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Gutenberg > Johann-Conrad Appenzeller >

Ein Tag in der Diligence

Johann-Conrad Appenzeller: Ein Tag in der Diligence - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorI. C. Appenzeller
booktitleSchweizerische Erzählungen
titleEin Tag in der Diligence
publisherFriedrich Schultheß
editorHeinrich Kurz
year1860
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080715
projectid947a8a2d
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Der Kirchthurm von Heilig-Kreuz – in der weiten, ungeheuren Ebne zwischen Mühlhausen und Kolmar – erhob sich am Horizonte des sinkenden Tages, gleich einem schwarzen Obeliske, in ruhiger, stiller Majestät. Delerois und ich saßen allein draußen in der Chaise des Postwagens; der Postillon schwankte auf seinem Pferde in unruhigem Schlummer: auch von denen, die drinnen im Wagen saßen, unterbrach kein Laut die einförmige Rädermelodie der Diligence.

Aber die Sterne, die allmälig hervortraten, beschäftigten mein Auge. Ich vergaß beim Aufblick zu ihrem Schimmer und Glanze das Dämmernde des Heerweges, der vor uns sich unabsehlich hinzuziehen schien, und aus der sichtbaren Welt erhob sich mein Herz zur unsichtbaren hinauf; dorthin, wo die Sterne mir freundlich hinzuwinken schienen, wo so manche schon hingegangen sind, in deren Busen ich einst die heiligsten Gefühle der Freundschaft und Liebe ausgoß.

Wie tief empfand ich jetzt Kosegartens schönes Lied:

»Selig, wessen Flug das Land erflieget,
Wo der Seelen Scheidewand zerfällt,
Wo sich Herz an Herz vertraulich schmieget,
Und gesellig Geist an Geist sich hält!

Wo kein Vorurtheil die Treuen tadelt,
Wo kein Wahn sie auseinander reißt,
Wo nur Güte hebt, wo Kraft nur adelt,
Und der Trefflichste der Erste heißt.«

Delerois riß mich aus meiner göttlichen Versunkenheit – seine Frage: »Rauchen Sie denn nicht mit?« machte – indem er mir seinen Tabakbeutel hinhielt, einen seltsamen Contrast mit meinen Betrachtungen und meiner Geistesabwesenheit, in welche ich so ganz verloren war, daß ich zum zweiten Male fragte: »Was sagen Sie, mein Herr?« –

Ich nahm das Anerbieten mit der Herzlichkeit an, mit der er es mir machte. Noch fragte er mich mit zarter Höflichkeit, woher ich sei und wohin ich zu reisen gedenke? Er schien nachdenkend und ernst, als ich ihm sagte, daß ich ein Schweizer sei. – Er suchte nach seinem Feuerzeuge, nahm dann mit der einen Hand seinen Hut ab, und fuhr mit der andern über sein Gesicht. »Kennen Sie Bern – Fraubrunnen – Grauholz?« fragte er dann in einem Athemzuge nach einander fort – und als ich's ihm bejahte, wandte er sich gegen mich hin und erzählte mir eine That, die ich der Vergessenheit zu entreißen schuldig bin, weil sie jenen hohen Grad von Muth und Heldensinn bezeichnet, mit welchem das alte Bern seinem letzten – wenn gleich nicht glorreichen, doch auch nicht ruhmlosen oder schmachvollen Tag – entgegen sah. Es ist gewiß, daß solcher Scenen viele angeführt werden könnten, wenn die Personen, welche in denselben handelten, nicht entweder den Tod dabei gefunden hätten, oder diejenigen, welche Zeugen davon waren und das tragische Schauspiel überlebten, davon schwiegen. Manche Erzählungen aus jenen schicksalsvollen Tagen sind zwar aufgetischt, nacherzählt und nachgeschrieben worden, aber den meisten fehlt jene historische Glaubwürdigkeit, ohne welche die schönste That nur einen sehr zweideutigen Werth hat. Ich glaube bei dieser Erzählung behaupten zu dürfen, daß sie eben so treu und wahrhaft, als für alle die neu und interessant sein muß, die von derselben nie einige Kenntniß erhalten konnten, da Delerois der Einzige am Leben übrig gebliebene ist, der in dieser Scene des Todes handelte.

