Die Strafgesetze allerdings. Gegen das Gesindel, gegen die rohe, gemeine Masse. Sie muß in Zucht gehalten werden. Und das kann nur durch Strenge geschehen.«

»Hartwig, sind das deine eigenen, innerlichen Ansichten, oder willst du Karriere mit ihnen machen, weil der Minister sie hat, oder vielmehr indem du meinst, der Minister habe sie?«

»Aber gewiß sind es meine Ansichten. Ich bin nicht der Mann, meine Überzeugung für eine Karriere zu opfern.«

»Das letzte freut mich. Der Minister hat allerdings zuweilen unrichtige Ansichten; aber er gibt gern besserer Überzeugung nach. Du wirst viel über ihn vermögen, und mir wird es hoffentlich gelingen, dir eine bessere Überzeugung beizubringen. Ich habe bei allen Gesetzen, zu denen ich mitgewirkt habe, in erster Linie mir vorgestellt, ich hätte sie für mich und meine Verwandten und Freunde gemacht, und ich wolle mich selbst und sie danach gerichtet sehen.«

Der neue Hilfsarbeiter erschrak über solche Ansichten.

»Um des Himmels willen, wie könnte ich mich auf eine Linie mit verbrecherischem Gesindel setzen?«

»Es gibt unglückliche Verbrecher.«

»Ah bah!«

»Gar edle!«

»Aber in der Tat, Ewald, ich begreife dich nicht mehr. Verbrecher ist Verbrecher. Die Strafe muß ihn treffen. Und strenge Strafen müssen ihn treffen. Nur dadurch, daß er weiß, daß sie ihn treffen, wird er vom Verbrechen abgeschreckt, besonders die rohe, gemeine Masse, das Volk. Aber ich sehe, daß wir uns ereifern, und das ist nicht gut. Es ist ohnehin schon spät. Wahrhaftig, meine Uhr zeigt schon auf elf. Da wird es beinahe Mitternacht, bis ich in mein Hotel komme.«

Er brach auf.

»Gute Nacht, Freund.«

»Gute Nacht, Hartwig. Ich hoffe doch noch, dich zu bekehren.«

»Nimmermehr. Nur strenge Gesetze halten das Volk in Furcht, und in Furcht muß die Masse gehalten werden. Gute Nacht.«

Damit ging er.

Der Geheime Rat Ewald wohnte am Schiffbauerdamm, zwischen der Unterbaum- und Marschallbrücke, nicht weit von der letzteren.

Als der Rat Hartwig auf die Straße trat, hatten die Nachtwächter schon seit einer Weile elf Uhr gepfiffen. Die Straßenlaternen brannten noch.

Nach elf Uhr nachts sind auch die belebtesten Straßen Berlins schon leer und still. In jenem entlegenen Teile der Stadt war es völlig leer. Der Rat sah sich allein in der Straße. Kein anderes menschliches Wesen war darin. Auch in der Ferne war es still.

Es war eine milde und klare Herbstnacht.

Der Rat entfernte sich ein paar Schritte von der Wohnung seines Freundes. Dann zog er sein elegantes Zigarrenetui hervor, nahm eine Zigarre heraus, zündete ein Streichhölzchen und an diesem seine Zigarre an, steckte Zigarrendose und Streichholzbüchschen wieder in die Tasche, begann behaglich die Zigarre zu rauchen und setzte rauchend und schlendernd seinen Weg fort, der Marschallbrücke zu.

Daran, daß zu damaligen Zeiten das Rauchen auf den Straßen Berlins bei zwei Taler Strafe verboten war, dachte der Rat wohl nicht, und daß Gendarmen, Polizeisergeanten und Nachtwächter auf nichts erpichter Jagd machten als auf brennende Zigarren und Tabakspfeifen, das wußte er wohl nicht – oder auch, er hatte es vergessen.

Er dachte an ganz etwas anderes.

