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Ein stummer Musikant

Maximilian Bern: Ein stummer Musikant - Kapitel 5
Quellenangabe
typenovelette
booktitleEin stummer Musikant
authorMaximilian Bern
yearca. 1897
firstpub1880
publisherSchles. Verlags-Anstalt
addressBreslau
titleEin stummer Musikant
pages175
created20140412
sendergerd.bouillon@t-online.de
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IV.

Ich will mit der Geschichte meiner Kindheit beginnen, nicht nur, weil sie das Verständnis aller späteren Stimmungen erleichtert, sondern, aufrichtig gestanden, weil ich nicht anders kann, weil mich die Erinnerung überwältigt, weil es in mir aufzuthauen beginnt, und weil sich der lang gehemmte Redefluß gewaltsam Bahn bricht und eigenmächtig seine Richtung einschlägt. Ich habe nicht die Kraft, dort zu beginnen, wo ich will, nicht Lust noch Ruhe, irgend eine Episode schön zu färben. Ich will Ihnen schlicht und einfach Alles berichten, wie ich es 74 meinem Herzschlage gemäß muß, wie sich's mir von selbst auf die Lippen drängt.

»Ich bin, wie Sie sich's leicht denken können, nicht eitel auf die Geschichte meiner Leiden, ebenso nicht gewohnt, irgend welches Interesse zu beanspruchen. Wenn meine Erzählung Sie langweilt, dann unterbrechen Sie mich ohne Scheu und sprechen Sie von der Schönheit des heutigen Frühlingsmorgens, von Ihrem Glück oder von was Sie wollen.«

Ich drückte Edgar Ján die Hand, versicherte ihn meiner vollsten Theilnahme und bat ihn, zu erzählen. Er richtete verträumt den Kopf empor, als ob er fremden Stimmen lauschte, dann hub er an:

»Ich bin der Sohn eines angesehenen Arztes, der in einer kleinen Stadt lebte und von den Reichen als stolz und unzugänglich gescholten wurde. Vielleicht nicht mit Unrecht! denn wer nicht krank 75 war, wer seiner Hilfe nicht bedurfte, konnte nur schwer irgendwelche Fühlung mit ihm erlangen. Er war ein strenger, krittliger Mensch und ging gern seine eigenen Wege. Günstiger als die Reichen urtheilten alle Unbemittelten über ihn. Kein Armer, der seines Beistandes bedurfte, zog je zaghaft an der Klingel unseres Hauses, denn die ganze tief innerliche Liebenswürdigkeit, die meinem Vater eigen war, wandte er stets an die Enterbten der Gesellschaft. Er kannte das Leben nicht wie Jemand einen reißenden Strom kennt, an dessen Ufern er lustwandelt, sondern wie ein Schiffbrüchiger, der wiederholt selbst dem Untergange nahe war und der sich, von Gott und Menschen verlassen, ohne fremde Hilfe durchgekämpft. Frühes Elend hatte den Blüthenstaub seiner Seele abgestreift und seinem ganzen Wesen den Anschein von Härte verliehen. Sogar meine Mutter ließ sich lange durch diese Außenseite 76 täuschen und fühlte sich nicht recht glücklich. Er war ein durch und durch ehrenhafter, opferfähiger Mensch, hatte aber Nichts mit den idealen Romanfiguren gemein, die junge Mädchen sich zum Vorbild ihres künftigen Gatten wählen und die Einem im wirklichen Leben nie begegnen.

Meine Mutter war eine feinsinnige Frau, die sich viel mit mir befaßte. Sie improvisirte Märchen, dichtete reizende Kinderlieder und wäre sicherlich eine gefeierte Schriftstellerin geworden, wenn die kleinlichen Verhältnisse des Städtchens sie von dem Geistesleben der großen Welt nicht völlig abgeschnitten hätten. Ich freue mich, daß sie nicht zu Ruhm und Ansehen gelangt ist, denn sie hätte, wie die meisten Berühmtheiten, den besten Theil, den idealsten Kern ihres Wesens dabei eingebüßt. Meine Mutter hatte nur einen Fehler: sie besaß keine Lebenseinsicht und bildete mich zum Träumer, 77 während jedes Streben sowie der Kampf um's Dasein einen energischen, kriegstüchtigen Charakter erfordern.

Als ihr mein Vater einmal Vorwürfe machte, sah sie ihr Unrecht nicht ein, sondern rief: Du gönnst mir nicht die Freude an meinem Kinde!

Meine Phantasie wurde mit den seltsamsten Vorstellungen erfüllt; auf jede meiner unzähligen Fragen gab mir meine Mutter eine eigenthümliche, märchenhafte Antwort. O, ich erinnere mich noch, wie ich einmal als kleiner Junge mit ihr unter einem Akazienbaum saß, der seine weißen Blüthenäste über die Freitreppe breitete und den ganzen Hofraum mit Wohlgeruch erfüllte. Es war ein herrlicher Frühlingsabend! Wir blickten Beide zum blauen, funkelnden Himmelsgewölbe empor, über das jeden Augenblick ein losgelöster Lichtkern dahinschoß. Die Sternschnuppenpracht blendete mich. Mutter, was bedeutet das? fragte ich.

78 Sie brachte es nicht über sich, mir zu sagen, daß so mancher Himmelskörper knisternd zerstiebt oder in den Schmutz der Erde niederfällt, sondern antwortete seufzend: Ein Stern fliegt zum andern!