Ehe ich indeß diese Erzählung des französischen Offiziers anführe, erlaube man mir über die Veranlassung zu derselben etwas weiter auszuholen.


Es war am 26. Oktober 1808, Nachmittags gegen zwei Uhr, als ich vor dem Postbureau zu Mühlhausen diesen Offizier in einem heftigen Wortwechsel mit der Wittwe D** von Nancy und dem Kaufmanne F*** von Belfort. antraf. Die Postillons, die uns diesen Abend noch bis Kolmar bringen sollten und längst ihre Pferde vorgespannt hatten, hörten ungeduldig dem Zanke zu; mehrmals schwangen sie fluchend ihre kurzen Peitschen – aber dann gebot die drohende Miene des Mannes mit dem goldgestickten Kleide und dem rothen Bande im Knopfloche, Ruhe und Stille. Die Wittwe und der Kaufmann saßen schon im Postwagen, jene mit einem Knaben von vier Jahren auf dem mütterlichen Schooße, dieser bis über die Ohren hinauf in einen Mantel vermummt, neben ihr sitzend: der Offizier stand am Kutschenschlage – eine hohe, schöne Gestalt, aber ganz Soldat in Miene und Sprache – Narben schmückten Stirn' und Wange und vorn an der Nasenspitze war eine Schramme, die diesem wichtigen Theile seines sonst schönen Gesichtes einen gräßlichen Anstrich gegeben, wenn nicht ein sanfter Mund das Unangenehme gemildert hätte.

Ohne mich anfänglich um diesen Streit sonderlich zu kümmern, stieg ich in den Wagen. Aber, da das Volk anfing herbeizulaufen und der Postdirektor aus seiner Stube trat und zur Abreise ermahnte; als der Offizier und der Kaufmann immer hitziger wurden; jener an seinen Säbel, dieser nach seinen Terzerolen griff: da stand ich von meinem Sitze auf, um an der entgegengesetzten Seite des Wagens mir Luft zu machen. Ich erinnerte noch die Wittwe, sich ruhig zu verhalten, und wollte ihr eben sagen, daß sie mit mir austreten möchte, bis dieser Zwist beendigt sei – als der Kaufmann blaß vor Ingrimm nachgab und sich in den Winkel des Rücksitzes neben mich hinschmiegte. Der Offizier mit dem Bande der Ehrenlegion nahm sogleich den Platz neben der Wittwe ein. Jetzt rasselten die schweren Räder über die gepflasterte Straße. Im Postwagen aber herrschte Todtenstille.

Der ganze Streit bestand darin, daß der Kaufmann wie der Offizier den Platz neben der Wittwe inne haben wollte. Ich kam in demselben Postwagen von Basel und hatte von dortaus den ersten Platz bis Nancy angewiesen, aber schon in Bourg-libre trat ich denselben an den dortigen Generalinspektor der Douanen und seine Gemahlin, die nach Müllhausen reisen wollten, ab. Dort, dachte ich, wirst du deinen Platz wieder einnehmen können; aber, wie ich nun sah, welches Recht in den Diligencen gehandhabt werde, that ich mit einem Male, nicht blos aus Diskretion gegen die Wittwe, die hier in denselben einstieg, sondern um allen Zwist mit irgend jemand auszuweichen, auf denselben Verzicht, und duldete mich auf jedem Plätzchen des engen, ängstlichen Kastens.

Im Gasthause zu Ensisheim, wo wir einen Augenblick abtraten, gesellte sich zu unsrer Gesellschaft noch die ungeheure dicke Wirthin mit einem zehnjährigen Buben. Bald wurde mir die Atmosphäre im Wagen zu drückend. Der Abend war kühl. Ich suchte beim Kondukteur um einen Platz in der Chaise nach: draußen, dacht' ich, kannst du freier athmen und auch eine Pfeife Tabak anzünden.

Kaum merkte Delerois, so nannte sich der Offizier, mein Vorhaben, als er mich fragte, ob er mir nicht Gesellschaft leisten dürfte, auch er fühle sich im Wagen so beengt. Der höfliche Franzos meinte, man dürfe bei der erkältenden Nachtluft, wegen der Dame und ihrem Kleinen die Gläser am Kutschenschlage nicht herunterlassen – doch, wie ich nachher mich überzeugte, wars eigentlich auch bei ihm das Bedürfniß einer Pfeife Tabak, was ihn heraus trieb.