Der Ewald ist ein arroganter Mensch geworden. Die rasche Karriere hat ihn aufgeblasen. Natürlich. Alle Welt macht ihm den Hof, will durch ihn poussiert sein. Aber ich werde mir das nicht mehr von ihm gefallen lassen. Bisher mußte man einige Rücksicht nehmen. Aber in einem halben Jahre bin ich soviel wie er. – Ich habe ihm auch gedient. Es war deutlich genug gesprochen, als ich an den alten, närrischen Philanthropen erinnerte. Ich werde mir nichts mehr von ihm bieten lassen. – Und Gesetze für mich machen? Lächerlich!

Er war bis auf wenige Schritte an die Luisenstraße gekommen. Er verließ das Trottoir der Straße, um querüber rechts auf die Marschallbrücke zuzugehen.

Lächerlich! wiederholte er. Für das Volk werden die Gesetze gemacht. Und diese Masse muß man im Zaume halten. Das Volk muß immer in Furcht leben, sonst überhebt es sich ebenfalls, wird übermütig. – Dafür macht man die Gesetze! Dafür!

»Halt!« rief ihn eine Stimme an, und es rasselte dumpf klirrend neben ihm.

Der junge Rat wollte erschrocken auf die Seite springen. Er konnte nicht, er fühlte sich von einer kräftigen Faust festgehalten.

Ein Nachtwächter hatte mit Horn und Pfeife und Waffe an der Ecke des Schiffbauerdammes und der Luisenstraße auf Posten gestanden. Der Rat hatte nicht ihn, desto genauer hatte er den Rat mit der brennenden Zigarre bemerkt. Als der Verbrecher gegen das Rauchverbot ihm nicht mehr entgehen konnte, sprang er auf ihn zu.

»Sie roochen uf de Straße. Sie sind arretiert.«

Der Rat war, wie gesagt, erschrocken.

»Ich rauche?« rief er in seinem Schreck, und die Zigarre entfiel seinen Händen.

»Oh, Männeken, Sie wollen leugnen? Das hilft Ihnen nichts. Das hätten Sie klüger anfangen müssen. Ein routinierter Verbrecher sind Sie noch nicht. Der hätte das brennende Corpus delicti ein paar Schritt weiter in die Spree geworfen.«

Er hob die brennende Zigarre auf.

Den armen Rat überlief es siedendheiß und eiskalt. Ein Verbrecher sollte er sein; nur noch nicht ein routinierter. Das Corpus delicti zu seiner Überführung war wohlverwahrt. Das traf ihn, ihn, der im Begriffe stand, ein neues Strafgesetzbuch zu machen, der noch soeben feierlich erklärt hatte, Strafgesetze mache man nur gegen das gemeine Volk!

Aber er kam wieder zur klaren Besinnung. Er hatte nur verbotswidrig geraucht. Das war eine einfache Polizeikontravention. Noch lange kein Verbrechen. Und es war auf der Stelle abzumachen. Er wußte: Die Strafe betrug zwei Taler. Mit deren Bezahlung war die Sache abgemacht, und es krähte kein Huhn oder Hahn weiter danach. Sein Name wurde nicht einmal bekannt. Das war die Hauptsache: Sein Name wurde nicht bekannt.

Der arme Rat wußte nicht alles.

»Ich denke nicht daran zu leugnen«, sagte er stolz. »Die Strafe beträgt zwei Taler, nicht wahr?«

»Akkurat zwei Taler.«

»Hier, Freund, sind die zwei Taler, und nun lassen Sie mich gehen.«

»Oh, oh, was denken Sie?«

»Nun, was soll es noch mehr?«

»Hören Sie, Männeken, ick überzeuge mir, daß Sie sich in einem beklagenswerten Irrtum befinden.«

»Die Strafe beträgt doch nur zwei Taler, und die sind hier.«

»Nein, Gutester, so verhält sich die Sache nicht. Sie scheinen mir für die Strafkasse anzusehen, und die bin ick doch nich. Ich bin man bloß der vereidete Denunziant, und die Strafkasse ist Molkenmarkt Nummer zwei.«

»So geben Sie die zwei Taler dahin.«

»Sie sind noch immer in einem dicken Irrtum. Sehen Sie, die Sache verhält sich folgendermaßen. Ick mache meinen Rapport bei die betreffende Abteilung des Polizeipräsidiums. Dann erhalten Sie eine Vorladung für diese nämliche Abteilung.«

»Eine Vorladung?« rief der Rat, dem eine entsetzliche Ahnung aufging.