Ich habe seitdem manchen Abend zum leuchtenden Weltdome emporgeschaut, um zu sehen, wie ein Stern zum anderen fliegt; ja selbst nach Jahren fiel mir plötzlich, ich weiß nicht wie, der Ausspruch meiner Mutter wieder ein, als sich Frieda's Herz so jählings und übermächtig zu meinem hingezogen fühlte, und unser Gedankenaustausch und Empfindungsleben mich an die Sternschnuppenpracht jener längst entschwundenen Frühlingsnacht gemahnte . . .

In frühester Kindheit schon fühlte ich eine tiefe Neigung zur Musik; besonders fesselten mich alte Volksweisen. Da mein Vater durch seine vielen Krankenbesuche, die sich häufig auch auf entlegene Güter und einsame Bauerngehöfte erstreckten, 79 vom Hause ferngehalten wurde, war meine Mutter oft allein und phantasirte stundenlang am Clavier, während ich zu ihren Füßen spielte oder in einem Märchenbuche las.

Einer unserer wenigen Hausfreunde, ein Schullehrer und Organist, der wie die personificirte Entsagung aussah, hatte nur eine Leidenschaft: die Ausbildung meines musikalischen Talents.

Er gab mir Unterricht im Violinspiel, machte mich auf den Tiefsinn Bach'scher Orgelcompositionen aufmerksam und weckte mein Interesse für den Kirchengesang. Oft beneidete ich die armen Chorknaben, die, mit einem schwarzumflorten Wachslicht in der Hand, bei Leichenbegängnissen voranschritten und so feierlich sangen; dann wünschte ich mir gewöhnlich, dereinst Chordirigent zu werden. Ich wohnte oft der Messe bei, und da mich die Kirchenmusik gefangen nahm, war mir die Kunst von 80 vornherein als etwas Ernstes, Heiliges erschienen.

Damals überschätzte ich, indem ich alle Menschen überschätzte, auch die Wirkungen der Kunst, der ich als Idealist eine erhebende, welterlösende Kraft zutraute; doch auch später, als ich schmerzlich einsah, daß die Kunst den Leuten nicht mehr als ein anderes Zerstreuungsmittel bedeutet, blieb mir dieselbe heilig. Bei mir hatte sich die Kunstliebe, ähnlich wie in der Volksseele überhaupt, aus einem religiösen Gefühl heraus entwickelt, und als später der Zweifel mein Gemüth umnachtete, als ich an Gott und der Welt irre wurde, ersetzte mir die Kunst den Glauben, bot mir die Musik die Tröstungen der Religion. Ich betone das Alles, nicht um mein Streben zu rühmen, sondern nur, damit Ihnen mein späteres Schicksal verständlich wird.

Um mich vor rohen Einflüssen zu bewahren, schickte mich meine Mutter in 81 keine Schule, sondern ließ mich zu Hause erziehen. Ich stand daher ziemlich einsam und besaß auch nie Spielkameraden – ein Umstand, den ich später oft bedauert habe. Der Verkehr mit wilden Jungen hätte mich gefördert, er hätte mir Körper und Seele gestärkt, mich männlicher gemacht und für's Leben kampffähiger ausgerüstet.

Mein Vater starb früh. Ich werde nie vergessen, welche innige Theilnahme alle Armen der Stadt bei unserm Unglücksfall bekundeten. So oft ich seitdem etwas Gutes begangen habe, that ich es eingedenk der vielen Bettler, die, nicht um Almosen zu sammeln, sondern, tief ergriffen, als Leidtragende dem verblichenen Wohlthäter das letzte Geleit gaben. Nach dem plötzlichen Tode meines Vaters brach ein Heer nie gekannter Sorgen über meine Mutter herein. Sie hatte das Vermögen zu verwalten, viele Angelegenheiten zu ordnen, sich vor dem 82 Raube zu schützen, zu dem viele Verwandte und falsche Rathgeber bereit schienen, und meine Existenz zu sichern. Das stürmische, drohende, wirkliche Leben, nicht das, vom dem sie immer geträumt, umbrandete sie. Jetzt erst erlangte sie Lebenseinsicht! Sie fühlte, daß der Idealismus eine schlechte Waffe sei im Kampfe um's Dasein. Sie wandte sich an meine junge Kraft um Hilfe und bemerkte zu ihrem Leidwesen, daß sie mich für den brutalen, gewaltsamen Lebenskampf nur mit einem Palmzweig ausgerüstet hatte. Mir fehlte jede Energie, jeder praktische Sinn; ich war ein Träumer, ein Thor – stets nur auf das Schöne, nie auf das Nützliche bedacht!

Je mehr meine Mutter sich von den Menschen betrogen wußte, desto unsicherer wurde ihre Handlungsweise. Sie sah, wie das Vermögen verloren ging, wie Alles unter ihr zusammenbrach, und beschloß, wenigstens meine Zukunft zu retten. 83 Dieser Versuch bereitete ihr das tiefste Leid.