Wie hätte ich nein sagen dürfen! obschon ich's gerne gesagt hätte, denn ich wußte wohl, daß ich als »un Allemand« wenig Interesse bei ihm erwecken würde. Mein Gemüth war ohnehin von düstern Bildern umlagert, ich hatte diese Reise zu meiner bloßen Zerstreuung unternommen – in dieser Jahreszeit unternommen, wo die kühlen Herbstwinde in den bunten Blättern der Bäume wie Geister rauschen und die hinsterbende Natur nur Tod und Verwesung predigt.

Und doch gewannen wir uns gegenseitig lieb, als wir einander näher kennen lernten. O welche Scheidewand stellen oft die Ungeheuer des Vorurtheils zwischen die besten Menschen. Delerois war freilich ein Franzose, flatterhaft im ganzen Sinne des Wortes, aber ich lernte edle Züge und treffliche Eigenschaften des Herzens an ihm kennen. Auch er war Gatte und Vater, hatte sich eben aus den Umarmungen der Seinigen losgerissen und ihnen vielleicht sein letztes Lebewohl gegeben. Sein Semester war zu Ende und er eilte zu seinem Regimente nach Spanien, das vor Saragossens Schutthaufen stand.

Der Wagen hielt; Delerois und ich halfen einander in die Chaise. Der Kaufmann warf sich eilig hinüber in die Ecke neben die Witwe und der Kondukteur stieg auf den Korb.

Wie freu' ich mich jetzt noch dieses zufälligen Umstandes, dem ich diese Erzählung zu verdanken habe. Ohne Delerois Gesellschaft hätt' ich nimmermehr eine That vernommen, die jetzt noch in der Erinnerung mein ganzes Herz mit Entzücken erfüllt.


Ich habe gleich im Anfange dieser Erzählung bemerkt, daß meine Seele sich mit ganz andern Dingen beschäftigte, als mit Postwagengesprächen. Delerois bot mir Tabak an, als ich so hinausstaunte in die Nacht und weckte mich aus den goldenen Träumen über die ewigen Sterne, die über uns leuchteten. Ich konnte darüber nicht mürrisch werden: was wußte er von meinen Leiden! O daß Leidende doch eben dieselbe zarte Schonung gegen harmlose, frohe Menschen beobachten möchten, die sie für sich so oft von andern erwarten und fordern!

Delerois begann jetzt:

»Ich war bei der Invasion in die Schweiz unter der Avantgarde, welche Schauenburg von Solothurn aus über Jegenstorf durch das Gehölz gegen Fraubrunn längs der Heerstraße auf Bern loszugehen detaschirte. Wir hatten bei der Verwirrung und Unordnung, in welcher sich die bernerischen Truppen befanden, bei unserer Uebermacht und besonders durch die Unterstützung unserer reitenden Artillerie, von Fraubrunn an bis zum Grauholzwald Ein Wald zwischen Bern und Hindelbank, durch welchen die Chaussee nach Zürich und zum Theil auch die nach Solothurn führt. aufgeräumt – allein – hier schienen unserem Siege und Vorwärtsrücken auf einmal Schranken gesetzt zu werden. Die Vaterlandsliebe eines biedern Volkes schien jetzt manchem gemeinen Soldaten und manchem Anführer unserer Feinde übermenschliche Kräfte zu leihen. Wir mußten unerwartet Halt machen. Mit einem Trupp meiner Leute – der Hauptmann war gefallen – suchte ich von der Straße ab feldeinwärts gegen das Gehölz zu kommen, um theils Schutz gegen die Feinde zu suchen, theils einige Verstärkung abzuwarten, oder wenn wir auch dort fechten müßten, es mit größerm Vortheil en Tirailleurs zu thun.

Aber kaum waren wir im Walde eingerückt, so wurden wir angegriffen, geworfen und einer verscheuchten Heerde gleich auseinander gesprengt. Eine Menge Schüsse fielen hinter uns her – wir liefen was wir laufen konnten. Endlich ward's stille.