»Eine schriftliche Vorladung, worin Ihr Name, Ihr Stand und Ihre Wohnung deutlich geschrieben stehen, und die Stunde, in welcher Sie vor die gedachte Abteilung zu erscheinen haben, um sich zu verantworten oder zu sehen, wie man Sie in die gesetzliche Strafe zu verurteilen habe. Sehen Sie, Männeken, so schreibt das Gesetz es vor.«

»Das ist ein zweifelhaftes Gesetz«, stöhnte der Rat.

»Wohlersonnen in dem hohen Justizministerium. Nun, Männeken, seien Sie so gütig, und geben mir Ihren Namen nebst Charakter oder Stand und Wohnung an, und wenn Sie sich gleich legitimieren können, so können Sie auch gleich ruhig nach Hause gehen und schlafen den kleinen Schrecken aus.«

Es war wahrlich kein kleiner Schreck, der den armen Rat ergriffen hatte. Seinen Namen, seinen Namen, sollte er angeben, Oberlandesgerichtsrat Hartwig, Hilfsarbeiter im Königlichen Justizministerium! So sollte er vorgeladen werden! Er, der Mann, der ein neues Strafgesetzbuch für den preußischen Staat machen wollte, wegen Übertretung eines Strafgesetzes. Er sollte auf dem Polizeipräsidium erscheinen, dort öffentlich mitten unter Vagabunden, Bettlern, liederlichen Dirnen und Bummlern aller Art in deren Gegenwart als Angeschuldigter vernommen werden! Wenn der Minister das erfuhr! Und mußte er es nicht erfahren?

Er verlor den Kopf.

Auch der Klügste kann den Kopf verlieren; der Klügste erst recht.

Allzu scharf macht schartig.

»Nun, Ihren Namen, guter Herr?«

Der Rat hatte einen Bekannten in Berlin gehabt, der ihm dort zuweilen kleine Geschäfte besorgt hatte und der vor einem Jahre verstorben war. Weise hatte er geheißen, und er war Kammergerichtsassessor gewesen.

So wird es gehen, sagte der Rat zu sich. Der Tote kann nicht mehr kompromittiert werden. Und was weiß dieser dumme Nachtwächter davon, daß er tot ist! Der Titel wird ihm imponieren. So komme ich aus der verdammten Affäre heraus.

»Nun, Männeken, wird's bald?«

»Ich heiße Weise«, sagte der Rat.

»Vorname?«

»Eduard.«

»Schön! Stand?«

»Kammergerichtsassessor.«

»Ah, die Kammergerichtsassessoren sind brave Leute, geben einem oft einen Denunziantenanteil zu verdienen. Ihre Wohnung, Herr Kammergerichtsassessor?«

Den Rat durchfuhr ein neuer Schreck.

Alle Teufel, der Kerl sprach von sofortiger Legitimation. Legitimieren kann ich mich nicht. Wenn es ihm nun einfiele, mich zu meiner Wohnung zu begleiten!

Aber er hatte auch gleich ein Beruhigungsmittel.

Er darf seine Straße hier auf lange Zeit nicht verlassen; weit darf er also nicht mit mir gehen. Eine recht weit entfernte Wohnung; so werde ich ihn los.

»Belle-Alliance-Platz Nummer fünf«, sagte er keck.

»Schön! Nun Ihre Legitimation?«

»Ich habe leider meine Karte vergessen.«

»Auch keine andern Papiere bei sich?«

»Zu meinem Unglück nichts.«

»Das ist wirklich ein Unglück für Ihnen, Gutester. Dann müssen Sie zum Molkenmarkt Nummer zwei.«

»Sie könnten mich ja zu meiner Wohnung begleiten.«

»Nein, bestes Herrchen, ick darf meine Straße hier nicht verlassen.« Der Rat atmete auf.