Sie, die durch bekannte Volksweisen und eigens für mich ersonnene Märchen einen unverwischbaren Stimmungszauber in mein Gemüth versenkt hatte, sie, deren Hauptstolz und einzige Freude meine künstlerischen Bestrebungen gewesen waren, bekämpfte nun selbst das Ideal, das sie sich von meiner Zukunft gebildet hatte, und bemühte sich, meinem ganzen Leben eine andere Richtung zu geben. Sowie meine Mutter in Folge trauriger Erfahrungen an ihrer bisherigen Weltanschauung irre geworden war, so wurde ich jetzt an ihr selbst irre. Ich verstand meine Mutter nicht mehr! Mir war es unerklärlich, wie sie mich zur praktischen Erwerbsthätigkeit, zu einer realistischen Auffassung des Lebens überreden könne; denn ich wollte gern leiden und darben, im Kampfe mit dem Zeitgeist unterliegen, nie und nimmer aber meiner 84 Kunst untreu werden. Wenn ich ihr mit der flammenden Begeisterung des jungen Talents, das schon in seinen ersten Regungen den Flügelschlag eines großen Genius zu hören vermeint, eine meiner neuen Tondichtungen zeigte, dann leuchteten wohl ihre dunklen Augen, dann brach für einen Augenblick der frühere Idealismus durch; gleich darauf aber verleugnete sie sich wieder, rieth mir mein Bestes und entfremdete sich mir immer mehr. Sie wurde fortwährend ernster, ich beständig stiller, verschlossener. Schließlich spann ich mich ganz und gar in meine künstlerischen Phantasieen ein und ahnte nicht die Thränen, die eine besorgte Mutter in schlaflosen Nächten um ihren Sohn vergoß.

Von Reiselust erfüllt sowie von dem Wunsche beseelt, meine Kenntnisse zu erweitern, ertrotzte ich eines Tages von meiner Mutter die Erlaubnis, nach der entfernten Hauptstadt überzusiedeln. Im 85 brieflichen Verkehr stellte sich das alte gute Einvernehmen wieder her. Vielleicht freute sich sogar meine Mutter nachträglich insgeheim, daß ich der Kunst nicht untreu geworden: mir aber ging erst nach Jahren in der Fremde das Verständnis für den seltsamen Widerspruch auf, der meine Mutter lange veranlaßt hat, mit blutendem Herzen den Idealismus zu bekämpfen, den sie selbst als ihr bestes Theil einst in meine Seele verpflanzt hatte. Nicht bedeutend, nicht berühmt, nein, glücklich wollte sie mich durchaus sehen! Glück und Idealismus aber erschienen ihr plötzlich unvereinbar!

Die Weltstadt regte mich mächtig an. Ich studirte fleißig und machte große Fortschritte. Es drängten sich viele Menschen an mich heran, wie sie sagten, aus Begeisterung für mein eigenartiges Talent – ich glaube aber bloß, weil ich damals wie Wenige die Opferfähigkeit besaß, in den Interessen Anderer 86 völlig aufzugehn, und die Gabe, mich ahnend in das Empfindungsleben fremder Individualitäten zu finden. Einige Jahre vergingen. Mein Name fing an, bekannt zu werden. Ich galt für einen tüchtigen Violinisten; meine Compositionen wurden von großen Verlegern ziemlich anständig honorirt, und in meine Concerte verirrten sich bereits Musikfreunde aus dem zahlenden Publicum.

An einem Winterabend des Jahres 188• – die Theatersaison neigte sich schon ihrem Ende zu – gab ich mein letztes Concert. Der Saal war bereits seit geraumer Zeit erleuchtet, denn die Gasflammen sollten ebenfalls zu seiner Erwärmung beitragen; die ersten Besucher waren eben eingetreten und sahen sich theils neugierig, theils ungeduldig nach den Neuhinzukommenden um; ich aber blickte in nervöser Aufregung bald auf meine Taschenuhr, bald wieder durch das Guckloch der Thür, die aus dem 87 lauschigen ›Künstlerzimmer‹ in den öffentlichen Saal hinausführte. Ich weiß nicht, ob Sie die fieberhafte Unruhe eines Concertgebers kennen. Ein Bruchtheil der Kosten wenigstens muß hereinkommen; auch steht sein ganzes Renommée auf dem Spiel. Hundert Fragen bestürmen das Herz des Künstlers und rauben ihm jene weihevolle Stimmung, die in seiner stillen Häuslichkeit über ihn kommt, wenn er das Instrument berührt. Ob der Saal sich wohl füllen wird? ob nicht einer der Mitwirkenden noch in letzter Stunde absagt? ob das »Duo« wohl so harmonisch klingen wird, wie bei der Probe? Diese und ähnliche Fragen und Befürchtungen jagten bunt und regellos durch mein Gehirn.

Die Zeit rückte vor. Mit dem Glockenschlage sieben betrat ich das Podium. Als der letzte Bogenstrich das »Violin-Concert« von Mendelssohn abschloß, als der Beifall aufrauschte, stürzte 88 ich in's Künstlerzimmer. Dort wurde mir gemeldet, daß die gefeierte Sängerin, die zwei Nummern des Programms auszuführen übernommen hatte, plötzlich erkrankt sei und daher abgesagt habe. Ich war außer mir. Was nun beginnen? Ein Mitwirkender, der Pianist Moszkowski wußte Rath. Im Zuschauerraum befand sich eine junge Dame, deren Stimme und musikalische Ausbildung er öfters hatte rühmen hören. Es hieß, daß sie zur Bühne zu gehn die Absicht habe. Moszkowski kannte das Mädchen und trug ihr die Bitte vor, dem Concertgeber aus der Verlegenheit zu helfen. Nach einigem Zögern erklärte sie sich dazu bereit. Einen Augenblick darauf stand sie mir im Künstlerzimmer gegenüber. Sie hatte langes, gewelltes Haar und große fliederblaue Augen. Ihre Toilette war nicht nur elegant, sondern geradezu malerisch. Ihr blasser Teint, das lichtbraune Haar, die fahle Spitzenkrause, die 89 den schneeigen Hals umsäumte, das aschgraue Seidenkleid und die weißen Handschuhe ergaben eine milde Farbenharmonie, die das Auge wohlthuend berührte.