Da fing ich an, mich umzusehen und etwas freier zu athmen. Eine halbe Viertelstunde mochte ich da gestanden haben, als ich aus dem entfernten Geschrei unserer Soldaten – die ich, abgeschnitten von meinen Leuten, verloren im Dickicht des unbekannten Waldes, nicht sehen konnte – schließen mußte, daß unsere Armee vorgedrungen sei. Was mich in dieser Meinung bestärkte, war, daß ich Nichts von einem Feinde mehr rund um mich her erspähen konnte; ich schloß ferner, daß dieselben, die auf meine Kompagnie losgegangen waren und uns in die Flucht geschlagen hatten, höchst wahrscheinlich ihren bedrängten Kameraden zu Hülfe geeilt wären, und daß ich also ruhig wieder vorwärts könne. Von allen den Leuten, die ich angeführt hatte – es waren gegen achtzig Mann – blieben nur drei mir zur Seite; mehrere waren getödtet, viele hatten sich zerstreut, und ich fand sie erst lange nachher wieder.

Mit diesen Dreien bahnte ich mir den Weg durch die Gebüsche des Grauholzes, indem wir hofften, in kurzer Zeit die Heerstraße zu gewinnen oder Jemand der Unserigen zu finden. Das Geräusche, welches bald der entfernte dumpfe Donner eines Kanonenschusses überrollte, bald von einem lauten Ruf, den das Echo wiedergab, blieb uns immer hörbar, ohne daß wir wußten, woher es eigentlich kam, und brachte uns bei allem aufmerksamen Lauschen immer mehr in Verwirrung. Bald wandten wir uns rechts, bald links – bald vor- und dann wieder rückwärts, je nachdem einer vermuthete, daß der Schall von dieser oder jener Seite herkomme.

So irrten wir beinahe eine Stunde in diesem Walde umher, ohne weiter mehr Etwas von Freund oder Feind zu sehen. Es war ein schöner Tag geworden, die Nebel zogen zu den Lüften empor und die Sonne beleuchtete die Gipfel der Tannen.«

Hier nahm Delerois seine Pfeife aus dem Munde und schien in seiner Erzählung eine Pause machen zu wollen. Sein Blick starrte in die verworrenen Gestalten der Nacht hinaus: »Was ist wohl dort?« fragte er mich hastig und deutete über die Straße hin – »Wie es so scheußlich da steht, das Monstre!«

Ich sah hin, bemerkte aber Nichts als einen Baumstamm, der gestückt schien und der einer lebhaften Phantasie leicht eine seltsame Figur vorgaukeln konnte; ich sagte es dem Offizier, der vielleicht in diesen Momenten die Schatten seiner im Grauholz gefallenen Brüder witterte.

Erzählen Sie doch weiter, sagte ich im bittenden Tone zu Delerois. Da fuhr er wieder mit der Hand über seine Stirne; es schien, als wüßt er nicht mehr, wo er den Faden der Erzählung fallen ließ, als ihn das Phantom störte.

»Nicht wahr,« fuhr er fort, »ich sprach vom schönen Tage und wie wir uns im Grauholz verloren hatten – ja, denken Sie sich« – hier veränderte er seine Stimme zum leisen, bebenden Ausdrucke des Entsetzens – »wie wir so allein und unbesorgt weiter gehen und nur noch fernher einzelne Schüsse vernehmen – sehe ich mit einem Male hinter einer Tanne Jemand auf mich anschlagen. Ich machte in der Bestürzung eine Wendung gegen meine Begleiter und sprang mit gebeugtem Oberleibe auf die Seite – die Kugel ging über mich weg, verwundete aber einen meiner Begleiter in den linken Arm.

Wir hatten uns zu sicher geträumt, als daß wir jetzt mit Besonnenheit und Vorsicht bei dieser überraschenden Scene hätten handeln können. Der Mann, der auf mich gefeuert hatte, war kaum vierzig Schritte vor uns, war allein, und hatte zudem seine Stirne mit dem Schnupftuche umwunden – ich dachte in diesem Momente, daß er nur mich allein gesehen hätte, und daß er wahrscheinlich nicht auf mich abgedrückt haben würde, wenn er bemerkt hätte, daß unser viere wären – ich dachte ihn zum Gefangenen zu machen und rief ihm Pardon zu.

Während mir dieser Gedanke durch den Kopf fuhr und ich im Begriff war, ihn auszuführen, feuerten meine Leute ihre Flinten gegen ihn los: sie mußten mich nicht verstanden haben, als ich ihm Pardon zurief.