»Aber da sehe ick jerade einen Gendarmen des Weges kommen. Der wird sich gern die Ehre geben, Ihnen nach Ihrer Wohnung zu begleiten. He, Herr Gendarm!«

Die Herbstnacht hatte, zumal so nahe am Wasser, begonnen, recht frisch und kühl zu werden. Aber dem armen Rat schoß plötzlich der Schweiß so warm und so reichlich aus allen Poren, daß er bald keinen trockenen Faden mehr am Leibe hatte.

Er erkannte auf einmal in vollem Umfange, was er getan hatte.

Zuerst war er nur ein einfacher Polizeikontravenient gewesen. Seine Übertretung war mit einer kaum nennenswerten Buße von zwei Talern abzumachen. Die Vorladung vor das Polizeipräsidium war etwas unangenehm; aber eine Zigarre auf der Straße auszulöschen, vergißt so mancher anständige Mensch; ähnliches wie ihm war gewiß auch schon hochgestellten Beamten begegnet, und selbst der Minister, der ihm zudem wohlwollte, hätte am Ende nur darüber gelacht.

Aber zu dieser einfachen Polizeiübertretung hatte er ein wirkliches Vergehen hinzugefügt. Er hatte, dem Nachtwächter gegenüber, sich einen falschen Namen beigelegt, und es war ihm nur zu bekannt, daß nach der Allerhöchsten Kabinettsordre vom 30. Oktober 1816 jeder, der sich eines fremden Namens bedient, mit einer Geldbuße bis zu fünfzig Talern oder nach Erwägung des Richters mit einem verhältnismäßigen Arrest bestraft werden soll. Wenn aber die Beilegung des fremden Namens in betrüglicher Absicht geschehen war, so sollte gar die Strafe des Betruges eintreten, Verlust der Nationalkokarde und Zuchthaus. Und hatte er sich nicht den falschen Namen beigelegt in der Absicht, den Staat um die Strafe von zwei Talern zu betrügen?

Der Teufel hat mich verblendet! rief es voll Verzweiflung in ihm.

Der angerufene Gendarm war herangekommen.

»Was gibt es hier?«

»Was es hier gibt, Herr Gendarm? Eine strafbare Zigarre.«

»Ah, dieser Herr hat auf der Straße geraucht?«

»So ist es, geehrter Herr Gendarm, und das Corpus delicti ist in meinen Händen. Und da dieser Herr ein Kammergerichtsassessor ist, der seine Unkenntnis unserer Strafgesetze mit zwei Talern bezahlen muß, aber keine Visitenkarte oder andere Legitimationsschriften bei sich führt, so wollte ich Ihnen gebeten haben, Herr Gendarm, ihn ein klein wenig nach seiner Wohnung zu begleiten, die für mich etwas zu weit gelegen ist.«

»Sie haben geraucht, Herr Assessor?« fragte der Gendarm den Rat.

»Ja.«

»Und können sich nicht legitimieren?«

»Nicht hier.«

»Dann hat der Mann da recht. Es tut mir zwar leid, aber Sie müssen schon erlauben, daß ich bis zu Ihrer Wohnung mit Ihnen gehe.«

Der Gendarm sprach so sehr höflich; jedes seiner Worte wurde in einem Tone gesprochen, der so sehr um Entschuldigung bat, ein so aufrichtiges Bedauern ausdrückte. Der Mann der bewaffneten Macht hatte dabei ein so mildes, freundliches Aussehen, und zugleich zeigte das Licht der Gaslaterne in seinem blassen Gesicht eine gewisse stille Trauer, und wenn man näher hineinblickte, so konnte man so leicht glauben, den Mann müßten geheime Sorgen drücken; wahrscheinlich Nahrungssorgen; wenn man zugleich ferner bedachte, daß ein Gendarm monatlich nur sechzehn Taler Löhnung erhält und davon sich und seine Familie ernähren und Tag und Nacht auf den Beinen sein, also durch manchen Schnaps und manches Glas Bier für seinen sauren Dienst sich konservieren muß, und das alles in dem teuren Berlin!

Dem Rat wurde es wieder leicht ums Herz. Er atmete frei auf. Er bekam wieder Mut. Mit dem höflichen Menschen, mit dem armen Teufel, werde ich schon eher fertig werden als mit dem groben Nachtwächter.