Sie sah so schön aus, hatte etwas so Bestrickendes in ihrem Wesen, daß ich ihr nicht blos musikalisches Talent, sondern alle nur denkbaren irdischen und überirdischen Eigenschaften zutraute. Ich bin überzeugt, wenn mir Moszkowski gesagt hätte, daß Frieda fliegen könne, ich hätte es nicht belächelt, sondern geglaubt. Ihre Stimme klang überaus seelenvoll! Sie sang zwei tief empfundene, formschöne Lieder von Wilhelm Berger. Das Publicum war hingerissen und applaudirte stürmisch, ich aber hätte ihr, der Fremden, im Künstlerzimmer um den Hals fallen mögen, so wunderlieb fand ich sie und ihren Vortrag.

Mein warmes Lob freute sie herzlich und machte sie schließlich so verlegen, daß sie den von langen Wimpern beschatteten 90 Blick auf's Concertprogramm herabsenkte. »Ach!« rief sie plötzlich, um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, »da sind ja auch einige Liedercompositionen von Ihnen verzeichnet, die in der zweiten Abtheilung zum Vortrag gelangen sollen. Darf ich dieselben singen?«

»Wie?« fragte ich; »Sie wollen so ohne alle Vorbereitung einige neue Compositionen unter Ihren Schutz nehmen? Das kann ich Ihnen kaum rathen!«

Frieda lachte hell auf und rief: »Unter meinen Schutz! Sie mißtrauen mir also und kleiden Ihre abschlägige Antwort in eine spöttisch-galante Form. Das kann ich Ihnen eigentlich kaum übelnehmen.«

Statt ihr irgendwelche Antwort zu geben, holte ich rasch die Noten herbei, die auf einem Stuhl unter dem leeren Violinkasten lagen, und bat sie innig, sich mit denselben ein wenig vertraut zu machen; dann eilte ich hinaus, um durch 91 die »Ungarischen Tänze« von Brahms-Joachim das Publicum in eine vom wilden Czardas erbebende Pußtaschenke zu versetzen.

Als die Reihe wieder an Frieda herankam, stand ich abermals lauschend an der Thüre, die aus dem Künstlerzimmer in den Hörsaal hinausführte, aber nicht unruhig und stimmungslos, wie vor Beginn des Concerts, sondern andächtig und bewegt, wie einst so oft in der Kirche meiner Vaterstadt, wenn der Gesang der Chorknaben, vom Orgelklang begleitet, niedertönte.

Der Kreis der vielen Zuhörer verschüchterte Frieda anfänglich. Ihre Brust hob und senkte sich unruhig. Ihr Herz schien zu beben, und die ersten Töne meiner Lieder erklangen zitternd und ängstlich. Plötzlich richtete sie das malerische Köpfchen so stolz in die Höhe, als wollte sie jede Befangenheit abschütteln; ihre Augen leuchteten; ihre 92 Stimme wurde immer sicherer, immer seelenvoller, und jede Schattirung bewies mir auf's Neue, daß sie meinem Gedankenflug gefolgt, daß sie die Schauer und Wonnen der schaffenden Künstlerseele innig nachempfunden. Ich schwelgte in Seligkeit, und statt nur anzuerkennen, daß sie meine Lieder verstanden wie Wenige, bildete ich mir ein, daß sie mein Gemüth durchschaut habe, und träumte von Liebe, Glück und Ruhm. Mein Gott, sie war so schön; ich war so jung, und der Beifall, den ihr Vortrag meiner Lieder heraufbeschworen, erklang so warm wie ihr Gesang und wirkte so berauschend wie ihr Anblick!

Ich konnte den Schluß des Concerts kaum erwarten. Ich achtete nicht auf die Lobsprüche einiger Kunstfreunde, die mir im Künstlerzimmer einen Besuch abstatteten, sondern lechzte danach, einen Augenblick allein zu sein, allein oder nur mit Frieda. So reizend sie auch gesungen hatte, in 93 jedem Wort, das sie im Gespräch an mich richtete, schien mir noch viel mehr Klangzauber zu liegen, als in ihrem bestrickenden Gesang. Als der Concertsaal sich völlig geleert hatte, erbot ich mich, Frieda und ihre Mutter nach Hause zu begleiten.

Es war ein herrlicher Winterabend. Der Mond schien hell, fast so hell, wie der reine Schnee auf den Dächern der Häuser schimmerte. Ich werde diese Schneenacht nie vergessen, in der ich zum ersten Mal an Frieda's Seite ging. Der Himmel war klar, die Luft mild, mir war ganz frühlingshaft zu Muthe. Als ich einen Wagen anhielt und die Damen einzusteigen bat, erklärte Frieda, daß sie durchaus gehn wolle. – »Wir wohnen nicht weit von hier, und die Nacht ist so schön.« Ich gab dem Kutscher ein Trinkgeld und wandte dann meine Aufmerksamkeit wieder der jungen Sängerin zu. Wenn wir einen Augenblick schwiegen, 94 dann hörte ich den Schnee unter ihren raschen Füßchen knistern. Unser Gespräch klang vertraut und war so leichtflüssig, als ob wir alte Bekannte wären, ja, als ob wir nur fortsetzten, worüber wir schon oft im Leben geredet. Wir erriethen gegenseitig unsre Gedanken und plauderten wie Schauspieler, die bei der Probe in kürzester Zeit den größten Theil einer bekannten Dichtung durchfliegen wollen, oft in abgerissenen Sätzen. Wir übersprangen alles Nebensächliche und hielten uns gleichsam nur an die Stichworte.