Einem hatte das Gewehr versagt – die Kugeln der beiden andern schienen ihren Mann ganz verfehlt zu haben.

Denn – stellen Sie sich den Anblick vor – fuhr Delerois mit erhöhter Stimme fort – wie ein Rasender kömmt er auf uns viere angestürmt – das umgekehrte Gewehr in seinen gehobenen kraftvollen Armen. Zum Laden konnte weder er noch wir Zeit mehr finden. – Umsonst, daß wir ihm laut Pardon, Pardon entgegen riefen, und es ihm zu verstehen gaben, er solle sich nur ergeben – er drang auf uns ein. Meine Kameraden und ich hatten kaum Zeit, uns in Verfassung zu setzen, um den ersten Anlauf des Wüthenden zu pariren. Ich ergriff in der Bestürzung die Flinte von einem meiner Schicksalsgenossen, um mir mit dem Kolben oder Bajonette zu helfen.

Zwei meiner Gefährten lagen ausgestreckt, eh' ich mich recht umsehen konnte, neben mir und hauchten ihren letzten Athemzug aus. Der Kühne hatte ihre Schädel mit unbegreiflicher Schnelligkeit zerschmettert und dann seine Flinte von sich geworfen.

In diesem verzweifelten Moment versuchte ich und mein einziger noch übriger Gefährte Alles, um ihm beizukommen; aber im Nu hatte er diesen Unglücklichen durch einen so behenden Sprung unterlaufen, daß dieser über ihn hinstürzte; ein hochgefaßter Fußtritt, den der große Mann auf die Brust des Ueberworfenen that, pumpte meinem letzten Gehülfen das Blut des Herzens aus Mund und Nase; unnütz für jede Art von Hülfe lag der Dritte da. – Ich war nun allein.

Was ich in diesen Augenblicken Alles that – und womit sich meine ganze Seele beschäftigte, das weiß ich nicht mehr recht. Meine Sinne schwanden. Ein Säbelhieb, den der Schweizer gleich Anfangs mit der rechten Hand von seinem Körper abfangen wollte, zerschnitt ihm die Finger derselben bis an den Daum, da ihm durch jenen meiner Kameraden, dessen Flinte ich genommen hatte, der Säbel durch die Hand wieder weggezogen wurde – ein Bajonettstich, den ich gegen ihn geführt hatte, schlitzte ihm an der Lende die Beinkleider auf. Es galt meine letzte Anstrengung!

Umsonst. Der Unbewaffnete war an mir – er umklammerte mich so fest mit seinen Armen und drückte mich so an seine Brust – daß ich dem Ersticken nahe war. Jetzt stürzen wir beide zu Boden.

Ich glaubte – Delerois holte einen tiefen Athemzug – ich glaubte meines Todes gewiß zu sein, fuhr er fort – Alles was da vorgegangen war, war das unbegreifliche Werk einer Minute. Ich bot jetzt meinen letzten Kräften auf. Die Kopfbinde war meinem Feinde herunter gefallen – ich sah die furchtbare Wunde, das geronnene Blut und die Blässe des Verzweifelten. Ich schöpfte Muth und dachte, er werde wohl ablassen. Bald aber raffte er sich zusammen, er lag unter mir, und indem er mich mit dem rechten Oberarm fest niederhielt, fuhr er mir mit der linken Hand durch meine enge Halsbinde so schrecklich dem Halse nach herunter, daß ich glaubte, ersticken zu müssen. Keins von allen den Mitteln, die ich in Anspruch nahm, um mich zu befreien – wollte helfen. Vergebens suchte ich mit meiner Linken den Säbel zu gebrauchen – vergebens ihm mit dem Knie an den Unterleib zu kommen! In diesem Momente, wo ich erschöpft an Kräften – auf ihm lag – keinen Athem mehr holen und nichts mehr thun konnte, kam er durch seine Anstrengung auf mich zu liegen – aber bei dieser glücklichen Bewegung glitt auch seine Hand aus meiner Halsbinde heraus; ich glaubte mich nicht mehr des Todes, wenn ich schon unten lag.