»Wo wohnen Sie, Herr Assessor?« fragte der Gendarm.

»Belle-Alliance-Platz Nummer fünf«, antwortete wieder mutig, aber höflich der Rat.

»Darf ich dann bitten?« Sie gingen; anfangs schweigend. So überschritten sie die Marschallbrücke, passierten die Kleine Wilhelmstraße, durchschritten quer die Linden und kamen in die Wilhelmstraße.

In der Wilhelmstraße war es dem Rat sehr wehmütig ums Herz. Dort lag das Justizministerium – nicht das jetzige, ein anderes. – Als er das große, dunkle Hotel sah, in dem alle die Gesetze gemacht wurden, in dem er ein neues Strafgesetzbuch machen sollte, ein recht umfassendes und recht strenges, um das Volk gehörig in Furcht zu erhalten, da mußte er unwillkürlich tief und schwer aufseufzen. Er ging still und leise an der Seite seines Gendarmen, als wenn des Herrn Justizministers Exzellenz im Fenster läge und ihn, den von einem Gendarmen als halber Gefangener durch die Straßen Geführten, sehen oder hören könnte.

Als er aber vorüber war und von dem Hotel aus seine Stimme nicht mehr gehört werden konnte, vermochte er nicht länger an sich zu halten.

»Stehen Sie schon lange in Berlin, Herr Gendarm?«

»Seit vier Jahren.«

»Und wo waren Sie früher?«

»In Litauen.«

»Das soll ein fruchtbares Land sein!«

»Ein fruchtbares Land, Herr Kammergerichtsassessor, und alles so billig.«

Der Mann kam ihm ja entgegen.

»Sie sehnen sich wohl dahin zurück?«

»Der Dienst dort war beschwerlicher, besonders an der Grenze.«

»Ich glaube es wohl.«

»Aber wenn ich bedenke, wie teuer hier alles ist ...«

»Ja, in Berlin ist es sehr teuer.«

»Wenn man Familie hat, kann unsereiner hier fast gar nicht auskommen.«

»Sie haben eine Familie?«

»Eine Frau und vier kleine Kinder.«

»Mein Gott, da wird es Ihnen allerdings schwer werden.«

»Ja, gewiß.«

Der Rat sah sich um. Sie gingen ganz allein in der breiten Wilhelmstraße. Kein Mensch war zu sehen oder zu hören. Die Mitternacht war so still, so verschwiegen; die Gaslaternen brannten so zutraulich; der Gendarm war so höflich und freundlich; er hatte eine Frau und vier Kinder zu ernähren und war so arm und sah selbst so, beinahe so verhungert aus. – Die Verführung war zu groß.

Sie hatten den Wilhelmplatz erreicht. Dort links, seitab war der nächste Weg zu dem Hotel de Brandenbourg am Gendarmenmarkte. Warum den ohnehin schon müden Gendarmen noch weiter bis zu dem weiten Belle-Alliance-Platz führen?

»Herr Gendarm!«

»Was wäre Ihnen gefällig, Herr Kammergerichtsassessor?«

»Kann ich ein Wort im engsten Vertrauen zu Ihnen sprechen?«

»Warum nicht!«

»Ich habe es mit einem Ehrenmanne zu tun?«

»Ich hoffe es.«

»Herr Gendarm, ich bin nicht Kammergerichtsassessor.«

»So? Und was sind Sie dann, wenn ich fragen darf?«

»Ich heiße auch nicht Weise, wie ich dem Nachtwächter angegeben habe.«

»Sondern?«

Der Gendarm blieb immer höflich und freundlich.