Während wir so im Glücksrausch dahinschritten, begann es neuerdings zu schneien. Frieda trug einen rothen, goldverbrämten Baschlik, auf dem sich die einzelnen Schneekrystalle wie Silberflitter ausnahmen. Ueber der Stirn kamen aus dem schützenden Baschlik hervor einige lichtbraune Löckchen zum Vorschein, auf denen die Schneeflocken ebenfalls haften blieben, so daß das Haar wie mit 95 Maiglöckchen durchwirkt erschien. – Es war der letzte Schnee des damaligen strengen Winters, es war der erste Abend, an dem ich Frieda sprach! Mich friert, wenn ich an die Zeit zurückdenke!

Nachdem ich mich von Mutter und Tochter verabschiedet hatte, irrte ich noch lange in den Straßen umher ohne Zweck und ohne Ziel. Ich war zu aufgeregt, um gleich nach Hause zu gehn. Als ich endlich doch in meine Stube trat, fand ich auf dem Tische einen Brief vor. Poststempel und Handschrift verriethen, daß er aus meiner Vaterstadt kam und von dem Schullehrer und Organisten herrührte, der an meiner musikalischen Ausbildung so innigen Antheil nahm. Der alte Hausfreund lobte die Bruchstücke einer Symphonie, die ich ihm eingeschickt hatte, beschwor mich, stets nur mit keuschen Kunstmitteln echt künstlerische Ziele zu verfolgen, und warnte mich vor früher Ruhmsucht.

96 »Nur mit reinen Flügeln schwingt man sich als Künstler zu geistiger Höhe empor, unter Tausenden gelingt es aber kaum Einem, sich von der Welt unbefleckt zu erhalten.« So lauteten die Schlußzeilen seines Briefes, den ich am nächsten Tage ausführlich beantwortete.

Ich berichtete ihm, daß mir in der Gestalt eines Mädchens voll urwüchsiger Naturpoesie ein Engel erschienen sei, der einen erfrischenden und läuternden Einfluß auf mein ganzes Geistesleben ausüben dürfte, schilderte ihm Frieda's Vorzüge in hellen Farben und sprach die Hoffnung aus, daß echte Kunstbegeisterung und eine ideale, reine Liebe mich – wie er sich ausdrückte – von der Welt unbefleckt erhalten würden.

Nachdem ich den Brief auf die Post getragen hatte, begab ich mich zu Frieda Elinöhr, um ihr nochmals herzlich für ihre gestrige Mitwirkung bei meinem Concert zu danken. Die kleine Familie 97 wohnte in einem einstöckigen Gartenhause, das von der Straße aus gar nicht sichtbar war. Wie oft war ich am Thore des Vorderhauses vorübergegangen, ohne zu ahnen, daß der lange, schmale Hof zu einem ziemlich großen Garten hinführt, in dessen Hintergrunde halb versteckt ein lauschiges Gebäude steht.

Als ich die Gitterthür des Gartens öffnete, fing ein großer, schwarzer Kettenhund laut zu bellen an. Ich merkte, daß nur selten irgend ein Fremder diesen Garten betrat, und fand die poetische Wohnstätte, der ich mich raschen Schrittes näherte, auffallend einsam. An regnerischen Herbstabenden und grauen Wintertagen mag der Ausblick durch diese Fenster doch recht verstimmend sein, dachte ich, indem ich zum ersten Stock emporschaute, vor dem die kahlen Zweige einer Linde gespenstisch in der Luft bebten. Zwischen den blätterlosen Aesten hindurch sah ich jetzt die blanken Scheiben 98 erschimmern, und hinter einer derselben gewahrte ich einen nickenden Mädchenkopf. Frieda hatte auf das Zeichen des Wache haltenden Kettenhundes hin nach dem Garten ausgespäht und mich sofort erkannt. Wie herzlich freute sie sich über meinen Besuch!

»Das ist hübsch von Ihnen, daß Sie Wort halten!« rief sie, indem sie mir wie ein kleines Kind beide Hände hinreichte. Bald darauf kam auch ihre Mutter herein. Wir nahmen in der Nähe des Kamins Platz. In der Stube herrschte ein wintertrübes Halbdunkel und eine trauliche Stimmung. Das Feuer im Kamin knisterte; der Kanarienvogel, dessen Bauer auf einem Blumentisch in der Nähe des Fensters stand, zwitscherte überlaut, ich aber war von der Schönheit Frieda's, die mir hier in der poetischen Einsiedelei noch viel malerischer erschien, so hypnotisirt, daß ich kaum ein Wort über die Lippen brachte.

99 Plötzlich weckte mich Frau Elinöhr durch eine Frage aus meinem traumhaften Entzücken. »Glauben Sie, daß meine Tochter bei der Bühne Glück machen würde?« rief sie.

Ich erschrak und wußte nicht, was ich ihr antworten sollte.