Nun ergriffen wir uns bei den Haaren und rissen uns gegenseitig beinahe alle aus dem Kopfe. Meine Nase, die Sie so zerstümmelt sehen, zerfleischte er mir mit seinen Zähnen, und diese Narben alle in meinem Gesicht (er fuhr wieder mit der Hand darüber) sind von einem eisernen großen Ringe, Wahrscheinlich ein sogenannter Schlagring, den Metzgerknechte auch in Städten tragen; er ist von verschiedenem Metall. den er trug und mit welchem er mir so viele Löcher in den Kopf beibrachte, als er seine Faust gegen mich führen konnte.

Ich versuchte es in dieser verzweiflungsvollen Lage, ihm zu verstehen zu geben, daß wir uns selbst erhalten und von einander ablassen wollten. Der herzzerreißende Anblick der um mich her liegenden Leichname meiner Gefährten, wenn ich mein Auge nur ein wenig aufschlagen konnte, erfüllte mich mit Schauer. Aber entweder schien er mich nicht zu verstehen, oder wollte mich nicht verstehen. Sein Blick sagte aber das Letztere.

Auch meine Kräfte schwanden. Oft wollte ich laut rufen, aber besorgt, daß Feinde mich so gut hören könnten, als Freunde – wagte ich's nicht.

Beinahe eine Stunde waren wir so über und untereinander gelegen, als meine Erlösung nahte. Ich hörte von ferne Stimmen und unsre Sprache – da rief ich so laut ich konnte, rief lange umsonst und hoffnungslos. Noch seh ich immer das Hohnlächeln, mit welchem er meines Rufes spottete.

Doch es war endlich genug, man fand mich halbtodt unter dem Feinde; man bot ihm Pardon, als man uns trennen wollte, er verschmähte ihn mit drohendem Blick und ließ mich nicht los.

Da wühlten die Bajonette meiner Befreier in seinen Eingeweiden – ich schüttelte die blutende Bürde von mir ab – und kam wieder auf ihn.«

Sein Auge sah mich in diesem Momente starr und durchdringend an – einer meiner Erretter stellte jetzt die Mündung seiner Flinte auf das blutende Haupt des Helden und jagte ihm die Kugel durch den Kopf – ich fühlte in seinen Armen die letzten krampfhaften Zuckungen, – seine schönen Zähne übereinander beißend, hob sich sein Herz zum letztenmal.

Nur mit Mühe konnte ich mich von der Leiche losmachen, die eine seiner Hände hielt mich noch fest an meinem Kleide, da er schon todt war.

Unvermögend bei meinen erschöpften Kräften mich selbst aufrecht zu halten – die Wunden im Kopfe voll geronnenen Blutes, mit zerfleischter Nase, ward ich weggetragen und nach Bern gebracht; nur langsam, nach mehr denn neun Monaten genas ich. Unvergänglich bleibt meiner Seele die Erinnerung an diesen Mann. Oft fuhr ich in nächtlichen Träumen noch auf, wenn sein Bild vor meiner Seele erschien und wachend mußt ich immer ausrufen: Wie war es möglich, ein Volk zu besiegen, das solche Helden unter seine Söhne zählte!« In dem Briefe, mit welchem der Verfasser diese Erzählung in die »Alpenrosen« einsandte, bemerkt er: »Aus Allem, was ich von Delerois vernehmen konnte, muß der Tapfere ein Oberhasler oder Oberländer gewesen sein. Er schilderte mir denselben als einen schönen und großen, starken Mann, als einen äußerst gewandten Kämpfer. Auch was er mir noch von seiner Kleidung sagen konnte, stimmt mit dieser Meinung überein.«

Hier schwieg Delerois. Meine ganze Seele weinte bei diesem Zeugnisse unserer Ueberwinder; ich gedachte der Tage von Neueneck und Grauholz auf fremdem Boden; und fern vom heimatlichen Heerde ließ ich meinen Thränen freien Lauf und sah wieder empor zu den Sternen der Nacht und gedachte der Edeln allen vor Gott, die an diesem Tage für dich, o mein Vaterland, bluteten und sterbend das Erbtheil großer Väter bewahrten, indem sie ihr Blut verspritzten, weil die hehre Hoffnung ihre Brust erfüllte, die Sache des Rechts werde siegen.

Deinen Namen können wir nicht nennen, theures Opfer der Treue! aber mag er auch verschollen sein unter den Namen jener, die mit dir den letzten Tag des alten Berns nicht untergehen sahen, deine That wird leben im Munde der Enkel, man wird ihrer noch gedenken, wenn all das längst verklungen ist, was die Verirrungen der Revolutionsgeister mit dem gefeierten Namen einer unsterblichen That stempelten.