»Ich bin der Oberlandesgerichtsrat Hartwig aus ...«

»Darauf kann man sich verlassen?«

»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort darauf.«

»Sehr schön.«

»Ich wohne auch nicht Belle-Alliance-Platz Nummer fünf.«

»Sondern?«

»Ich logiere im Hotel de Brandenbourg am Gendarmenmarkte.«

»Ein schöner Gasthof.«

»Und ich bin erst heut hier in Berlin angekommen.«

»Sind also noch unbekannt hier?«

Der brave Mann kommt mir ja immer entgegen, jubelte es in dem Rat. »Ich kannte wenigstens manches nicht, so das unglückliche Rauchverbot.«

»Ich kann es mir denken.«

»Herr Gendarm!«

»Was befehlen der Herr Oberlandesgerichtsrat?«

»Ihr Name?«

»Müller.«

»Lieber Herr Müller, ich muß Ihnen noch mehr mitteilen. Ich bin als Hilfsarbeiter in das Justizministerium berufen.«

»Ah, gratuliere gehorsamst.«

»Der Herr Minister hält viel auf mich. Er ist mit dem Polizeipräsidenten bekannt, mit dem Herrn Kriegsminister befreundet; wenn Sie einmal eine Bitte an Ihre Herren Vorgesetzten haben sollten, so um Zulage etwa, ich würde mir ein Vergnügen daraus machen, einem so braven Manne nützlich zu sein.«

»Der Herr Oberlandesgerichtsrat sind sehr gütig. Eine Zulage kann ein armer Gendarm, der Familienvater ist, immer gebrauchen.«

»Und um Ihnen gleich meine Teilnahme zu beweisen: hier, nehmen Sie dieses – der Winter nahet, die Kinder bedürfen warmer Kleider; ich kenne die Bedrängnisse eines Familienvaters ohne Vermögen. Nehmen Sie, und dann gute Nacht, lieber Herr Müller. Sie werden müde sein. Sie brauchen mich nicht weiter zu begleiten.«

Er drückte dem Gendarmen zwei Fünftalerscheine in die Hand, sagte noch einmal herablassend freundlich gute Nacht und wollte den Weg links über den Wilhelmplatz nach dem Gendarmenmarkt einschlagen.

Der Gendarm hatte die beiden Scheine angenommen. Er besah sie im Laternenlicht, dann sagte er: »Nicht doch, Herr Oberlandesgerichtsrat.«

Er sprach die Worte höflich und freundlich wie immer.

»Hätten Sie noch etwas zu wünschen, lieber Herr Müller?«

»Nur noch eins, geehrter Herr Oberlandesgerichtsrat, daß Sie die Güte haben, mir zur Stadtvogtei zu folgen.« Zugleich faßte der freundliche Gendarm höflich, aber sehr fest den Arm des Rats.

Der Oberlandesgerichtsrat Hartwig, der neue Hilfsarbeiter im Justizministerium zur Abfassung eines neuen Strafgesetzbuchs für die gesamten königlich-preußischen Staaten, war wie vom Donner gerührt.

»Wohin?« rief er. »Zur Stadtvogtei?«

»Ohne Zweifel.«

»Aber Sie haben ja die zehn Taler angenommen!«

»Als Corpus delicti, geehrter Herr Oberlandesgerichtsrat.«

Wieder ein Corpus delicti gegen den armen Rat.

»Aber warum denn gleich zur Stadtvogtei? Ich kann mich ja legitimieren.«

»Morgen.«

»Jetzt gleich. Ich trage Briefe an mich bei mir.«

»Morgen.«

»So begleiten Sie mich wenigstens nur bis zu meinem Gasthofe. Ich kann Ihnen dort die vollsten Beweise geben.«

»Morgen«, wiederholte der freundliche Gendarm.

»Aber, mein Gott, ich bin doch kein Vagabund!«

»Ich glaube das nicht.«

»Warum denn sofort in das Gefängnis? Gar in das Kriminalgefängnis?«

Der freundliche Gendarm wurde sehr ernst.

»Mein Herr«, sagte er, »Sie haben heute zuerst verbotswidrig auf der Straße geraucht. Sie haben sich dann einen falschen Namen beigelegt. Zuletzt haben Sie gar noch gewagt, mich, einen ehrlichen Mann, auf eine niederträchtige Weise bestechen zu wollen, um mich zu einer Pflichtwidrigkeit, zu einer Schlechtigkeit zu verführen. So haben Sie, fast in einem Atem, dreimal das Gesetz überschritten. Sie sind ein Verbrecher. Ich muß Sie an das Kriminalgericht abliefern.«

Er war ein Verbrecher, zuletzt sogar ein recht gemeiner Verbrecher, der einen armen, ehrlichen Beamten durch Bestechung zu einem Dienstverbrechen hatte verführen wollen, was notwendig schimpfliche Kassation zur Folge hatte. Der Gendarm mit seinen einfachen, ernsten Worten hatte es ihm so wahr gesagt.