»Glück machen,« wie charakteristisch erschien mir doch dieser Ausdruck! Ich freilich wünschte nicht, daß Frieda bei der Bühne Glück mache. Ich ersehnte ein stilleres, bescheideneres und darum echteres Glück für sie: ein Glück, das nicht erjagt und nicht erschmeichelt wird, sondern plötzlich ohne unser Zuthun wie eine Wunderblume vor uns aufblüht. Ich träumte von einem Glück, das nicht erkämpft und nicht erkauft werden kann, von einem Glück, ähnlich der sagenhaften weißen Alpenrose der Burgeiser Alpe, von der der Volksmund berichtet, daß sie nur von unschuldigen, herzensfrommen Menschen gesehen werden kann, während jeder 100 Andere an einer solchen Rosenstaude, unter der ein wahrer Schatz vergraben liegt, vorübergeht, ohne sie zu gewahren . . .

»Nun?« rief Frau Elinöhr, die auf meine Antwort gespannt schien, »wie denken Sie darüber? . . . Ich bin Witwe, Frieda hat entschieden musikalisches Talent . . . Sie selbst haben sie erst gestern außerordentlich gelobt . . . die guten Opernsängerinnen sind selten, werden daher vortrefflich bezahlt. Wer weiß, welche Carrière Frieda macht? In jedem Falle liegt in der Bühnenlaufbahn eine gewisse Sicherstellung für's Leben, und wenn ich sterbe, dann – –«

»Aber Mama!« fiel ihr Frieda mit warmem, schmerzlichem Herzenston in's Wort, um jeden weitern Gedanken an den Tod abzuschneiden.

Ich raffte mich aus meiner eigenthümlichen Stimmung auf und begann das Bühnentreiben grell zu beleuchten. Ich bemühte mich, Frieda durchaus 101 abzuschrecken, ohne zu verrathen, daß ich sie gern für mich isoliren, daß ich ihre ungewöhnlichen Vorzüge nicht durch die Bewunderung von Unberufenen entweiht sehen möchte, und sprach so eindringlich, daß mir das Mädchen Recht gab.

»Auch mir erscheint es schöner,« sagte sie, »die Kunst nur ganz im Stillen, wie eine Blume, für mich selbst zu pflegen und nicht als Handelsgärtner.«

Ich lachte über ihr Gleichnis und freute mich herzlich über den Einklang unserer Seelen.

* * *

Als ich die Familie Elinöhr zum zweiten Mal besuchte, kam ein kleiner bildschöner Junge in's Zimmer gehüpft. Er hatte ganz so fliederblaue Augen wie Frieda und ebenfalls lichtbraunes Haar; ja, sogar Mund und Nase hatten ganz dieselbe reizende Form. »Wie ähnlich er Ihnen sieht!« rief ich Frieda zu, indem ich mich zum Knaben niederbeugte 102 und ihn herzlich küßte. Das Mädchen errötete, als ob ich ihr selbst heimlich einen Kuß gegeben hätte, der Kleine aber vermochte sich die Innigkeit des Fremden nicht zu erklären. Frieda stellte mir ihn als ihren Bruder vor und erzählte, daß Otto große Vorliebe für Musik habe.

»Willst Du bei mir geigen lernen?« fragte ich.

Der Junge klatschte freudig in die Hände und rief: »O ja! . . . Wenn es die Mama erlaubt,« setzte er dann schüchtern hinzu.

Ich bat Frau Elinöhr, es zu gestatten. Sie weigerte sich anfänglich, diesen Liebesdienst und das große Zeitopfer von mir anzunehmen; mehr als meine Ueberredungskunst wirkten aber schließlich die Thränen, die in Otto's flehenden Augen sichtbar wurden. Der Zauberschlüssel, der mir fortan das Haus an jedem Tage öffnen sollte, war nun gefunden, und so sah ich denn eine Welt 103 von Poesie, Liebe und Glück vor mir erstehn!

Frieda wohnte stets der Unterrichtsstunde bei, auch sah ich sie meist vor und nach der freiwilligen Lection. Die Familie gewöhnte sich an meine täglichen Besuche, und oft, wenn ich mich ein wenig verspätete, sah ich das Mädchen am Fenster lehnen und hatte die Empfindung, daß sie nach mir ausspähe.

Als ich sie einmal wider Vermuthen nicht antraf, war ich so überrascht und so verstimmt darüber, als sollte ich sie nie wieder zu Gesicht bekommen. Otto, der meine Unruhe merkte, schrieb seinem Spiel die Schuld zu und bat mich, Frieda nicht zu erzählen, daß er mich heute durch seine Ungeschicklichkeit geärgert.

Am Abend, der mir sehr öde erschien, da ausnahmsweise kein Eindruck in mir nachklang, hatte ich die trübe Empfindung, als hätte ich einen Tag im Leben verloren – war er doch vorübergerauscht, 104 ohne wie sonst irgend einen Schatz für die Erinnerung an's Ufer zu spülen!

Am folgenden Tage war ich, gleichsam um das versäumte Glück wieder einzuholen, viel früher zur Stelle.

Frieda war sehr lieb und herzlich, erwähnte aber ihrer gestrigen Abwesenheit mit keiner Silbe. Das war mir unerklärlich! War ihr mein Verkehr nicht ganz so ein Bedürfnis, eine Nothwendigkeit, wie mir der ihrige? Jeder Verliebte, besonders wenn er jung und unerfahren, ist ein Tyrann, sobald er sich nur um eine süße Stimmung, die er erhofft, um einen kurzen Glücksrausch, den er erwartet hat, betrogen sieht. Ich zürnte Frieda wegen der scheinbaren Gleichgiltigkeit, mit der sie über einen verlorenen Tag schweigend hinwegging, und war überzeugt, daß sie mich gestern gar nicht vermißt habe. Ich kannte damals eben den Stolz und die Selbstbeherrschung der Frauen nicht und wußte 105 nicht, daß selbst ein unverdorbenes, natürliches Mädchen nie so frei und offen, wie wir Männer es thun, in ihr Empfindungsleben einen Einblick gewährt.