Mit welchem Entzücken faßte meine Seele diese Geschichte auf! Wie einst – da ich noch als Knabe an den Ostermontagen mir alte Schweizerhelden vorstellte, wenn ehrwürdige Landleute in der Tracht der Vorzeit mit Fahnen und Hallparten durch die Gassen der Stadt Bern zogen und dann in meiner jugendlichen Seele die Neunhaupte, die Walo von Greyerz, die Erlache, die Bubenberge, Scharnachthale und Hallwyle auferstanden zu sein schienen: so leuchtete mir jetzt wieder ein heller Funke der Freude ins Herz, da ich diese That vernahm.

Delerois unterbrach mich in diesen schönen Augenblicken mit einem »Voilà Colmar!« Das Weiß der Landhäuser längs der Heerstraße und die langen Gemäuer, welche die Gärten der Vorstadt umfaßten, die Trauerweiden und Pappeln im Helldunkel des Abends, bilden die Gestalten von stillen Friedhöfen und elisäischen Feldern; die Lichter der breiten Vorstadt, durch welche unser Wagen nun einfuhr, beleuchteten zuweilen, wie ein fliehender Blitzstrahl unsere eilenden Pferde und meinen Reisegefährten. Das Rasseln der Diligence auf dem Pflaster von Kolmars Straßen rüttelte alle aus dem Schlafe, die drinne saßen.

Man hielt vor dem Gasthofe zur Republik. Die Wittwe von Nancy und der Kaufmann wurden von Delerois aus dem Wagen gehoben. Mein Felleisen nahm ich unter den Arm und das Gepäck der Wittwe in meinen Schutz.

Niemand kam aus dem Gasthof uns entgegen. Die Hausgänge und Zimmer waren voll junger Männer – in den seltsamsten Gruppen. Herren und Bettler im buntesten Gemische. Es waren die Conscribirten des Departements vom Oberrhein, die auf diesen Tag hieher gebracht waren, um sich an dem folgenden Morgen in der Präfektur einregistriren zu lassen.

Als wir so da standen und dem Getümmel zusahen, kömmt endlich ein Kellner hergesprungen, uns zu sagen, daß es unmöglich wäre, hier abzutreten, sie hätten das Haus voller Leute. Delerois nahm die Wittwe und mich an den Arm und führte uns zu den zwei Schlüsseln – auch hier war kein Raum für uns. Die Säle im Erdgeschoß dieses Gasthofes strahlten von den goldenen Epauletten und goldgestickten Kleidern der Offiziers – ich sah durch die Glasthüre Napoleons Büste mit dem Lorbeer im Glanze des Imperators.

Durch Seitenstraßen führte uns ein Lohnbedienter nach dem rothen Hause; – es war dasselbe rege Getümmel darin, wie in jenen beiden Gasthöfen; aber müde in düstrer Nacht weiter herum zu ziehen, anerboten wir uns selbst, mit den schlechtesten Zimmern vorlieb zu nehmen und blieben.


Am frühen Morgen schrieb ich an meinen Pfeffel – und – nach einer Viertelstunde wurde ich aus der fremden Herberge in den Schooß der innigsten Freundschaft aufgenommen. Hier ruhte ich aus. An der Seite dieses weisen und großen Mannes sah ich im Glanze der Verklärung den sinkenden Abend seines heiligen Lebens. O Pfeffel! welche Blumen milder Menschlichkeit kann ich deinem Andenken um den Aschenkrug winden.

Was sagtest du mir – nun verherrlichter Freund, als ich Dir die Scene aus dem Grauholz erzählte! Ach es waren Deine Worte, die Du einst an Glutz von Solothurn richtetest:

»So lang der Staat,
Noch solche Väter, solche Männer hat,
Und Söhne, diesem gleich, so lange
Ist mir für unsre Schweiz nicht bange.«

Ich werde dich nicht mehr sehen, treuherziger Delerois, aber das Andenken an Dich wird mir so unvergänglich bleiben, wie das Delirium des Schmerzes, den Namen Deines Helden Bern und der Nachwelt nicht hinterlassen zu können.








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