Er war vernichtet. Es war vorbei mit ihm. Er fühlte es.

Er konnte nicht mehr gehen.

Zum Glück kam eine verspätete Droschke von der Leipziger Straße her.

Der Gendarm rief sie an.

»Molkenmarkt Nummer drei!« sagte der Gendarm.

Die entsetzlichsten Worte, die man in Berlin hören kann.

Der Rat mußte bitterlich weinen.

Es war zu spät.

Er erkannte vieles. Auch die Strenge der Gesetze.

Es war zu spät.

Der Gendarm lieferte ihn am Molkenmarkt Nr. 3 in die Gefängnisse der Stadtvogtei ab.

+++

Am andern Morgen war Konferenz des Justizministeriums.

Sämtliche Rate des Ministeriums waren in dem großen Sitzungssaale versammelt.

Der Justizminister trat ein und nahm seinen Platz ein.

»Bevor wir unsere Arbeiten beginnen, meine Herren« sagte er mit seiner gewohnten Höflichkeit, »erlauben Sie mir, den Oberlandesgerichtsrat Hartwig einzuführen. Er wird die Ehre haben, vorläufig als Hilfsarbeiter des Ministeriums, fortan gemeinschaftlich mit Ihnen zu wirken. Er ist ein ausgezeichneter junger Mann.« – Er klingelte, ein Kanzleidiener erschien.

»Der Herr Oberlandesgerichtsrat Hartwig. Er wird im Vorzimmer warten.«

Der Kanzleidiener entfernte sich und kehrte gleich wieder zurück.

»Der Herr Rat Hartwig ist noch nicht da. Aber in diesem Augenblick bringt ein Bote vom Kriminalgericht ein Schreiben an Eure Exzellenz.« Er überreichte dem Minister ein verschlossenes Schreiben.

»Vom Direktor des Kriminalgerichts«, sagte der Minister. Er öffnete das Schreiben und las es. Erst leise für sich, dann laut, mit den Zeichen des höchsten Erstaunens und einer leisen Verlegenheit.

»Ew. Exzellenz habe ich eine sehr unangenehme Anzeige zu machen. In der heutigen Nacht ist ins Gefängnis der Stadtvogtei der Oberlandesgerichtsrat Hartwig aus ... eingeliefert. Er hat sich mehrfacher Verbrechen schuldig gemacht. Wegen verbotswidrigen Rauchens auf der Straße von einem Nachtwächter angehalten, hat er sich, um der Strafe zu entgehen, einen falschen Namen beigelegt und demnächst, in der gleichen Absicht, einen Gendarmen mit zehn Talern zu bestechen versucht. Der og. Hartwig sagte mir, daß er als Hilfsarbeiter in dem Ministerium Ew. Exzellenz von Hochdemselben heute morgen acht Uhr in der Konferenz eingeführt werden solle. Ich muß es darum für meine Pflicht erachten, Ew. Exzellenz sofort diesen gehorsamsten Bericht zu erstatten; um zugleich etwa besondere Maßnahmen Hochdemselben anheimzustellen.«

Der Minister antwortete sofort. Er hatte seine kleine Verlegenheit überwunden.

»Dem Rechte muß selbstverständlich sein voller Lauf gelassen werden. Kann es unter Schonung der Verhältnisse geschehen, so würde mich das befriedigen.«

Der Rat Hartwig wurde zu der gesetzlichen Strafe verurteilt. Der Sache wurde die möglich wenigste Publizität gegeben. Öffentliches Gerichtsverfahren hatte man damals noch nicht.

Ich weiß nicht, was später aus dem ehemaligen Oberlandesgerichtsrat Hartwig geworden ist. Hilfsarbeiter im Justizministerium wurde er nicht, und das neue Strafgesetzbuch für die königlich-preußischen Staaten ist auch ohne ihn streng geworden.

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