Als ich Abschied nahm, sagte Frau Elinöhr: »Frieda hat gestern lebhaft bedauert, Sie nicht sprechen zu können, aber wir waren irgendwo eingeladen, und sie mußte mit.«

Während dieser Worte warf die Tochter der Mutter einen vorwurfsvollen Blick zu und zuckte die Achseln, als wollte sie andeuten: ich möchte wissen, wozu Du das erzählst.

Ich freute mich über das Geständnis der Mutter und ärgerte mich über den berechnenden Zug der Tochter. Ich hätte vor Frieda hinknien mögen, um sie anzubeten, und empfand doch ein schmerzliches Gefühl, als ob ich mich von ihr losreißen müßte. Mit ganz disharmonischen Empfindungen verließ ich das Gartenhaus. Damals fühlte ich zum ersten 106 Male, wie innig verknüpft Liebeslust und Liebesleid bei einer empfindsamen Natur sind. Ich erschien mir für die drohenden Stürme und Kämpfe einer entfesselten Leidenschaft nicht stark genug und vermochte doch nicht, die Gefahr zu fliehen; Frieda war eben gar zu schön, ich aber jung und thöricht.

In meiner Stube angelangt, fand ich wieder einen Brief von meinem einstigen Lehrer, dem alten Organisten, vor. Es war die Antwort auf meine exaltirte Schilderung Frieda's. Er schien die Vorzüge des Mädchens nicht zu bezweifeln, aber er entwickelte mir seine Ansichten über die Frauen überhaupt. Jede Zeile klang wie eine Warnung, die ihm eigene Erfahrung eingegeben. Seltsam, es war das erste Mal, daß ich ihn einen bittern Ton anschlagen hörte. Er machte mich darauf aufmerksam, daß wir Idealisten oft die Poesie, die in der Erscheinung eines schönen Weibes liegt, 107 für Poesie der Seele halten, Koketterie für tiefe Empfindung, ein kaltes selbstgefälliges Geistesleuchten für innere Gluth. In späteren Jahren erträgt man, behauptete er, alle Enttäuschungen viel leichter; fällt aber ein trostloser Roman in die Sturm- und Drangperiode eines Künstlers, dann wirken die Erlebnisse auf alle Triebe des jungen Talents verwüstend, wie unerwartete Schneeschauer im Frühling auf die Blüthen der Bäume, denen dann auch der schönste Sommer keine rechte Frucht entlockt.

Ich habe den Brief des Organisten in trüben Stunden wieder und immer wieder gelesen, so daß mir sein Inhalt im Gedächtnis verblieben ist. Damals verstand ich ihn nicht recht! Was sollte die Warnung bedeuten, ich möge nicht echtes Empfindungsgold gegen weibliche Spielmarken riskiren? was die Behauptung, daß die Frauen viel zu wandelbar, viel zu haltlos, viel zu unselbstständig 108 sind, um, allen Versuchungen Trotz bietend, nur einem Gedanken, nur einer Empfindung zu leben?

Die Frauen, versicherte mein verbitterter Freund, wissen in den seltensten Fällen einen Unterschied zwischen verschiedenen Individualitäten zu machen. Ihr Herz will immer ausgefüllt sein wie der Gesellschaftssaal einer Bühne: Kämpfende Geisteshelden und nichtssagende hübsche Statisten schreiten als gleichberechtigt neben einander her und verschwinden schließlich, ohne irgend welche Spur zurückzulassen. Die Frauen allein trifft nicht die ganze Schuld, es liegt theils in ihrer Natur, theils in der verfehlten Erziehung und theils in der tändelnden, verflachenden Verkehrsart, durch die wir Männer sie oft corrumpiren. – Je bedeutender die Menschen sind, desto trostloser gestaltet sich gewöhnlich ihr Liebesleben. Lord Byron und Puschkin, Grabbe und Lenau, 109 Alfred de Musset und tausend Andere haben es schmerzlich an sich erfahren. In den Dramen Shakespeare's wie in den Liedern Wolfram von Eschenbach's, in den Werken Schopenhauer's wie in den Dichtungen Turgenieff's, in alter und neuer Zeit, immer wieder finden wir dieselben pessimistischen Ansichten von den Frauen. Ja, durch die ganze Weltlitteratur hallt – neben der durch die unstillbare Sehnsucht nach hohem, reinem Liebesglück eingegebenen Verherrlichung des Ewig-Weiblichen – eine schwere Anklage gegen das Geschlecht, von dem nur Kleingeister und unerfahrene Thoren, von Trug geblendet, ihr ganzes Glück erhoffen! . . . Breite vor einem Weibe die Schätze des Geistes aus, schlage den tiefsten Ton der Seele an, opfere Dein Herzblut für sie: und wenn Du Dich mit ihr völlig Eins glaubst, steht sie Dir plötzlich fremd gegenüber, weil es ihr reizlos erscheint, in einem Gefühl, in 110 einer Geistesrichtung zu verharren, weil sie neue Erscheinungen, wechselnde Eindrücke liebt, weil sie schwach und grausam, eitel und undankbar ist . . .

