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Ein stummer Musikant

Maximilian Bern: Ein stummer Musikant - Kapitel 7
Quellenangabe
typenovelette
booktitleEin stummer Musikant
authorMaximilian Bern
yearca. 1897
firstpub1880
publisherSchles. Verlags-Anstalt
addressBreslau
titleEin stummer Musikant
pages175
created20140412
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Einige Jahre, nachdem mir Edgar Ján im einsamen Bergwalde sein Leben vor Augen geführt, traf ich in der Villa des Generals von Zedwitz nach längerer Pause wieder mit ihm zusammen. Die kleine Gesellschaft war überaus heiter. Melitta neckte ihn und scherzte mehr wie ein herziger Wildfang, als wie eine junge Frau. Penelli drohte ihr lächelnd mit dem Finger. Der alte General schilderte mir Jagdabenteuer. Ich hörte ruhig zu. Edgar Ján's Blick hing an Melitta und ihrem Manne. Wie herzlich freute er sich über das fremde Glück! Melitta, die Frieda noch immer sehr ähnlich sehen soll, wurde, seitdem ich ihr 173 die Leidensgeschichte erzählt, die dem armen Musikanten bei ihrer Trauung durch die Seele gezogen, des Künstlers beste Freundin. Wie oft tändelte sie seinen Trübsinn hinweg oder sang ihm an traulichen Abenden seine eigenen tiefempfundenen Weisen! So hatte er, seitdem sich an jenem unvergeßlichen Frühlingsmorgen die Schilderung seines Lebens durch all' die Verbitterung und Verschlossenheit seines Gemüthes hindurch wie eine Elementargewalt eigenmächtig Bahn gebrochen, wieder Fühlung mit den Menschen erlangt . . .

Das alte Streben ist wieder über ihn gekommen, und wer jetzt dem schönen, ernsten und gemüthstiefen Mann begegnet, erkennt kaum in ihm den »stummen Musikanten« früherer Tage. Jetzt erst ist er der vollendete Künstler geworden, der in anstrengender, ruhmvoller Arbeit den Trost gefunden für eine entweihte Jugendliebe. Der Beifall der Menge 174 lockt ihn auch heute nicht. Er folgt lediglich einem heiligen innern Drange, unbeirrt von Lob und Tadel. Nur wenn die kindliche Melitta eine Tondichtung von ihm rühmt, dann lächelt er, weil ihn ihr Antheil freut, und weil sie Frieda gar so ähnlich sieht. –

Eines freilich vermag er noch immer nicht zu vollbringen: ein Werk zu schaffen, das ganz versöhnend ausklingt. Was er auch beginnen mag, wilde Empfindungen, ein langverhaltener Ingrimm brechen gewaltsam hervor und verdüstern das stimmungsvolle Colorit. Die schönheitsheitere, die lebensfrohe Kunst ist ihm verschlossen. Für den gewaltigsten Schmerz wie für die leisesten Regungen der grollenden Seele stehen ihm die erschütterndsten Töne zu Gebote. Da er aber das Verrauschen der reißenden Fluth, das Ausklingen der Sturmglocken nicht wiederzugeben vermag, mangelt allen seinen Schöpfungen der innere Friede.

175 So wie Edgar Ján im Leben nicht mehr den rechten Weg zum eigenen Glück gefunden, fehlt ihm auch in der Kunst der sonnenfreudige, jubelnde Aufblick zum Licht!

 

 

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