Die briefliche Warnung des Organisten brachte eine entgegengesetzte Wirkung hervor, als er beabsichtigte. Sein Urtheil über die Frauen erschien mir einseitig und ungerecht. Ich dachte an das reine und treue Gemüth meiner Mutter, und die flammenden Worte des alten Freundes verblaßten. Weiß Gott, sagte ich, welche Schicksale ihm diese bitteren Anschauungen aufgedrungen! Ich fühlte, daß er gegen Frieda ankämpfte. Sein feindseliger Angriff zwang mich, unbewußt bei mir selbst für das Mädchen einzustehn, und ehe ich's dachte, erschien mir wieder Frieda als eine wahre Engelsgestalt und die Liebe zu ihr als das einzige, was mir das Leben lebenswerth machte.

Ich will Sie nicht mit einer langen Schilderung meines Glücksrausches 111 langweilen. Jeder Liebende meint, daß Niemand für ein errungenes Herz so innig glüht wie er: ich aber glaubte es nicht nur damals; ich fühle es noch heute, trotz all' der Bitternisse, die spätere Jahre mit sich brachten, daß kaum Jemand ein Mädchen tiefer, wahrer und heiliger geliebt hat, als ich Frieda.

Der Frühling kam und streute seine schönste Blüthenpracht über den würzig duftenden Garten, in dem ein glückliches Liebespaar oft stundenlang lustwandelte. Wir begossen die Blumen zusammen, wir lockten die Singvögel, wir plauderten fast unaufhörlich und gaben unserem höchsten Glück doch erst den beredtesten Ausdruck, wenn wir im abendstillen Garten schweigend neben einander gingen. Manchmal musicirten wir zusammen oder lasen ein gutes Buch. In unserer Abgeschiedenheit herrschte keine eingebildete Begeisterung, sondern wahre Neigung zu Kunst und Dichtung. Ach, wenn 112 Mozart, Schubert und Beethoven, Theodor Storm, Mörike und Turgenieff uns einmal in unseren weihevollen Stunden hätten belauschen können, sie hätten gefühlt, daß es noch dankbare, empfängliche Gemüther giebt und eine tiefgeheime, innige Bewunderung, die für den Schaffenden lohnender als der laute Weltruf und der nüchterne Lorbeer der Kritik.

Frau Elinöhr sah uns oft verwundert zu. Unsere künstlerische Exaltation war ihr räthselhaft, einmal entschlüpfte sogar ihren Lippen der Ausspruch: Das Alles ist sehr schön und gut, aber wozu frommt es eigentlich?

Frieda besaß viel Geist und war sehr bildungsfähig. Oft schien es mir, als ob ihre Seele noch eines viel höhern idealen Aufschwungs fähig wäre, als die meinige. Sie selbst freilich war anderer Meinung. Einmal an einem Sommernachmittag sagte sie: «Glaube mir, ich zweifle noch immer daran, ob 113 ich die geistige Höhe, die Du verlangst und ersehnst, je erreichen werde; ich denke, Du kannst oft diese bange Frage mir aus den Augen und von den Lippen lesen!«

Ihre große Bescheidenheit rührte mich. Manchmal fürchtete sie, daß unser intimer Verkehr plötzlich ein rasches Ende nehmen werde.

»Nach Dir,« klagte sie mir einmal in der schattigen Hollunderlaube, »nach solch einer Liebe habe ich mich heimlich und unbewußt gesehnt, und nun ich gefunden, wonach mein Herz gestrebt, kommt gleich die lähmende Furcht eines möglichen Verlustes.«

Ich sah sie mit großen Augen verwundert an. Seltsam, mir war noch nie der Gedanke gekommen, daß unser Glück ein Ende nehmen könne, mir schien der Liebesbund, der Einklang unserer Seelen unlösbar für immerdar! . . . Wie hat mich Frieda angebetet! 114 Nein, nein, es kann keine Täuschung gewesen sein! Ich habe die Liebe auf ihren Lippen brennen gefühlt, in ihren Augen leuchten sehen! Trotzdem ich Frieda täglich besuchte, stürzte sie mir oft, wenn ich kam, im Garten so freudig erregt entgegen, als wäre ich lange verschollen gewesen und nun plötzlich von den Toten auferstanden. Ihr Blick flammte, ihre Hand zitterte, ihre Stimme bebte; der ganze Körper schien ein Herzschlag nur! . . .

Sie sehen, ich habe zwar kein Glück gehabt, aber ich bin doch einmal im Leben überglücklich gewesen, habe mich wenigstens so gefühlt! Vorbei! Vorbei!«

Edgar Ján verstummte und legte die Hand schützend vor's Auge, als ob er den schimmernden Sonnenschein abwehren wollte. So saß er lange regungslos neben mir auf dem Felsvorsprung. Wiederum hörte ich die Bäume rauschen, die Vögel singen und den 115 Gießbach schäumen. Aus dem Thale drang der gellende Peitschenknall eines auf der Landstraße neben seinem schwerfälligen Bauernwagen einhertrottenden Fuhrmanns herauf sowie manch' abgerissener Laut eines himmelhochjauchzenden Liedes, das irgend ein vorbeiziehender Wanderer in den blauen Frühlingstag und zum rauschenden Bergwald emporschmetterte. Die rührende Geschichte einer fremden Liebe zog noch immer nachklingend durch meine Seele, und immer tiefer versank ich in Gedanken. 116

 


 

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